Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Cochlea-Implantat
Von Karl Heinz Pier

Ein Leben zwischen der gehörlosen und der hörenden Welt – mit vielen Herausforderungen, Liebe, Hoffnung und dem Wunsch nach Gerechtigkeit.
Mein Name ist Karl-Heinz Pier, ich werde Kalle genannt, ich wurde am 2. April 1964 geboren. Heute bin ich 62 Jahre alt. Vermutlich bin ich seit meinem dritten Lebensjahr taub. Die genaue Ursache ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Trotzdem hatte ich in meiner frühen Kindheit einen guten Spracherwerb, dennoch ist meine Muttersprache die Deutsche Gebärdensprache. Früher trug ich zunächst Taschenhörgeräte und später Hörgeräte hinter dem Ohr.
Ich wuchs in einer Zeit auf, in der gehörlose Menschen ganz andere Möglichkeiten hatten als heute.
Die Gebärdensprache wurde damals nicht ausreichend anerkannt. Viele Erwachsene glaubten, dass gehörlose Kinder möglichst gut sprechen und Lippen ablesen lernen müssten. Gerade deswegen ist und war meine Muttersprache die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Sie gehört zu meiner Identität.
Meine Schulzeit in Münster – 1969 bis 1980
1969 kam ich im Alter von fünf Jahren nach Münster. Dort besuchte ich zunächst den Kindergarten für gehörlose Kinder. Von 1970 bis 1980 ging ich auf die Gehörlosenschule in Münster. Ein großer Teil meiner Kindheit spielte sich in der Schule und im Internat ab.
Die schulische Erziehung war damals sehr streng. Viel Wert wurde auf Lautsprache und Lippenlesen gelegt. Die Gebärdensprache wurde dagegen nicht ausreichend gefördert. Ich hätte mir gewünscht, dass wir gehörlosen Kinder eine bessere Bildung und mehr Unterstützung bekommen hätten.
Viele Kinder meiner Generation konnten ihre Fähigkeiten nicht vollständig entwickeln, weil ihnen wichtige sprachliche und schulische Grundlagen fehlten. Diese Nachteile habe ich später auch in meinem Erwachsenenleben gespürt.
Die schweren Jahre im Internat
Meine Zeit im Internat gehört zu den dunkelsten Kapiteln meines Lebens. Ich musste dort Gewalt, Demütigungen, sexuellen Missbrauch und Zwangsarbeiten erleben. Als Kind konnte ich mich kaum dagegen wehren.
Wir waren auf Erwachsene angewiesen, die uns eigentlich hätten beschützen sollen. Statt Sicherheit und Geborgenheit erlebte ich Angst und Hilflosigkeit. Viele dieser Erfahrungen habe ich über Jahrzehnte mit mir getragen.
Erst später wurde mir bewusst, wie stark diese Erlebnisse mein Leben beeinflusst haben. Bis heute leide ich unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Manche Erinnerungen bleiben ein Leben lang. Ich kann meine Kindheit nicht zurückholen. Aber ich möchte, dass das damalige Unrecht anerkannt wird und dass solche Dinge nie wieder passieren.
Mein Weg in die Erwachsenenwelt
Nach meiner Schulzeit im Jahr 1980 begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich wollte arbeiten, selbstständig sein und mein eigenes Leben aufbauen. Doch als gehörloser Mensch war das nicht immer einfach.
Damals gab es kaum Gebärdensprachdolmetscher und nur wenig Unterstützung für gehörlose Menschen im Berufsleben. Bei Behörden, Arbeitgebern und im Alltag musste ich immer wieder Kommunikationsbarrieren überwinden. Trotzdem wollte ich meinen eigenen Weg gehen.
Ich habe im Laufe meines Lebens gearbeitet, Verantwortung übernommen und gelernt, mich auch in schwierigen Situationen durchzusetzen. Arbeit bedeutete für mich nicht nur Geld, sondern auch Selbstständigkeit, Anerkennung und Lebensqualität.
Meine Familie – das Wichtigste in meinem Leben
Ein besonders wertvoller Teil meines Lebens sind meine Kinder und Enkelkinder. Ich habe zwei erwachsene, hörende Kinder. Meine Tochter Leandra und meine Familie bedeuten mir sehr viel.
Inzwischen bin ich auch stolzer zweifacher Großvater. Es macht mich glücklich, die Entwicklung meiner Enkelkinder mitzuerleben.

Meine Kinder können auch etwas Gebärdensprache. Darüber freue ich mich sehr. Durch meine Cochlea-Implantate kann ich heute zusätzlich besser mit meiner hörenden Familie kommunizieren. Ich wünsche mir, dass meine Kinder und Enkelkinder gesund, glücklich und in Frieden leben können.
Meine gesundheitlichen Probleme seit 1989
1989 verschlechterte sich mein Gesundheitszustand deutlich. Ich litt unter starkem Tinnitus, Gleichgewichtsstörungen, massivem Schwindel und häufigem Erbrechen.
Zeitweise vermuteten die Ärzte Morbus Menière. Dieser Verdacht bestätigte sich zum Glück nicht. Die Beschwerden belasteten mich sehr. Mit den Jahren wurde besonders mein Tinnitus immer schlimmer. Irgendwann konnte ich meine Hörgeräte nicht mehr ertragen. Ich fragte mich, ob es überhaupt noch eine Möglichkeit gab, mein Hören zu verbessern.
Die erste Begegnung mit dem Cochlea-Implantat
Während einer freiwilligen Rehabilitationsmaßnahme über die Deutsche Rentenversicherung war ich ca. 2008 wegen eines Erschöpfungssyndroms in der Baumrainklinik in Bad Berleburg. Dort empfahl mir Dr. Roland Zeh erstmals eine Cochlea-Implantation.
Anfangs war ich strikt dagegen. Ich hatte große Angst vor der Operation. Besonders fürchtete ich eine mögliche Gesichtsnervenlähmung oder einen metallischen Geschmack auf der Zunge. Ich habe lange darüber nachgedacht und gezögert.

Dann lernte ich eine Frau kennen, die bereits ein Cochlea-Implantat trug. Sie erzählte mir von ihren Erfahrungen und beantwortete meine Fragen. Durch diesen persönlichen Austausch verlor ich langsam meine Angst. Schließlich entschied ich mich für die Operation.
Mein erstes Cochlea-Implantat in Essen
Meine erste Cochlea-Implantation fand 2009 in der HNO-Klinik in Essen statt. Die Operation verlief für mich erfolgreich. Meine befürchteten Komplikationen traten nicht ein. Die erste Anpassung war ein ganz besonderer Moment.
Plötzlich konnte ich Geräusche wahrnehmen, die ich vorher kaum oder gar nicht gehört hatte. Das Ticken einer Wanduhr, das Rascheln von Blättern im Wald und Windgeräusche waren für mich völlig neue Erfahrungen. Ich hatte das Gefühl, ungefähr zehnmal besser hören zu können als vorher.
Gleichzeitig war es anstrengend, weil mein Gehirn erst lernen musste, die neuen Geräusche zu verarbeiten. Ich empfand Freude, Staunen und manchmal auch Überforderung. Besonders glücklich war ich darüber, dass mein Tinnitus deutlich zurückging.
2013 bekam ich dann auch auf der zweiten Seite ein Cochlea-Implantat. Heute trage ich zwei Cochlea-Implantate von Cochlear und habe diese Entscheidung nie bereut.
Meine neue Welt der Geräusche und Musik
Mit meinen Cochlea-Implantaten hat sich meine Wahrnehmung verändert. Ich kann viele Geräusche hören, die früher für mich nicht zugänglich waren. Auch Musik spielt heute eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich höre gerne klassische Musik, besonders ruhige und traurige Stücke. Im Auto mag ich auch kräftige Bässe. Gesungene Texte verstehe ich allerdings nicht immer gut. Englische Lieder sind besonders schwierig. Auch bei deutschen Liedern erkenne ich nicht jedes Wort. Männliche Stimmen verstehe ich häufig besser als hohe Frauenstimmen. Ein Cochlea-Implantat ersetzt kein natürliches Gehör. Aber für mich persönlich hat es die Lebensqualität deutlich verbessert. Manchmal genieße ich auch die Stille, indem ich meine Sprachprozessoren ausschalte.
Meine Muttersprache bleibt die Gebärdensprache
Eines ist für mich ganz klar: Ich bin gehörlos, und meine Muttersprache ist die Deutsche Gebärdensprache. Ich bin in der gehörlosen Gemeinschaft aufgewachsen. Die Gebärdensprache gehört zu meiner Persönlichkeit und meiner Kultur. Auch mit zwei Cochlea-Implantaten bleibe ich ein gehörloser Mensch. Ich möchte meine Implantate nicht verstecken. Im Gegenteil: Ich trage sie offen und bin froh, dass es diese Technik gibt.
Ich kann die Gebärdensprache lieben und gleichzeitig von der modernen Hörtechnik profitieren. Für mich ist das kein Widerspruch. Ich lebe zwischen zwei Welten und möchte beide miteinander verbinden.
Mein Berufsleben und meine Rente
Trotz gesundheitlicher Einschränkungen wollte ich immer beruflich aktiv bleiben. Seit November 2022 beziehe ich eine volle Erwerbsminderungsrente. Doch das bedeutete für mich nicht, dass ich vollständig aufhören wollte zu arbeiten.
In den vergangenen Jahren war ich unter anderem in der Reinigung tätig. Ich habe dort zuverlässig gearbeitet und meine Aufgaben ernst genommen. 2026 bekam ich die Möglichkeit, beruflich noch einmal neu anzufangen.
Bei Wefapress in Vreden soll ich ab dem 2. November 2026 im Produktionsbereich arbeiten. Mit 62 Jahren freue ich mich auf diese neue Herausforderung. Ich möchte weiterhin aktiv bleiben und arbeiten, solange meine Gesundheit es zulässt.
Mein Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit
Im Januar 2024 stellte ich einen Antrag nach dem Opferentschädigungsrecht. Ich wollte erreichen, dass die Gewalt und der Missbrauch aus meiner Kindheit offiziell anerkannt werden. Das Verfahren läuft beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster. Im Juni 2026 wurde mir mitgeteilt, dass die Gewalttaten anerkannt wurden. Das war für mich ein wichtiger Schritt.
Allerdings ist die medizinische Prüfung der gesundheitlichen Folgen noch nicht abgeschlossen. Auch über mögliche Entschädigungsleistungen wurde noch nicht endgültig entschieden. Das lange Warten belastet mich. Ich wünsche mir endlich Klarheit und Gerechtigkeit. Es geht mir nicht nur um Geld. Es geht um die Anerkennung des Unrechts, das mir als Kind angetan wurde. Und es geht darum, dass die Erfahrungen gehörloser Kinder aus früheren Generationen nicht vergessen werden.
Meine Liebe zu Anja – ein neues Kapitel
Am 27. Dezember 2024 begann meine Beziehung mit Anja. Wir sind beide gehörlos und können uns in unserer gemeinsamen Muttersprache, der Deutschen Gebärdensprache, verständigen. Das verbindet uns auf eine besondere Weise.
Im Oktober 2025 begann für uns ein weiterer neuer Lebensabschnitt: Wir zogen nach Coesfeld. Dort fanden wir ein gemeinsames Zuhause. Am 26. Juni 2026 heirateten wir im Heimathaus Lette in Coesfeld-Lette.
Es war ein besonderer Tag mit unserer Familie und unseren Gästen. Anschließend feierten wir bei einem gemeinsamen Essen im Landhotel Hermanns Höhe in Legden. Nach unserer Hochzeit verbrachten wir unsere Flitterwochen auf Gran Canaria. Diese Zeit war für uns wunderschön.Anja bedeutet mir sehr viel.

Wir teilen unseren Alltag, unsere Erlebnisse und unsere Zukunftspläne. Nach vielen schwierigen Erfahrungen in meinem Leben genieße ich es, mit ihr gemeinsam nach vorne zu schauen.
Meine Gesundheit und mein Leben heute
Mit zunehmendem Alter ist mir meine Gesundheit besonders wichtig geworden. 2021 hatte ich eine Herzklappenoperation. Auch andere gesundheitliche Probleme haben mich in den vergangenen Jahren beschäftigt. 2026 musste ich wegen eines Nierensteins operiert werden. Solche Erfahrungen zeigen mir, wie wichtig Gesundheit ist.
Ich möchte auf mich achten, mich bewegen und möglichst lange selbstständig bleiben. Ich fahre gerne Fahrrad, reise gerne und interessiere mich für Fotografie. Besonders gerne fotografiere ich Menschen.
Auch Kreuzfahrten und gemeinsame Urlaubsreisen mit Anja gehören zu unseren Interessen. Ich möchte mein Leben genießen und noch viele schöne Erinnerungen sammeln.
Mein Wunsch für gehörlose Kinder
Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, wünsche ich mir vor allem eines: Dass gehörlose Kinder heute und in Zukunft bessere Möglichkeiten bekommen. Sie sollen eine gute schulische Bildung erhalten und ihre Fähigkeiten frei entwickeln können. Sie sollen Zugang zur Gebärdensprache haben und gleichzeitig moderne Hörtechnik nutzen können, wenn sie und ihre Familien sich dafür entscheiden. Kein Kind sollte wegen seiner Gehörlosigkeit benachteiligt werden.
Kein Kind sollte Gewalt oder Demütigungen erleben müssen. Und kein gehörloses Kind sollte gezwungen werden, seine eigene Sprache und Identität aufzugeben. Ich hoffe, dass die Gesellschaft aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.
Mein Wunsch nach Frieden
Wenn ich heute die Nachrichten sehe, mache ich mir manchmal Sorgen um die Zukunft. Die politischen Spannungen und Kriege auf der Welt beunruhigen mich. Besonders denke ich dabei an meine Kinder, meine Enkelkinder und meine Frau Anja.
Ich wünsche mir, dass sie in Sicherheit leben können. Ich hoffe auf eine Welt mit mehr Menschlichkeit, Verständnis und Frieden. Denn Frieden ist für mich wichtiger als Macht, Hass und Streit.
Mein Blick in die Zukunft – Oktober 2026
Heute bin ich 62 Jahre alt. Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, sehe ich viele schwierige Jahre. Ich habe Gewalt erlebt, gesundheitliche Probleme überwunden und immer wieder kämpfen müssen. Aber ich habe auch schöne Erfahrungen gemacht.
Ich habe zwei Kinder, Enkelkinder und mit Anja eine liebevolle Partnerin an meiner Seite. Ich habe durch meine Cochlea-Implantate eine neue Hörwelt kennengelernt.
Und ich habe gelernt, dass man auch nach schweren Zeiten neue Wege finden kann. Jetzt freue ich mich auf meinen neuen Arbeitsplatz und auf die kommenden Jahre. Ich möchte gesund bleiben, mit Anja reisen, Zeit mit meiner Familie verbringen und mein Leben genießen.
Ich wünsche mir außerdem, dass mein Entschädigungsverfahren endlich zu einem gerechten Abschluss kommt.
Mein persönliches Schlusswort
Mein Leben war nicht immer leicht. Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich als gehörloses Kind bessere Bildungschancen gehabt hätte und vor Gewalt geschützt worden wäre. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern.
Aber ich kann über meine Erfahrungen sprechen und dafür eintreten, dass andere Menschen nicht dasselbe erleben müssen. Ich bin stolz auf meine Gebärdensprache, meine gehörlose Identität und auf das, was ich trotz vieler Schwierigkeiten erreicht habe.
Meine Cochlea-Implantate haben mir eine neue Klangwelt eröffnet. Meine Familie und meine Frau Anja geben meinem Leben Liebe und Freude. Und meine Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden bleibt bestehen.
Ich bin Kalle. Ich bin gehörlos. Ich trage zwei Cochlea-Implantate. Ich liebe die Gebärdensprache. Und ich bin stolz darauf, meinen eigenen Weg gegangen zu sein. Für meine Entscheidung war der Austausch mit einem Menschen, der selbst ein CI trägt, besonders hilfreich. Deshalb möchte ich meine Erfahrungen weitergeben – vielleicht helfen sie anderen, die noch vor dieser Entscheidung stehen.
Karl-Heinz „Kalle“ Pier
Coesfeld, Oktober 2026