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Mein Weg mit Siebenmeilenstiefeln zum CI und zum guten Hören

Von Kindheit an hörgeschädigt, bin ich am 7. Nov. 2005 in der HNO Frankfurt mit einem CI implantiert worden und kann heute, am 27.März 2006 sagen: Es ist sehr gut geworden.

Zu meiner Vorgeschichte: meine Schwerhörigkeit wurde bei Schuleintritt festgestellt. In meiner Familie mütterlicherseits ist die Innenohrschwerhörigkeit erblich. Die meisten unserer Angehörigen wurden erst im Alter von ca. 35 Jahren schwerhörig. Bei mir muss eine Mutation auf einem Gen passiert sein (so vermutet man in der Humangenetik der Universitätsklinik Gießen, die ich 2002 aufsuchte), dass ich als einzige schon früh schwerhörig wurde.

Während meiner Schulzeit gab es für mich keine andere Art von Behandlung, als dass ich immer in der ersten Reihe saß, besonders gut aufpassen musste und durch besonders ruhiges und zögerliches, zurückhaltendes Verhalten auffiel. Erst viel später erfuhr ich, dass es durchaus schon die Möglichkeit für mich gegeben hätte, in die Schwerhörigenschule nach Bad Camberg zu gehen. Doch da es in der Familie erblich war, wurde weiter nichts unternommen. So ist es, hieß es.

In der Kindheit war das schlechte Hören schon Anlass für manche deprimierende Situation. So wurde ich wegen meiner Zartheit und Schüchternheit in einen Erholungsaufenthalt verschickt. Dort fiel ich durch meine Zurückhaltung stark auf. Als ich beim morgendlichen Singen nicht mithalten konnte, weil ich die Texte nicht kannte, wurde ich vor versammeltem Publikum zum Vorsingen aufgefordert. Die Scham, weil ich mich nicht wehren konnte, brannte sich unauslöschlich in mir ein. Meine Schwerhörigkeit wurde gar nicht berücksichtigt.

Meine Schulausbildung schloss ich recht gut ab, dann erlernte ich drei Jahre den Beruf der Damenschneiderin, legte meinen Gesellenbrief mit Erfolg ab. Danach besuchte ich eine Mode- und Zuschneideschule in Frankfurt, um dort mein Diplom als Directrice zu erwerben.

Das war die Zeit, als ich erstmals ernsthafte Schwierigkeiten bekam mit dem Hören. Die Ausbilderin wusste zwar um mein Handicap, doch wer kümmerte sich da in den sechziger Jahren groß drum. Ich leistete Schwerarbeit, indem ich versuchte, dem Unterricht akustisch zu folgen, von der Tafel die Infos abzuschreiben und gleichzeitig bei meiner Nachbarin zu kiebitzen, um Verpasstes auch noch mitzuschreiben.....

Mit dem Diplom in der Tasche kehrte ich nach Hause zurück, geriet in die Rezession des Jahres 1967 und bekam einen Arbeitsplatz in einem Nähmaschinenfachgeschäft als Kursleiterin für Nähkurse. Doch ich war aufgrund meiner scheuen Art gar nicht dafür geeignet, denn ich hatte noch nicht gelernt mich durchzusetzen.

Danach arbeitete ich als Stoffverkäuferin in einem großen Stoffhaus. Bis dato kümmerte sich niemand um eine Versorgung für mich. In dieser Zeit machte ich auch den Führerschein, was auch eine große Hürde war, die ich aber meisterte.

Mir selbst war nichts bekannt von Hörgeräten, besonderen Schulen, Werkstätten etc. Es kam, wie es kommen musste, ich war nicht so fit, wie andere Arbeitnehmerinnen. Und damit nicht so erfolgreich oder durchsetzungsfähig. Nachdem ich wiederholt wegen nicht ausreichendem Umsatz ermahnt wurde, kündigte ich die Stelle. Die Erlebnisse dort mit Verkauf um des Verkaufens willen, prägten sich mir allerdings so tief ein, dass ich heute noch eine andere Geschäftsphilosophie lebe!

Nun war ich eine kurze Zeit arbeitslos und machte mich dann mit einer Flickschneiderei (welch schreckliche Bezeichnung) selbstständig. Etwas anders war mir aufgrund fehlender Berufsnachweise nicht möglich. Ich schneiderte also für meine Kundinnen.

1969 heiratete ich und dann passierte es, daß ich beim Autofahren die Glocke an einem un-beschrankten Bahnübergang nicht hörte und seelenruhig weiterfuhr. Die Aufregung meines Mannes war Anlass zum HNO zu gehen.

Das Ergebnis war, dass ich sofort Hörgeräte verordnet bekam! Ich weiß nicht mehr genau, ob ich erst nur ein HG und erst beim nächsten Mal beiderseits versorgt wurde. In jedem Fall habe ich die Geräte getestet, bin aus dem Akustikergeschäft mit Hörgeräten raus und habe sie einfach gleich und ständig getragen. Es war schwierig; die Geräte natürlich nicht so gut wie heute. Tatsache ist, dass ich mich in dem Akustikgeschäft gut beraten fühlte, deshalb bin ich auch heute noch dort – nach 36 Jahren.

Alle fünf Jahre zahlte die Kasse neue HGs, so bekam ich auch immer wieder die neuesten Geräte. Und erlebte den Fortschritt der Technik, die in diesen Jahren ja große Schritte machte, hautnah mit. Mit dem Fortschritt der Hörgeräte ging auch meine persönliche Entwicklung einher, ohne dass mir dies bewusst war.

Durch drei Fehlgeburten und eine Frühgeburt verschlechterte sich mein Gehör stetig. Meine berufliche Selbstständigkeit hatte ich aus familiären Gründen aufgeben müssen. 1976 hatte ich dann endlich das Glück, ein gesundes Kind zu bekommen. Bis heute sind keine Anzeichen da, dass meine Tochter die SH geerbt haben könnte. Wobei ich von Anfang an weiß, dass die Möglichkeit von 50% da ist, oder auch eben noch in der nachfolgenden Generation auftreten kann.

1984 empfahl mir erstmals jemand, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Beim Versorgungsamt wurde ich untersucht und bekam sofort einen GdB von 60 %. Längst hatte ich mir Bücher über Kommunikation, Körpersprache etc. gekauft, um außer der Akustik auch anderweitig zu „verstehen.“ Die Bemerkung der Ärztin vom Medizinischen Dienst bei der Untersuchung blieb mir haften: „Sie haben ja schon alles getan, um Ihre Behinderung auszugleichen“. Das wurde fortan zu meinem Leitziel. Selbst alles zu tun, um es leichter zu haben.

Im gleichen Jahr sah ich durch Zufall im Bayrischen Rundfunk eine gehörlose Puppenmacherin, die Kurse gab mit normal hörenden Teilnehmern. Das weckte meinen Ehrgeiz, denn schon längst war die Evangelische Familienbildungsstätte in Gießen an mich herangetreten mit der Bitte, als Nähkursleiterin zu arbeiten. So begann meine berufliche Entwicklung.

Ich hatte sofort viel Zuspruch, leitete drei verschiedene Kurse wöchentlich und konnte im Zeitraum von 10 Jahren 100 Hobbyschneiderinnen ausbilden. Alle wussten um meine Hörschädigung, aber da beim Nähen viel visuell abläuft und mit praktischer Anleitung, so war es problemlos. Bis ich auf einen Professor traf in meiner HNO-Praxis!

Er war so entsetzt beim Anblick meiner Hörkurve und bemitleidete mich so sehr, dass ich darüber erstmals zusammenbrach. Bis dahin hatte ich alles so als „normal“ hingenommen, jetzt erst wurde mir meine Geschichte richtig bewusst. Ich wollte alles hinwerfen und konnte nicht mehr weiter. Und das Unfassbare geschah: Meine Kursteilnehmerinnen bauten mich auf, sprachen mir Mut zu und wollten mich nicht gehen lassen. Also weiter mit neuem Mut. Und immer wieder neuen Geräten. Mein Akustiker betreute mich bestens. Wenn mal ein Gerät defekt war, bekam ich immer das richtige Gerät als Ersatz. Das nahm ich als selbstverständlich hin. Erst jetzt weiß ich , dass dies keineswegs in allen Akustikerläden so gehandhabt wird. Also vielen Dank noch an dieser Stelle!

Meine Kursarbeit setzte ich fort bis 1990. Durch eine Veränderung im Berufsleben meines Mannes, blieb mir keine Wahl, als die geliebten Nähkurse aufzugeben. Um den Platz an seiner Seite in einer Fleischabteilung eines Supermarktes einzunehmen. Allerdings gegen alle Vernunft. Sowohl der Akustiker als auch der HNO sagten: Dass ist nichts für Sie!

Doch mein Mann brauchte mich. So stand ich also plötzlich vor der Aufgabe Fleisch, Wurst, Geflügel, Käse und Backwaren zu verkaufen. Mit täglich ca. 300 Kunden vor der Theke. Dazu kamen fünf Verkäuferinnen, die mir von den Fachkenntnissen her weit überlegen waren. Außerdem musste ich die vorbereitende Lohn- und Finanzbuchhaltung lernen und erledigen. Das Steuerbüro der Supermarktkette war im Ruhrgebiet, sodass ich gezwungen war, alle Fragen telefonisch zu erledigen. Damals legte ich mir ein Fax zu, damit ich wenigstens damit Probleme des Hörens umgehen konnte. Ich bin heute noch dankbar, am Telefon auf einen Diplomfinanzwirt getroffen zu sein, der mir einfache Mithilfe untersagte und von mir verlangte, das ich bei meinem Mann als Angestellte geführt wurde. So komme ich in ein paar Jahren wenigstens in den Genuss der Schwerbehindertenrente ohne Abschläge.

Vier Jahre hielt ich die enorme Belastung dieser Tätigkeit aus, dann wurde ich krank darüber. Ich bekam Magen-Darm-Beschwerden, offene Kopfhaut, Haarausfall und wog nur noch 50 Kilo. Probleme mit dem Nichtverstehen der Kundschaft, die Geräuschkulisse einer Fleischabteilung, die mit Fliesen und dem Metall-Geschepper und vor allem den rund um die Uhr laufenden Kühlanlagen ausgestattet ist – es war unerträglich. Ich musste mich den ganzen Tag durch die Geräusche hindurchhören.

Auch neue Hörgeräte brachten keine Besserung. Mein Hausarzt „verweigerte“ mir Weiterbehandlung, wenn ich nicht endlich aus dieser Arbeitssituation herauskäme. Von März bis September 1993 führte ich nur noch Büroarbeit aus, regenerierte mich selbst und machte mich im Oktober 1993 mit einer Schneiderei selbständig.

Dann wurde mein Mann an der Bank überfallen, war nicht mehr gesund und schied im März 1994 aus dem Berufsleben aus im Alter von 51 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war ich 45 Jahre alt, unsere Tochter 16 Jahre alt und machte später Abitur.

So betrieb ich meine Schneiderei, hielt die Familie damit über Wasser, bis mein Mann nach zwei Jahren Wartezeit ohne Verdienst, Krankengeld oder sonstigen Zahlungen endlich berentet wurde. Immer wurde ich in dieser schweren Zeit von meinem Akustikergeschäft bestens bedient und behandelt. Um mich weiter zu bilden, trat ich in die Innung ein. Nahm an Fortbildungen teil, wurde auch Mitglied in der Gruppe UFH, Oberhessische Unternehmerfrauen. Außerdem besuchte ich die Modeschule in München zu Fachseminaren, die mir insgesamt leicht fielen und mir viel gebracht haben. Längst hatte ich gelernt, dass ich mit mehr Wissen immer besser verstand. Weil die Zusammenhänge schneller aufgefasst werden können und akustische Nachteile gemildert werden. Außerdem lerne ich sehr gern beim Lesen von Lektüre aller Art.

Zu gerne hätte ich die Meisterprüfung im Schneiderhandwerk noch nachgeholt. Da bot sich mir die Möglichkeit, eine Sachkundeprüfung im Handwerk abzulegen, um mir den Stress dieser Situation zu ersparen. Zu gerne hätte man mir Lehrlinge zur Ausbildung überlassen, doch das war mir zu gewagt, immer wieder mit neuen Menschen zu arbeiten.

Immer wieder über meine Hörschädigung aufklären, immer wieder derjenige zu sein, der sich am meisten strapazieren muss für Dinge, die für Normalhörende selbstverständlich sind.

Nach weiteren Schicksalsschlägen innerhalb kurzer Zeit, schwere Krebserkrankung meines Mannes, dem plötzlichen Tod meiner Mutter und dem Wegzug meiner Tochter nach Wien hatte ich eines Tages keine Kraft mehr. Eine Kur in der Baumrainklinik sollte mich wieder fit machen. Auch das schaffte ich nur mit viel Kraftaufwand, denn die LVA wollte mich nicht dorthin lassen. Nach einem Intensivgespräch mit dem entscheidenden Arzt in Frankfurt schaffte ich es, mit dem Versprechen, einen Bericht abzuliefern über den Sinn einer Kur in einer hörgeschädigtengerechten Einrichtung.

Dr. Roland Zeh und sein Team versuchten alles, um mir klar zu machen, wie schlecht es um mein Gehör bestellt sei. Ich dachte eigentlich, ich wüsste genau, wo ich stehe mit meinem Hören. Weit gefehlt. Wieder zurück, kam ich dem Rat von Dr. Zeh nach und aktivierte meine Mitgliedschaft im DSB. Mit dem Ergebnis, dass ich gleich beim ersten Besuch als Vorsitzende gewählt wurde. Das Amt hatte ich drei Jahre inne, konnte in dieser Zeit viele neue Ideen umsetzen und neue Mitglieder gewinnen. Danach war ich noch ein Jahr als Kassiererin tätig und bin jetzt aktive Beisitzerin. Mein selbständige Tätigkeit verlangt meinen ganzen Einsatz.

Um mit meiner Tochter in Österreich Mail-Kontakt pflegen zu können, hatte ich mir in kurzer Zeit PC-Wissen angeeignet, was natürlich auch meiner Arbeit zugute kam. So pflegte ich vielfältige Kontakte über das Internet mit anderen Schwerhörigen. Dadurch kam der Kontakt zum Bayerischen Rundfunk zustande, der einen Film-Beitrag über mich in der Sendung „Sehen statt Hören“ brachte. Meine Kunden fanden das sehr gut, doch mein Vater hat sich die Sendung zunächst nicht angesehen. Mit der Behinderung an die Öffentlichkeit zu gehen - dass verstand er nicht.

Trotz allen Schwierigkeiten und aus privaten Gründen verlegte ich 2004 meine Schneiderei in die Stadt, um in einem kleinen, feinen Ladengeschäft weiter zu arbeiten. Derzeit habe ich vier Angestellte. Arbeitszeiten von 60 Stunden und mehr pro Woche waren anfangs an der Tagesordnung. Erst ein Beitrag von Egid Nachreiner in der Schnecke ließ mich auch über meinen eigenen enormen Arbeitseinsatz nachdenken. Und über die Überfrachtung, der wir SH uns gern aussetzen, um uns und der Umwelt zu beweisen, dass wir genauso leistungsfähig sind wie andere. Und dabei weit über das Ziel hinausschießen.

Nach meiner Kur in Bad Berleburg im Frühjahr 2000 besuchte ich gerne die Patientenseminare in der Baumrainklinik, um Kontakte zu pflegen und um Neues aus der Technik kennen zu lernen. Im Mai 2005 konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht teilnehmen und dachte bei mir: „ist nicht schlimm, ist sowieso zuviel Thema CI. Das betrifft mich ja nicht.“ Wie schnell holte mich die Wirklichkeit ein!

Es kam, wie es kommen musste: mein Gehör verabschiedete sich im August 2005 gänzlich. Seit langem hatte ich für mich persönlich die Operation mit einem Cochlear Implantat als Licht am Ende des Tunnels gesehen. Nun griff ich auf mein Wissen und meine Freundschaften und meine vielfältigen Kontakte mit anderen Hörgeschädigten zurück, informierte mich bestmöglichst über alles rund um das CI. Mailte Frau Dr. Helbig in der HNO Frankfurt an, weil ich zwei Patienten von ihr kenne, die sehr zufrieden sind mit der von ihr durchgeführten Operation und ihrem CI.

Das war dann mein kurzer Weg zum Cochlear Implantat.

Die Voruntersuchung fand bei OÄ Frau Dr. Helbig und Herrn Dr. Unkelbach in der Uniklinik Frankfurt Abt. HNO statt. Mit einem aussagekräftigen Attest meines HNO-Arztes und neuesten Audiogrammen ausgestattet, war schnell klar: ich eigne mich für die OP. Bereits am 7. Nov. 2005 wurde ich implantiert.

Vorher ließ ich mich von Herrn Prof. Dr. Diller im CIC-Friedberg und den drei Firmen der Implantate ausführlich beraten. Vorausgegangen waren E-Mails deutschlandweit mit befreundeten CI-Trägern, ein Intensivgespräch mit Michael Schwaninger, das er als Härtetest mit mir beim Italiener durchführte. Mein Entschluss stand schnell fest, ich wollte den Freedom von Cochlear.

Aber welche Seite opfere ich ? Dass war eine große Frage. Ein Gespräch mit Herrn Pera brachte dann die Entscheidung, weil ich vorher schon im Selbsttest festgestellt hatte, dass das rechte Ohr noch einen Hörrest hergab. Das linke Ohr war mein Telefon-Ohr, dass wollte ich nicht aufgeben. Ich war so ruhig und zuversichtlich vor der OP, wie ich es mir selbst gar nicht erklären konnte. Aber es war eben alles gesagt, getan, was sollte also passieren?

Die OP verlief wie erwartet gut, die üblichen Nachwehen mit Übelkeit vergingen schnell. Dass mein Gesichts- und Geschmacksnerv nicht beeinträchtigt waren von der OP, freute mich sehr. Der Heilungsprozess der Narbe ging schnell und ich war schon glücklich, als ich von Frau Dr. Helbig hörte, dass die OP gelungen sei.

Wie ich die vier danach folgenden Wochen überstanden habe, weiß ich heute nicht mehr. Mit dem bisschen Restgehör im täglichen Kundenkontakt ... es ging auch vorüber. Frau von Lüpke passte mir am 12.12.2005 den Sprachprozessor an und ich war zunächst entsetzt. Soooo sollte ich in Zukunft hören? So piepsig? Augen zu und durch, war meine Devise. Sofort auf der Heimfahrt im Auto hörte ich meine CDs, um überhaupt Höreindrücke zu bekommen.

Die ersten Tage waren anstrengend und dann ging doch alles rasant schnell. Im Esszimmer die Wanduhr ticken zu hören, im Auto den Blinker, das Gluckern der Heizung zu Hause, die Tür im Geschäft hören zu können und die Kundengespräche entspannt zu führen, das sind Glücksmomente, die sich Normalhörende nicht vorstellen können.

Ich gewöhnte mich in einer atemberaubenden Geschwindigkeit an die neuen Höreindrücke. Eine Woche später ließ ich mir bereits einen neue Einstellung anpassen, dann im Abstand von vierzehn Tagen. Jede Fahrt nach Frankfurt wurde für mich ein Gewinn und Frau von Lüpke machte es sichtlich Spaß mit mir zu arbeiten. Mir auch mit ihr.

Eine Woche Pause hatte ich mir im Geschäft gegönnt, im Nachhinein würde ich sagen, dass war ein bisschen knapp. Mein Team hat mich sehr gut unterstützt, wo es nur ging.

Nun muss ich noch einfügen, dass ich seit Jahren einen sehr guten Kontakt zum Integrationsamt pflege. Dort habe ich viele Hilfen erhalten, indem ich die Mikrolink für meine Tätigkeit als Nähkursleiterin und Ausbilderin an der Hauswirtschaftsschule sowie Telefone mit Induktionsspule bezuschusst bekam. Auch die Alarmanlage mit Trittmatten und Blitzlampen für meinen Laden bekam ich zur Verfügung gestellt. Durch meine Ertaubung stellte ich den Antrag auf Arbeitsassistenz, der schnellstmöglichst bewilligt wurde, sodass ich bereits ab Oktober 2005 Assistentinnen am Telefon hatte. Eine ungeheure Erleichterung für mich im Kundenkontakt.

Weihnachten 2005 konnte ich schon die Glocken läuten hören, besuchte auch an Silvester dankbar den Gottesdienst und freute mich doppelt, weil zwischenzeitlich eine komplette Audioanlage mit Induktionsschleife eingebaut worden war. Nebenbei hatte ich mich dafür engagiert, dass in der Evangelischen Kirche meiner Heimatgemeinde eine Anlage mit Induktionsschleife installiert wurde. So haben wir mit einem feinen Handarbeitsmarkt eines Kreativkreises, dem ich angehöre, mehr als € 2000,00 erwirtschaftet, die wir der Kirchengemeinde als Zuschuss überreichen können.

Eine schreckliche Erfahrung war allerdings der Jahreswechsel um 24:00 Uhr! Völlig unvorbereitet trafen mich die nervtötenden Geräusche der Feuerwerkskörper und Böller – so hatte ich das noch nie gehört. Ich war entsetzt.

Nachdem Frau von Lüpke ihre Arbeit im Januar mit mir zu meiner vollsten Zufriedenheit beendet hatte, begann ich die ambulante Reha im CIC Friedberg. Ein wenig Stress mit der Krankenkasse musste natürlich auch noch sein, die mir die Nachsorge im CIC nicht gönnen wollte, doch Herr Prof. Dr. Diller hatte dass dann schnell geklärt.

Aus zeitlichen Gründen kann ich keine stationäre Rehabilitation machen. Frau Bumann, meine Therapeutin, arbeitet mit Hingabe mit mir, besonders beim Musik- und Telefontraining. Und freut sich mit mir, dass ich schon nach dieser kurzen Zeit so gute Hörwerte erreiche mit dem CI.

Es ist mir eine tägliche Freude, wenn ich ohne besondere Aufmerksamkeit plötzlich Gespräche mithöre z.B. beim Einkaufen, die ich auf diese Entfernung früher weder hören und erst recht nicht verstehen konnte.

In meiner Freizeit spiele ich gern auf einem Keybord altbekannte Lieder. Hörbücher auf einem CD-Player zu hören, war für mich vorher nicht denkbar. Irgendwann stellte ich für mich fest, dass ich regelrecht süchtig wurde nach Hören aller Art, soviel Spaß macht es mir und soviel Lebensfreude gibt mir das Cochlear Implantat.

Jetzt schalte ich auf Anraten zurück, um das neu gewonnene Hören nicht zu übertreiben und mich nicht in der anderen Richtung zu überfordern.

Meine Mitarbeiterinnen und Kundinnen stellen ein völlig positiv verändertes Wesen bei mir fest. Ich bin viel freier, offener, gelöster und fröhlicher im täglichen Umgang geworden. Abends bin ich längst nicht mehr so erschöpft vom Hören; alles in allem, also ein großer Gewinn für mich, aber auch für meine Mitmenschen.

Im vergangenen Jahr habe ich nicht an meine Ohren gedacht, als mir durch den Kopf ging: wir haben gar nicht mehr so viele Vögel im Garten. Ein Zeichen, wie schleichend das Gehör sich verabschiedet. Jetzt mit CI habe ich jeden Morgen den Krach der Amseln, der Raben und Elstern aber auch der Rotschwänzchen und Meisen im Ohr.

Heute hatte ich die erste große Hör-Sprachprüfung in der HNO Frankfurt, mit 100 % Zahlen und 80 % Sprachverstehen mit CI und HG. Und nun wünsche ich mir das zweite CI.

Als Frau Dr. Helbig mich heute bat, bei einer Fortbildungsveranstaltung zur Cochlear Implantation einmal von mir zu sprechen, war klar, dass dies gleichzeitig mein Bericht wird, auf den Michaels Ohrenseite wartet. Denn nun habe ich einen Meilenstein erreicht.

Mein Bericht ist sehr ausführlich geraten und beinhaltet zahlreiche Passagen, die eigentlich mehr ins Private gehören. Doch ich möchte damit aufzeigen, wie sehr die Hörschädigung das Dasein und die berufliche Entwicklung beeinflussen.

Man kann und darf das nicht voneinander trennen, weil das Eine das Andere bedingt. Meine Entwicklung war nur möglich, durch die immer wohlwollende Betreuung meines Akustikers und meiner HNO-Praxis, in der ich jetzt schon die dritte Generation erlebe.

Akustiker wie Ärzte sollten bitte bedenken, dass Sie niemals nur die Ohren oder die Hörschädigung behandeln, sondern immer der ganze Mensch davon betroffen ist in seinem gesamten Dasein.

Im Nachhinein stellt sich mir die Frage, warum ein Akustiker die Kunden nicht früher über das „Ende der Fahnenstange beim Hören mit Hörgerät“ informiert. Oder der HNO-Arzt. Ist der Patient in der Lage, subjektiv einzuschätzen, wo er gerade steht? Ich war es offensichtlich nicht, obwohl ich „glaubte“ zu wissen, wo ich stehe.

Rein theoretisch hätte ich schon früher implantiert werden können, wenn ich mir meine Hörkurven jetzt ansehe. Wenn ich erlebe, was ich mit CI wieder alles hören kann. Doch das konnte ich nicht einschätzen. Und mein HNO sagte immer auf Anfragen: „es ist noch zu früh.“ Ich bin trotzdem sehr zufrieden mit dem Erreichten, weil ich nicht wissen kann, ob die Technik schon früher so gut für mich gewesen wäre.

Mein Wunsch wäre z.B., dass jeder Akustiker auch mit CI vertraut ist. Denn ich möchte gern dort im Haus bleiben und nicht woanders hin wechseln müssen, weil meine Firma mich nun mit dem CI nicht mehr betreuen kann.

Mir hat das Cochlear Implantat eine neue, nie gekannte Lebensqualität geschenkt, neue Türen aufgestossen und eine ganz neue Freiheit beschert.

Ich bedanke mich ganz besonders herzlich bei all den Menschen, die mich bis hierher begleitet haben, mir über manche Hürde geholfen haben und mich in dem Glauben an mich selbst bestärkt haben. An dieser Stelle danke ich auch meiner Tochter, die immer , wenn ich sie brauche, für mich da ist.

Vielen Dank fürs Lesen und Zu-Hören

  • Erstellt am .

CI-Hörbericht (Stand Anfang März 2006)

..... für alle, die mich nach Fortschritten fragen

 
 
 
 
Gut hören tue ich schlecht aber schlecht sehen tue ich gut
  Heinz Gunold

Scherz beiseite:

Übe grundsätzlich mit verschlossenem linken Ohr, also allein mit tauben rechten CI-Ohr. Fortschritte verzögern sich, weil außerhalb der Übungen das linke Ohr trotz 40% Sprach-Hörverlust unvermeidbar die Führung übernimmt und das neue Ohr nicht übt.

Das für mich aufregende, für die Sprachtherapeutin vertraute Phänomen, ist der Lerneffekt des Gehirns, das Verstehen allein durch Wiedererkennen. Ich höre einen Satz erstmals nur <chinesisch>. Dann lese ich nach oder lass mir sagen was das hieß. Danach verstehe ich das 100% und kann nicht mehr verstehen, dass das erst ganz anders klang. Gefahr: Wenn ich z.B. glaube, das könnte <Waldvogel> heißen, dann höre ich <Waldvogel>. Die Therapeutin dazu: <Neutral hören und sich auf Neues einlassen, nicht schon bereits glauben, das könnte jetzt kommen>.

Höre mit Hörbüchern plus Text zum Lesen. Habe dafür z. Zt. Manfred Hausmann <Isabell> (Hausmann kenne und liebe ich seit 1950)
Rilke <Geschichten vom lieben Gott>
Camus <Die Pest>

Erst mehrmals hören / lesen. Danach liest Helga / Mami / Omi schon geübte Texte vor. Ich schaue ihr dabei auf den Mund (große Hilfe!) probiere auch ohne Mundlesen.
Hauptproblem bringt der flüssige Fortgang der Handlung, auch wenn langsamer vor-gelesen wird als Hörbücher besprochen sind. Nachdenken über ein nicht gleich verstandenes Wort oder einen Satzteil bedeutet halbe Konzentration auf das Folgende.

Da höre ich dann sofort nur noch <chinesisch>, ohne auch nur einen Bruchteil von Wörtern!

Seit 2 Tagen höre ich vorgelesene, neue Texte, aber nur Satz für Satz bzw. Satzteile. Das geht – etwas mühsamer – auch mit CD, wenn ich nach jedem Satz Stopp drücke. Da kann ich mich ganz auf den kurzen Text konzentrieren. Gehe in den nächsten Tagen auf einfache Jugendbücher zurück, z.B. <Grischka und sein Bär>. Hoffe das bald fortlaufend hören zu können.

Konzentrationsübungen (zur Zeit Hausaufgabe): Sätze sagen lassen, wie sie auf dem Bahnhof zu hören sind. Z.B.:< Der ICE von Frankfurt nach Hamburg fährt 15:35 Uhr von Gleis 8> Die richtige Uhrzeit kostet die meiste Konzentration, muss aber alle Namen erfassen und wiedergeben können. (Mein alter Kopf ist da auch nicht hilfreich!!)

Geräusche: Ohne beidseitige Hörhilfen höre ich weder Telefon- noch Haustürklingel. Ohne Hörhilfe links, allein mit neuem CI-Ohr rechts höre ich beide Klingeln. Das klingt aber extrem fremd, musste erst lernen was das merkwürdige Geräusch zu bedeuten hatte.

Alles außer Sprache höre ich relativ laut bis störend laut. Ich weiß, dass hier für die Sprache noch viel nachjustiert werden muss, aber eben nur nach und nach, damit ich den <Krach> ertragen kann. Das ist besonders auffällig, wenn ich morgens das CI nach dem Anziehen einsetze. Erst große Ruhe, dann kommt Leben, jeder Schritt, jeder Handgriff hörbar.

Zusammengefasst: Hatte es mir leichter vorgestellt. Wenn Fortschritte nicht schneller werden, muss ich 100 Jahre und älter werden, bis ich zufriedenstellend höre!! Die Sprachtherapeutin tröstet aber, der Verlauf wäre ganz normal. Also weiter so.

  • Erstellt am .

Kleiner Bericht über meine CI-Operation und Krankenhausaufenthalt

Alsooo… am 23.01.2006 wurde ich eingeliefert. Nach Aufnahme, div. Vorgesprächen und abschließenden Untersuchungen blieb ich dann da und hatte ein nettes Bett in einem 2-Bett-Zimmer.

Abends kam dann noch der Chirurg und der Audiologe (letzterer kümmerte sich schon um die Voruntersuchungen, Procedere, und wird dann mein Hörenlernen betreuen). Darüber hab ich mich sehr gefreut, weil ich mit beiden schon in den Vorgesprächen sehr gut klar kam. Hier konnte ich noch die letzten, mir wichtigen, Fragen zu Schmerzmitteln, OP usw. loswerden und die beiden Herren verließen mich in der Gewißheit, dass alles gut würde.

So richtig Muffensausen hatte ich erst am Dienstag, als ich dann in den OP gefahren wurde. Dort wurde ich in ne Decke eingemummelt, zur Narkose gefahren und nachdem Kanüle 1 in meiner linken Hand steckte, hab ich nix mehr gemerkt. Das war gegen 8 Uhr… So ca. 16 Uhr bin ich aufgewacht und dachte: Oh schön, überstanden.

Dann hab ich gemerkt, dass ich im Wachraum war... sehr winziger Raum und sechs Betten drin... wie ne Säuglingsstation… nur eben für Erwachsene. Hab ich doch gleich als erstes gefragt, ob denn nun alles vorbei wäre, so beduselt wie ich war… und dann hab ich wieder n Schmerzmittel bekommen, was mich weiter dösen ließ. Da mir ja u.a. gesagt wurde, dass es u.U. zu einer Gesichtsnervverletzung und damit zu einem hängenden Mundwinkel kommen könnte, hab ich erst mal gegrinst und an mir im Gesicht rumgetastet. Pühhhhhhhhh! Alles paletti und übel war mir auch nicht.

Sooooo... hm... was nur dumm war, mein Herz galoppierte mit 135 Stundenkilometern rum, statt sonst mit 80. Nun hab ich eben Monitoring und Beobachtung am eigenen Leibe erfahren. Jedenfalls lag ich nun da, so im Gitterbettchen, Decke vom OP und meine Bettdecke und das Herz wollte einfach keine Ruhe geben. So gegen 18 h sind dann meine Mutter und mein Freund nacheinander mal kurz in den Wachraum gekommen, so dass wir prima reden konnten. Später haben mir die Schwestern beide Decken mal weggenommen und mir nur Bettlaken als Decke gegeben, was mich schon aufatmen ließ. Und Durst hatte ich…und durfte nicht trinken... schnüff… aber Feuchtigkeit hatte ich bekommen. Dann nach ner Flüssigkeit durch den Tropf wurde es etwas besser, reichte aber bis 21 h nicht aus, wieder auf die Station zu kommen.

So bin ich dann mit Blutdruckmanschette, Urinkatheter auf die Intensivstation verfrachtet worden. Ich „empfehle“ das jedem, der helle Nächte haben möchte… Aber ich muß sagen, alle haben sich rührend um mich gekümmert, auch was die Verständigung anging (Aufschreiben oder deutlich und kurze Sätze). Angst hatte ich eigentlich nicht, ich war guten Mutes, dass alles wieder gut wird. Nur wusste ich eben nicht, wie ich liegen sollte und der Druckverband mit eingebauter „Nackensperre“ tat sein übriges dazu… und eben das ganze übrige Überwachungszubehör dazu. Aber ich war trotzdem ganz froh, dort zu sein, weil ich doch immer was brauchte…und endlich meinen Durst stillen konnte…aufatm*

Nachts um eins wurde ich dann endlich wieder in mein Zimmer befördert und war mehr als erleichtert. Die Nachtschwestern haben mich dann wieder zu einem funktionierenden Menschen gemacht, bis auf die Kanülen in der Hand. Dann durfte ich endlich mal aufs stille Ört-chen, natürlich mit Hilfe der Schwestern. Mensch, Leute, war mir schwindelig. Ein „super“ Drehschwindel... aber das wusste ich ja schon vorher…oioioi!

Die Nacht war schon besser, aber das Schlafen war bis zu meiner Entlassung immer n Krampf. Ich war immer froh, wenn der Morgen graute und die Lichter von Berlin…(prima Aussicht auf SONY CENTER, Bundestag usw.) schwächer wurden. Zudem schlief ich ja auch etwas höher, damit ich mich nicht verschluckte, weil durch die Beatmung mit dem Tubus die Speiseröhre/Luftröhre in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und so wie ich sonst schlafe, ging auch nicht… irgendwas störte mich immer. Aber ich brauchte auch kein Schmerzmittel nach der OP bzw. es hat mich alles doch nicht so richtig gestört, weil ich wusste, das geht vorbei und so war es dann auch…

Am Morgen habe ich endlich dann was essen dürfen… möönsch, hatte ich Hunger. Und zu meiner Freude waren auch die Geschmacksnerven voll in Ordnung. Dafür klappte es mit dem Schlucken nicht so gut, so dass ich meistens nur Gemantsche gegessen habe und beim doch nicht so ganz weichen Fleisch nach nem Tischmixer mit Batteriebetrieb gerufen habe. Grins*. Lecker auch Kompott, passiert mit Kartoffeln, weil Soße schon alle war..

Ich hab meistens Besuch von meinem Freund und meiner Mutter bekommen und am Donnerstag abend kam kurz meine Freundin vorbei. Und dann standen nur 1 Kontrollröntgen am 1. Tag danach, Verbandswechsel ab dem 3. Tag, 3x täglich lecker Antibiotika intravenös, um halb sechs morgens zusammen mit Fiebermessen und Thrombosepieks, 2 Besuche von Weißkittel-Geschwadern an.

Dadurch dass mir ja schwindelig war, durfte ich die Station nicht verlassen. Aber die Schwestern waren alle sehr nett und auch mir gegenüber sehr aufgeschlossen, wegen meiner Schwerhörigkeit, so hab ich mich nicht ausgeliefert gefühlt. Ich hab aber jeden Tag, nachdem ich mich frisch gemacht hatte (hui, was ich nicht alles für Sportarten gelernt hab: einhändig waschen und anziehen, wenn was runtergefallen war, schön rückenfreundlich gerade runter, (weil sonst das CI gedrückt hätte) mit der einen Hand sich festhalten, mit der anderen dann nach dem Objekt fischen…), in ungemütlicher Lage schlafen, linke Hand irgendwie deponieren… (mein „Boxhandschuh“…..!!!), immer eine kleine Runde gedreht und mich an den „Ballettstangen“ (Stangen an der Wand zum Festhalten) durch den Flur bewegt... wie n Seemann auf Landgang…danach war ich erst mal foxi und hab nach m Frühstück mich weiter ausgeruht.

Der Drehschwindel hielt so bis Samstag an, dann wurde es besser, auch weil ich viel rumgelaufen bin. An dem Tag durfte ich dann auch mal runter in das KH-Cafe zusammen mit meiner Mutter.

Einen Überraschungsbesuch hatte ich auch. Mein Kumpel, der auch wegen CI operiert wurde, hatte mich dann am Freitag und Samstag besucht. War ich aber perplex, wie er und seine Frau mit meinem Freund zusammen in der Tür standen. Sie haben dann bei uns übernachtet (so hatte auch mein Freund ein wenig Ablenkung) und sind Sonntag, bevor ich heimkam, auch zurück nach Hannover. Und sie sind alle auch nur ca. 1 – ½ Stunden geblieben, es ist doch ganz schön anstrengend nur mit einem Hörgerät.

In der Zeit, wo sie dann bei mir zu Hause waren, haben sie mit meinem Freund zusammen einiges für mich gemacht, am PC und was fürs TV (Ringschleife). Damit ich es schön hab beim Verstehen. War ich ja sehr gerührt... Naja, ich hab mir das mit dem CI bei meinem Kumpel angeschaut und bin sehr gespannt, wie es sich bei mir entwickeln wird.

Nun bin ich seit Sonntag Mittag wieder zu Hause und hab bislang viel geschlafen und dadurch wieder sehr viel mehr Energie….. Zwar alles noch eierig, weil ich nicht zu schnell laufen darf…“hups, sagte das CI, da bin ich wieder“ aber es wird. Abgesehen davon, dass es zu Hause viel schöner ist, und mein Freund sich rührend um mich kümmert, dreht es sich auch wegen meinem niedrigen Blutdruck nicht mehr so schnell… also, es geht aufwärts.

Am Freitag werden die Fäden gezogen, Mitte bis Ende des Monats Februar steht die Erstanpassung an... und dann geht’s los…

Eure erleichterte Anja

Untenstehend das Bild am Tag nach der OP (The day after) mit schicker Frisur und Boxhandschuh!

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Anja Hörenz, e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

  • Erstellt am .

CI-Erfahrungen in Beruf und Alltag...

Als ich (heute 41 Jahre) etwa fünfzehn Jahre alt war, wurde bei mir eine leichte bis mittelgradige Hörschädigung festgestellt. Der Grund ist wahrscheinlich eine verspätete Kinderkrankheit – Mumps und Masern bekam ich erst mit 11 Jahren - er ist aber nie richtig festgestellt worden. Daraufhin bekam ich Hörgeräte verschrieben, die ich aber nicht getragen habe, weil ich den Klang nicht mochte und auch irgendwie so klar kam. Ich habe mich in Schule und Studium immer sehr angestrengt und konzentriert. Außerdem fühlte ich mich mit Hörgeräten minderwertig. Ob ich in Gruppengesprächen mal was nicht mitbekam oder als „stilles Wasser“ eingeschätzt wurde, war mir egal. Stattdessen machte ich schwierige Sachen, wie ein Auslandsjahr in Genf, und später Praktika in New York und Jerusalem, um mir zu beweisen, dass ich mindestens so gut wie die „Normalhörenden“ bin.

Richtig getragen hatte ich die Hörgeräte bis dahin nicht, wurde nun aber mit etwa 22 Jahren dazu gezwungen, weil ich die französischen Vorlesungen in Genf sonst nicht verstanden hätte. Trotzdem trug ich die Hörgeräte dort und auch danach nur, wenn ich sie brauchte, z.B. für das Jura-Studium oder einen Theater- oder Kinobesuch. Über die Jahre hatte sich das Hören aber verschlechtert und mit Ende zwanzig kam dann die Zeit, wo ich Hörgeräte regelmäßig trug. Ich habe mich immer sehr angestrengt, um den zunehmenden Hörverlust zu kompensieren. Zurückgezogen habe ich mich nicht, ich bin trotzdem mit meinen Freunden ausgegangen, auch wenn ich manchmal den gesamten Abend nichts verstanden habe.

Manchmal war es trotzdem schön, manchmal war ich nur noch am Heulen, wenn ich zu Hause war. Erst ca. fünf Jahre später, etwa mit Mitte 30 war es so, dass auch die neueste Generation von Hörgeräten nicht mehr zu einer ausreichenden Hörfähigkeit führte. Ich kam wohl damals schon mit den Hörgeräten nicht mehr über ein Hörverstehen von 50%. Dies war mir aber nicht so bewusst, erst mein damaliger Ehemann, der selbst Arzt ist, erkannt im gemeinsamen Zusammenleben, dass ich so müde und erschöpft abends nach der Arbeit war, dass ich praktisch nichts mehr gehört habe und ein Privatgespräch kaum möglich war.

Ich gab meine ganze Kraft für meine Arbeit beim Landgericht, wo ich ja als Richterin Einzelverhandlungen führen und viele Informationen aufnehmen muss. Da das Verstehen zunehmend ein Problem wurde, ging es nur deshalb gut, weil meine Sitzungen in einem sehr kleinen Raum stattfinden konnten und ich durch vorheriges intensives Aktenstudium besonders gut vorbereitet war. Außerdem muss ich wohl recht gut von den Lippen abgelesen haben.

Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass ich eben nicht mehr alles mitbekommen kann, hatte aber unterschwellig natürlich Angst, was werden soll, wenn ich irgendwann noch weniger bzw. mal gar nichts mehr höre. Ich wusste aber auch nicht, dass man da noch so viel machen kann, habe das Problem aber auch eher verdrängt, als mich wirklich damit auseinandergesetzt. Aber natürlich hat das in der Kommunikation vielfach zu Problemen geführt. Z.B. habe ich im Gespräch manchmal einfach irgendetwas geantwortet (was oft nicht passte) oder einfach das Thema gewechselt, weil ich nicht zum dritten Mal nachfragen wollte. Das kam dann aber bei meinem Gegenüber so an, als interessiere mich das vorher Gesagte nicht. Dabei fand ich es einfach geschickter über etwas zu reden, wo ich mich sicherer fühlte.

In einer Gruppensituation zu kommunizieren, war für mich besonders schwierig. Freundinnen sagten mir auch, ich hätte die Tendenz gehabt, das Gespräch einfach an mich zu reißen, dabei war es wahrscheinlich für mich die einzige Möglichkeit, überhaupt Teil zu haben.

Ca. zehn Jahre vor meiner OP habe ich das erste Mal über das CI in der Zeitung gelesen. Mein damaliger HNO-Arzt riet mir aber davon ab, da die Entwicklung noch nicht ausgereift sei. Ich dachte dann auch, das sei nur für Leute, die überhaupt nichts mehr hören. Da das ja bei mir nicht der Fall war, habe ich das nicht weiter verfolgt. Zwischendurch hat eine Freundin mir immer wieder davon erzählt, da habe ich aber aus den genannten Gründen gleich abgewiegelt. Den endgültigen Schritt habe ich dann aufgrund einer intensiven Untersuchung in der Charité gemacht, zu der mich mein damaliger Ehemann gedrängt hat. Dort hat man mir ganz ehrlich gesagt, wie schlecht es um mein Hören steht, und mich gefragt, wie ich überhaupt noch arbeiten könnte.

Während einer CI-Beratung erfuhr ich dann erst, dass ich überhaupt dafür in Frage komme. Angst vor dem Eingriff hatte ich in dem Sinne nicht so sehr, das war aber auch, weil mein Mann voll hinter mir stand und mir die Sicherheit gab, dass er, egal wie es ausgeht, alles mit mir durchstehen würde. Die Möglichkeit, dass sich das Hören wieder verbessern könnte, war so faszinierend für mich, dass die Besorgnis über die eventuellen Risiken wie Verletzung des Gesichtsnervs, in den Hintergrund traten.

Vor meiner Implantation hatte ich Informationsmaterial der verschiedenen Hersteller erhalten, aber ich konnte mich aufgrund dessen nicht allein entscheiden. Beim Ausprobieren der Sprachprozessoren kam mir aber der Tragekomfort des Esprit 3G besonders gut vor.

Mein Krankenhausaufenthalt in der Charité Campus Virchow und die dortige OP im November 2003 verliefen problemlos. Bis zur Erstanpassung des Sprachprozessors vergingen 3 Wochen, in denen ich mich mit meinem Hörgerät, das ich auf der linken Seite trug, ganz gut verständigen konnte. Die erste Einstellung war für mich schon sehr merkwürdig und es ist gut, auf individuelle „Hör-Überaschungen“ vorbereitet zu sein.

Es klang für mich sehr „primitiv“, so wie gluckerndes Wasser und ich dachte schon, man macht sich einen Spaß mit mir. Obwohl es der Audiologe war, der sprach, hatte für mich das Gehörte nichts mit Stimmen zu tun. Bei einer Fahrt mit der U-Bahn kurz danach, hörte ich alle möglichen undefinierbaren Geräusche, konnte aber das Sprechen der Leute, die sich um mich herum unterhielten, mit dem CI nicht erkennen, ich konnte nichts verstehen, noch nicht einmal, dass es sich um Sprache handelte. Da war nichts, woran ich mich festhalten konnte, daher benutzte ich zunächst noch zusätzlich mein Hörgerät.

Enttäuscht war ich eigentlich nur, das es schneller ging. Nach ca. 10 – 14 Tagen strukturierte sich das ganze aber zusehends. Auf Anraten des Audiologen trug ich den SP ja zu Beginn auch erst nur ca. 2 Stunden täglich, so dass ich mich langsam daran gewöhnen konnte. Ich hatte dann auch nach Beendigung der Einstellungen noch mehrere Termine bei einer Logopädin, und zu Hause habe ich mit meiner Familie und Freundinnen mit einem Übungsbuch Geräusche und Worte trainiert. Ich wollte ja auch so bald wie möglich wieder arbeiten – daher wurde mit besonders anspruchvollen Texten geübt. So langsam wuchs ich dann in mein neues Hören herein, wobei ich Sprache zu verstehen, am schwierigsten fand.

Die Unterstützung durch das Hörgerät hat mir in dieser Übergangszeit sehr geholfen. Das Sprachverstehen klappte dann nach den weiteren, ca. 12 Einstellungen in drei Monaten recht gut – da waren alle in der Klinik und natürlich auch ich begeistert.

Telefonieren mit dem CI war lange schwierig für mich. Es klang sozusagen doppelt mechanisch und war daher schwer zu verstehen. Inzwischen kann ich schon gut mit dem CI auch mit „normalen“ Telefonen telefonieren. Bei der Arbeit halfen mir zu Anfang auch die Kollegen. Bei Müdigkeit oder „offiziellen“ Gesprächen nahm ich am Anfang zur Sicherheit lieber das Handy mit der Induktionsschleife. Jetzt geht auch das und die Induktionsschleife brauche ich auch nicht mehr, sie nervt eher.

Bis heute trage ich das Hörgerät bei der Arbeit, beim Autofahren und wenn ich müder bin. Es gibt mir durch das beidseitige Hören teilweise mehr Sicherheit, obwohl ich mit dem CI schon längst viel mehr höre.
Seit März 2004 habe ich wieder angefangen zu arbeiten, zunächst nach dem „Hamburger Modell“ halbtags als Bereitschaftsrichterin, wobei ich Sitzungen mit drei Richtern mitsitzen und mich ganz auf das Verstehen konzentrieren konnte. Im September 2004 fing ich wieder an, Vollzeit zu arbeiten und zwar zunächst in einer Beschwerdekammer beim Landgericht, die nur sehr selten Sitzungstermine oder Anhörungen durchführt. Man war sich in der Verwaltung noch nicht sicher, ob ich für Sitzungen schon genug verstehen konnte. Da mir das Rechtsgebiet fremd war, war es eine schwierige Zeit der Einarbeitung und vom Hören her wegen endlos langer Beratungen mit vier Personen auch nicht gerade einfach.

Seit März 2005 arbeitet ich nun wieder in einer Kammer beim Landgericht, die Gerichtsverhandlungen macht und leite als Einzelrichterin selbst die Sitzung, im Übrigen nehme ich als sog. „Beisitzer“ an den Verhandlungen teil. Bei den Sitzungen setze ich die FM-Anlage ein, was das Verstehen erleichtert, auch wenn ich es inzwischen auch ohne hinbekomme. Das Hörgerät auf der anderen Seite benutze ich bei der Arbeit regelmäßig. Ich muss aber sagen, dass das Verstehen mit dem CI allein zusehends besser klappt und dass das Hörgerät manchmal eher stört, weil es sich einfach anders anhört und ich mit dem CI einfach viel mehr höre. Das hat aber eine Weile gedauert, auch bis ich es gewagt habe, ohne Hörgerät zu hören. Sicher ist, dass man mit dem CI viel weiterkommt, wenn man auch versucht, mit ihm allein zu hören, also nicht zu schnell aufgibt – das ist aber nicht immer leicht.

Das Gespräch in Gruppen, in Cafés und Restaurants ist vom Verstehen her jetzt viel einfacher geworden – ich komme weit besser klar als vorher. Ich gehe sehr viel ins Kino und genieße es, fast immer den ganzen Film zu verstehen. Ein großartiges Erlebnis war für mich, als ich im Dezember 2004, also knapp ein Jahr nach der Implantation, in dem Musical-Film „Phantom der Oper“ war. Das habe ich früher sehr oft gehört, und ich bin auch recht zuversichtlich in die Vorstellung gegangen, weil ja das Hören schon so gut geklappt hatte. Da klangen die Melodien wirklich genau, wie sie klingen sollen – das war wirklich toll! Ansonsten ist es mit dem Musikhören sehr unterschiedlich, bei manchen klassischen Werken, die ich sehr gut kenne, bin ich enttäuscht und lass es dann lieber, Popmusik und ähnliches klingt dagegen gut, Salsatanzen ebenfalls, weil ich den Rhythmus genau mitbekomme.

Wenn ich andere Leuten, die vor der Entscheidung für eine Cochlea Implantation stehen und sich ähnlich lange gequält haben, raten sollte, dann würde ich sagen, dass man sich nicht zu lange mit dem Abwägen von Für und Wider herum schlagen sollte. Man findet sowieso keine neuen Argumente und vielleicht wächst auch nur die Angst vor dem Eingriff. Ich habe mich ja damals, unterstützt durch meinen Mann, relativ schnell entschieden und ich bereue das keinesfalls:

Die Chance, dass das Leben auch noch mal leichter wird und nicht nur aus der Anstrengung, zu hören besteht, sollte man unbedingt ergreifen und auch das Risiko eingehen, dass es vielleicht erst mal schwierig wird. Ich habe jetzt während und auch nach der Arbeit wesentlich mehr Energie und damit beruflich und privat mehr Lebensqualität. Für Fragen stehe ich gern zur Verfügung.

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