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Im Alter von 2 1/2 Jahren ertaubte ich infolge einer Meningitisinfektion und deren Behandlung durch das Antibiotikum Streptomycin.
 
Da es zur damaligen Zeit noch keine Spezialkurse (Absehen etc.) für Gehörlose gab, behandelten mich meine Eltern und Großeltern wie ein hörendes Kind. Sie schickten mich im Alter von drei Jahren immer zum Einkaufen, damit ich unter Menschen kam und sprechen musste und somit selbständig wurde.
 
Zu dieser Zeit gab es noch die „Tante Emma Läden“, keine Supermärkte. Ich bekam bei den Einkäufen nie einen Einkaufs-Zettel mit. Mir wurde immer gesagt, was ich holen muß, z.B. einen Liter Milch, ein Kilo Brot, etc., immer soviel, wie ich in diesem Alter tragen konnte. In den entsprechenden Läden musste ich dann meine Wünsche äussern. Wenn ich es falsch oder unklar ausgesprochen habe, haben die Ladeninhaber mich nicht verstanden und so musste ich es wiederholen. Das war eine gute Therapie für mich.
 
Auch das Verstehen meinerseits, was die Mitmenschen zu mir sagten, war nicht einfach, zumal sie vollkommen normal zu mir sprachen. Ich lernte so von den Lippen abzulesen. Auch die Vielfalt der unterschiedlichen Lippenbewegungen waren eine Herausforderung für mich. Vor meiner Einschulung erhielt ich eine private therapeutische Sprachbehandlung bei einem pensionierten Schuldirektor einer Gehörlosenschule, um meine Aussprache zu verfeinern.
 
Mit fast sieben Jahren kam ich dann in die August-Henze-Schule in Frankfurt am Main und machte dort später auch meinen Abschluß.
 
Nach dem Schulabschluß begann ich eine Lehre als technische Zeichnerin in der Mess- und Regeltechnik. Ich besuchte zeitgleich eine normale Berufsschule. In dem Beruf als technische Zeichnerin arbeitete ich, bis mein erster Sohn geboren wurde. Nach der Geburt meines zweiten Sohnes entdeckte ich meine Begabung zur Kunst. Ich machte eine Ausbildung bei namhaften Textil-KünstlerInnen im In- und Ausland. Nach kurzer Zeit habe ich so viel gelernt, dass ich ebenfalls Kurse und Seminare geben konnte. Auch an Ausstellungen im In- und Ausland war und bin ich beteiligt.
 
Nach einiger Zeit genügte mir diese Kunst nicht mehr und ich machte eine zusätzliche Ausbildung als Film- und Bühnencosmetologin. In diesem Beruf arbeitete ich 5 Jahre. Dann wollte ich mich verändern und suchte eine neue Herausforderung. Heute arbeite ich als Verkäuferin in einem Store für Damenoberbekleidung.
 
Ohne diese Wegbereitung, die ich als Kind erfahren habe, wäre es mir heute nicht möglich dies alles zu bewerkstelligen.
 
Meine CI-Implantation im Jahre 1988 sehe ich als eine Bereicherung in meinem Leben an. Zu dieser Implantation kam es durch einen Zufall. Ich hatte nie vorgehabt etwas gegen meine Gehörlosigkeit zu tun – kam ich doch wunderbar zurecht damit. Aber meine Neugier siegte – ich las in der Tageszeitung einen Bericht von der Universitätsklinik Frankfurt/Main über deren Erfolge, dass Taube durch eine Implantation wieder hören konnten. Da ich kurz vorher in einer anderen Zeitschrift von der gleichen Implantation - durchgeführt in Hannover- las, interessierte es mich genaueres zu erfahren.
 
Also schrieb ich an die Klinik in Frankfurt, und es dauerte nicht lange bis man mir einen Termin gab. Meiner Familie erzählte ich vorerst nichts von meinem Vorhaben. Ich sah auch keinen Sinn darin, da ich selbst noch nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Ausserdem glaubte ich zu diesem Zeitpunkt nicht daran, dass eine solche Implantation bei mir durchführbar sein könnte. Als dann nach umfangreichen Untersuchungen feststand, dass eine Implantation möglich ist, entschloß ich mich spontan dazu und informierte dann meine Familie.
 
Am 26. Mai 1988 war es dann soweit und ich wurde in Frankfurt als dritte Patientin implantiert. Am 16. Juni 1988 wurde der Sprachprozessor angepasst und ich konnte hören. Oh, welch komisches Gefühl. Da ich keinerlei Erinnerung an das Hören hatte, war es schon ein Erlebnis für mich. Am Anfang war für mich das Hören ein undefinierbares Etwas von Geräuschen, bis sich nach und nach bestimmte Geräusche herauskristallisierten.
 
Es war eine harte Arbeit all die vielen Höreindrücke zu unterscheiden und ihrer Bestimmung nach zuzuordnen. Heute kann ich erstaunlich viel hören und unterscheiden. Die Sprache verstand ich anfangs überhaupt nicht, wenn, dann nur in Verbindung mit dem Mundbild. Später hatte ich manchmal Schwierigkeit ohne das CI - nur über das Lippenlesen - zu verstehen.
 
Rückblickend muß ich sagen, dass ich mehr erreicht habe, als ich für möglich hielt und habe es nicht bereut, dass ich mich habe implantieren lassen. Heute trage ich das Implantat nicht mehr so oft. Ich komme ohne es bestens aus. Ich kann wieder sehr gut Lippenablesen.
 
Das CI trage ich nur in wichtigen Situationen - wenn ich Seminare besuche und selber Seminare gebe, im Geschäft wenn Hören erforderlich ist und bei vielen anderen Gelegenheiten.
 
Nachdem ich implantiert wurde, hatte ich das Bedürfnis mit anderen „LeidensgenossenInnen“ Hör-Erfahrungen auszutauschen. Es gab keine Möglichkeit, es waren zu wenige Implantierte in ganz Deutschland. So kam mir die Idee die „Cochlea-Implantat Selbsthilfegruppe Hessen“ zu gründen, deren Vorsitzende ich 14 Jahre lang war.