Meine zweite Geburt
Zwischen Stille, Klang und meiner eigenen Identität
Von Arne
Ich bin 35 Jahre alt, von Geburt an gehörlos und trage seit 1996 ein Cochlea-Implantat, kurz CI, auf der linken Seite. Mein rechtes Ohr ist taub.
Seit über 30 Jahren begleitet mich dieses Implantat. Es ermöglicht mir, Stimmen zu hören, Musik zu genießen und Geräusche meiner Umgebung wahrzunehmen. Doch Hören bedeutet nicht automatisch Verstehen. Diese Erfahrung zieht sich durch mein ganzes Leben.
Eine Kindheit voller Fragen
Ich wurde Anfang der 1990er-Jahre in Schleswig-Holstein geboren und bin der einzige gehörlose Mensch in meiner gesamten Familie. Warum ich gehörlos geboren wurde, ist bis heute nicht geklärt.

In meiner Familie wird noch heute eine Geschichte aus meiner Babyzeit erzählt. Damals wurde ein sogenannter Klatsch-Test gemacht, bei dem jemand in meiner Nähe in die Hände klatschte. Ich erschrak tatsächlich. Heute vermuten wir, dass ich vielleicht die Bewegung gesehen oder eine Erschütterung gespürt hatte. Sicher wissen wir es nicht.
Für meine Eltern war meine Gehörlosigkeit zunächst eine große Herausforderung. Ohne Internet, Smartphones oder soziale Netzwerke mussten sie sich selbst informieren, nach Möglichkeiten suchen und Entscheidungen treffen. Eine davon war das Cochlea-Implantat.

Juli 1996: Meine zweite Geburt
Im Mai 1996 wurde ich in Freiburg operiert. Zwei Monate später erfolgte in Kiel die erste Anpassung meines CI. Ich war damals fast sechs Jahre alt.
Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich Geräusche und menschliche Stimmen wahr. Darunter waren auch die Stimmen meiner Eltern. Menschen, die mir seit meiner Geburt vertraut waren, deren Stimmen ich aber noch nie gehört hatte.
Plötzlich hatten diese vertrauten Menschen eine Stimme, die für mich völlig neu und fremd war.
Die ersten Höreindrücke waren überwältigend, unangenehm und teilweise schmerzhaft. Ich konnte die Geräusche noch nicht einordnen und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Als Kind empfand ich mein CI häufig als Fremdkörper und wollte es immer wieder abnehmen.
Heute bezeichne ich diesen Moment trotzdem als meine zweite Geburt. Nicht, weil damals alles schön war, sondern weil damit ein völlig neuer Abschnitt meines Lebens begann.
Hören lernen bedeutet nicht automatisch verstehen
Mit einem CI kann ich Geräusche wahrnehmen, aber mein Gehirn muss lernen, die Signale zu erkennen und zu deuten. Besonders in meiner Kindheit war das eine große Aufgabe.
Meine Eltern versuchten, mich möglichst in der hörenden Welt aufwachsen zu lassen. Gebärdensprache spielte in meiner Familie damals keine Rolle. Stattdessen lernte ich, mich auf gesprochene Sprache zu konzentrieren, Lippenbewegungen zu beobachten und fehlende Wörter aus dem Zusammenhang zu erschließen.
In Gruppengesprächen wurde es besonders schwierig. Während andere scheinbar mühelos miteinander redeten, versuchte ich, den Überblick zu behalten. Manchmal nickte oder lachte ich einfach mit, obwohl ich nicht alles verstanden hatte. Ich wollte nicht ständig nachfragen oder den Gesprächsfluss unterbrechen.
Wie viel Kraft mich diese ständige Konzentration kostete, konnte ich damals noch nicht richtig einordnen.
Meine Jugend: Eine zweite Welt entdecken
Mit der Pubertät veränderte sich vieles. Ich begann, mich häufiger gegen schulische Regeln aufzulehnen. Gleichzeitig wechselte ich von meiner bisherigen Schule für hörgeschädigte Kinder am Schultzweg in Hamburg auf ein Internat in Schleswig und später nach Essen.
Dort lebte ich mit vielen anderen hörgeschädigten Jugendlichen zusammen. Anfangs war das ungewohnt, doch ich fühlte mich zunehmend verbunden und zugehörig.
In der hörenden Welt hatte ich häufig das Gefühl, mich doppelt anstrengen zu müssen, um dasselbe zu erreichen wie andere. Im Internat war das anders. Ich lernte intensiv Gebärdensprache und konnte sie mit meinem Hören über das CI verbinden. Dadurch wurde die Kommunikation verständlicher und weniger anstrengend.
Zum ersten Mal erlebte ich, dass mein CI nicht der einzige Weg sein musste, um mit anderen Menschen zu kommunizieren.
Diese Erfahrung stärkte mein Selbstbewusstsein. Ich begann zu verstehen, dass meine Hörbehinderung nichts ist, wofür ich mich schämen muss. Ich musste nicht versuchen, wie ein hörender Mensch zu sein, um dazuzugehören.
Mein CI hatte mir die Welt der Geräusche eröffnet. Durch die Gebärdensprache entdeckte ich eine weitere Welt, in der ich mich zu Hause fühlen konnte.
Zwischen zwei Welten: Mein CI im Berufsleben
Von 2008 bis 2012 absolvierte ich meine Ausbildung zum Steinmetz auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Damit war ich im Berufsalltag wieder überwiegend von hörenden Menschen umgeben.
Die Kommunikation war nicht immer einfach. Manche Kollegen sprachen sehr schnell, hielten beim Reden die Hand vor den Mund oder rauchten eine Zigarette. Dadurch fehlten mir wichtige Informationen, denn neben dem Hören über mein CI helfen mir auch Lippenbewegungen und Mimik beim Verstehen.
Anfangs führte das häufig zu Konflikten. Doch inzwischen hatte ich gelernt, selbstbewusster mit meiner Hörbehinderung umzugehen. Ich sprach meine Bedürfnisse deutlicher an und machte klar, dass auch auf meine Kommunikation Rücksicht genommen werden musste. Mit der Zeit entwickelten meine Kollegen mehr Verständnis, und unsere Zusammenarbeit verbesserte sich.
Während der Ausbildung besuchte ich regelmäßig den Blockunterricht in Essen. So pendelte ich zwischen zwei Welten: Auf der Arbeit war ich überwiegend auf mein CI und die gesprochene Sprache angewiesen, während ich in der Schule zusätzlich Gebärdensprache nutzen konnte.
Diese Zeit zeigte mir, wie unterschiedlich Kommunikation sein kann, obwohl ich in beiden Umgebungen derselbe Mensch mit demselben CI war.
Mein CI heute: Möglichkeiten und Grenzen
Heute arbeite ich als biologisch-technischer Assistent in einem Labor. Auch dort waren meine Kollegen anfangs manchmal unsicher, wie sie mit meiner Hörbehinderung umgehen sollten.
Durch meinen entspannten und humorvollen Umgang wurde es für sie leichter, Fragen zu stellen. Mir ist es lieber, wenn jemand offen nachfragt, statt aus Unsicherheit falsche Annahmen zu treffen.
Auch die Technik erleichtert mir inzwischen vieles. Mein Arbeitshandy kann ich über Bluetooth direkt mit meinem CI verbinden und damit problemlos telefonieren. Wenn ich an meine ersten Höreindrücke von 1996 denke, ist das für mich eine bemerkenswerte Entwicklung.

Trotzdem gibt es weiterhin Grenzen. Eine meiner größten Herausforderungen sind englischsprachige Meetings. Selbst mit CI kann ich solchen Gesprächen nur schwer folgen und nutze deshalb Live-Untertitelung.
Doch auch damit bleibt es mühsam. Ich muss gleichzeitig lesen, Informationen verarbeiten und dem Gesprächsverlauf folgen. Die Technik unterstützt mich, nimmt mir aber nicht die gesamte Anstrengung ab.
Wenn das Hören Kraft kostet
Etwas, das viele hörende Menschen unterschätzen, ist die geistige Belastung beim Hören mit einem CI.
Besonders bei Hintergrundgeräuschen, Gruppengesprächen oder längeren Besprechungen muss ich mich stark konzentrieren. Manchmal führt das zu Kopfschmerzen, seltener auch zu Tinnitus.
Nach einem langen Arbeitstag freue ich mich deshalb oft darauf, mein CI abzunehmen.
Dann wird es still. Ich muss keine Stimmen mehr verfolgen, keine Geräusche einordnen und nicht ständig versuchen, etwas zu verstehen. Diese Stille empfinde ich als unglaublich erholsam, manchmal sogar so angenehm, dass sie fast süchtig machen kann.
Gleichzeitig bin ich froh, dass ich hören kann. Ich liebe Musik, das Knistern eines Lagerfeuers und die Stimmen von Menschen, die mir wichtig sind.

Für mich ist das kein Widerspruch. Ich schätze die Klänge, die mir mein CI ermöglicht, genauso wie die Ruhe, wenn ich es ablege.
Was ich in über 30 Jahren mit CI gelernt habe
Meine Erfahrungen mit der Gehörlosigkeit und dem CI haben nicht nur mein Hören, sondern auch meine Persönlichkeit geprägt.
Ich habe gelernt, mich selbst zu reflektieren, Geduld zu entwickeln und mich besser in andere Menschen hineinzuversetzen. Auch das Zuhören gehört heute zu meinen Stärken.
Das mag für einen gehörlosen Menschen ungewöhnlich klingen. Doch Zuhören bedeutet für mich mehr als das akustische Wahrnehmen von Worten. Es bedeutet, aufmerksam zu sein und verstehen zu wollen, was andere Menschen mitteilen möchten.
Außerdem habe ich gelernt, nach Lösungen zu suchen, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert.
Natürlich möchte ich meine Gehörlosigkeit nicht romantisieren. Nicht jede Schwierigkeit macht einen Menschen automatisch stärker, und manche Belastungen begleiten mich bis heute.
Aber ich habe gelernt, meine Gehörlosigkeit als Teil meiner Identität anzunehmen.
Ich bin kein hörender Mensch, der zufällig ein Hörproblem hat. Ich bin ein gehörloser Mensch, der mithilfe eines Cochlea-Implantats hören kann.
Die hörende und die gehörlose Welt gehören beide zu meinem Leben.
Meine zweite Geburt war erst der Anfang
Wenn ich heute auf die vergangenen 30 Jahre zurückblicke, denke ich nicht nur daran, wie sich mein Hören verändert hat, sondern auch daran, wie sehr ich mich selbst verändert habe.
Als Kind wollte ich mein CI manchmal am liebsten abnehmen. Als Jugendlicher entdeckte ich durch die Gebärdensprache eine neue Form der Verständigung und das Gefühl, dazuzugehören. Im Berufsleben lernte ich, für meine Bedürfnisse einzustehen.
Heute kann ich mein CI wertschätzen, ohne seine Grenzen zu verschweigen.
Ich wünsche mir, dass hörende Menschen eines besser verstehen:
Menschen mit Cochlea-Implantat können hören, aber nicht immer alles verstehen.
Manchmal hilft es schon, deutlich zu sprechen, das Gesicht zuzuwenden oder einen Satz anders zu formulieren. Es geht nicht um Mitleid, sondern um gegenseitiges Verständnis.
Mein CI hat mir viele Möglichkeiten eröffnet. Doch auch die Gebärdensprache, meine Erfahrungen und die Menschen, denen ich begegnet bin, haben meinen Weg geprägt.
Meine zweite Geburt im Juli 1996 war der Anfang einer langen Entwicklung.
Damals musste ich lernen, mit meinem CI zu hören. Heute lerne ich, auch auf mich selbst zu hören.
Arne
Oktober 2026
