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Melia hört die Welt

Melia hört die Welt

Von Samira Memedova

Unser Weg begann direkt bei der Geburt, als sich im Krankenhaus erste Auffälligkeiten beim Hörtest zeigten. Bis wir endlich die Gewissheit durch die Fachärzte hatten, verging eine unglaublich harte Zeit voller Ungewissheit – auch, weil ein notwendiges MRT erst ab einem bestimmten Alter gemacht werden konnte.

Als dann feststand, dass ein Cochlea-Implantat (CI) die Lösung sein kann, durchlebten mein Mann und ich ein absolutes Wechselbad der Gefühle. Wir selbst sind normal hörend und in unserer gesamten Familie und im Umfeld gab es niemanden, der diese Erfahrung schon einmal gemacht hatte. Uns schossen unendlich viele Fragen durch den Kopf: Wie werden wir mit ihr kommunizieren? Wie wird ihr Leben und ihre Zukunft aussehen? Klappt das überhaupt alles mit den Implantaten? Wird sie jemals hören und sprechen lernen? Wird sie in der Schule gemobbt werden? Wie bewältigen wir die vielen Arzttermine und wird sie einmal selbstständig sein können? 

Von allen Seiten hörten wir immer wieder: „Macht euch keine Gedanken, das wird schon alles gut werden!“ Aber die Sorgen lassen sich nicht einfach so abschalten. Man findet erst dann wirklich Ruhe, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Doch im Januar, bei der ersten Anpassung, passierte dieses unfassbare Wunder: Mein Mann klopfte auf den Tisch, Melia drehte sich um und machte es einfach nach. 

In dieser intensiven Zeit der Vorbereitung und Recherche haben wir uns natürlich überall nach Informationen umgesehen. Dabei haben wir uns oft gefragt: Wieso haben wir eigentlich vorher noch nie etwas von Cochlea-Implantaten gehört? Warum kannten wir das überhaupt nicht? Jedes Kind weiß, was eine Brille ist, oder kennt Rollstühle aus Büchern und Medien. Aber über CIs gab es für Kinder einfach so gut wie gar nichts.

Da dachte ich mir: Das kann nicht sein. Warum gibt es kein Buch, in dem sich betroffene Kinder wiederfinden und durch das normal hörende Kinder ganz unbefangen mit dem Thema vertraut gemacht werden? Ich wollte, dass meine Tochter später einmal ein Buch in den Händen hält, in dem sie sich selbst widerspiegelt, und dass andere Kinder ganz selbstverständlich lernen, was ein Cochlea-Implantat ist und wofür es da ist – genau so, wie sie es von einer Brille wissen. 

Also habe ich mich selbst ans Werk gemacht und das Buch „Melia hört die Welt“ ins Leben gerufen, in dem auch einfache Gebärden enthalten sind. 

Wenn wir heute auf alles zurückblicken, wird uns erst klar, was für eine wahnsinnig harte Zeit das war. Umso schöner ist es zu sehen, wie großartig sich alles entwickelt. Melia liebt Musik, sie tanzt und versucht jeden Tag, neue Wörter zu sprechen. Allen Eltern, die heute an dem Punkt stehen, an dem wir damals waren, möchte ich Mut zusprechen: Macht euch nicht zu viele Gedanken. Solange es keine anderen Beeinträchtigungen gibt, wird am Ende hoffentlich alles gut.

Das Buch kostet 24,95 € zzgl. Versand und kann per E-Mail an melias.buecherwelt@gmx.de, über Instagram bei @meliasbuecherwelt oder direkt im Shop von Karin Kestner bestellt werden.

Liebe Grüße
Samira Memedova
Juni 2026

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Nach Jahrzehnten der einseitigen Taubheit begann für mich ein neues Hören

Nach Jahrzehnten der einseitigen Taubheit begann für mich ein neues Hören

Von Johanna Blichmann

Ich bin Johanna, 37 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Seit meiner frühen Kindheit lebe ich mit einer einseitigen Taubheit auf dem linken Ohr.

Bis heute weiß niemand mit Sicherheit, warum ich auf dem linken Ohr taub bin. Drei Wochen nach meiner Geburt erlitt ich mehrere Hirnblutungen. Damals erhielt ich lebenswichtige Medikamente, darunter auch Antibiotika. Rückblickend lässt sich nicht mehr feststellen, ob die Hirnblutungen selbst oder die Behandlung die Ursache für meine einseitige Taubheit waren.

Lange Zeit beschäftigte mich diese Frage sehr. Irgendwann musste ich akzeptieren, dass ich vermutlich nie eine eindeutige Antwort bekommen werde. Die Tatsache blieb: Mein linkes Ohr war taub, und mein rechtes Ohr musste viele Jahre die gesamte Hörarbeit übernehmen.

Meine Eltern bemerkten schon früh, dass ich auf einer Seite nicht hörte. Bereits als Kind wurde mir geraten, in der Schule möglichst weit vorne zu sitzen. Ich wollte jedoch nicht anders sein als die anderen und versuchte, meine Einschränkung zu verdrängen – manchmal auch aus Trotz.

In der Schule brachte die einseitige Taubheit viele Herausforderungen mit sich. Gespräche in Gruppen, Unterricht in lauten Klassenräumen oder Ansprachen von der linken Seite waren für mich oft schwierig. Ich brauchte einfach länger zum Lernen und Verstehen. Zweimal wurde ich zurückgestuft, ohne dass damals ein Zusammenhang zu meiner Hörsituation hergestellt wurde.

Da man mir meine Hörbehinderung nicht ansah, sprach ich nur selten darüber. Ich wollte dazugehören und möglichst nicht auffallen. Viele Menschen glauben, dass ein gutes Ohr ausreicht. Wer selbst betroffen ist, weiß jedoch, wie anstrengend es sein kann, ständig konzentriert zuhören zu müssen und Geräusche oder Stimmen nicht richtig orten zu können.

Auch während meiner Ausbildung und später im Berufsleben machte ich die Erfahrung, dass unsichtbare Behinderungen oft missverstanden werden. Nach einigen enttäuschenden Erlebnissen sprach ich viele Jahre kaum noch über meine Hörsituation und versuchte, mit den Herausforderungen allein zurechtzukommen.

Mit den Jahren wurde das Hören jedoch immer anstrengender. Vor allem in größeren Gruppen oder in lauter Umgebung merkte ich, wie viel Energie mich das Verstehen kostete.

Bereits 2015 wurde ich an die Universitätsklinik Frankfurt überwiesen, um die Möglichkeiten einer Cochlea-Implantat-Versorgung prüfen zu lassen. Nach verschiedenen Untersuchungen wurde mir jedoch mitgeteilt, dass eine CI-Versorgung nicht infrage komme. Man ging davon aus, dass ich auf dem linken Ohr bereits zu viele Jahre nichts mehr gehört hatte. Zudem wäre die Finanzierung durch die gesetzliche Krankenkasse in meinem speziellen Fall nicht gewährleistet gewesen.

Stattdessen erhielt ich die Empfehlung, eine CROS-Versorgung auszuprobieren. Ich testete das System einige Zeit, stellte jedoch schnell fest, dass es für mich keine wirkliche Hilfe war. Im Gegenteil: Die zusätzlichen Höreindrücke empfand ich häufig als anstrengend und stressig. Einen spürbaren Gewinn für meinen Alltag konnte ich dadurch nicht erreichen.

Damals wusste ich nicht, dass man die Funktion des Hörnervs gezielt testen kann. Deshalb hinterfragte ich die Einschätzung nicht weiter und ging viele Jahre davon aus, dass ein Cochlea-Implantat für mich keine Option sei.

Ich ließ das Thema Hören ruhen und akzeptierte meine Situation, auch wenn das meinen Alltag keineswegs einfacher machte. Der Hörstress nahm über die Jahre zu, und ich mied zunehmend Situationen mit schlechter Akustik. Immer häufiger suchte ich die Stille.

Die Wende kam 2022 eher zufällig. Eigentlich war ich wegen einer Mandeloperation in der HNO-Klinik Fulda. Mit meiner Hörsituation hatte dieser Aufenthalt zunächst gar nichts zu tun.

Während der Visite kam ich mit Prof. Dr. Schwager ins Gespräch und erzählte ihm von meiner einseitigen Taubheit. Er hörte aufmerksam zu und ermutigte mich, die Möglichkeiten einer Cochlea-Implantat-Versorgung noch einmal prüfen zu lassen.

Im November 2022 wurde erstmals untersucht, ob mein Hörnerv auf der tauben Seite noch funktionsfähig ist. Für mich war das etwas völlig Neues. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass man so etwas testen kann.

Den Tag, an dem der Promontorialtest stattfand, werde ich nie vergessen. Ehrlich gesagt hatte ich keine großen Erwartungen. Über viele Jahre war ich davon ausgegangen, dass auf meinem linken Ohr nichts mehr möglich sei.

Als ich während des Tests plötzlich einen Ton wahrnahm, konnte ich es kaum fassen. Mehrmals fragte ich nach, ob das wirklich sein könne oder ob ich mir das vielleicht nur einbildete. Nach so vielen Jahren einseitiger Taubheit war dieser Moment für mich kaum zu begreifen.

Für die Fachleute war es vermutlich einfach ein Untersuchungsergebnis. Für mich war es der erste konkrete Hinweis darauf, dass vielleicht doch noch eine Möglichkeit besteht, auf dieser Seite wieder Höreindrücke wahrzunehmen.

Nach weiteren Untersuchungen erhielt ich schließlich die Nachricht, mit der ich nicht mehr gerechnet hatte: Ein Cochlea-Implantat könnte mir tatsächlich helfen.

Diese Aussicht gab mir neue Hoffnung. Nach sorgfältiger Vorbereitung entschied ich mich für die Operation im Dezember 2023. Die Zeit danach war nicht immer einfach. Der wochenlange Schwankschwindel, der Alltag mit meinen Kindern – damals war ich zum Glück noch in Elternzeit –, die vielen neuen Höreindrücke, das tägliche Hörtraining und die Rehabilitation verlangten Geduld und Durchhaltevermögen.

Besonders geholfen hat mir in dieser Zeit der Austausch mit meiner Logopädin. Durch sie bekam ich Kontakt zu anderen CI-Trägerinnen und CI-Trägern. Dadurch öffnete sich für mich eine neue Welt.

Im Sommer 2024 war ich für fünf Wochen zur Rehabilitation in Bad Nauheim. Rückblickend kann ich sagen, dass dort vieles erst richtig gut wurde. Dank der Audiologinnen und Audiologen war das neue Hören nach der Reha deutlich weniger anstrengend. Auch das Hörtraining hat wesentlich dazu beigetragen, sanfter mit mir selbst umzugehen.

Ich lernte viel darüber, wie komplex unser Gehör tatsächlich ist und warum ich mein Leben lang so viele Schwierigkeiten durch meine einseitige Taubheit hatte. Es öffnete sich ein Tor zu einem neuen Lebensgefühl.

Ein besonderes Erlebnis war für mich ein Konzert der Sängerin P!nk, direkt am Tag der Abreise von der Reha – ein Stadionkonzert mit 48.000 Menschen. Zum ersten Mal konnte ich Musik und Atmosphäre mit meinem neuen räumlichen Hören erleben. Dieser Moment hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie viel sich durch das Cochlea-Implantat verändert hat. Es war unglaublich emotional.

Mittlerweile kann ich sagen, dass das Cochlea-Implantat meine Lebensqualität deutlich verbessert hat. Ich höre räumlicher, kann Gesprächen besser folgen und komme auch in schwierigen Hörsituationen wesentlich besser zurecht. Selbst in einem Restaurant kann ich wieder aktiv an Gesprächen teilnehmen und angemessen reagieren.

Ich plane nun den Aufbau einer Selbsthilfegruppe für schwerhörige Menschen in Wächtersbach. Der Start ist für Herbst 2026 geplant. Ich möchte einen Ort schaffen, an dem Betroffene ihre Erfahrungen teilen, sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können.

Durch meine persönlichen Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe Hessen Rhein-Main (SHG HRM), bei „Deaf-Ohr-Alive“ (DOA) sowie bei den SSD-Seminaren der DCIG habe ich erlebt, wie wertvoll persönlicher Austausch ist. Ich habe neue Freundschaften geschlossen und erfahren, wie gut es tut, Menschen zu begegnen, die die eigenen Herausforderungen wirklich nachvollziehen können. Diese Gemeinschaft bedeutet mir sehr viel.

Die Gruppe soll Menschen aus dem gesamten Main-Kinzig-Kreis ansprechen – unabhängig davon, ob sie schwerhörig sind, ein Cochlea-Implantat tragen, Hörgeräte nutzen oder Angehörige eines hörgeschädigten Menschen sind.

Gleichzeitig freue ich mich über Menschen, die Interesse haben, die Gruppe von Anfang an mitzugestalten. Jede Unterstützung, jede Idee und jede Erfahrung sind willkommen.

Auch wenn ich bis heute nicht weiß, warum ich auf einem Ohr taub wurde, habe ich gelernt, nach vorne zu schauen. Mein Cochlea-Implantat hat mir gezeigt, dass selbst nach Jahrzehnten noch neue Wege möglich sind. Ich lebe entspannter, trage meinen bunten RONDO mit Stolz und weiß heute: Ich bin nicht allein. Das Gefühl von Hörgemeinschaft ist etwas ganz Besonderes.

Wenn meine Geschichte anderen Betroffenen Mut macht, dann hat sich das Erzählen gelohnt.

Interesse an der geplanten Selbsthilfegruppe?

Der Start der Gruppe für schwerhörige Menschen im Main-Kinzig-Kreis ist für Herbst 2026 in Wächtersbach geplant.

Menschen mit Hörbehinderung, Cochlea-Implantat-Trägerinnen und -Träger, Hörgeräteträgerinnen und -träger, Angehörige sowie Interessierte sind herzlich willkommen.

Kontakt:
Johanna Blichmann
Familienkreis Wächtersbach e.V.
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Meine nicht ganz einfache Hörreise

Meine nicht ganz einfache Hörreise

Von Isabelle

Ich heiße Isabelle, bin 48 Jahre, Krankenschwester und nebenbei Sängerin.

Es fing Ende 2023 an, als ich so ein unangenehmes Gefühl in meinem linken Ohr bekam, als hätte mir jemand ein dickes Stück Watte hineingestopft. Es war ein Druck und es hörte sich alles sehr dumpf an. Dazu quälte mich ein Tinnitus, der sämtliche Tonarten und Intervalle durchlebte. Ich ging zum HNO-Arzt, man machte einen Hörtest, und sagte mir, dass meine Hörkurve ein bisschen verändert sei.

Man nennt das eine Hörstörung, sagte man zu mir. Ich bekam Kortison-Tabletten. Zunächst schien es etwas besser zu werden, worüber ich froh war, aber leider hielt das nicht lange an. Das Gefühl war wieder da und es kam mir vor, als würde es eher schlimmer als besser. Dazu kam noch ein furchtbarer Schwindel.

Die HNO-Ärztin meinte, es sei eben ein hartnäckiger Hörsturz. Ich bekam nun in regelmäßigen Abständen Kortison-Infusionen. Es wurde nicht besser. Im Gegenteil. Meine Hörkurve wurde immer schlechter. Zunächst schleichend, über einige Wochen. Immer und immer wieder saß ich beim HNO-Arzt. Mein linkes Gleichgewichtsorgan ist inzwischen auch ausgefallen, was es mir nicht gerade leichter macht.

Ständig Schwindel, Schwanken, als hätte ich Alkohol getrunken und dieser schlimme Tinnitus, der mich mittlerweile sogar nachts weckte und ich hatte das Gefühl einen Staubsauger im Ohr zu haben. Ich las viel und überlegte selbst, woher diese Symptome kommen könnten. Da ich lange Krankenschwester in der Neurochirurgie war, wusste ich auch dass es Dinge im Kopf und am Hörnerv geben kann, die sowas machen.

Also wollte ich ein MRT vom Kopf und der Halswirbelsäule haben. Mit Widerwillen bekam ich eine Überweisung dafür, weil mein Arzt das nicht gleich für nötig hielt. Man fand keine Ursache für meine Symptomatik. Die HNO-Ärztin meinte, mehr können man nicht tun. Ich müsste mich damit abfinden. Ich fühlte mich schrecklich. Ich fühlte mich krank, hörte inzwischen kaum noch etwas auf dem linken Ohr und der Schwindel wurde auch nicht besser.

Arbeiten konnte ich schon mehrere Wochen nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, man wollte es schon langsam auf die Psycho-Schiene schieben, was ich furchtbar fand. Ich habe mir das alles doch nicht eingebildet. Ich ging zur HNO-Ärztin und redete mit ihr darüber, dass das MRT ohne Kontrastmittel gemacht wurde. Im Berufsleben weiß ich, dass man ohne Kontrastmittel im Kopf längst nicht alles erkennen kann. Weder sie noch mein Hausarzt, hielten es aber für notwendig ein zweites MRT zu machen. Aber ich bekam eine Verordnung für ein Hörgerät. Das steht mir jetzt zu. Naja.

Also testete ich nebenbei auch noch sämtliche Hörgeräte. Ich habe mir aber vorgenommen, nicht locker zu lassen, bis alles abgeklärt ist, weil ich genau spürte, dass etwas mit mir nicht stimmt. Aber was??? Das MRT meiner Halswirbelsäule sah auffällig aus und diese Gelegenheit nutzte ich, um in meine alte Abteilung der Neurochirurgie in der Uniklinik zu gehen und mir eine Meinung zu holen. Und das war gut so!

Die Halswirbelsäule ist nicht Ursache für meinen Zustand, sagten sie. Sie machten einen Test mit geschlossenen Augen. Ob ich links hören kann. Ich hörte nichts. Das Erste, was die Ärztin dort meinte, war: „Wir brauchen ein MRT mit Kontrastmittel!“ Haha..

Gesagt, getan. Und siehe da. Das MRT war auffällig. Zwar nichts am Hörnerv, aber dafür lauter Entzündungszeichen. Von wegen die Psyche......

Daraufhin saß ich kurz danach bei meinem Neurologen. Das Thema MS stand im Raum. Ich war mittlerweile so weit, dass ich sogar das akzeptiert hätte, Hauptsache endlich eine Diagnose, die man behandeln kann. Mittlerweile war es so anstrengend, weil ich so schlecht hören konnte und zugleich so lärmempfindlich war, dass ich kaum noch Lust hatte unter Menschen zu gehen. Alles war nur noch anstrengend und schrecklich.

Mein Neurologe schickte mich wieder in die Klinik zur Nervenwasserpunktion. Und wieder ein ernüchterndes Ergebnis..., viele Entzündungszellen, aber nicht passend zur MS. Wieder nichts. Parallel dazu war ich auch noch in der HNO der Uniklinik, um sie mit einzubinden. Diese waren ratlos.

Morbus Menière sagten sie, obwohl sie es gar nicht genau wussten. Ich glaube, das war eher eine Verzweiflungsdiagnose. Ich bin zwar kein Arzt, aber ich war mir sicher, dass ist es auch nicht. All die Beschreibungen zu dieser Erkrankung passten nicht dazu.

In der Neurologie testeten sie in der Zeit mein Nervenwasser auf alle möglichen Erkrankungen. Der Professor, der sich meiner angenommen hatte, legte sich richtig ins Zeug. Wie ich hinterher erfuhr, wälzte er sogar Bücher, weil es alles so uneindeutig war bei mir. Aber das war mein Glück, dass er es wissen wollte.

Fast gleichzeitig saß ich an einem Abend vor dem Fernseher und schaute zufällig eine Dokumentations-Serie über seltene Erkrankungen an. Dabei ging es um einen jungen Mann, der plötzlich nichts mehr hörte und genau die Symptome beschrieb, die ich hatte. Ich bekam regelrecht Gänsehaut. Und ihm sagten sie er hätte das äußerst seltene Cogam1-Syndrom, was kaum einer kennt und von dem es nur an die 400 bekannten Fälle auf der Welt gibt.

Ich sagte zu meinem Mann: "Schau mal, der hat genau das gleiche, was ich habe!" Mein Mann tat so, als würde ich spinnen und meinte nur, ich soll nicht so viel Quatsch im Fernsehen anschauen.

Ein paar Tage später rief mich mein Neurologe aus der Klinik an. Er wüsste jetzt wahrscheinlich was ich habe und ich solle doch stationär kommen. Ich fragte ihn, ob es dieses Cogan-Syndrom sein könnte. Er stutzte kurz und meine nur, dass das ziemlich wahrscheinlich ist.

Dann ging alles sehr schnell. Die Diagnose wurde bestätigt, was zunächst ein Schock für mich war. Ich wurde mit hochdosiertem Kortison vollgepumpt, bis ich mich gefühlt habe wie unter Drogen. Dann bekam ich Medikamente für zuhause, die ich nicht vertragen habe. Mittlerweile bin ich schon beim 3. Akustiker, weil es vorher einfach nicht richtig lief mit dem Anpassen eines Hörgeräts. Ich höre damit irgendwas, aber verstehen kann ich damit rein gar nichts.

Mittlerweile bekam ich neue Medikamente, die mir so schreckliche Kopfschmerzen machten, dass ich in die Notaufnahme musste. Also wieder nichts.

3. Versuch. Nun behandelte mich auch der Rheumatologe mit. Ein neues Medikament musste her. Und endlich funktionierte es. Es scheint endlich still zu stehen. Ich bekomme Physiotherapie wegen dem Gleichgewicht, denn ich war sogar schon mehrfach gestürzt. Es wird langsam besser. Nur mein Ohr ist wohl futsch. Das Hörgerät nützt nichts. Der letzte sehr geduldige Akustiker sieht das zum Glück ein und ich muss mir was Neues einfallen lassen.

Da ich nun viel zuhause war und Zeit hatte, habe ich mich mit dem Thema Cochlea Implantat (CI) ausführlich befasst und mir alle Infos geholt, die ich nur kriegen konnte. Ich war bei uns in der Klinik beim Tag des Hörens und konnte mit einiges anschauen und mich auch informieren und unterhalten. Es hat mir relativ schnell gefallen und ich war mir ziemlich schnell sicher, dass das was für mich ist.

Nach der Odyssee mit dem Hörgerät kann es nur besser werden. Ich habe auch mit Hörpaten telefoniert, was mir sehr geholfen hat. Mein Ansporn war hauptsächlich der, dass mein zweites Ohr ja auch kaputt gehen könnte. Dann hätte ich gar nichts mehr. Also das taube Ohr lieber gleich versorgen lassen. Ich fand die Vorstellung immer so taub zu sein viel schlimmer.

Der Zustand war für mich nur schwer zu ertragen. Das bekam auch meine Familie zu spüren. Mein Mann war genervt, weil sich irgendwie alles nur noch um mein Gehör gedreht hat und mein Sohn war sehr traurig, weil er gemerkt hat, wie schlecht es mir geht und wie sehr mich das alles belastet.

Also war der nächste Schritt wieder zur Klinik in die CI-Sprechstunde. Ewige Untersuchungen, der gefühlt hundertste Hörtest... und und und...... Die Psychologin hatte kaum etwas mit mir zu tun, weil ich schon so entschlossen war und eigentlich schon das meiste wusste, was auf mich zukommen wird. Also ging es dann doch ziemlich schnell. Den OP-Termin bekam ich sich sehr zeitnah.

Als dann der Tag der OP war, war mir kurz doch etwas mulmig, ob ich das jetzt wirklich machen soll, aber das verflog dann schnell wieder. Es lief alles glatt und alle waren zufrieden. Erst zuhause habe ich mir das erste Mal an den Kopf gefasst und erstmal realisiert, dass da jetzt was unter meiner Haut liegt. Da muss man sich auch erst dran gewöhnen. Ein bisschen wie ein Roboter. Mein Sohn nennt mich seit dem "Magnetimus". Haha :-)

Vier Wochen später kam der große Tag der Erstanpassung. Ich war schon ein bisschen aufgeregt. Wie wird das wohl sein? Die Wunde war schon ganz gut verheilt und ich ging gespannt in die Klinik, in der ich meinen Prozessor mit einem riesigen Rucksack mit dem Zubehör bekam. Anfangs hörte ich nur seltsame Geräusche, aber schon zwei Stunden später beim ersten Hörtraining war schon was erkennbar. Sehr blechern, aber ich habe schon etwas gehört. Toll!

Ich mache eine ambulante Reha und es ging sehr schnell voran und es dauerte nicht lange bis ich Wörter und dann ganze Sätze verstanden habe. So toll! Der Klang ließ noch sehr zu wünschen übrig, aber das ist alles normal und das oberste Gebot ist Geduld! Dass muss man sich immer vor Augen halten.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026, ich arbeite seit einem Jahr wieder und allgemein geht es mir besser. Es gibt immer gute und weniger gute Tage, aber alles in Allem bin ich zufrieden. Das Gleichgewicht hat sich nach einer vierwöchigen Reha einigermaßen eingependelt. 

Aber das Tollste ist, dass ich mich nach noch nicht mal einem Jahr so an das CI gewöhnt habe, dass es schon richtig zu mir gehört und ich nicht mehr ohne sein möchte. Ich bin noch lange nicht am Ziel, aber es funktioniert schon richtig gut. Selbst das Singen macht wieder richtig Spaß, auch wenn es anders klingt als auf dem normalen Ohr. Aber es hilft total.

Ich war auch kürzlich auf meinem ersten großen Live-Konzert, was auch sehr aufregend war. Aber es war unbeschreiblich. Ich hatte Gehörschutz im gesunden Ohr und damit lief es super! Ich habe mich richtig gefreut, als die Bässe im CI gewummert haben. Ich konnte mal für ein paar Stunden alles vergessen und habe mich wieder wie ein ganzer Mensch gefühlt.

Ich bereue keine Sekunde, dass ich mich habe implantieren lassen. Ich würde es immer wieder tun und kann es nur jedem empfehlen, der nicht mehr hören kann. Aber man muss es auch wirklich wollen und bereit dazu sein.

Das einzig Negative für mich ist, dass ich regelmäßige MRTs vom Kopf machen muss. Das CI ist zwar MRT fähig, aber während der Untersuchung klappert es im Kopf, was ein bisschen unangenehm ist. Aber es ist erträglich. Es tut ja nicht weh. Aber das Positive überwiegt.

Für mich ist das CI ein Wunderwerk der Technik, was dafür sorgt, dass man sich wieder komplett fühlt und nicht wie ein halber Mensch!

Isabelle
Mai 2026

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Gehirn auf Hochtouren. Wie Höreinschränkungen meine Wahrnehmung schärften.

Gehirn auf Hochtouren. Wie Höreinschränkungen meine Wahrnehmung schärften.

Von Daniel Schuster

Ein herausfordernder Titel, ich weiß. Man erwartet bei "Höreinschränkungen" oft eine Geschichte des Verlustes, des Kampfes, vielleicht des Mitleids. Doch heute erzähle ich euch eine andere Geschichte. Eine Geschichte darüber, wie das, was viele als Schwäche sehen, mein Gehirn auf eine besondere Weise trainiert hat. Ich bin als Mensch und Ingenieur heute ein unermüdlicher Sucher nach Lösungen, ein Meister im Lesen zwischen den Zeilen. Ein menschlicher Kontext Scanner.

Mein Name ist Daniel. Ich bin Elektroingenieur und CI-Träger, bezeichne mich sogar als ehemaligen Förderschüler. Meine Hörreise begann nicht mit einem lauten Knall, sondern mit einer leisen Feststellung. Die Welt um mich herum war anders als für die meisten. Ein Cochlea Implantat (CI) wurde zu meinem Begleiter, eine Brücke zu einer akustischen Realität. Doch wie man mit 80% Hörvermögen eine 100% Welt navigiert, das lehrt dich keine Schule. Ich musste meinen eigenen Kompass bauen.

Der Trainingsplatz "Alltag": Wie Höreinschränkungen mein Gehirn neu prägten

Mein Gehirn hat sich über Jahre hinweg auf besondere Weise entwickelt. Nicht, weil es von Haus aus anders war, sondern weil Höreinschränkungen es dazu gefordert haben. Wo andere einfach hören, musste ich dekodieren, interpretieren, Lücken füllen.

Stell dir vor, du hörst eine Unterhaltung, aber ein Teil davon ist einfach nicht da. Manchmal sind es Schlüsselwörter, die den ganzen Satz unklar machen. Mein Gehirn hat gelernt, diese Lücken in Millisekunden zu füllen. Es scannt Mimik, Körpersprache, Gestik, den Blickkontakt, die allgemeine Stimmung im Raum und die bisherige Gesprächslogik. Es ist eine ständige, oft unbewusste Mustererkennung. Ich muss oft vorausahnen, was gesagt werden könnte, um zu verstehen, was gesagt wurde. Diese Fähigkeit, kleinste nonverbale Hinweise zu lesen und blitzschnell zu einer plausiblen Gesamtinterpretation zusammenzufügen, ist in jeder Lebenslage, persönlich wie beruflich, wertvoll.

Ich musste lernen, Stimmen zu identifizieren, auch wenn sie nur als gedämpfte Klänge ankamen. Ich habe Nuancen in Sprechweisen, Betonungen und sogar den typischen Lärmpegel verschiedener Räume abgespeichert. Mein Gehirn ist ständig auf der Suche nach Ordnung im akustischen Chaos. Diese Fähigkeit, komplexe Muster zu erkennen und daraus Strategien abzuleiten, ist für ein Ingenieurleben bedeutsam. Sie ermöglicht es mir, in größeren Datenmengen Strukturen zu sehen, wo andere nur Rauschen wahrnehmen. Wer ständig versucht, nicht vorhandene Informationen zu verarbeiten, verbraucht viel Energie. Meine Höreinschränkung hat mich gelehrt, ein effektives Energiemanagement zu entwickeln. Ich spüre oft früh, wann meine Ressourcen zur Neige gehen. Das ist mein inneres Frühwarnsystem. Es zwingt mich, Pausen zu machen, Umfelder zu verlassen, oder meine Kommunikationsstrategie anzupassen, noch bevor die absolute Erschöpfung eintritt. Das ist eine Fähigkeit, die in unserer schnelllebigen Welt vielen helfen könnte.

Meine Learnings im Alltag: Vom Verstecken zum Verstehen

Diese besonderen Fähigkeiten waren kein Geschenk. Sie waren harte Arbeit, oft verbunden mit Frust, dem Gefühl, allein zu sein, und der Sorge, nicht dazuzugehören. Ich erinnere mich an so viele Situationen, in denen ich einfach genickt und gelächelt, oder mitgemacht habe, obwohl ich absolut nichts verstanden hatte. Das ist der Moment, in dem du dich innerlich abmeldest, um nicht aufzufallen. Es ist die bequeme Falle der „Unehrlichkeit“, die uns immense Energie kostet. Doch ich habe eines gelernt: Nicht nachzufragen verbraucht oft mehr Energie, als es der eigentliche Aufwand des Nachfragens wäre.

Mein Weg war gepflastert mit der Erkenntnis, dass ich aktiv werden musste. Ich musste lernen, meine Kommunikationsumgebung zu gestalten, anstatt nur darauf zu hoffen, dass sie für mich passt. Im Studium habe ich das schmerzlich erfahren, aber auch Strategien entwickelt: Wie kommuniziere ich meine Bedürfnisse klar und freundlich? Wie positioniere ich mich in einem Raum, damit ich die beste Chance habe, zu verstehen? Wie finde ich meinen eigenen Weg, abseits der Norm, und baue beispielsweise auf ein Fernstudium, wenn das Klassenzimmer zur akustischen Hürde wird? Die vielleicht wichtigste Erkenntnis kam, als ich mich bewusst entschied, meine Narbe und mein Cochlea Implantat nicht mehr unter meinen Haaren zu verstecken. Die Welt drehte sich nicht schneller, sie brach nicht zusammen. Im Gegenteil: Sichtbarkeit schafft Verständnis, Offenheit schafft Verbindung. Meine vermeintliche Schwäche wurde zu einem Gesprächsthema, das Türen öffnete, statt sie zu verschließen.

Der eigene Weg: Gestalten statt Zögern

Ich will niemanden belehren, denn ich weiß, dieser Weg ist nicht leicht. Er braucht Mut, Überwindung und Übung. Es ist völlig normal, dass Höreinschränkungen dazu führen können, Konflikten aus dem Weg zu gehen, Kommunikation zu scheuen, sich unverstanden zu fühlen. Das können die Auswirkungen einer nicht aktiv angegangenen Höreinschränkung sein. Doch ich bin überzeugt: Es ist der Moment gekommen, wo wir uns nicht im Leid verlieren, sondern mutig das gestalten, was wir gestalten können.

Steh zu deiner Höreinschränkung. Verstecke sie nicht. Sie ist ein Teil von dir, nicht dein Gefängnis. Kenne deine Bedürfnisse. Sag klar und deutlich, was du brauchst, sei es ein Mundbild, langsameres Sprechen oder eine angepasste Akustik. Sei offen. Ja, es erfordert Mut, in einer hitzigen Diskussion nachzufragen oder zu sagen: „Halt, Stopp! Das habe ich nicht verstanden.“ Aber diese Momente sind der Schlüssel zu echter Teilhabe und verhindern Missverständnisse. Lockerheit und Humor. Es muss nicht immer alles perfekt funktionieren, und nicht jede Welle kannst du perfekt reiten. Verlier nicht den Humor, lass Dinge los, die du nicht kontrollieren kannst. Bleib cool, denn das Leben ist zu kurz für ständige Dramen.

Höreinschränkungen haben mich gelehrt, ein Leben zu führen, in dem ich nicht aufs Hören warte, sondern aktiv verstehe, gestalte und genieße. Sie haben mein Gehirn auf besondere Weise geschärft, meine Sinne zu Empfängern und meine Herausforderungen zu wichtigen Impulsen gemacht.

Ich teile meine Erfahrungen aktuell auf Instagram [@_Daniel_Schuster_], um genau diese Perspektive sichtbar zu machen und anderen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Ich arbeite zudem daran, meine Erfahrungen noch umfassender aufzubereiten, um noch mehr Menschen auf ihrem Weg zu einem erfüllten und selbstbestimmten Leben zu unterstützen.

Mai 2026
Daniel Schuster

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