Vom Ohropax zum Cochlea Implantat, eine lange Reise
Von Christian
Es ist eine ganze Weile her: Gesund geboren 1948 in Erlangen, Bayern.
Alles war dran, alles funktionierte. Ich wuchs auf am Land in Franken und absolvierte die Grundschule, drei Klassen in einem Raum. Erst heute, da ich behinderte Schüler kenne, weiß ich was es wert ist, in der Schule und der Uni gut zu hören.
Das ging so bis ich, bereits als Landarzt in Oberbayern, meinen Hörtest für die Kindervorsorge selbst testete: Eine deutliche Hochtonsenke schon mit 35? Egal, es störte mich nicht. Zehn Jahre später ein schrecklicher Silvesternotdienst, 48 Stunden Fieber unterdrückt und gearbeitet. Das soll man nicht, sage ich meinen Patienten, klar. Dann war er da um zu bleiben: Der Tinnitus, etwa 4000 Hz monoton.
Auch daran gewöhnt man sich, eben eine Narbe, keine Krankheit. Meine Kinder aber checkten es: Papa hört und versteht schlecht. HNO-Kollege: Katastrophe, Hörgeräte mussten her. Natürlich habe auch ich mich geniert, erst nicht regelmäßig getragen, was ein Fehler ist.
Meine Ohren wurden schlechter, die Geräte besser und teurer. Heute staune ich über mich selbst, wie das möglich war, erst als ich bei weniger als 20% und unter 1000 Hz landete, waren mein Akustiker und ich uns einig: Nur ein Cochlea Implantat (CI) kann hier wirklich helfen. Ich war bereits 74, lohnt sich das noch? Und ob! Früher wäre besser gewesen, natürlich.

Im Ruhestand arbeitete ich reduziert weiter, es machte mir Freude. Dann aber: Corona und die Masken. Aus und vorbei, es sind eben doch 30% die man von den Lippen absieht, jetzt erst erkannte ich die bittere Wahrheit. Als Impfarzt ging das noch, aber Sprechstunde ade.
Eigentlich ist mir die Entscheidung nicht schwer gefallen, so konnte es nicht weiter gehen. Was sagte eine Nachbarin im Haus zu meiner Frau: „Ihr Mann versteht ja fast gar nichts mehr.“. Und das mit Hörgeräten. Ja, es braucht manchmal einen kleinen Schock und schon war ich in der Hörklinik München Pasing. Der Assistent und die Chefin trugen beidseitig CI und verstanden mich gut, erlaubten mir sogar sie mit Flüstersprache zu testen. Termin vereinbart, Blick und Ohren nach vorne gerichtet.
Ich wache aus der Narkose auf, sehr enger Verband aber high vom Propofol schwebte ich durch den Raum. Zwei Tage nur und ich konnte die vier Wochen bis zur ersten Anpassung kaum abwarten.

Rechts also noch Hörgerät, links Premiere, der Prozessor wird aufgesetzt: Was ist das, es zischt bei jedem Wort? Das sind die hohen Frequenzen, bis 10.000 Hz, ich verstehe sofort ganze Sätze, und was noch? Der Tinnitus ist links weg, wirklich.
Natürlich muss trainiert werden, es ist es wert! Das Zischen wird leiser, um die Sprache immer besser zu verstehen. Mich hält nichts, die anderes Seite wird vereinbart und folgt nach acht Monaten. Wieder der bewegende Tag der Anpassung: Raumklang, Richtungshören, Stereo sagen wir mal. Nie wieder zurück in das dumpfe Loch, auch wenn natürlich die spärlichen Reste meines Hörens platt gemacht wurden, darauf verzichte ich gerne.
Der Alltag heute: Immer wieder frage ich meine Frau: Sind das Glocken? Weint da ein Kind? Das und vieles mehr wird auch gelernt, es geht nicht nur um Sprache. Ich drücke im Lift, der piept ja, der Kühlschrank blieb offen, der auch! Viele dieser Signale waren halt weg, viel zu hochfrequent.
Singvögel gab es keine mehr, nur noch Katzen? Nein, nicht gefressen, ich höre sie wieder nach 30 Jahren. Mit einer genialen App lerne ich die Sänger zu unterscheiden. Raus aus dem Bett und früh morgens auf den Balkon, ein Wunder ist geschehen, ich übertreibe nicht.
Schläft man mit den Prozessoren? Nein, nachts geht das nicht, und die Haut zwischen den Magneten erholt sich. Dann aber bin ich taub, nur eine Bombe könnte mich wecken. Ein Glück, ich lebe nicht alleine, meine Frau passt auf. Rauchmelder, Türglocke, Wecker, das geht als Vibration auf meiner Apple Watch.
Also alles erste Sahne, keine Probleme? Doch, aber banal gegen den Gewinn. Was da? Musik braucht lange, erst erkennt man, ja, es ist Musik, dann erst langsam folgen bekannte Songs und Rhythmen. Noch was? Ja, der Wind. Der macht Turbulenzen und das kracht und scheppert, das Verstehen leidet gewaltig. Am besten helfen mir dagegen Schirmmützen mit Nackenschutz, eigentlich gegen Sonne, aber auch gegen diesen Störenfried.
Dazu forderte ich auch den Kundenservice von Cochlear heraus, geduldig und kompetent zeigte man Verständnis für dieses Problem.
Was wundert mich? Schon bei den Hörgeräten wird viel zu viel auf „Unsichtbarkeit“ Wert gelegt. Warum eigentlich, ist doch gut, wenn man das sieht und der Gegenüber Rücksicht nehmen kann. Hörgeräte und Prozessoren soll man nicht sehen, aber die Knochen von Apple und die Klopse anderer Firmen leuchten weit und gelten als cool. Im Straßenverkehr höre ich aber besser als alle diese beschallten Gänger, die man auch nie ansprechen kann, sind ja zugedröhnt.

Nicht zu vergessen: Dank CI konnte ich in meinem Beruf als Allgemeinarzt wieder arbeiten und bin weiterhin Springer in einer großen, multinationalen, bilingualen Praxis südlich München. Viel Erfahrung gepaart mit aktueller, laufender Fortbildung. Mit Hörgeräten ging das gar nicht mehr.
Zuletzt mein Dank: Wir sind in Deutschland sehr gut versichert. Beide Seiten wurden ohne Probleme sogar mit Zubehör finanziert. Das ist nicht weltweit so!
Dank auch meiner lieben Frau. Die Partnerin eines Hörbehinderten braucht viel Geduld und Verständnis. Sie passt auf mich auf im Straßenverkehr und nachts, wenn ich selig auch im Lärm schlafe.
Von Christian
Juli 2026
