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Mein Leben mit zwei Cochlea Implantaten

Mein Leben mit zwei Cochlea Implantaten

Von Sarah Kroh

Hallo, mein Name ist Sarah Kroh, ich bin 20 Jahre alt und trage seit meinem zweiten Lebensjahr auf beiden Seiten Cochlea Implantate.

Ich fange am besten einfach mal ganz am Anfang an. Ich kann mich natürlich nicht mehr an Dinge vor meiner Implantation erinnern, da ich noch sehr klein war, aber ich kann euch berichten, was mir meine Eltern erzählt haben. Dabei stellt sich auch schon die erste Frage, wie meine Eltern festgestellt haben, dass ich nichts hören kann. Bei mir hat sich das dadurch bemerkbar gemacht, da ich nicht angefangen habe zu sprechen und ich auch durch den beeinträchtigten Gleichgewichtssinn erst sehr spät gelernt habe zu laufen. Außerdem habe ich nicht immer reagiert, wenn man mich gerufen hat und wenn ich reagiert habe, dann war das, wie sich später herausgestellt hat, auch nur Zufall. Mein Vater hat dann um ihren Verdacht, dass irgendetwas nicht stimmt, einen sehr lauten Wecker hinter meinem Kopf rappeln lassen. Als ich dann nicht reagiert hatte, war klar, dass da irgendwas mit meinen Ohren nicht stimmen konnte.

Der nächste Schritt war dann also zu einem HNO-Arzt zu gehen, wo Hörtests gemacht und festgestellt wurde, dass ich hochgradig schwerhörig bin. Zunächst hat man versucht diese mit normalen Hörgeräten auszugleichen. Als sich auch da meine Hörsituation nicht verbessert hat, riet unser damaliger Nachbar (Arzt, selbst CI-Träger) uns dringend zu Cochlea Implantaten und empfahl die Medizinische Hochschule Hannover. Dort bin ich dann auch implantiert worden und anschließend im Cochlear-Implant-Centrum zur Reha gegangen. Das besondere an meiner Implantation war, dass ich eigentlich erst nur auf einer Seite ein CI bekommen sollte. Zum Glück für mich wurden meine Eltern einen Tag vor der OP gefragt, ob ich nicht an einer Studie teilnehmen möchte, in der man die Entwicklung von Kindern beobachtet, die auf beiden Seiten gleichzeitig implantiert werden. So wurde dann auch die andere Seite implantiert und somit war ich mit eine der Ersten, die auf beiden Seiten gleichzeitig implantiert wurde, was sich letztendlich sehr erfolgreich in meiner Entwicklung widerspiegelte. Ich habe sehr schnell gelernt zu sprechen und mein Wortschatz hat sich täglich erweitert.

Mit drei Jahren bin ich dann in einen Kindergarten für Normalhörende gegangen und nebenbei zunächst einmal wöchentlich auch in einen Kindergarten für Hörgeschädigte. Später besuchte ich für ein Jahr Vorschulunterricht in einer Schule für Hörgeschädigte. Dort wurde ich bestens auf meinen weiteren Schulverlauf vorbereitet. Mit sechs Jahren wurde ich dann in eine Regelgrundschule eingeschult, habe danach auf ein Regelgymnasium gewechselt und dort auch 2019 mein Abitur gemacht. Während meiner Schulzeit wurde ich immer super unterstützt, sowohl von den Lehrern und Schülern, als auch von meiner Familie. Man hat den Klassenraum mit Technik ausgestattet und für mich einen Nachteilsausgleich ausgehandelt, damit ich keine Schwierigkeiten bekomme, um so mit den Normalhörenden mitzuhalten. Dies war dann für mich kein Problem mehr.

Als ich dann älter geworden bin, habe ich mir natürlich immer öfter die Frage gestellt, wieso ich überhaupt gehörlos bin, zumal niemand sonst in meiner Familie eine Hörschädigung aufweist. Außerdem hat mich damals auch der Gedanke verfolgt, dass meine Hörschädigung vielleicht vererbbar sein könnte und zu diesem Zeitpunkt hat mich das schon sehr verunsichert. Daher habe ich eine genetische Untersuchung machen lassen. Dabei ist rausgekommen, dass die Hörschädigung zwar genetisch bedingt ist, ich aber quasi ein Sechser im Lotto bin und ich diese nur vererben könnte, wenn mein Partner ausgerechnet den gleichen Gendefekt hätte.

Mittlerweile ist mir dies aber sowieso egal, da ich an mir selbst am besten sehen kann, dass es sehr wohl möglich ist mit dieser Hörschädigung ein normales Leben führen zu können und ich mich dadurch auch nicht eingeschränkt fühle. In dieser Selbstsicherheit habe ich mich indirekt auch unterstützt, als ich mir vor etwas über einem Jahr meine Haare ganz kurz geschnitten habe. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich vielleicht etwas anders bin, denn dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Die Technik heutzutage konnte mir ermöglichen in einem Umfeld von Normalhörenden aufzuwachsen, ohne dass ich mich ausgeschlossen fühle und dafür bin ich täglich dankbar. Ebenso bin ich dankbar, dass ich eine so unterstützende Familie habe, ohne die ich bestimmt nicht da wäre, wo ich jetzt bin.

Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen-Laboratoriumsassistentin in Münster angefangen und lebe eigenständig in einer neuen Stadt, in der ich wieder einmal sehr herzlich empfangen wurde und unterstützt werde. Mit Hilfe der Arbeitsagentur konnte neue Technik für den Unterricht finanziert werden. Mein Start wurde mir durch den Integrationsfachdienst und auch durch die Offenheit der Lehrkräfte hier an der Schule erleichtert. Die Ausbildung hat mein Selbstbewusstsein sehr gestärkt und ich bin sogar zur Semestersprecherin für meinen Kurs gewählt worden. Ich kann mittlerweile sehr offen mit meiner Hörschädigung umgehen und das habe ich auch den Menschen zu verdanken, die bis jetzt immer sehr offen auf meine kleine „Einschränkung“ reagiert haben.  

Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte Eltern und auch anderen Hörgeschädigten Mut machen kann und hiermit endet vorerst mein Erfahrungsbericht.

Lasst euch nicht runterziehen!

Sarah Kroh
Januar 2021

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Enjahoertwas

Enjahoertwas

- lives in a world between deaf and hearing -

Von ENja

Hallöchen! Mein Name ist Enja, ich bin 26 Jahre alt und die Tippse hinter dem Blog „Enjahoertwas!“ (https://enjahoertwas.wordpress.com/).

Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es jetzt her ist, als ich angefangen habe, zu bloggen. Es müsste im Zeitraum 2011-2013 gewesen sein. Just for fun erstellten meine Freundin Anna und ich jeweils einen Blog und tippten drauf los. Damals war Instagram noch nicht so populär und Blogs (oder Blögge?) waren sehr beliebt. Ich musste gar nicht großartig überlegen, sondern wusste von Beginn an, worüber ich bloggen möchte. Meine Hörschädigung. Schon immer hatte ich eine kleine Stimme im Hinterkopf sitzen, die mir zuflüsterte, dass ich Hörgeschädigten helfen möchte. Und vielleicht kann ich mit meinem Blog ja andere unterstützen und ihnen wenigstens das Gefühl geben, dass sie mit gewissen Problemen nicht allein sind.

Nun zu mir: Ich bin ein stolzes Bauernkind mit einer seeeehr großen Familie. Meine beiden älteren Brüder sind ebenfalls hörgeschädigt. Bei jedem von uns fing die Hörschädigung im Kleinkindalter an, jedoch wurden bis heute noch keine Ursachen gefunden. Da wir sonst keine vergleichbare Hörschädigung in der Familie haben, sage ich immer gern, dass sich irgendwas bei meinen Eltern nicht verstanden hat - und deswegen alle Kinder hörgeschädigt sind.

Aber ich würde keinesfalls sagen, dass uns dadurch irgendein beträchtlicher Nachteil entstanden ist. Wir kommen alle drei super damit zurecht und ich für meinen Teil bin sogar super stolz darauf. Ja, ihr habt richtig gelesen: ich bin stolz darauf, hörgeschädigt zu sein und der Hörgeschädigten-Welt anzugehören!

Während die Hörschädigung bei meinen Brüdern sich einfach so entwickelte, war es bei mir ein etwas problematischerer Verlauf. Meine Eltern tun mir bis heute leid, was sie mit mir durchmachen mussten. So etwas wünsche ich keinem Elternpaar!

Ich erzähle jetzt einfach mal aus der Erinnerung, es kann aber sein, dass ich mir ein, zwei Sachen vielleicht falsch gemerkt habe:

Es fing damit an, dass ich im Alter von 1,5 Jahren permanentes Fieber und Ohrenschmerzen hatte. Das hat sich wahrscheinlich durch ausgiebiges Weinen bemerkbar gemacht. Auf jeden Fall sind meine Eltern dann mit mir zum Arzt gefahren, doch dieser nahm die Symptome nicht ganz so ernst. „Das geht von selber wieder weg“. Vielleicht habe ich noch Schmerzmittel oder Antibiotikum bekommen, doch besser wurde es nicht.

Ich weiß gerade auch nicht mehr, ob meine Eltern zu weiteren Ärzten gefahren sind, oder ob sie direkt zum HNO-Arzt unseres Vertrauens gefahren sind. Er hat uns auf jeden Fall SOFORT ins Krankenhaus geschickt, da ich UNVERZÜGLICH operiert werden musste. Ich hatte eine starke Mittelohrentzündung und diese war kurz vorm Durchbruch ins Gehirn. Sollte dies geschehen, würde ich mit sehr starker Wahrscheinlichkeit geistig behindert werden. Mein Herz rast gerade beim Tippen extrem - mich berührt dies nach all den Jahren immer noch sehr. Vor allem, wenn ich an meine Eltern in der Situation denke...

Doch es gab ein Happy End! Ich wurde direkt operiert und die Entzündung konnte bekämpft werden. Und damit fing meine Hörschädigung an.

Fortan blieben wir bei dem oben genannten HNO-Arzt. Keinem vertrauten wir in dem Bereich so, wie ihm. Doch leider verschied er vor einigen Jahren, was eine beträchtliche Lücke in mein ärztliches Vertrauen riss. Natürlich habe ich einige neue Ärzte durchprobiert, doch keiner gab mir das Gefühl von Sicherheit. Keinem konnte ich so vertrauen wie ihm... Dabei müsste ich so langsam echt mal wieder einen neuen HNO-Arzt finden, bei dem ich auch bleibe...

In den Folgejahren nach meiner OP mit 1,5 Jahren bekam ich noch zwei Hörstürze. Ich hörte quasi über Nacht schlechter. Meines Wissens hatte ich keine Schmerzen. Ich wachte nur auf und auf einmal hörte ich schlechter. Ich merkte es wahrscheinlich beim ersten Mal nicht mal selbst, da ich noch zu jung dafür war. Meine Eltern hingegen bemerkten, dass ich nicht mehr richtig reagierte, wenn sie mich riefen.

Ich habe tatsächlich eine Erinnerung an den zweiten Hörsturz. Ich wache im Kinderbett aufwache und bemerke direkt, dass ich schlechter höre. Ich bekam Panik, fing an zu weinen und rief nach meiner Mutter. Jedoch weiß ich gerade ehrlich gesagt nicht, ob das der Realität entspricht, oder ob das nur ein Traum war. Da müsste ich auf jeden Fall schon im Schulalter gewesen sein, würde ich jetzt mal so behaupten.

Da ich bereits zwei Hörstürze hatte, wurde mir schon früh prophezeit, dass ich wahrscheinlich noch einen Dritten bekommen würde. Und da mein Hörverlust eh schon sehr stark war und ich meinem eigenen Empfinden nach mit Hörgeräten nicht genug hörte, entschied ich mich mit 17 Jahren für ein Cochlea Implantat (kurz CI). Was genau das ist, werde ich in einem anderen Blog-Beitrag nochmal ausführlich erläutern. Kurzfassung: es ist ein Implantat, welches gehörlose Menschen wieder hören lässt. Aber Achtung: dieses Hören wird niemals an das natürliche Hören eines Gesunden rankommen. ☝🏼

Und nach mittlerweile neun Jahren mit Cochlea Implantat kann ich sagen: Es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Ohne das Cochlea Implantat wäre mir vieles nicht möglich gewesen, da mir mit meinen Hörgeräten fast der komplette Hochtonbereich gefehlt hat. Dieser ist extrem wichtig, um ein gutes Sprachverständnis zu haben, da man damit S, Z, F und eigentlich fast alle Konsonanten hört. Ohne fehlt einem ein beträchtliches Stück vom Wort und man muss sich viel mehr zusammenreimen, um zu verstehen, was das Gegenüber gesagt hat.

Sollte jemand noch ein paar Informationen zur Entscheidungsfindung einer Cochlea Implantat-OP brauchen oder möchte einfach mehr über die persönlichen Erfahrungen mit einem CI lernen, könnt ihr mich jederzeit anschreiben: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Lasst euch nicht unterkriegen!

Eure Enja
Dezember 2020

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Erfahrungsbericht „Kuraufenthalt mit Mundschutz“

Erfahrungsbericht „Kuraufenthalt mit Mundschutz“

Von Isabell Stark

Ich bin hochgradig hörgeschädigt und mit Hörgerät links und Cochlea Implantat rechts versorgt und habe im September 2019 eine Kur (Achtung: Keine Hörrehabilitation, das ist wichtig zu wissen!) beantragt, im Oktober 2019 wurde sie bereits genehmigt. Dann im Februar 2020 bekam ich die Information, an welchem Ort der Aufenthalt stattfinden wird bzw. dass demnächst mitgeteilt wird, wann es losgeht. Was kam dazwischen? COVID-19!

Die Kur wurde auf eine unbestimmte Zeit verschoben. Im Sommer 2020 erhielt ich die Nachricht, dass es im Oktober 2020 beginnen wird. Endlich!

Ein paar Tage vor der Abreise ist mein Wohnort dann zum Risikogebiet erklärt worden und ich musste noch einen COVID-19 Test machen lassen. Nachdem meiner Anreise nichts mehr im Wege stand, durchquerte ich einmal Deutschland, über 700 km bis zu meinem Kurort in St. Peter Ording.

Angekommen wunderte ich mich schon darüber, dass ich den normalen Eingang nicht benutzen darf. Neuanreisende müssen einen gesonderten Eingang nutzen. Ein paar Tage später war es so, dass man im gesamten Haus Mundschutz tragen musste, aber der eine oder andere hat beim Sprechen mit mir den Mundschutz von sich aus oder auf meine Bitte heruntergenommen.

Gruppengespräche, Einzelgespräche, Arztgespräche, Fitnessraum usw., sobald man im geschlossenen Raum war aber bei geöffnetem Fenster, durfte der Mundschutz heruntergenommen werden. So habe ich mich auch sicher und wohl gefühlt.

Ich war kaum eine Woche dort, da sind schon neue Regelungen angekündigt worden und diese waren für mich dramatisch:

Der Mundschutz bleibt immer an, auch in den geschlossenen und gelüfteten Räumen, in den Gruppen- und in Einzelgesprächen, usw. Das erste Gefühl war Frust und Wut.

Ich habe um einen Termin bei der Chefärztin gebeten. Zeitgleich habe ich das Gesundheitsamt, das Integrationsamt und den VDK in dem jeweiligen Bundesland angemailt und mein Problem geschildert. Das Gesundheitsamt hat mit Empathie geantwortet und darauf hingewiesen, dass die Landesverordnung in der Begründung zu § 2 Abs. 5 vorsieht, dass bei Hörbehinderungen die Maske zur Kommunikation ausnahmsweise vorübergehend abgenommen werden kann.

Das Integrationsamt hat nur 08/15 geantwortet mit einer zusätzlichen Aussage, dass die Verordnung gerade überarbeitet wird und der VDK hat sich in dieser Thematik nicht verpflichtet gefühlt.

Als ich den Termin mit der Chefärztin hatte, teilte sie mir mit, dass es eine eigene Hausregel ist und selbst wenn es erlaubt und rechtens wäre, sie eigene Regeln aufstellen dürfen. Das bedeutet, mir wurde ausdrücklich gesagt, dass es nicht möglich ist, den Mundschutz für mich herunterzunehmen und ich es mir doch leichter machen könnte, indem ich wieder nach Hause fahre.

Wieder war ich gefrustet und wütend. Da ist mir eingefallen, dass es noch den Sozialdienst im Haus gibt, dort habe ich einen Termin vereinbart und bei diesem Termin hatte ich Glück. Die Tochter der Sozialberaterin ist hörgeschädigt und sie erkannte mein Problem. Sie hat sich für mich eingesetzt und erreicht, dass in Einzelgesprächen der Mundschutz heruntergenommen werden darf, obwohl ich so aber leider von allen Gruppengesprächen ausgenommen wurde, in denen ich das Mundbild brauchte.

Da ich zum Glück in der ersten Woche schon viele Einweisungen hatte, konnte ich die Anwendungen beibehalten, wie z. B. Fitnessraum, Gymnastik, etc. In den darauffolgenden Wochen ist das Thema etwas verlaufen und die Mitarbeiter wussten, dass ich die bin mit den Lauschern an den Ohren und haben im unbeobachteten Moment für mich den Mundschutz heruntergenommen. So war der restliche Aufenthalt nicht dauerhaft frustrierend für mich.

Wie ihr aus der Geschichte entnehmen könnt, ist unser Problem leider nicht weit verbreitet genug bekannt und wir müssen dafür sorgen, dass viel mehr Menschen über unsere Kommunikationsbedürfnisse Bescheid wissen.

Isabell Stark
November 2020

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Meine Erfahrungen mit dem Cochlea Implantat (CI)

Meine Erfahrungen mit dem Cochlea Implantat (CI)

von Ingrid Kratz

Mein Name ist Ingrid Kratz, ich bin beidseitig implantiert und leite seit 11 Jahren die CI-SHG-Frankfurt im CIV HRM e.V.

Der Hörverlust veränderte mein Leben radikal, doch mit meinen beiden Cochlea Implantaten kann ich heute das Leben wieder wie früher genießen. Die Welt der Musik faszinierte mich eigentlich immer – und ich bin überglücklich, sie auch heute wieder genießen zu können!

Mit sechs Jahren begann ich im Kinderchor des Hessischen Rundfunks zu singen, danach im Jugend- und Figuralchor und später schloss ich mich einem Kirchenchor an. Die Zeit bis zu meinem 25. Lebensjahr war geprägt von öffentlichen Auftritten: Konzerte, Hörfunk- und Fernsehsendungen und Konzertreisen.

Meine Schulzeit und Jugend verbrachte ich, was das Hören angeht, völlig unauffällig.

Bis zu meinem 37. Lebensjahr hatte ich gut gehört – machte mein Examen als Kinderkrankenschwester und arbeitete 33 Jahre in diesem Beruf.

Mit 37 Jahren erlitt ich nach einem anstrengenden Dienst im Krankenhaus meinen ersten Hörsturz in Kombination mit Tinnitus. Die Diagnose lautete nach eingehender HNO-ärztlicher Untersuchung und einem Hörtest: Innenohrschwerhörigkeit. In den darauffolgenden 13 Jahren erlitt ich insgesamt acht Hörstürze und mittlerweile beidseitigen Tinnitus. In diesen 13 Jahren erlebte ich eine wahre Odyssee. Alle Therapien blieben erfolglos! Auch die besten volldigitalen Hörgeräte stießen irgendwann an ihre Grenzen und konnten mir kein ausreichendes Sprachverstehen ermöglichen.

Aufgrund des progredient verlaufenden Hörverlustes wuchsen meine Ängste vor einer möglichen Ertaubung. Das Gefühl der Ausweglosigkeit machte sich breit. Ich bekam Depressionen und konnte mich an fast nichts mehr im Leben erfreuen – immer stand der hochgradige Hörverlust im Vordergrund. Vor allem das Telefonieren fiel mir zunehmend schwerer. Die Angst, während meines Dienstes im Krankenhaus ans Telefon gehen zu müssen und die damit verbundene Furcht vor möglichen Missverständnissen wurde immer größer. Der Leidensdruck war immens! Ich recherchierte im Internet, las Fachzeitschriften und besuchte Vorträge über das CI. Es war ein schwieriger Entscheidungsprozess, der sieben Jahre dauerte!

Mein Gehör verschlechterte sich bis an Taubheit grenzend, sodass ich mich nach einer Voruntersuchung 2008 zur linksseitigen CI-OP mit dem OPUS 2 und 2010 zur rechtsseitigen CI-OP mit dem OPUS 2XS von Med-El entschied. Ich hatte nichts mehr zu verlieren.

Das war die beste Entscheidung, die ich habe treffen können!

Die CI-OP verlief unauffällig. Nach drei Tagen wurde ich entlassen und nach einer Woche wurden die Fäden entfernt. Vier Wochen nach der CI-OP erfolgte in drei aufeinanderfolgenden Tagen die Erstanpassung, die Basistherapie, des CI-Prozessors.

Es waren anfangs ungewohnte Töne, die ich hörte, auch klang alles etwas metallisch, nach Computer-und Micky-Maus-Stimme, und meine eigene Stimme hatte einen gewissen Nachhall, was aber sehr schnell wieder verschwand. Der Hörtest fiel schon recht gut aus!

Die ersten Geräusche, die ich hörte, waren Vogelgezwitscher, Regentropfen auf dem Regenschirm und das Ticken des Blinkers im Auto – ich hatte diese Geräusche bestimmt seit 10 Jahren nicht mehr gehört. Meine Freude darüber ist nicht zu beschreiben!

In zweiwöchentlichen Abständen erfolgten erneute Feineinstellungen des CI-Prozessors. Das CI-Hören klang immer natürlicher und der Hörtest wurde immer besser!

Drei Monate nach der CI-OP begann ich eine stationäre Reha, die Folgetherapie, für die ich mich bewusst entschieden hatte, um mich voll und ganz auf das neue Hören konzentrieren zu können. Ich hätte ansonsten auch die Möglichkeit einer ambulanten Reha gehabt.

Schwerpunkt dieser Reha war das Einzel-und Gruppenhörtraining, Hörtraining am Computer mit dem Audiologprogramm, Hörtraining im Störschall und das Richtungshören. Mein oberstes Ziel war, wieder möglichst gut telefonieren zu können. Es gelang! Mit viel Geduld meiner Logopädin, Disziplin und vor allem Ehrgeiz. Auch das Musikhören mit CI wurde trainiert. Allerdings klingt Musik mit nur einem CI lange nicht so gut wie mit zwei CI’s. Der Klang ist wesentlich natürlicher und voller! Ich denke, meine frühe musikalische Ausbildung hat mir sehr dabei geholfen, heute, nach viel Übung wieder annähernd so gut Musik hören zu können, wie früher.

Ein Grund mehr zur bilateralen CI-Versorgung, besonders wegen der verbesserten Sprachwahrnehmung im Störschall
und dem besseren Richtungshören!

FAZIT: Der Alltag ist der beste Lehrmeister!

Ich habe mich keiner schwierigen Hörsituation entzogen, sondern mich ihr gestellt, z.B. im Lokal oder bei Familienfeiern in geräuschvoller Umgebung. Auch Hörbücher trainieren das Hören mit CI! Ebenso spezielle Hörtrainings – CD’s und DVD’s. Es gibt auch spezielle Apps zum Herunterladen für das Hörtraining auf dem Smartphone oder iPhone oder die kabellose Anbindung mit Bluetooth für das CI. Nach Bedarf kurze Hörpausen am Tag einlegen. Man kann auch nach Jahren noch Hörerfolge erzielen!

Vor zehn Monaten habe ich ein Upgrade erhalten und trage nun das Sonnet 2 mit großem Erfolg. Ich möchte meine CI‘s keinen Tag mehr missen! Sie haben mir eine neue Lebensqualität und Lebensfreude eröffnet und ich bin sehr dankbar dafür!

In der Selbsthilfegruppe beraten wir angehende CI-Patienten, die noch voller Zweifel und Ängsten einer CI-OP gegenüberstehen. Auf Wunsch geben wir auch eigene Erfahrungen weiter. Es finden regelmäßige Treffen in der „Weinstube im Römer“ zum gegenseitigen Austausch statt. Wir organisieren Exkursionen, besuchen Museen und nehmen an Führungen teil.

Sehr wichtig ist uns die Öffentlichkeitsarbeit: Wir organisieren Infostände am CI-Tag, den Hörtag an der Uniklinik, SHG-Tag im Römer, organisieren musikalische Lesungen, sowie Musik-und Tanzworkshops für CI-Träger.

Durch meine Mitarbeit im Kundenbeirat von Fraport konnte ich vor Jahren erreichen, dass im Terminal 1 +2 an den Info-Points induktive Höranlagen fest installiert wurden, damit CI-Träger oder Hörgeräteträger störungsfrei kommunizieren können.

Sehr schätze ich die Einrichtung des MED-EL Care Center in unmittelbarer Nähe der HNO-Uniklinik Frankfurt. Dort finde ich fachkundige Beratung und persönlichen Service, falls es technische Probleme gibt, ein passendes Ersatzteil oder ein Zubehör fehlt. Auch Rehabilitationsmaterial zum Hörtraining für zu Hause kann ich hier erhalten. Es ist für mich von großer Bedeutung, einen guten technischen Service vor Ort zu haben – das beruhigt enorm! Jährlich bietet das Care-Center einen kostenlosen Hör–TÜV an, für den ich mich schon frühzeitig vormerken lasse.

Oktober 2020
Ingrid Kratz

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