Meine Hörreise mit dem CI – Es gibt kein „Zu spät“
Von Chiara
Eine persönliche Reise von der Gehörlosigkeit zum Cochlea-Implantat (CI)
Hallo liebe Leserinnen und Leser,
mein Name ist Chiara, ich bin 21 Jahre alt und möchte euch heute auf meine ganz persönliche
Hörreise mitnehmen. Eine Reise, die eigentlich schon vor vielen Jahren begonnen hat – lange
bevor ich überhaupt wusste, dass ein Cochlea-Implantat (CI) irgendwann ein Teil meines Lebens
werden würde.
Mein Start ins Leben – und die ersten Jahre ohne Hören
Ich bin von Geburt an gehörlos. Meine Eltern waren damals noch sehr jung, und zunächst schien
alles ganz normal zu sein. Erst als ich ungefähr zwei Jahre alt war, stellte sich heraus, dass ich
die ganze Zeit über kaum beziehungsweise gar nichts gehört hatte.
Der Grund dafür ist eine Besonderheit meiner Ohren: Meine Cochlea, also meine Hörschnecken, sind auf beiden Seiten nicht vollständig ausgebildet. Damals gab es das heutige flächendeckende Hörscreening für Neugeborene noch nicht. Das bedeutete für mich: Ich hatte fast zwei bis drei Jahre meines Lebens verbracht, ohne wirklich hören zu können – und damit auch ohne Sprache richtig zu entwickeln.

Ich sprach zwar viel, aber sehr undeutlich, und reagierte häufig nicht auf meine Umwelt. Für meine Eltern begann damit eine lange Reise. Sie probierten unglaublich viel aus, um mir das Hören und Sprechen zu ermöglichen: verschiedene Hörgeräte, Therapien, Logopädie und schließlich sehr leistungsstarke Ultra-Power-Hörgeräte. Meine Eltern haben nie einfach aufgegeben.
Aufwachsen zwischen zwei Welten
Ein wichtiger Teil meiner Kindheit war die Schule für Hören und Kommunikation. Dort lernte ich unter anderem Gebärdensprache kennen.
Später, in der sechsten Klasse, wechselte ich auf eine Regelschule mit sonderpädagogischer Unterstützung. Rückblickend war das eine prägende Zeit für mich. Ich bin dadurch sehr stark in der hörenden Welt aufgewachsen.
Das hatte definitiv seine Vorteile:
Ich lernte, mich in der hörenden Gesellschaft zurechtzufinden, zu kommunizieren und meinen Alltag weitgehend so zu bewältigen wie hörende Menschen.
Aber es hatte auch seine Schattenseiten. Ich musste leider auch Mobbing erleben. Einige Kinder verstanden nicht, warum ich Hilfsmittel benötigte. Manche glaubten sogar, ich könne gar nicht wirklich gehörlos sein. Für mich war das eine schwierige Erfahrung, denn ich musste mich immer wieder erklären und rechtfertigen. Irgendwann musste ich deshalb die Schule wechseln.
Rückblickend denke ich manchmal: Vielleicht wäre es schön gewesen, länger an der Schule für Hören und Kommunikation zu bleiben.
Aber gleichzeitig weiß ich heute auch, dass beide Welten ihre Vor- und Nachteile hatten. Ich bin dankbar für vieles, was ich in der hörenden Welt gelernt habe. Gleichzeitig hätte ich mir manchmal gewünscht, früher einen stärkeren Zugang zur Gehörlosengemeinschaft und zur Gebärdensprache gehabt zu haben.
Denn eines habe ich auf meiner Reise gelernt: Es gibt kein „Zu spät“.
Auch wenn ich vieles erst später entdeckt habe, konnte ich unglaublich viel nachholen. Ich habe gelernt, mich mit meiner Gehörlosigkeit auseinanderzusetzen, mich mehr damit zu identifizieren und meine eigene Geschichte anzunehmen. Und genau das fühlt sich heute unglaublich wertvoll an.

Meine erste Begegnung mit Cochlea-Implantaten
In meiner neuen Schule lernte ich ein Mädchen kennen, das selbst ein CI trug. Damals war das für mich etwas völlig Neues.
Ich wusste vorher kaum etwas über Cochlea-Implantate. Dieses Mädchen wurde schließlich nicht nur zu einer wichtigen Freundin, sondern auch zu einem Menschen, der mir gezeigt hat, dass ein CI ganz selbstverständlich zum Leben dazugehören kann. Heute ist sie noch immer meine Freundin und ein wichtiger Teil meiner Geschichte.
Mit meinen Hörgeräten kam ich zunächst relativ gut zurecht. Bis ich ungefähr 15 oder 16 Jahre alt war, funktionierte mein Alltag damit einigermaßen. Das Thema Cochlea-Implantat kam zwar bereits damals zum ersten Mal auf, aber es war noch nicht der richtige Zeitpunkt.
Kurz vor meinem 18. Geburtstag wurden dann erneut zahlreiche Untersuchungen und Hörtests gemacht. Am Ende hieß es, dass ich mit einem CI vermutlich nicht gut genug hören würde und eine Implantation deshalb keinen Sinn ergeben würde. Heute weiß ich: Diese Einschätzung war schlichtweg nicht richtig.
Wir entschieden uns damals gegen eine Operation und das Thema CI verschwand erst einmal wieder aus meinem Leben.
Als meine Hörgeräte plötzlich nicht mehr ausreichten
In den folgenden Jahren veränderte sich mein Hören jedoch immer weiter. Meine Hörgeräte halfen mir zunehmend weniger. Besonders auf meinem rechten Ohr wurde es immer schwieriger – irgendwann kam selbst mit Hörgerät kaum noch etwas an.
Das Interessante daran: Mir selbst war zunächst gar nicht bewusst, wie schlecht ich inzwischen eigentlich hörte.
Erst durch einen eher spontanen HNO-Termin kam vieles ins Rollen. Eigentlich wollte ich dort nur ein Rezept bekommen. Stattdessen bekam ich eine Überweisung für weitere Untersuchungen. Ich begann, mich intensiv mit dem Thema CI auseinanderzusetzen und recherchierte nach Kliniken und CI-Zentren.
Eine Klinik in meiner Nähe kam für mich relativ schnell nicht mehr infrage. Ich fühlte mich dort nicht wohl und hätte außerdem ungefähr ein Jahr auf meinen ersten Termin warten müssen. Dann stieß ich auf das CI-Zentrum in Essen. Essen ist ungefähr eineinhalb Stunden von mir entfernt – aber irgendetwas an dieser Klinik hat mir direkt zugesagt. Also rief ich an. Und plötzlich ging alles ganz schnell: Mein erster Termin war bereits drei Wochen später.
Es folgten zahlreiche Untersuchungen und Hörtests. Die Termine lagen eng beieinander und ich fühlte mich von Anfang an sehr gut betreut. Und dann kam die Erkenntnis: Meine Hörgeräte konnten mir tatsächlich nicht mehr ausreichend helfen.
Rückblickend erklärte das auch einiges. Ich war nach der Schule unglaublich müde und habe
teilweise sehr viel geschlafen. Meine Eltern hatten sich schon gefragt, warum ich plötzlich so
erschöpft war. Heute weiß ich: Mein Gehirn musste ständig versuchen, aus den wenigen Informationen, die noch ankamen, Sprache und Geräusche zusammenzusetzen.
Irgendwann war die Entscheidung gefallen: Ich würde mein erstes CI bekommen.
Der Tag der Operation
Ich hätte bereits zwei Monate später operiert werden können. Ich entschied mich allerdings dafür, auf die Osterferien zu warten. Je näher der Termin rückte, desto aufgeregter wurde ich. Ich glaube, ich habe mir vorher tausend Gedanken gemacht.
Wie wird die OP? Wie werde ich mich danach fühlen? Wie wird sich das Hören verändern? Werde ich überhaupt etwas verstehen? Wird es sich komisch anhören? Am OP-Tag war ich dementsprechend ziemlich nervös.
Ich bekam allerdings erst einmal meine berühmte „Scheiß-egal-Tablette“ – und plötzlich war ich erstaunlich entspannt. Meine Seite wurde für die Operation vorbereitet und teilweise rasiert. Ich wurde während des gesamten Ablaufs super betreut und fühlte mich dadurch trotz meiner Aufregung gut aufgehoben. Danach ging es in den OP.
Meine Angehörigen und mein Partner warteten währenddessen ungefähr 5,5 Stunden, bis ich wieder aus dem OP kam. Und dann kam die Erleichterung: Die Operation war gut verlaufen.

Ich durfte bereits nach vier Tagen wieder nach Hause. Natürlich war die Zeit danach nicht komplett problemlos. Ich hatte zunächst ziemlich starken Schwindel und mir war teilweise auch sehr übel. Mein Körper musste sich erst einmal von der Operation erholen.
Zum Glück hatte ich einen HNO-Arzt direkt bei mir vor Ort, der auf CIs spezialisiert ist und nur ungefähr fünf Minuten entfernt war. Er kontrollierte mich wöchentlich und schaute nach, ob alles gut verheilt. Dadurch fühlte ich mich auch zu Hause gut aufgehoben.
Eine unerwartete Komplikation
Etwa vier Monate nach der Operation wurde ich krank. Mein Implantat entzündete sich. Das war für mich einer der schlimmsten Momente meiner bisherigen CI-Reise.
Leider fühlte ich mich zunächst in dem CI-Zentrum in meiner Nähe nicht wirklich ernst genommen. Für mich war das besonders belastend, weil ich natürlich sofort Angst um mein Implantat hatte.
Also wandte ich mich wieder an Essen. Und dort wurde ich unglaublich gut betreut. Ich wurde stationär aufgenommen und die Ärzte taten alles, was in ihrer Macht stand, um die Entzündung in den Griff zu bekommen. Nach ungefähr einer Woche ging es mir wieder deutlich besser.
Meine Reha musste dadurch zwar für vier Wochen pausieren, aber anschließend konnte ich sie wieder aufnehmen. Und auch heute werde ich in meiner Reha weiterhin großartig betreut.

Ein halbes Jahr mit CI
Mittlerweile ist meine Operation ungefähr ein halbes Jahr her. Und wenn ich heute zurückblicke, merke ich, wie viel sich bereits verändert hat. Ich kann wieder deutlich mehr Geräusche wahrnehmen und empfinde den Klang inzwischen viel klarer.
Mein Sprachverstehen befindet sich weiterhin mitten im Lernprozess. Aber auch das typische „Micky-Maus-Hören“, das ich am Anfang hatte, ist inzwischen verschwunden. Stattdessen wird der Klang immer natürlicher und klarer. Natürlich gibt es noch Situationen, in denen mir bestimmte Geräusche viel zu laut vorkommen. Aber inzwischen sehe ich selbst das als etwas Positives.
Denn jedes neue Geräusch bedeutet auch: Mein Gehirn lernt gerade etwas Neues.
Mein CI ist mittlerweile zu einem treuen Begleiter in meinem Alltag geworden. Und jetzt darf ich sogar meine Logopädie direkt bei mir vor Ort in meiner Stadt fortführen. Dadurch kann ich häufiger üben und bekomme noch mehr Unterstützung beim Sprachverstehen. Darauf freue ich mich wirklich sehr.
Vielleicht werde ich diese Geschichte nach meinem ersten CI-Jahr noch einmal weiterschreiben und erzählen, wo ich dann stehe.
Mehr als nur ein Implantat
Was ich vorher nicht erwartet hätte: Durch meine CI-Operation habe ich nicht nur mehr über das Hören gelernt. Ich habe auch viel mehr über meine eigene Gehörlosigkeit gelernt. Ich habe angefangen, mich intensiver mit der Gehörlosenkultur auseinanderzusetzen und neue Menschen kennengelernt, die mir unglaublich viel bedeuten. Ich hatte die Möglichkeit, LBG anzuwenden und lerne weiterhin dazu. Und ich habe Menschen getroffen, die sich mittlerweile wie eine zweite Familie anfühlen.
Auch in meiner Ausbildung zur Erzieherin habe ich unglaublich viel Verständnis erfahren. Meine Hörbeeinträchtigung und mein CI waren für meine Umgebung nie ein Grund, mich auszuschließen.
Im Gegenteil: Ich wurde unterstützt und konnte meinen Weg weitergehen. Das bedeutet mir sehr viel.
Denn meine Hörreise hat mir gezeigt, dass man nicht in eine einzige Schublade passen muss.
- Ich kann CI-Trägerin sein.
- Ich kann gehörlos sein.
- Ich kann Gebärdensprache lernen.
- Ich kann in der hörenden Welt leben.
- Und ich darf trotzdem einfach ich selbst sein.
Meine Reise ist noch lange nicht vorbei. Mein Weg ist noch nicht zu Ende.
Die zweite Seite wird irgendwann wahrscheinlich ebenfalls Thema werden. Bis dahin liegt noch eine lange Reise vor mir – mit vielen neuen Geräuschen, neuen Erfahrungen, Fortschritten und wahrscheinlich auch einigen Herausforderungen.
Aber mittlerweile gehe ich dieser Zukunft viel entspannter entgegen.
Ich weiß, dass ich nicht alles sofort können muss.
Ich weiß, dass Fortschritt Zeit braucht.
Und vor allem weiß ich: Es ist niemals zu spät, etwas Neues über sich selbst zu lernen.
Egal, ob es darum geht, eine neue Sprache zu lernen, Gebärdensprache zu entdecken, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen oder den Schritt zu einem CI zu wagen. Wenn ich heute auf meine Reise zurückblicke, hätte ich mir damals wahrscheinlich nur einen Satz sagen wollen:
Hab keine Angst. Du musst noch nicht wissen, wohin die Reise geht. Du musst nur den ersten
Schritt machen.
Danke an meine Wegbegleiter ❤️
Ohne meine Familie hätte ich diesen Weg niemals gehen können. Ein ganz besonderer Dank geht an meine Freundin, die ich vor meiner OP über Instagram kennengelernt habe. Ich hatte sie dort selbst als CI-Trägerin entdeckt und irgendwann einfachangeschrieben, weil ich so viele Fragen hatte. Sie hat sich die Zeit genommen, mir zu antworten, mich zu unterstützen und mich schließlich sogar durch meine eigene CI-Reise zu begleiten. Sie ist für mich zu einer ganz wichtigen Person geworden.

Gerade weil ich damals selbst so viele Fragen und Ängste hatte, war ihre Unterstützung für mich
unglaublich wertvoll. Sie hat mir geholfen, keinen Rückzieher zu machen und den Schritt tatsächlich zu wagen.
Und natürlich geht ein riesiges Dankeschön an meinen Freund, der bereits, seit ich 15 Jahre alt bin an meiner Seite ist und mich seitdem durch so viele Termine, Entscheidungen und Veränderungen begleitet hat.
Und natürlich an meine Eltern, die schon ganz am Anfang meiner Hörreise niemals aufgegeben haben.
Ohne euch hätte ich diesen Schritt wahrscheinlich nicht gewagt. Danke.
Du hast Fragen? Frag mich!
Ich weiß noch genau, wie es mir vor meiner CI-Entscheidung ging.
Ich hatte unendlich viele Fragen.
- Wie fühlt sich ein CI an?
- Wie klingt es am Anfang?
- Wie läuft die Operation ab?
- Was passiert danach?
- Wie verändert sich der Alltag?
- Was ist, wenn etwas schiefgeht?
Und genau deshalb möchte ich meine Erfahrungen teilen.
Wenn ihr selbst über ein CI nachdenkt, bereits eines tragt oder einfach neugierig seid, schreibt mir gerne über Social Media: IG: chi.gioia
Ich bin sehr offen dafür, meine persönlichen Erfahrungen zu teilen und Fragen zu beantworten. Natürlich kann ich nur von meiner eigenen Geschichte erzählen und nicht versprechen, dass jeder Mensch dieselben Erfahrungen macht.
Aber wenn ich mit meiner Geschichte auch nur einer Person helfen kann, ihre Angst vor dem nächsten Schritt ein kleines bisschen zu verlieren, dann hat sich das Teilen meiner Reise für mich bereits gelohnt.
Denn manchmal braucht man nicht jemanden, der einem sagt, welchen Weg man gehen soll. Manchmal braucht man einfach jemanden, der einem zeigt: Du bist nicht allein.
Chiara
Oktober 2026