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Meine Hörreise

Von Tanja Justin

Ich bin Tanja Justin, Jahrgang 1988, und meine Hörreise begann bereits wenige Monate nach meiner Geburt. Ich kam hörend zur Welt, doch infolge einer Erkrankung und unter dem Einfluss der damals notwendigen Medikamente ertaubte ich als Baby nahezu vollständig.

Meine Großmutter bemerkte schließlich, dass etwas nicht stimmte, als ich auf ein plötzliches lautes Geräusch nicht reagierte. Was heute durch moderne Untersuchungsmöglichkeiten und das Neugeborenen-Hörscreening häufig wesentlich früher erkannt wird, führte Ende der 1980er-Jahre zunächst zu einer langen und belastenden Suche nach Gewissheit. Schließlich erhielten meine Eltern die Diagnose einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit mit einem Hörverlust von etwa 100 Dezibel.

Für meine Familie bedeutete diese Diagnose jedoch niemals, sich einfach mit vermeintlichen Grenzen abzufinden. Besonders meine Mutter setzte alles daran, mir möglichst viele Chancen zu eröffnen. In einer Zeit ohne Internet, soziale Medien und leicht zugänglichen Erfahrungsberichten suchte sie nach Spezialisten, Informationen und Therapiemöglichkeiten. Mein Vater war dabei der ruhige Pol, der diesen Weg mittrug. Die Unterstützung meiner Familie wurde zum Fundament meiner weiteren Entwicklung.

Mit etwa 13½ Monaten bekam ich meine ersten Hörgeräte. Die große erhoffte Reaktion blieb zunächst aus, ich konnte damit nur sehr wenig wahrnehmen. Erst durch eine besonders sorgfältige Einstellung bei einem Spezialisten wurden einzelne Töne und Teile von Stimmen hörbar.

Damit begann jahrelanges intensives Hör- und Sprachtraining. Woche für Woche fuhr meine Mutter mit mir zur Logopädie, und auch zu Hause wurde ständig geübt. Sprache musste ich mir Schritt für Schritt erarbeiten. Mundbewegungen, Berührungen und Vibrationen halfen mir dabei und das Lippenlesen entwickelte sich zu meinem „zweiten Ohr“.

Auch meine Schulzeit war von enormem Einsatz geprägt. Meine Mutter entschied sich bewusst dafür, mich in die Regelschule unseres Heimatortes zu schicken. Damit ich dort mithalten konnte, wurde vieles zu Hause vorgearbeitet. Was andere Kinder erstmals im Unterricht hörten, kannte ich dadurch oft bereits. Hinter meinen späteren schulischen Erfolgen standen deshalb viele zusätzliche Stunden Training, mein eigener Ehrgeiz und die enorme Unterstützung meiner Familie.

Eine völlig neue Welt des Hörens

Im Jahr 2000, kurz vor meinem zwölften Geburtstag, trafen wir schließlich eine Entscheidung, die mein Leben nachhaltig verändern sollte: Ich erhielt mein erstes Cochlea Implantat auf der rechten Seite.

Die Entscheidung war mit Hoffnung, aber auch mit Ängsten verbunden. Eine wichtige Rolle spielte damals die Begegnung mit Ariane N., einem Mädchen, das bereits ein Cochlea Implantat trug. Zum ersten Mal konnten wir nicht nur medizinische Informationen lesen, sondern unmittelbar erleben, wie ein Kind mit einem CI hören und ganz selbstverständlich seinen Alltag leben konnte.

Nach der Operation begann jedoch nicht plötzlich perfektes Hören. Bei der ersten Aktivierung klangen Stimmen metallisch und fremd. Ich hörte zwar etwas, verstand aber zunächst keine Wörter. Mein Gehirn musste erst lernen, diesen völlig neuen elektrischen Signalen eine Bedeutung zu geben.

Plötzlich war meine Umgebung voller Geräusche: Straßenverkehr, Motoren, Busse, Stimmen oder Ampelsignale. Dinge, die hörende Menschen automatisch filtern, musste mein Gehirn erst sortieren lernen.

Umso besonderer waren die kleinen Erfolgsmomente. Bis heute erinnere ich mich daran, erstmals ganz bewusst Vogelstimmen gehört zu haben. Für andere etwas Alltägliches, für mich damals ein kleines Wunder.

Mit viel Hörtraining wurde aus den fremden Geräuschen langsam verständliche Sprache. Gespräche wurden leichter und irgendwann konnte ich sogar telefonieren, ohne dabei von den Lippen abzulesen. Für mich war das ein riesiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit.

Zwei Cochlea Implantate – zwei unterschiedliche Hörreisen: 2007 entschied ich mich mit 18½ Jahren für ein zweites Cochlea Implantat auf der linken Seite. Ich hoffte vor allem auf räumliches Hören und eine breitere akustische Wahrnehmung.

Doch dieses Mal verlief meine Hörreise anders.

Das linke Ohr klang lange dumpf und fremd und blieb trotz Training und verschiedener Einstellungen deutlich hinter meinem rechten Ohr zurück. Zeitweise trug ich den linken Sprachprozessor immer weniger.

Trotzdem habe ich diese Entscheidung nie als Fehler betrachtet. Mir war es wichtig, diese Möglichkeit ausprobiert zu haben, anstatt mich mein Leben lang zu fragen: „Was wäre gewesen, wenn?“

Viele Jahre später brachten technische Weiterentwicklungen und neue Sprachprozessoren ausgerechnet auf meinem langen schwächeren linken Ohr noch einmal deutliche Fortschritte. Für mich zeigt das bis heute, dass eine Hörreise nicht irgendwann einfach abgeschlossen sein muss. Technik entwickelt sich weiter und auch unser Gehirn kann immer wieder neu lernen.

Hören bedeutet nicht automatisch dazugehören: Meine Geschichte besteht jedoch nicht nur aus medizinischen und technischen Erfolgen. In meiner Schulzeit erlebte ich starkes Mobbing und Ausgrenzung. Gleichzeitig durfte ich nach einem Schulwechsel erfahren, wie anders sich das Leben anfühlen kann, wenn Menschen eine Hörbehinderung nicht zum Mittelpunkt machen, sondern einen einfach als gleichwertigen Menschen behandeln.

Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Denn ein Cochlea Implantat kann das Hören enorm verbessern aber wirkliche Teilhabe entsteht erst durch Menschen, Kommunikation, Verständnis und ein Umfeld, das einem Chancen gibt.

Meinen eigenen Weg gehen

Beruflich führte mich mein Weg schließlich in die Naturwissenschaften. Ich absolvierte eine Ausbildung zur Chemielabortechnikerin und arbeitete viele Jahre in der Forschung im Bereich Mikrobiologie und Prozesstechnik/Verfahrenstechnik.

Gerade dort erlebte ich, was echte Inklusion bedeuten kann. Wenn ich aufgrund von Hintergrund- oder Maschinengeräuschen etwas nicht verstand, wurde es noch einmal erklärt oder aufgeschrieben. Ich wurde nicht auf meine Hörbehinderung reduziert, sondern als Kollegin und Mensch wahrgenommen.

Fast 16 Jahre arbeitete ich in diesem Umfeld. Später zog ich nach Wien und entwickelte mich beruflich weiter bis zur Tätigkeit als Quality-Spezialistin in der Pharmaindustrie. Telefonate, Besprechungen und selbstständige Kommunikation gehören heute zu meinem Berufsalltag, Dinge, die für andere selbstverständlich erscheinen mögen, für mich aber auch zeigen, wie weit meine Hörreise geführt hat.

Ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit war eine vierwöchige Reise allein nach Thailand. Ich wollte erleben, dass ich auch mit meiner Hörbehinderung in einer völlig fremden Umgebung selbstständig zurechtkommen kann. Diese Reise wurde für mich zu einem Symbol dafür, mein Leben immer stärker nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Meine Erfahrungen weitergeben

Irgendwann begann sich für mich ein Kreis zu schließen. Als Kind war ich darauf angewiesen, dass meine Mutter Informationen suchte, Kontakte herstellte und Menschen fand, die uns ihre Erfahrungen weitergaben. Auch die Begegnung mit einem anderen Mädchen mit Cochlea Implantat hatte damals großen Einfluss auf meinen eigenen Weg.

Viele Jahre später durfte ich selbst etwas davon zurückgeben. Ich engagierte mich intensiv in der Selbsthilfe, war im Vorstand der Österreichischen Cochlea Implantat Gesellschaft aktiv, vernetzte mich auch international und begleitete als Mentorin Menschen, die noch am Anfang ihrer eigenen Hörreise standen. Dieses Engagement wurde zu einem wertvollen Abschnitt meines Lebens.

Aktuell habe ich meine ehrenamtlichen Tätigkeiten aus persönlichen Gründen vollständig pausiert. Die Erfahrungen aus dieser Zeit, die Begegnungen und der Austausch mit anderen Betroffenen bleiben dennoch ein wichtiger Teil meiner Geschichte.

Denn meine eigene Hörreise hat mir gezeigt, welchen Unterschied es machen kann, einem Menschen zu begegnen, der Ähnliches selbst erlebt hat. Manchmal können persönliche Erfahrungen Mut, Hoffnung und Orientierung geben, die keine medizinische Broschüre ersetzen kann.

Vielfalt gehört für mich zum Leben

Meine persönliche Geschichte hat mir aber auch gezeigt, dass Inklusion und Diversität weit über das Thema Hören hinausgehen.

Als schwerhörige Frau mit zwei Cochlea Implantaten weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, nicht auf eine Behinderung oder vermeintliche Einschränkung reduziert zu werden. Gleichzeitig bin ich eine lesbische Frau. Auch dadurch ist mir bewusst, wie wertvoll ein Umfeld und eine Gesellschaft sind, in denen Menschen offen und selbstverständlich sie selbst sein dürfen.

Damit vereinen sich in meiner eigenen Lebensgeschichte unterschiedliche Facetten von Diversität und Inklusion. Für mich bedeutet Vielfalt aber nicht, Menschen in neue Schubladen einzuteilen. Ganz im Gegenteil: Unterschiedlichkeit sollte etwas Selbstverständliches sein.

Ob hörend oder schwerhörig, mit oder ohne Behinderung, unabhängig von sexueller Orientierung, Herkunft, Alter oder persönlichem Lebensweg, ich stehe für eine bunte Vielfalt in allen Lebenslagen.

Denn letztlich wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der Menschen nicht zuerst danach beurteilt werden, was sie voneinander unterscheidet, sondern in der sie gesehen, respektiert und als die Menschen angenommen werden, die sie sind. Auch das gehört zu meiner Lebensreise: nicht trotz meiner Unterschiede meinen Platz gefunden zu haben, sondern mit allem, was zu mir gehört.

Was meine Hörreise für mich heute bedeutet: Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, sehe ich weit mehr als die Geschichte von Hörgeräten und zwei Cochlea Implantaten.

Ich sehe ein kleines Mädchen, das sich Sprache mühsam erarbeiten musste. Eine Jugendliche, die plötzlich eine völlig neue Welt voller Geräusche entdeckte. Eine junge Frau, die Ausgrenzung und Rückschläge erlebt hat. Und schließlich einen Menschen, der gelernt hat, selbstbestimmt seinen eigenen Weg zu gehen.

Mein Lebensmotto lautet: „Aufgeben ist keine Option.“

Damit meine ich nicht, dass man immer stark sein muss oder jede Grenze überwinden kann. Für mich bedeutet es vielmehr, nach einem Rückschlag nicht automatisch das Ende eines Weges zu sehen. Manchmal braucht es Geduld, manchmal Unterstützung, manchmal neue Technik und manchmal den Mut, einen völlig anderen Weg einzuschlagen.

Meine Geschichte soll deshalb auch keine falschen Versprechen machen. Jeder Mensch hört anders, jedes Cochlea Implantat kann sich unterschiedlich entwickeln und nicht jede Herausforderung lässt sich allein mit Technik lösen.

Aber mein eigener Weg hat mir gezeigt, wie viel sich im Laufe eines Lebens verändern kann.

Ein Cochlea Implantat kann eine Tür zum Hören öffnen. Was hinter dieser Tür entsteht, ist jedoch eine ganz persönliche und lebenslange Reise.

Tanja Justin
August 2026