Als meine Welt plötzlich still wurde –
mein Weg zurück ins Hören 💙
Von Lara
Hallo, ich bin Lara, 25 Jahre alt und Mama eines zweijährigen Sohnes. 2022 habe ich meine Ausbildung zur Erzieherin abgeschlossen und anschließend mit unglaublich viel Herz und Liebe in einer Krippe gearbeitet. Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, ihre kleinen Fortschritte mitzuerleben und ein Teil ihres Alltags zu sein, war schon immer mein Traum. Ich liebte meinen Beruf und hätte mir niemals vorstellen können, dass ein einziger Tag mein gesamtes Leben verändern würde.
Doch genau das passierte am 29. März 2023. Ich war gerade einmal 22 Jahre alt, als meine Welt von einer Sekunde auf die andere still wurde.
Der Tag begann völlig gewöhnlich. Ich war wie immer auf der Arbeit und hatte zwischendurch immer wieder mit Schwindel zu kämpfen. Da ich häufig zu wenig trank, machte ich mir zunächst keine großen Gedanken. Während der Schlafwache, in der wir die Kinder mittags beim Einschlafen begleiten, wurde der Schwindel jedoch immer stärker. Ich erinnere mich noch daran, dass ich Freunden schrieb, wie merkwürdig ich mich fühlte. Ich versuchte, mehr zu trinken, doch es wurde nicht besser. Auf dem Weg zur Toilette passierte es dann: Plötzlich hörte ich einen unglaublich lauten Knall in meinem Ohr, und mir wurde schwarz vor Augen.
Ich wusste nicht, was gerade mit mir geschah. Trotzdem arbeitete ich weiter, ohne zu bemerken, dass mein Gehör immer mehr verschwand. Erst als eine Mutter ihr Kind abholte und ich sie plötzlich nicht mehr richtig verstehen konnte, begriff ich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Gemeinsam mit meiner damaligen Kollegin fuhr ich ins Krankenhaus. Doch zwei Krankenhäuser wiesen mich ab. Zwischen dem Hörsturz, der ungefähr um 13 Uhr passierte, und meiner Aufnahme in der Medizinischen Hochschule Hannover vergingen ganze sechs Stunden. Erst spät am Abend begann meine Behandlung mit Cortison.
Die Diagnose lautete: Hörsturz.
Ein Wort, das ich bis dahin kaum kannte und das plötzlich mein ganzes Leben bestimmte. Ich konnte nicht verstehen, warum ausgerechnet mir das passierte. Ich war jung, hatte keinen außergewöhnlichen Stress und zuvor noch nie einen Hörsturz erlebt. Während sich eines meiner Ohren nach einigen Tagen glücklicherweise erholte, blieb das andere taub.
Es folgten unzählige Untersuchungen und Tage voller Angst und Hoffnung. Zwischenzeitlich stand sogar der Verdacht auf einen Gehirntumor im Raum, der glücklicherweise durch ein MRT ausgeschlossen werden konnte. Doch die Cortisontherapie zeigte nicht den erhofften Erfolg. Auch eine anschließende Operation, bei der nach einer möglichen Verletzung im Ohr gesucht wurde, brachte keine Erklärung. Während des Eingriffs wurde zusätzlich Cortison eingebracht. Vier weitere Tage musste ich warten, bis die Tamponade entfernt wurde und man sehen konnte, ob die Behandlung angeschlagen hatte.
Ich hatte so sehr gehofft, endlich wieder hören zu können. Doch als die Tamponade entfernt wurde, blieb alles unverändert.


Meine Welt blieb still.
Nach sechs Wochen kehrte ich zurück in meinen geliebten Beruf. Doch nichts war mehr wie vorher. Ich konnte Geräusche nicht mehr richtig orten, Stimmen schlechter zuordnen und Gesprächen in lauten Umgebungen kaum folgen. Dinge, die früher selbstverständlich gewesen waren, kosteten mich plötzlich unglaublich viel Kraft. Ich versuchte zunächst, meinen Alltag mit sogenannten CROS-Hörgeräten zu bewältigen. Diese übertragen Geräusche von der tauben Seite auf das besser hörende Ohr. Doch für mich war diese Lösung auf Dauer nicht zufriedenstellend.
Viel schlimmer als die Einschränkungen war jedoch die Angst, die mich seit diesem Tag begleitete: Was, wenn ich auch mein gesundes Ohr verliere? Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ein Hörsturz verändert eben nicht nur das Gehör. Er kann auch das Vertrauen in den eigenen Körper erschüttern.
Irgendwann beschäftigte ich mich mit einer Möglichkeit, von der ich vor meinem Hörverlust noch nie gehört hatte: einem Cochlea-Implantat. Anders als ein klassisches Hörgerät verstärkt es nicht einfach Geräusche, sondern wandelt diese in elektrische Impulse um, die den Hörnerv stimulieren. Es ersetzt das natürliche Hören nicht, kann aber Menschen mit hochgradigem Hörverlust oder Taubheit wieder den Zugang zu Geräuschen und Sprache ermöglichen.
Nach intensiver Beratung in der Medizinischen Hochschule Hannover entschied ich mich für diesen Schritt. Doch bis zur Operation war es ein langer Weg. Zahlreiche Hörtests, Messungen, MRT- und Gleichgewichtsuntersuchungen waren notwendig, um die Voraussetzungen für das Implantat und die Kostenübernahme durch die Krankenkasse zu klären. Jeder weitere Hörtest fühlte sich für mich an wie Salz in eine noch offene Wunde. Immer wieder wurde mir bestätigt, was ich längst wusste: Mein Gehör würde nicht einfach zurückkommen.
Am 11. Januar 2024 war es endlich so weit. Nach ungefähr dreieinhalb Stunden Operation hatte ich mein Cochlea-Implantat. Doch was viele nicht wissen: Mit der Operation allein kann man nicht sofort wieder normal hören. Erst durch den äußeren Sprachprozessor wird das Implantat nutzbar. Und selbst dann muss das Gehirn lernen, die neuen elektrischen Signale zu verstehen.
Einen Tag nach meiner Operation wurde mein Implantat zum ersten Mal aktiviert.
Und dann war er da. Dieser eine Ton.
Alles klang fremd, verschwommen und ungewohnt. Ich konnte kaum etwas verstehen. Aber ich hörte. Nach fast einem Jahr voller Stille konnte ich plötzlich wieder Geräusche auf meiner tauben Seite wahrnehmen. Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Tränen voller Erleichterung, Angst und unendlicher Dankbarkeit. Es war nicht mein altes Gehör, aber es war ein neuer Anfang.
Was danach folgte, war ein langer Weg voller Geduld, Training und Rückschläge. Bei meiner Erstanpassung im Februar lernte ich, Zahlen, Buchstaben, Wörter und ganze Sätze zu unterscheiden. Anfangs klang vieles schrill und künstlich, fast wie eine Micky-Maus-Stimme. Stimmen zu erkennen oder verschiedene Geräusche auseinanderzuhalten, war unglaublich schwierig. Zu Hause hörte ich immer wieder Hörspiele, deutsche Musik und Hörbücher, um mein Gehirn zu trainieren. Es gab Tränen, Frustration und Momente, in denen ich am liebsten aufgegeben hätte. Aber mit jedem kleinen Fortschritt kam auch ein Stück Hoffnung zurück.
Und dann gab es jemanden, der mir auf diesem Weg unglaublich viel Kraft gab: meinen Sohn. Was ich zum Zeitpunkt meiner Operation noch nicht wusste, war, dass ich bereits schwanger war. Während ich lernen musste, meine Welt neu zu hören, begann in mir ein neues Leben zu wachsen. Heute ist mein Sohn mein größter Halt. Ich darf ihn beim Aufwachsen begleiten, während er mich ganz unbewusst auf meinem Weg zurück ins Hören begleitet. Während er die Welt entdeckt, lerne auch ich sie akustisch jeden Tag ein kleines Stück neu kennen. Seine Stimme hören zu dürfen, ist für mich ein Geschenk, das ich niemals als selbstverständlich ansehen werde.
Doch so viel Dankbarkeit ich auch empfinde, möchte ich die schweren Seiten meiner Geschichte nicht verschweigen. Der Hörverlust hat tiefe Spuren hinterlassen. Ich entwickelte Panikattacken und Angstzustände, vor allem aus Sorge um mein gesundes Ohr. Irgendwann musste ich sogar meinen geliebten Beruf in der Krippe aufgeben. Eine Entscheidung, die unglaublich wehgetan hat. Denn ich verlor nicht nur mein Gehör, sondern musste mich auch von einem Teil meiner Zukunft verabschieden, den ich mir einmal ganz anders vorgestellt hatte.
Ein Hörverlust hinterlässt eben auch Wunden, die von außen niemand sehen kann.
Heute gehört mein Cochlea-Implantat ganz selbstverständlich zu mir. Ich trage es bewusst offen, auch wenn es neugierige Blicke und viele Fragen mit sich bringt. Denn ich möchte zeigen, dass Hörhilfen nichts sind, wofür man sich schämen oder was man verstecken muss. Besonders durch meine Arbeit mit Kindern habe ich gelernt, wie wertvoll Offenheit ist. Kinder fragen neugierig und ohne Vorurteile. Genau diese Offenheit wünsche ich mir auch von unserer Gesellschaft.

Dank meines Implantats kann ich heute wieder an vielen Dingen teilnehmen, die lange kaum möglich waren. Gespräche mit mehreren Menschen, Geburtstage, Veranstaltungen, Konzerte oder einfach ein Hörbuch zu genießen – all das bedeutet mir heute unglaublich viel. Natürlich höre ich nicht wie früher. Mein Sprachprozessor braucht Pflege, Batterien oder Akkus, und in manchen Situationen stoße ich weiterhin an Grenzen. Auch die Angst um mein gesundes Ohr ist nicht einfach verschwunden. Aber ich habe gelernt, mit meiner neuen Realität zu leben.

Ich höre nicht wie du. Ich höre wie ich. Und das ist genug.
Wenn ich heute auf die letzten Jahre zurückblicke, sehe ich nicht nur Krankenhäuser, Operationen und Tränen. Ich sehe auch, wie sehr ich an diesen Erfahrungen gewachsen bin. Ich bin nicht mehr die Lara, die ich vor dem 29. März 2023 war. Ich bin vorsichtiger geworden, sensibler und manchmal ängstlicher. Aber ich bin auch dankbarer für Dinge, über die ich früher niemals nachgedacht hätte.
Und genau deshalb möchte ich meine Geschichte erzählen.
Als ich damals mit 22 Jahren plötzlich mein Gehör verlor, fühlte ich mich oft unglaublich allein. Ich kannte niemanden, der etwas Ähnliches erlebt hatte. Niemanden, der mir sagen konnte, wie es weitergeht, wie sich das Hören mit einem Implantat anfühlt oder ob irgendwann wieder ein Stück Normalität zurückkehrt.
Heute möchte ich für andere Menschen genau die Unterstützung sein, die ich mir damals so sehr gewünscht hätte. Ich möchte aufklären, Mut machen und zeigen, dass hinter einem Hörverlust so viel mehr steckt, als man von außen erkennen kann.
Mein Cochlea-Implantat hat mir mein altes Leben nicht zurückgegeben. Aber es hat mir geholfen, ein neues aufzubauen. Eines, in dem ich wieder hören, erleben, lachen und vor allem die Stimme meines Kindes wahrnehmen darf.
Manchmal verändert ein einziger Moment alles. Und manchmal braucht es einen einzigen Ton, um wieder Hoffnung zu schöpfen.
Meine Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Ich lerne jeden Tag dazu, wachse an meinen Herausforderungen und gehe meinen Weg weiter – mit meinem Implantat, meinem Sohn an meiner Seite und ganz viel Dankbarkeit im Herzen.
Believe in yourself. 💙
Lara
Oktober 2026
