Nicht das Ende des Hörens – sondern ein Neuanfang
Von Ronja
Ich heiße Ronja, bin 30 Jahre alt und trage links ein Cochlea-Implantat.
Als Teenager war mir immer wieder schwindelig und irgendwann bemerkte ich, dass ich schlechter hörte. Mit 18 Jahren führte mich mein Weg deshalb zum HNO-Arzt. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Ich verließ die Praxis nicht nur mit einer Diagnose, sondern auch mit einer Verordnung für Hörgeräte.
Mein nächster Termin war beim Hörakustiker. Dort wurde ich zunächst mit zwei Hörgeräten versorgt, da auch auf dem rechten Ohr bereits ein leichter Hörverlust festgestellt wurde. Durch die Betreuung beim Hörakustiker bekam ich viele Einblicke in diesen Beruf. Nach einem Praktikum war für mich klar: Ich möchte selbst Hörakustikerin werden. Also begann ich eine Ausbildung.
Währenddessen wurden meine Schwindelanfälle immer häufiger und stärker. Gleichzeitig verschlechterte sich das Gehör auf meinem linken Ohr zunehmend. Erst dann erhielt ich die Diagnose Morbus Menière. Von da an lebte ich mit der Gewissheit, an einer unheilbaren und unberechenbaren Erkrankung zu leiden.
Der Hörverlust auf dem rechten Ohr blieb glücklicherweise im leichtgradigen Bereich, sodass ich dort irgendwann kein Hörgerät mehr benötigte. Links hingegen wurde das Hörgerät immer wichtiger. Einige Jahre blieb mein Hörverlust mittelgradig und relativ stabil. Doch im Sommer 2023 ging plötzlich alles ganz schnell. Innerhalb kurzer Zeit verschlechterte sich mein Gehör drastisch. Zu diesem Zeitpunkt war ich 27 Jahre alt.

Durch meinen Beruf als Hörakustikerin hatte ich gute Kontakte zu HNO-Ärzten und CI-Kliniken. Deshalb ließ ich mich früh zum Thema Cochlea-Implantat beraten. Nach der Entscheidung ging alles überraschend schnell: Nur sechs Wochen später stand bereits der Operationstermin fest.
Ich war sehr aufgeregt. Es war meine erste Operation in Vollnarkose und meine größte Sorge war gar nicht die Operation selbst, sondern die Zeit danach. Ich hatte Angst vor Übelkeit und starkem Schwindel.
Doch alles kam ganz anders als erwartet. In der Klinik wurde ich herzlich empfangen. Nachdem ich kurz Zeit hatte, mich umzuziehen und einzurichten, wurde ich bereits in den OP gebracht. Auch dort war die Stimmung locker. Es wurde gelacht und sogar der ein oder andere Witz gemacht. Das nahm mir einen großen Teil meiner Nervosität und ich war einfach froh, dass es endlich losging.
Als ich nach der Operation aufwachte, tastete ich als Erstes vorsichtig an meinen Kopf und überprüfte, ob der Verband tatsächlich auf der richtigen Seite saß. Zu meiner großen Erleichterung war mir weder schwindelig noch schlecht. Bereits etwa 30 Minuten, nachdem ich wieder auf meinem Zimmer war, zog ich mich selbstständig um und machte meine ersten Spaziergänge über die Station.
Bis zur Erstanpassung meines Sprachprozessors vergingen einige Wochen, da Weihnachten und Silvester dazwischen lagen. Auf diesen Termin hatte ich mich sehr gefreut. Meine Audiologin war selbst einseitig mit einem Cochlea-Implantat versorgt. Sie erklärte mir viele technische Zusammenhänge und konnte ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen. Da ich selbst Hörakustikerin bin, war mein Interesse an der CI-Technik natürlich besonders groß.
Spannend war für mich vor allem die Anpassung. Bisher hatte ich beruflich immer Hörschwellen gemessen – also den Punkt, ab dem ein Ton überhaupt wahrgenommen wird. Nun sollte ich plötzlich beurteilen, wann ein Ton angenehm laut ist. Diese Umstellung war für mich unglaublich interessant.

In den ersten Wochen fuhr ich jede Woche zur Anpassung in die Klinik. Die ambulante Rehabilitation passte für mich perfekt. Zwischen den Terminen konnte ich zu Hause intensiv trainieren und gleichzeitig weiterhin arbeiten.
Bereits nach fünf Wochen fand der erste Hörtest statt – und ich verstand fast alles. Der Klang war zwar noch sehr ungewohnt und künstlich, doch auch das wurde von Woche zu Woche besser.
Heute hat sich mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert. Durch meine eigene Implantation habe ich viele Menschen aus der CI-Community kennengelernt und mich intensiv mit dem Thema Cochlea-Implantat beschäftigt.
Mittlerweile bin ich ehrenamtlich als CI-Mentorin für den Hersteller meines Implantats tätig und begleite Menschen auf ihrem Weg zum Cochlea-Implantat. Es ist für mich eine Herzensangelegenheit, meine Erfahrungen weiterzugeben und anderen Mut zu machen.
Sowohl beruflich als auch privat ist das Interesse an meinem Cochlea-Implantat groß. Viele Menschen haben Fragen zu dem Gerät oder zu meiner persönlichen Geschichte. Ich freue mich immer, wenn ich offen darauf angesprochen werde. Leider erlebe ich aber auch manchmal, dass über mich gesprochen wird, anstatt mit mir. Meist geschieht das gar nicht böse, sondern aus Neugier oder Unsicherheit. Trotzdem wünsche ich mir, dass Menschen den Mut haben, ihre Fragen direkt zu stellen.
Heute bin ich 30 Jahre alt, trage mein Cochlea-Implantat seit zweieinhalb Jahren und würde diesen Weg jederzeit wieder gehen. Es gab schwierige und traurige Momente, aber genauso viele spannende und bereichernde Erfahrungen. Mein Cochlea-Implantat hat mir nicht nur das Hören zurückgegeben – es hat mein Leben auf eine Weise verändert, die ich mir vorher nie hätte vorstellen können.
Ronja
Juli 2026