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Vom JA-sagen zu COVID Zeiten

Vom JA-sagen zu COVID Zeiten

Von Veronika Engelmann

Hochzeitsvorstellungen

Liebe, zueinander Ja-Sagen, Freude, weißes Kleid, das gesamte Leben miteinander verbringen wollen, Ringe, Verbundenheit, miteinander Feiern, Brautstrauß. Das und noch vieles mehr kommt mir beim Gedanken an Heiraten und Hochzeit in den Sinn. Eines war bisher jedoch bestimmt nicht in meinen Gedanken: Mund-Nasen-Schutz. Das passte – bisher – eindeutig nicht mit Hochzeit zusammen. Doch COVID-19 hat innerhalb kurzer Zeit vieles auf den Kopf gestellt. Unser aller Leben, unser Alltag hat sich verändert. So auch die Hochzeitspläne von Klaus, meinem wundervollen Lebenspartner, und mir. Gedacht war das Standesamt für Ende April, die kirchliche Hochzeit als Fest mit Familie und Freunden für Anfang Juni 2020.

Eheseminar „spezial“

Im Zuge der Schutzmaßnahmen in Österreich haben wir uns plötzlich in einer Art unfreiwilligen Spezialvariante eines Eheseminars wiedergefunden: 24-7 zu zweit zu Hause, veränderte Arbeitsbedingungen, Homeoffice, Erkrankungen im Familienkreis, keine persönlichen Treffen mit Familie und Freunden und die Unklarheit ob Heiraten überhaupt möglich sein wird. Das alles testet eine Beziehung. Da gefällt mir das englische Wort für Beziehung: „relationship“ sehr gut. Wörtlich das Verbindungs-Schiff, in Verbundenheit gemeinsam durch schöne und fordernde Zeiten segeln. Und so kann diese Zeit auch ein Geschenk sein. Sie zeigt, wie wir mit Krisen umgehen. Was wirklich zählt wird klarer. Die eigene Haltung im Blick auf Herausforderungen wird sichtbar.

COVID und Hörverlust

Es gibt Ereignisse, deren Eintreten quasi nicht beeinflussbar ist. So war auch der Beginn der COVID-19 Pandemie an sich in Österreich von Einzelnen nicht tatsächlich beeinflussbar. Doch wie wir mit unserer Haltung, unserem Denken, unseren Gefühlen, in unserem Handeln auf eintretende Ereignisse reagieren, ist sehr wohl beeinflussbar.  Gleiches gilt für den Verlust meines Hörens. „Normal“-hörend geboren hatte ich keinen Einfluss auf die plötzliche Ertaubung meines linken Ohres im Kindergartenalter. Doch wie mein Umfeld, wie auch ich darauf reagiert habe(n), konnten und können wir beeinflussen.

Einseitige Taubheit

Im Zuge meiner Ertaubung wurde geglaubt, dass der Hörnerv geschädigt ist. Deshalb gab es für mich keine Versorgung mit Hörhilfen oder Implantat. Daher bin ich einseitig taub aufgewachsen, mit allen Herausforderungen und Geschenken, die eine einseitige Ertaubung mit sich bringen. Richtungshören ist nicht möglich. Gespräche in schwierigen Hörsituationen gelingen mehr schlecht als recht und sind sehr anstrengend. Einseitig hören braucht viel Kraft und Konzentration. Doch gerade mit diesen Herausforderungen habe ich mich entschieden, den Fokus auf das zu legen, was ich davon Wertvolles „geschenkt“ bekam: die Fähigkeit sehr gut Körpersprache „lesen“ zu können, Lippenlesen, geschärftes Beobachtungsvermögen, Einfühlungsvermögen, das Verständnis dafür, dass vermeintliche Schwächen große Stärken sein können. Für mich ist somit auch die einseitig ertaubte Zeit rückblickend gut.

Wieder Hören

Auch wenn mich die Zeit ohne Hörversorgung viel gelehrt hat, möchte ich mein Cochlea Implantat nicht missen. Ich würde mich jederzeit wieder für ein Cochlea Implantat entscheiden. Ich bin liebend gern ein „Cyborg“, oder eigentlich ein CI-borg. Als ich Anfang 20 war, habe ich mich auf die Suche nach für mich möglichen Hörlösungen gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass der Hörnerv sehr wohl intakt, jedoch die Sinneszellen in der Hörschnecke geschädigt sind. Damit war 2011 der Weg für ein Cochlea Implantat und damit für mehr Lebensqualität frei. Ich bin zutiefst dankbar, für das MEDEL Cochlea Implantat, das ich erhalten habe. Dankbar, für das nun mögliche Richtungshören, für Erleichterung in schwierigen Hörsituationen, für volles Klangerlebnis beim Singen, Klavierspielen, Querflöte spielen, kurzum: für mehr Lebensqualität.

Hörhighlights & fraglicher Hochzeitstermin

Ich bin dankbar für all die wundervollen Hörmomente, die ich mit meinem Cochlea Implantat erlebt habe und weiter erleben werde. Und ein ganz besonderes Hörhighlight ist dabei meine Hochzeit. Denn was Menschen, die nicht mit einer Hörbeeinträchtigung konfrontiert sind, beim Thema Hochzeit wahrscheinlich nicht bedenken, ist das Hören des Ja Wortes. Und das bringt mich zurück zu Ende April heurigen Jahres. Wegen COVID-19 war lange unklar, ob Klaus und ich uns das Ja Wort geben können. So oder so, wir hatten für uns entschieden, das Beste aus der Situation zu machen. Uns riesig zu freuen, wenn die standesamtliche Hochzeit wie geplant Ende April möglich ist. Und, sollte der Hochzeitstermin verschoben werden müssen, uns genauso riesig auf den neuen Termin zu freuen. Denn eines hat uns unser „Eheseminar Spezial Variante Corona“ ganz klar gezeigt: ob wir wie geplant heiraten können oder zu einem anderen Zeitpunkt ändert gar nichts an der tiefen Liebe, die wir zueinander empfinden.

„Ja“ mit Mund-Nasen-Schutz

Im steten Kontakt mit unserer Standesbeamtin in Graz waren wir gespannt auf die endgültige Entscheidung – wird heiraten möglich sein, und wenn ja, wie? Wenige Tage vor dem geplanten Termin dann der erwartete Anruf: Ja, standesamtlich heiraten ist möglich, doch: Bitte mit Mund-Nasen-Schutzmaske. Ganz im Sinn unserer Einstellung, das Beste aus jeder Situation zu machen, habe ich mich sofort an die Nähmaschine gesetzt. Denn eins war klar: wenn heiraten mit Mund-Nasen-Schutz, dann jedenfalls mit einer Portion Humor und ganz im Hochzeits-Stil. Bestens ausgerüstet mit unseren „Hochzeits-Masken“ starteten wir völlig erwartungsfrei in unseren standesamtlichen Hochzeitstag. Unser größtes Geschenk ist ja unsere Liebe an sich und aktuell überhaupt heiraten zu können.

Das JA Hören

Am Standesamt angekommen erwartete uns eine liebe Standesbeamtin mit einer wunderschönen Zeremonie. Dem Einzug zu einem unserer Lieblingslieder folgten einleitende Worte der Standesbeamtin zu Liebe und Ehe und dann war es so weit: die Frage, ob wir heiraten wollen, ob wir zueinander JA sagen. Dieses Ja von Klaus zu hören, und das mit beiden Ohren, war wundervoll. Danach während des Ringtausches einander tief in die Augen zu blicken, unsere Liebe zu spüren und dabei ein weiteres Lieblingslied zu hören war großartig. Im Anschluss die Standesbeamtin ein Gedicht zu Glück, Ehe, Liebe, vortragen zu hören und das Hand in Hand mit meinem – zu diesem Zeitpunkt bereits - Mann Klaus ein Riesengeschenk. Beim Auszug sein „ich liebe dich“ an mich zu hören war schlicht und einfach wundervoll. Am ganzen Hochzeitstag verteilt viele aufmerksame und liebevolle Überraschungen aus der Ferne von Familie und Freunden zu erleben war herrlich und wunderbar. Unser Hochzeitstag – trotz Covid-19-Situation – ganz, ganz großartig.

Und jetzt?

Seit diesem wundervollen Tag, unserem Ja zueinander, sind einige Monate vergangen. COVID-19 begleitet uns alle nach wie vor. Daher haben wir unser kirchliches Hochzeitsfest auf nächstes Jahr verschoben. So können wir uns noch mehr darauf freuen. Denn wir wissen: COVID-19 und alles was damit einhergeht stellt uns alle vor große Herausforderungen. Doch unsere Liebe zueinander, die Verbundenheit und Gemeinschaft, die spürbar ist, hat Bestand und wird uns alle diese Krise meistern lassen.

 

Veronika Engelmann
Geschäftsführung Holzspecht
Cranio Sacral Practitioner & Ergotherapeutin

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Hören 2.0 – mein Weg zum CI I Bericht Teil 1

Hören 2.0 – mein Weg zum CI I Bericht Teil 1

Von Anja B.

„Kannst du BITTE LAUTER sprechen!?“ – Dieser Satz war in den letzten Jahren mein ständiger Begleiter geworden. Wann es eigentlich losging mit dem schlecht Verstehen und dem falsch Verstehen, weiß ich nicht mehr. Und warum genau es bergab ging, warum sich in Abständen immer wieder Hörstürze zeigten, auch nicht. Den ersten Hörsturz hatte ich schon im Studium, das Dauerpiepen nach den Partys gehörte damals ja quasi dazu und Gedanken über Gehörschutz machte man sich irgendwie nicht. Bis es eines Tages, besser gesagt, Abends während einer Party plötzlich „Plopp!“ machte und alles dumpf klang und ich in den Folgetagen merkte, dass das eine Ohr irgendwie ‚anders‘ war. Es folgte die übliche Therapie mit Kortisoninfusionen etc., das Ohr erholte sich wohl und alles war vergessen.

Ich wurde Lehrerin und die Klage, dass die Schüler*innen so leise sprechen und zugleich so laut sind, gehörte quasi zu meinem Berufsalltag. Vor fünf Jahren bemerkte ich plötzlich wieder ein Watte-Gefühl in meinem linken Ohr, hatte das Gefühl, ein feuchtes Ohr zu haben – wieder ein Hörsturz, diesmal mit einem Tiefton-Tinnitus. Der „startende Düsenjäger“ begleitete mich zusätzlich zum dumpfen Gefühl im Ohr von da an wie ein treuer Freund. Es folgten wieder die üblichen Therapien und die Aussage des HNO-Arztes, ich könne es ja mal mit einem Hörgerät versuchen. Genauer gesagt: mit EINEM Hörgerät, mein zweites Ohr hörte (und hört) ja immer noch gut. Dieses zweite Ohr war in der Probetrag-Zeit und auch im Anschluss immer ein sehr nörgeliger Partner des ‚schlechten‘ Ohres, ständig kam die Botschaft, dass sich das auf Hörgeräte-Ohr aber „ganz anders“ anhört. Ich wurde Dauergast bei meiner Hörakustikerin, immer auf der Suche nach einer besseren Einstellung, mal war es zu blechern, mal zu dumpf.

Das schlechte Hören war ein Dauergefühl. Während am Tagesanfang immer das Gefühl da war, das Ohr wird „angeschaltet“, stellten sich im Laufe des Tages dann oft Unwohlseinsgefühle und ein seltsamer Druck auf dem Ohr ein. Ich konnte nun in guter Umgebung zwar mehr hören, aber in der Schule blieben die Schwierigkeiten: Alles war zu laut - aber gleichzeitig auch zu leise.

Erzählt habe ich von meinem Hörgerät erst spät und auch nur wenigen Kollegen, niemand sollte es wissen und erst recht nicht sehen. Und irgendwann war auch der Zeitpunkt dafür vorbei, ich konnte – so glaubte ich – nicht plötzlich sagen: „Übrigens, ich höre seit Jahren schlecht und trage ein Hörgerät.“ Dabei schwang sicherlich auch die Sorge mit, dass es dann von Schülerseite heißen könnte: „Und wie wollen Sie uns dann bewerten?“ Ich muss Sprache ja nicht nur verstehen, sondern sie auch bewerten. Auch meine Familie war nicht gerade, sagen wir, „begeistert“. Ich hörte auch Aussagen wie: „Du willst doch jetzt nicht wohl so ein Ding da tragen!?!“ Die Einschränkung und Not hinter dem einseitig immer schlechter werdenden Hören verstand niemand. Allenfalls hielt man sich mal ein Ohr zu und stellte fest, dass „das wirklich ein bisschen blöd“ ist.

Im Sommer 2017 plötzlich der nächste Hörsturz, bei dem ich anfangs dachte, mein Hörgerät sei defekt. Nachdem meine Hörakustikerin meine neue Hörkurve mit Entsetzen quittierte und mein HNO-Arzt mich aber mit den Worten, alles sei ok, mein Gehör schwanke halt, wieder wegschickte, wechselte ich mehrfach den Arzt, doch sowohl die Infusionstherapie als auch eine intratympanale Kortikoidtherapie brachten keine signifikante Besserung. Das Hörgerät trug ich nicht mehr, es brachte mir gar nichts mehr, ich fühlte mich nur noch schief.

Nun hieß es, ich solle mich doch mal in der CI-Sprechstunde vorstellen. In der CI-Sprechstunde?? Ich ließ mir den Termin geben, war aber fest davon überzeugt, ja, hoffte es regelrecht, dass man mich dort auslacht und wieder wegschickt. Wurde ich aber nicht. Die Tests ergaben, dass ich eine geeignete Kandidatin sei, ich sei „an Taubheit grenzend schwerhörig“. Meine erste Reaktion, nach ersten Recherchen mit Simulationen, wie sich das Hören mit einem CI anhört, war „nie im Leben lasse ich DAS machen!“. Die Aussage, ich sei an Taubheit grenzend schwerhörig und eine geeignete Kandidatin, schien aber zugleich bei mir etwas geweckt zu haben: Auf einmal wurde mir richtig bewusst, WIE schlecht ich höre, dass ich mir ständig alles wiederholen lassen muss, mich nicht mehr mit Freunden treffen wollte, ich Gesprächen nicht mehr richtig folgen konnte, ich ständig auf der Suche nach den Schallquellen war und es kurzum nicht so weitergehen konnte. Auf Empfehlung meines neuen Arztes schaute ich mir noch eine Klinik an. Ich las gefühlt das Internet komplett leer, stöberte und fragte in Internetforen und Facebook-Gruppen und fand dort auch kompetente und geduldige Ansprechpartner. Unzählige Fragen und Antworten später war es für mich nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch wann ich mich (endlich) mit dem CI versorgen lasse.

Nach meinem Entschluss standen noch weitere Untersuchungen an, um zu klären, ob ich tatsächlich geeignet bin, mit der Krankenversicherung und Beihilfe musste die Kostenübernahme geklärt werden – die Zeit bis zur OP schien kein Ende zu nehmen, doch im September 2019 lag ich endlich auf dem OP-Tisch. Die Wochen davor waren eine einzige Qual, ich fühlte mich am Ende meiner Kräfte. Hinzu kam die ständige Sorge, dass die OP aus irgendeinem Grund abgesagt und weit nach hinten verschoben werden könnte.

Fünf Wochen später erfolgte die Erstanpassung. Das CI hat mir mein altes Hören nicht mehr zurückgegeben, ich habe mein Restgehör verloren, das Üben ist anstrengend und ich bekomme auch meine Grenzen aufgezeigt, aber es ist für mich schlicht und einfach grandios. Ich habe das Gefühl, wieder ich zu sein. (Fortsetzung folgt)

September 2020
Anja B.

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Von der AHA-Regel zum Aha-Effekt: Prozessor-Upgrade in Zeiten von Corona

Von der AHA-Regel zum Aha-Effekt:
Prozessor-Upgrade in Zeiten von Corona

Von Elke Schwaninger

Abstand, Handhygiene und Alltagsmasken gehören seit Monaten zu unser aller täglichen Routine. Wer's mit den Ohren hat, erlebt den Effekt dieser sog. "AHA-Regel" auf besondere Weise. Was als Barriere gegen Viren gedacht ist, wird für Hörgeschädigte zur Kommunikationsbarriere: Räumliche Distanz zum Gesprächspartner lässt alles leiser klingen, dazu ein Stück Stoff im Gesicht, das Gesagtes verzerrt und Absehen vom Mund unmöglich macht...

Genau in dieser Zeit flatterte mir ein Brief meines CI-Herstellers ins Haus mit dem Angebot, den neuesten Sprachprozessor zu testen. "Modernere Technik, omnidirektionale Mikrofone, Störschall-Filter - das kommt doch gerade jetzt wie gerufen!", dachte ich. Der Prozessor sollte vier Wochen lang probegetragen werden. Bei signifikanter Verbesserung des Sprachverstehens würde die Krankenkasse die Kosten für neue Geräte übernehmen.

Neugierig vereinbarte ich einen Termin zur Anpassung der verheißungsvollen Prozessoren. Mit meinen über 16 Jahren CI-Erfahrung würde das sicher schnell und problemlos vonstattengehen: Einfach das alte Programm auf die beiden neuen Prozessoren überspielen und dann mal ausprobieren, wie sich die heutige Technik aufs Sprachverstehen auswirkt...
Die Audiologin überreichte mir -mundschutztragend- meine Probeprozessoren und fragte, ob ich eine Veränderung wahrnehmen würde: "Fie klimpft eff denn jepft für Diff?" Tja...Wie sollte ich das beurteilen, wenn meine Gesprächspartnerin Mundschutz trug? Hörte ich jetzt undeutlicher aufgrund der MASKE oder lag es an den neuen PROZESSOREN?!...Ich antwortete etwas verunsichert, dass die Lautstärke wohl ganz ok sei, aber der Klang noch irgendwie...ungewohnt. Auch meine eigene Stimme klang anders als sonst. Mundschutz- oder einstellungsbedingt?! Ich begann zu ahnen, dass ein Prozessor-Upgrade in Corona-Zeiten herausfordernder werden könnte. Wirklich beurteilen ließe sich das neue Hören wohl nur in freier Wildbahn!

Ich fuhr nach Hause und schnappte mir den Hund, um in eben dieser freien Wildbahn spazieren zu gehen - in der Hoffnung, dabei Menschen ohne Mundschutz zu begegnen, lebenden Hörtests auf zwei Beinen. Das erste, was mir entgegenkam, hatte jedoch vier Beine und offenkundig keinerlei Interesse daran, mit mir verbal zu kommunizieren: Ein unangeleinter Hund, der ohne Sinn für AHA-Regeln direkt auf uns zuschwänzelte. Unser Hund, ein angeleinter Rüde, freute sich augenscheinlich sehr über diesen Kontakt.

Aus einiger Entfernung sah ich eine Person hinterher spurten und irgendetwas rufen. Aufgrund des Abstands -oder lag es doch an den neuen Prozessoren?!- konnte ich allerdings nichts verstehen. Schließlich war die Hundehalterin herangenaht und wiederholte atemlos und aufgeregt, was sie wohl schon aus größerer Distanz gerufen hatte: "SIE IST LÄUFIG!" Die Körpersprache von Vierbeinern lässt sich zum Glück auch NON-VERBAL verstehen und so hatte ich die flirtenden Vierbeiner bereits rechtzeitig getrennt. Trotzdem hätte ich den Zuruf gern eher verstanden. Ich griff zur Fernbedienung meiner CIs und setzte den Empfindlichkeitsregler (der den Radius definiert, innerhalb dessen wir hören) höher. Mal sehen, vielleicht klappte es damit beim nächsten Gespräch auf Distanz besser?

Zur ungewöhnlichsten Erfahrung, die ich mit den neuen Sprachprozessoren machte, gehörte das Programm mit aktivierter Störschall-Unterdrückung. Seitdem ich CIs trage, bin ich gewohnt, alle Höreindrücke SELBST zu filtern. Natürlich ist das anstrengend, aber die Entscheidung darüber, was ich akustisch fokussieren möchte, liegt bei MIR. Wenn das Urteil darüber, was "Stör-" und was "Nutzschall" ist, jedoch der Technik bzw. einem einprogrammierten Filter überlassen wird, führt das in manchen Alltagssituationen zu kuriosen Erlebnissen.

Umgebungsgeräusche, die mir zuvor als nützliche Orientierung gedient hatten, wurden nun einfach vom Prozessor rausgerechnet: Das Geräusch von fließendem Wasser etwa war nach zwei Sekunden stark gedämpft - ziemlich unpraktisch, wenn es akustisch fast verschwindet und man dadurch vergisst, den Hahn wieder zuzudrehen.

Als ich die Spülmaschine ausräumte, wurden die Geräusche des klappernden Geschirrs derart gedämpft, dass ich nicht merkte, wie lautstark ich die Teller tatsächlich in den Schrank stapelte. "Mama, das tut mir in den Ohren weh!" beschwerte sich unsere -normalhörende- Tochter. Für mich war es in dem Moment mit Störschallfilter zwar angenehmer gewesen. Aber was nützt mir das, wenn dieser Filter mir die Fähigkeit nimmt, die Wirkung von Geräuschen auf meine Mitmenschen richtig einzuschätzen? 

Ich fühlte mich wie ein Elefant im akustischen Porzellanladen. Und griff zur CI-Fernbedienung, um aufs Programm OHNE Störschallfilter zu wechseln. Auch in den folgenden Wochen erwies sich das als die für mich beste Lösung in den meisten Alltagssituationen. Nur da, wo wirklich langanhaltend (!) gleichbleibender Umgebungslärm auf mich einwirkte, wechselte ich zum "gefilterten" Programm.  

Wichtig zu erkennen war für mich auch, dass in Corona-Zeiten nicht jedes unverstandene Wort auf die neuen Prozessoren zurückzuführen ist. Gerade zu Beginn des Gerätewechsels war das sehr schwer einzuschätzen und hat mich oft verunsichert: Lag es jetzt an Mundschutz und social distancing, dass ich mein Gegenüber nur teilweise verstand? Oder waren es doch die neuen Geräte?...

Zu "normalen" Zeiten hätte ich mich einfach in möglichst vielen unterschiedlichen Umgebungen unter Leute gemischt, unterschiedlichsten Sprecher*innen gelauscht und schnell gemerkt, ob eine Einstellung passt. Doch was ist derzeit schon "normal"? Meiner Familie und Freunden habe ich zu verdanken, ein paar vertraute "Übungsobjekte" ohne Mundschutz gehabt zu haben. Und mit denen klappte die Kommunikation nach kurzem "Einhören" genauso gut wie früher. Nachdem ich diese Gewissheit hatte, konnte ich auch mundschutztragenden und abstandhaltenden Menschen wieder unbefangener und mit offenen Ohren begegnen. Zu Hause übte ich außerdem mit einer Hörtrainings-App und gewann dadurch wieder ein sicheres Gespür dafür, wie gut ich Sprache tatsächlich verstand.

Ein tolles Erlebnis hatte ich schließlich nach zwei Wochen mit "neuen Ohren". Wieder war ich mit unserem Hund unterwegs. Er hing gerade schnüffelnd mit der Nase im Gras, als plötzlich von Weitem eine Stimme aus dem Gebüsch ertönte: "Nicht erschrecken! Wir kommen jetzt raus!" Ich hatte den Ausruf über viele Meter hinweg sofort verstanden und hörte auch am leicht ironischen Unterton, dass die Warnung kein Grund zu echter Sorge war. Aber was war da -buchstäblich- im Busch? Diesmal keine läufige Hündin, sondern ein Konkurrenz witternder Macho-Rüde, der angeleint samt Herrchen aus dem Gestrüpp stieg. Kaum hatte der andere Rüde unseren Hund erblickt, verfiel er in ohrenbetäubendes Kläffen. Daher also die "Warnung"! Ich musste laut lachen und freute mich sehr darüber, den Hinweis diesmal klar und deutlich verstanden zu haben 😉

Der große Aha-Effekt folgte schließlich nach vier Wochen Probezeit beim Abschlusshörtest: Im Vergleich zu meinen alten Geräten zeigte sich eine mehr als signifikante Steigerung des Sprachverstehens im Störschall, die ich so für kaum möglich gehalten hätte.  Es ist erstaunlich, wieviel sich mit neuen Prozessoren sogar aus alten (16 bzw. 13 Jahre) Implantaten herauskitzeln lässt! Mein regelmäßiges, selbst verordnetes Hörtraining und das Durchhalten trotz coronabedingt schwierigerer Kommunikation haben sich definitiv gelohnt. 

Jetzt warte ich gespannt auf die Rückmeldung meiner Krankenkasse. Angesichts der eindeutigen Ergebnisse des Vorher/Nachher-Hörtests rechne ich damit, dort nicht auf taube Ohren zu stoßen😉

Elke Schwaninger

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Von den akustischen Herausforderungen im Home Office und Zeiten zunehmender Videokonferenzen während der Pandemie

Von den akustischen Herausforderungen im Home Office und Zeiten zunehmender Videokonferenzen während der Pandemie

Von Michael Schwaninger (Bild Pixabay)

Während der Pandemie hat sich das Arbeitsumfeld für mich dramatisch verändert. Ich leite den Finanzbereich eines Pharma-Unternehmens, bei Interesse finden Sie hier einige Zusatzinformationen: https://www.ihr-hoergeraet.de/mein-vorgesetzter-nennt-mich-schwanipedia/

In meiner Firma werden seit März 2020 große Teile der eigenen Arbeitszeit im Home Office verbracht, aber auch wenn ich doch einmal selbst im Büro bin, sind dann viele der Kollegen im Home Office. Somit ergab sich die dringende Notwendigkeit der Digitalisierung und Videokonferenzen mit WebEx, Zoom, Teams, Multipoint, etc. kamen im Alltag immer stärker zum Einsatz.

Eine Herausforderung sind nicht nur die verschiedenen Plattformen mit durchaus unterschiedlicher Sprachqualität, sondern auch die Endgeräte auf denen die Konferenzen liefen, denn bei entsprechend vielen Teilnehmern sind die Kacheln mit den Videos einzelner Personen so klein, dass man den einzelnen Sprecher kaum sehen kann. Dies trifft auch zu, wenn auf der anderen Seite der Kamera ggf. mehrere Personen im (halligen) Raum sitzen und einzelne Sprecher gar nicht mehr zu erkennen sind, geschweige denn laut und deutlich sprechen. Hier kommt der CI-Träger sehr schnell an seine Grenzen, Lippenlesen ist definitiv keine Option. Wir müssen deutlich machen, wann Kommunikation gelingt… und wann auch eben nicht…

In einem Setting, in dem ich selbst mit diversen Kollegen in einem Konferenzraum bin und dort über Lautsprecher übertragen wird, aber weitere Kollegen aus verschiedenen Standorten per Video zugeschaltet sind, habe ich mir angewöhnt, mich zusätzlich zu den Lautsprechern noch direkt per Handy einzuwählen in einer Konferenz, um die Stimmen der externen Teilnehmer via Ringschleife am Handy direkt auf meinen Prozessor streamen zu lassen. Um dann aber die im Raum befindlichen Kollegen auch gut zu verstehen, muss mein Prozessormikrofon gleichzeitig eingeschaltet sein. Hier leistet die MT Funktion an meiner Fernbedienung wunderbare Dienste, die ich in den Jahren vor der Pandemie, wenn überhaupt, nur spärlich genutzt habe.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Möglichkeiten der externen Zusatztechniken grade in Zeiten der Pandemie und der steigenden Digitalisierung von Kommunikation besonders wichtig sind. Halten Sie sich unbedingt informiert über die Fülle der Möglichkeiten, die sich aus der Zusatztechnik ergeben. DCIG intern haben wir so z.B. Vorstandssitzungen per Zoom schon mit Liveuntertiteln durchgeführt, was auch deutliche Erleichterungen in der Kommunikation mit sich bringen kann. Möchten Sie gerne über Ihre Erfahrungen berichten, schreiben Sie mich gerne an unter This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it..

Michael Schwaninger

August 2020

 

 

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