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Nach Jahrzehnten der einseitigen Taubheit begann für mich ein neues Hören

Von Johanna Blichmann

Ich bin Johanna, 37 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Seit meiner frühen Kindheit lebe ich mit einer einseitigen Taubheit auf dem linken Ohr.

Bis heute weiß niemand mit Sicherheit, warum ich auf dem linken Ohr taub bin. Drei Wochen nach meiner Geburt erlitt ich mehrere Hirnblutungen. Damals erhielt ich lebenswichtige Medikamente, darunter auch Antibiotika. Rückblickend lässt sich nicht mehr feststellen, ob die Hirnblutungen selbst oder die Behandlung die Ursache für meine einseitige Taubheit waren.

Lange Zeit beschäftigte mich diese Frage sehr. Irgendwann musste ich akzeptieren, dass ich vermutlich nie eine eindeutige Antwort bekommen werde. Die Tatsache blieb: Mein linkes Ohr war taub, und mein rechtes Ohr musste viele Jahre die gesamte Hörarbeit übernehmen.

Meine Eltern bemerkten schon früh, dass ich auf einer Seite nicht hörte. Bereits als Kind wurde mir geraten, in der Schule möglichst weit vorne zu sitzen. Ich wollte jedoch nicht anders sein als die anderen und versuchte, meine Einschränkung zu verdrängen – manchmal auch aus Trotz.

In der Schule brachte die einseitige Taubheit viele Herausforderungen mit sich. Gespräche in Gruppen, Unterricht in lauten Klassenräumen oder Ansprachen von der linken Seite waren für mich oft schwierig. Ich brauchte einfach länger zum Lernen und Verstehen. Zweimal wurde ich zurückgestuft, ohne dass damals ein Zusammenhang zu meiner Hörsituation hergestellt wurde.

Da man mir meine Hörbehinderung nicht ansah, sprach ich nur selten darüber. Ich wollte dazugehören und möglichst nicht auffallen. Viele Menschen glauben, dass ein gutes Ohr ausreicht. Wer selbst betroffen ist, weiß jedoch, wie anstrengend es sein kann, ständig konzentriert zuhören zu müssen und Geräusche oder Stimmen nicht richtig orten zu können.

Auch während meiner Ausbildung und später im Berufsleben machte ich die Erfahrung, dass unsichtbare Behinderungen oft missverstanden werden. Nach einigen enttäuschenden Erlebnissen sprach ich viele Jahre kaum noch über meine Hörsituation und versuchte, mit den Herausforderungen allein zurechtzukommen.

Mit den Jahren wurde das Hören jedoch immer anstrengender. Vor allem in größeren Gruppen oder in lauter Umgebung merkte ich, wie viel Energie mich das Verstehen kostete.

Bereits 2015 wurde ich an die Universitätsklinik Frankfurt überwiesen, um die Möglichkeiten einer Cochlea-Implantat-Versorgung prüfen zu lassen. Nach verschiedenen Untersuchungen wurde mir jedoch mitgeteilt, dass eine CI-Versorgung nicht infrage komme. Man ging davon aus, dass ich auf dem linken Ohr bereits zu viele Jahre nichts mehr gehört hatte. Zudem wäre die Finanzierung durch die gesetzliche Krankenkasse in meinem speziellen Fall nicht gewährleistet gewesen.

Stattdessen erhielt ich die Empfehlung, eine CROS-Versorgung auszuprobieren. Ich testete das System einige Zeit, stellte jedoch schnell fest, dass es für mich keine wirkliche Hilfe war. Im Gegenteil: Die zusätzlichen Höreindrücke empfand ich häufig als anstrengend und stressig. Einen spürbaren Gewinn für meinen Alltag konnte ich dadurch nicht erreichen.

Damals wusste ich nicht, dass man die Funktion des Hörnervs gezielt testen kann. Deshalb hinterfragte ich die Einschätzung nicht weiter und ging viele Jahre davon aus, dass ein Cochlea-Implantat für mich keine Option sei.

Ich ließ das Thema Hören ruhen und akzeptierte meine Situation, auch wenn das meinen Alltag keineswegs einfacher machte. Der Hörstress nahm über die Jahre zu, und ich mied zunehmend Situationen mit schlechter Akustik. Immer häufiger suchte ich die Stille.

Die Wende kam 2022 eher zufällig. Eigentlich war ich wegen einer Mandeloperation in der HNO-Klinik Fulda. Mit meiner Hörsituation hatte dieser Aufenthalt zunächst gar nichts zu tun.

Während der Visite kam ich mit Prof. Dr. Schwager ins Gespräch und erzählte ihm von meiner einseitigen Taubheit. Er hörte aufmerksam zu und ermutigte mich, die Möglichkeiten einer Cochlea-Implantat-Versorgung noch einmal prüfen zu lassen.

Im November 2022 wurde erstmals untersucht, ob mein Hörnerv auf der tauben Seite noch funktionsfähig ist. Für mich war das etwas völlig Neues. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass man so etwas testen kann.

Den Tag, an dem der Promontorialtest stattfand, werde ich nie vergessen. Ehrlich gesagt hatte ich keine großen Erwartungen. Über viele Jahre war ich davon ausgegangen, dass auf meinem linken Ohr nichts mehr möglich sei.

Als ich während des Tests plötzlich einen Ton wahrnahm, konnte ich es kaum fassen. Mehrmals fragte ich nach, ob das wirklich sein könne oder ob ich mir das vielleicht nur einbildete. Nach so vielen Jahren einseitiger Taubheit war dieser Moment für mich kaum zu begreifen.

Für die Fachleute war es vermutlich einfach ein Untersuchungsergebnis. Für mich war es der erste konkrete Hinweis darauf, dass vielleicht doch noch eine Möglichkeit besteht, auf dieser Seite wieder Höreindrücke wahrzunehmen.

Nach weiteren Untersuchungen erhielt ich schließlich die Nachricht, mit der ich nicht mehr gerechnet hatte: Ein Cochlea-Implantat könnte mir tatsächlich helfen.

Diese Aussicht gab mir neue Hoffnung. Nach sorgfältiger Vorbereitung entschied ich mich für die Operation im Dezember 2023. Die Zeit danach war nicht immer einfach. Der wochenlange Schwankschwindel, der Alltag mit meinen Kindern – damals war ich zum Glück noch in Elternzeit –, die vielen neuen Höreindrücke, das tägliche Hörtraining und die Rehabilitation verlangten Geduld und Durchhaltevermögen.

Besonders geholfen hat mir in dieser Zeit der Austausch mit meiner Logopädin. Durch sie bekam ich Kontakt zu anderen CI-Trägerinnen und CI-Trägern. Dadurch öffnete sich für mich eine neue Welt.

Im Sommer 2024 war ich für fünf Wochen zur Rehabilitation in Bad Nauheim. Rückblickend kann ich sagen, dass dort vieles erst richtig gut wurde. Dank der Audiologinnen und Audiologen war das neue Hören nach der Reha deutlich weniger anstrengend. Auch das Hörtraining hat wesentlich dazu beigetragen, sanfter mit mir selbst umzugehen.

Ich lernte viel darüber, wie komplex unser Gehör tatsächlich ist und warum ich mein Leben lang so viele Schwierigkeiten durch meine einseitige Taubheit hatte. Es öffnete sich ein Tor zu einem neuen Lebensgefühl.

Ein besonderes Erlebnis war für mich ein Konzert der Sängerin P!nk, direkt am Tag der Abreise von der Reha – ein Stadionkonzert mit 48.000 Menschen. Zum ersten Mal konnte ich Musik und Atmosphäre mit meinem neuen räumlichen Hören erleben. Dieser Moment hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie viel sich durch das Cochlea-Implantat verändert hat. Es war unglaublich emotional.

Mittlerweile kann ich sagen, dass das Cochlea-Implantat meine Lebensqualität deutlich verbessert hat. Ich höre räumlicher, kann Gesprächen besser folgen und komme auch in schwierigen Hörsituationen wesentlich besser zurecht. Selbst in einem Restaurant kann ich wieder aktiv an Gesprächen teilnehmen und angemessen reagieren.

Ich plane nun den Aufbau einer Selbsthilfegruppe für schwerhörige Menschen in Wächtersbach. Der Start ist für Herbst 2026 geplant. Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Betroffene ihre Erfahrungen teilen, sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können.

Durch meine persönlichen Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe Hessen Rhein-Main (SHG HRM), bei „Deaf-Ohr-Alive“ (DOA) sowie bei den SSD-Seminaren der DCIG habe ich erlebt, wie wertvoll persönlicher Austausch ist. Ich habe neue Freundschaften geschlossen und erfahren, wie gut es tut, Menschen zu begegnen, die die eigenen Herausforderungen wirklich nachvollziehen können. Diese Gemeinschaft bedeutet mir sehr viel.

Die Gruppe soll Menschen aus dem gesamten Main-Kinzig-Kreis ansprechen – unabhängig davon, ob sie schwerhörig sind, ein Cochlea-Implantat tragen, Hörgeräte nutzen oder Angehörige eines hörgeschädigten Menschen sind.

Gleichzeitig freue ich mich über Menschen, die Interesse haben, die Gruppe von Anfang an mitzugestalten. Jede Unterstützung, jede Idee und jede Erfahrung sind willkommen.

Auch wenn ich bis heute nicht weiß, warum ich auf einem Ohr taub wurde, habe ich gelernt, nach vorne zu schauen. Mein Cochlea-Implantat hat mir gezeigt, dass selbst nach Jahrzehnten noch neue Wege möglich sind. Ich lebe entspannter, trage meinen bunten RONDO mit Stolz und weiß heute: Ich bin nicht allein. Das Gefühl von Hörgemeinschaft ist etwas ganz Besonderes.

Wenn meine Geschichte anderen Betroffenen Mut macht, dann hat sich das Erzählen gelohnt.

Interesse an der geplanten Selbsthilfegruppe?

Der Start der Gruppe für schwerhörige Menschen im Main-Kinzig-Kreis ist für Herbst 2026 in Wächtersbach geplant.

Menschen mit Hörbehinderung, Cochlea-Implantat-Trägerinnen und -Träger, Hörgeräteträgerinnen und -träger, Angehörige sowie Interessierte sind herzlich willkommen.

Kontakt:
Johanna Blichmann
Familienkreis Wächtersbach e.V.
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