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CI-Seminar in Bad Berleburg

Vom 16.09.-19.09.2004 habe ich am CI-Info-Seminar in der Baumrainklinik teilgenommen.
 
Um es gleich vorweg zu sagen: Es war sehr informativ, es war einfach toll.
 
Seit mehreren Wochen schon habe ich gemerkt, dass inzwischen ohne Mundabsehen nicht mehr viel geht. Da ich schon länger mit einem CI liebäugelte, mich aber bisher nicht entschließen konnte, da mein Kommunikationsstatus noch recht hoch war, obwohl das Audiogramm das Gegenteil aussagte, selbst telefonieren ging noch recht gut, habe ich mich kurzfristig zum CI-Info-Seminar in der Baumrainklinik angemeldet.
 
Das in der Klinik gemachte Audiogramm hat meine Befürchtungen bestätigt, bis einschließlich 3kHz liege ich bei 125dB Hörverlust und bei 4kHz und 5kHz sind es noch „gute“ 105 bzw. 100 dB. Aber auch diesmal immer noch ein sensationell guter Kommunikationsstatus, mit Mundabsehen mehr oder weniger 100% und ohne Mundabsehen immerhin noch 34%.
 
Leider blieb das Elektroaudiogramm auf beiden Ohren ohne Aussage, das heißt, um Klarheit zu bekommen, muss der Nadeltest gemacht werden. Die Töne habe ich nur gespürt, aber nicht eindeutig gehört.
 
Der Kontakt und die Gespräche mit den CI-Trägern dort, sowie die Untersuchungsergebnisse und Gespräche mit den Experten der Klinik, Chefarzt Herrn Dr. Zeh, selber beidseitig imlantiert, Hr. Nachreiner, ebenfalls Implantatträger, Hr. Rehbein und Hr. Bellagnech, haben meinen Entschluss, mich implantieren zu lassen nur noch bestärkt.
 
Alles, aber wirklich alles wurde bis ins kleinste Detail erklärt und keine Frage blieb unbeantwortet. Warum, so werden sicher manche fragen, dieses Seminar, wo doch das alles in der implantierenden Kliniken ebenfalls durchgeführt wird. 
 
Die Experten und Ratgeber in der Baumrainklinik sind teilweise selber Implantatträger, wissen also aus eigener Erfahrung um was es geht, und sie sind in der Sache neutral.
 
Ich danke Herrn Dr. Zeh und seinen oben genannten Mitarbeitern für die gute Aufnahme, sowie für die gute Information und eine schier unermüdliche Geduld bei den vielen Fragen, die wir gestellt haben.
 
Dieses CI-Info-Seminar kann ich allen schwerhörigen Grenzgängern nur empfehlen.
  • Erstellt am .

Mein langer Weg

Wenn man wie ich vor 18 Jahren mit einem CI versorgt wurde und wie man mir sagte, ich sei der 27. CI-Patient in Deutschland, so kann man wohl mit Recht behaupten, zu den CI-Veteranen zu gehören. Deshalb möchte ich zwar spät, aber noch nicht zu spät über mein Leben als Gehörloser berichten und wie ich zum CI kam. Der Bericht ist nostalgisch etwas angehaucht und geht biographisch etwas in die Tiefe.
 
Ich bin Jahrgang 1941. Im Alter von 6 Jahren wurde ich in die damalige Volksschule in meinem Heimatort eingeschult. Im 2. Schuljahr erkrankte ich im Alter von 7 Jahren an Hirnhautentzündung und verlor dadurch vollständig mein Gehör. Nach 13-monatigem Krankenhausaufenthalt wurde ich aus der Klinik entlassen. Danach begann die bittere Erfahrung wie man in unserer ungeduldigen Welt als hilfloser Außenseiter mangels gesellschaftlichen Verständnisses und Kommunikationsfähigkeit als nicht gesellschaftsfähig, als dumm oder gar doof angesehen wurde. Meiner Erinnerung folgend, habe ich den Eindruck, daß Behinderte im allgemeinen damals und mit Einschränkung auch heute noch zwar geduldet, aber von der Gesellschaft oft nur halbherzig akzeptiert wurden. Sich in der damaligen Zeit anfangs der 50er Jahre mit einer Behinderung zurechtzufinden war alles andere als einfach, denn es gab noch keinerlei Hinweise auf entsprechende bestehende Einrichtungen, außer den Taubstummenanstalten – so wurden die Gehörlosenschulen damals genannt -, die uns Behinderten mit ihren anstehenden Problemen mehr oder weniger behilflich sein konnten.
 
Es war eine schwere Zeit über die ich nur ungern zurückdenke. Wir suchten zwangsläufig verzweifelt nach einer medizinischen Lösung, um das Hören einigermaßen wieder herzustellen. An jeden Strohhalm klammernd wurde der eine oder andere HNO Arzt, Wunderheiler oder Kurpfuscher erfolglos aufgesucht. Aktuelle Hörgeräte hatten damals die Größe eines Video-Recorders, verbunden mit einem überdimensionalen Kopfhörer. Sie hatten Netzanschluß und waren demnach nur für den stationären Gebrauch verwendbar. Unsere damalige Schulleiterin bot mir an, eine der drei vorderen Eselsbänke in der Klasse frei zu machen und mir alleine zur Verfügung zu stellen, damit ich mit diesem Gerät dem Unterricht folgen könnte. Da diese Hörgeräte für mich vollkommen untauglich und somit nutzlos waren erübrigte sich dieses Vorhaben und wurde in Zukunft nicht weiter verfolgt. 
 
Zwangsläufig besuchte ich wieder die Volksschule im Ort. Dabei war ich immer auf die Hilfe einiger Schulkameraden angewiesen, die mir nach dem Unterricht bei den Hausaufgaben behilflich waren. Dies war neben den Schulbüchern und zusätzlich angeschaffter Literatur für mich der eigentliche Unterricht. Als Gehörloser dem Unterricht zu folgen war, wenn überhaupt, nur bedingt möglich. Eine Versetzung in die Oberstufe war infolge meiner Gehörlosigkeit ausgeschlossen, sodaß ich die Schule in meinem Heimatort in jedem Fall verlassen mußte.
 
Ab 1955 besuchte ich deshalb die damalige Landestaubstummenanstalt in Camberg (heute Bad Camberg). Da ich eine normale Sprachentwicklung hatte, fühlte ich mich unter den taubstummen Schülern und Schülerinnen der dortigen Oberstufe überhaupt nicht wohl. Die Gebärdensprache war mir zuwider, ich hatte Heimweh und sehnte mich nach normaler Unterhaltung mit den mir vertrauten Personen. Die Gebärdensprache habe ich mir bis heute nicht angeeignet weil ich weiterhin in Lautsprache kommunizieren wollte. Der Unterricht war mir zu langweilig und für mich bildungsmäßiger Leerlauf, da die Lehrer zwangsläufig bemüht waren, anderen Schülern und Schülerinnen außer dem Lehrstoff noch die Lautsprache beizubringen, die ich ja schon beherrschte. Der Direktor hatte irgendwann ein Einsehen und stellte einen angehenden Taubstummenlehrer ab, der mir regelmäßig Einzelunterricht im Lehrerzimmer erteilte. Somit konnte ich mir zusätzliches Wissen aneignen.
 
Im Jahre 1956 wurde ich mit einem überdurchschnittlich guten Zeugnis aus der Taubstummenanstalt entlassen. Im Jahre meiner Schulentlassung war es, wie heute ähnlich schwer, für Behinderte eine Lehrstelle zu finden. Durch Kontakte meiner Mutter war es möglich in einem metallverarbeitenden Betrieb unterzukommen. Dort war eine Lehrstelle als Reprograph frei, die ich notgedrungen annahm. Mein eigentlicher Berufswunsch war technischer 
Zeichner. Diesen Beruf traute man mir auf Grund meiner Behinderung in diesem Betrieb nicht zu. Nach zweijähriger Lehrzeit und bestandener Prüfung als Reprograph hatte man scheinbar einen guten Eindruck von mir. Ich bewarb mich jetzt in der gleichen Firma im zweiten Anlauf als technischer Zeichner, Fachrichtung Maschinen- und Apparatebau und wurde angenommen. Die Lehrzeit dauerte 3 Jahre. In der Berufsschule war ich der einzige Gehörlose. Die Prüfung als einziger Gehörloser unter Hörenden vor der Industrie und Handelskammer bestand ich mit den Noten 3 im theoretischen und 2 im praktischen Bereich. Darauf war ich einigermaßen stolz, da ich im Durchschnitt trotz meiner Behinderung bei den halbwegs besten Absolventen landete. Wie man sieht, hatte ich wegen meiner Gehörlosigkeit zwei verlorene Jahre in meinem Wunschberuf. Ich hatte mich beruflich sehr gut eingearbeitet und wurde 1961 ins Angestelltenverhältnis übernommen. 
 
Im Mai 1985 berichtete uns jemand von einem Professor Berger in der HNO Abteilung im ev. Krankenhaus Düsseldorf, welcher angeblich schon vielen Gehörlosen in irgendeiner Form zum Hören verholfen hätte. Eine Anfrage dort mit Schilderung meines Krankheitsverlaufes, die zur Taubheit führte ergab, daß bei mir noch keine operativen Maßnahmen zur Hörverbesserung möglich sind. Mir bliebe nur der Weg zum Hörgeräteakustiker mit dem Ziel, die besten Hörgeräte für mich zu ermitteln und anzupassen. Zu einer Untersuchung sei man zwar bereit. Um mir jedoch die weite Reise zu ersparen wurde vorgeschlagen seinen ehemaligen Oberarzt Dr. W. Gerath, der in Frankfurt praktiziert, aufzusuchen. Herr Dr. Gerath verordnete mir für die Dauer von 4 Wochen zwei Hörgeräte. Obwohl mir die Erfolglosigkeit dieses Vorhabens bewußt war, machte ich den Test mit. Die beiden Geräte erzeugten nur trompetenartige monotone, undefinierbare und nicht verwertbare Geräusche. Diese Geräte wurden nach Ablauf der 4 Wochen wieder zurückgegeben.
 
Ebenfalls im Jahre 1985 sind in der Regenbogenpresse und in einigen Tageszeitungen Berichte erschienen mit der Überschrift wie „Taube können wieder Hören", „Mutter hört erstmals ihre Kinder lachen" u.s.w. erschienen. Es handele sich hierbei um ein vom Herzschrittmacher abgeleitetes und weiterentwickeltes Gerät, wobei ein Teil im Innenohr implantiert wird, welches mittels elektrischer Impulse die Hörnerven stimuliert und diverse Töne erzeugt. Also das heutige CI. An der medizinischen Hochschule in Hannover würde ein neues operatives Verfahren angewendet, nach dem Gehörlose wieder hören können. Namentlich wurde nach meiner Erinnerung auch Hanna Stuhr, die heutige Frau Hermann in einem dieser Artikel erwähnt. 
 
Aufmerksam geworden durch diese Berichte reifte mein Entschluß, die Angelegenheit bedingungslos weiter zu verfolgen, da ich nichts zu verlieren hatte. Ich redete mir ein, es kann alles nur noch besser werden….
 
Herr Dr. Gerath war diese Neuigkeit, die an der Medizinischen Hochschule in Hannover möglich sein sollte, mittlerweile auch bekannt und ich verlangte im Juni 1985 eine Überweisung dort hin. Nach Kontaktaufnahme mit der Medizinischen Hochschule Hannover teilte mir der für die Technik zuständige Herr Dr. Battmer mit, die Möglichkeit einer endgültigen Auskunft der Implantation einer Innenohrprothese setze eine dreitägige stationäre Untersuchung an der MH Hannover voraus. Am 16.10.1985 wurde ich diesbezüglich dort stationär aufgenommen.
 
Neben den allgemeinen obligatorischen Untersuchungen und den audiologischen Tests war der Promontorialtest von ausschlaggebender Bedeutung. Dabei wurden die Trommelfelle beidseitig mit einem kleinen Schnitt geöffnet und die Nervenbahnen mit einer eingeführten Sonde stimuliert. Ich empfand nur mehr oder weniger ein Brummen im Kopf und konnte mir nicht vorstellen, auf diese Art zu einem halbwegs natürlichen Hören zu kommen. Man sagte mir es sei nur ein Test um festzustellen ob die Nervenzellen im Gehirn noch reagieren und mit einem CI wird das neue Hören erst möglich. Die dabei durchgeführten Aufzeichnungen ergaben auf der linken Seite ein besseres mononaurales Ergebnis. Sollte ich mich für eine Implantation entscheiden, so würde man bewußt das Implantat auf der rechten schlechteren Seite plazieren. Die linke Seite mit dem besseren Ergebnis sollte man sich für spätere Zeiten reservieren, d.h. wenn es Forschung und Entwicklung gelänge auf diesem Gebiet den Patienten künftig Implantate auf höherem Niveau zur Verfügung zu stellen um dann eventuell eine bilaterale Versorgung vornehmen zu können. Auf Grund dieser Tatsache wird deutlich, daß die ganze Angelegenheit 1985 noch in den Kinderschuhen steckte. Man traute der ganzen Sache m.E. doch noch nicht so recht. Außerdem wurden nur Erwachsene Patienten mit einem CI versorgt, die im Vollbesitz der Sprache gewesen sind, um die monauralen Wahrnehmungen sinngemäß wiederzugeben und um das Sprachverständnis zu testen. In diesem Sinne stellten wir uns damals quasi als Versuchskaninchen mit ungewissem Ausgang zur Verfügung. Gehörlose und ertaubte Kinder wurden zu dieser Zeit noch nicht mit einem CI versorgt. Heute kann man nicht früh genug damit beginnen... 
 
Im Rahmen der stationären Voruntersuchung konnte dann die Möglichkeit der Implantation einer Innenohrprothese durch Herrn Prof. Lehnhardt bestätigt werden. Herr Dr. Laszig (heute Prof. in Freiburg) war an den Voruntersuchungen ebenfalls maßgeblich beteiligt.
 
Nach reiflicher Überlegung stimmte ich der Operation zu und der 27.05.1986 wurde als OP Termin festgelegt.
 
Vorgesehen war ein ca. zweiwöchiger stationärer Aufenthalt zur OP und Einheilung in der MH Hannover. Zu Hause sollte ein ca. zwei- bis dreiwöchiger Aufenthalt zur Stabilisierung der Heilung erfolgen und danach würde die Anpassung des Sprachprozessors sowie das primäre Hörtraining erneut einen ca. zwei- bis dreiwöchigen Aufenthalt in der MH Hannover erforderlich machen.
 
Der Anreisetag 25.05.1986 mit dem Nachtzug, um frühmorgens den 26.05.1986 in Hannover zu sein, rückte immer näher. Zufällig gab es am 25.05.1986 im Fernsehen eine Reportage, welche das CI zum Inhalt hatte. Es wurde ein junger Mann, vermutlich in Aachen operiert, vorgestellt. Er war mit einem Implantat versorgt, welches eine Steckverbindung durch die Kopfhaut hatte, was zu Problemen bei der Wundheilung führte. Es wurde auch mitgeteilt, daß dieses System keine Anwendung mehr findet. Der Mann gab an, gut zu hören, aber keine Sprache verstehen zu können. Ich hatte da auch meine Zweifel, da er sich ausschließlich in Gebärdensprache äußerte welche untertitelt wurde.
 
Im Anschluß daran behandelte man das CI und die Operationsmethode wie es bei mir an der MH Hannover zur Anwendung kommen sollte. Auch dieses Verfahren bekam schlechte Kritiken und endete mit dem Schlußsatz, der ebenfalls in Gebärdensprache vorgetragen und untertitelt wurde:
 
„Das CI ist zum Hören und Sprachverstehen vollkommen ungeeignet".
 
Mir kamen jetzt berechtigte Zweifel. Sollte ich mir das antun, eine schwierige Operation am Kopf über mich ergehen zu lassen, womöglich erfolglos und mit nachträglicher Reimplantation?
 
Neben mir stand der gepackte Koffer und ich sollte noch am selben Abend im Frankfurter Hauptbahnhof den Zug nach Hannover besteigen. Ich war nahe daran den Koffer wieder auszupacken und das ganze Unternehmen abzublasen.
 
Da der Termin feststand und der Fahrschein gebucht war, habe ich mich nach Rücksprache mit meiner Frau doch noch dazu durchgerungen mit dem Nachtzug – es gab damals noch keinen ICE - mit großer Skepsis und gewissen Vorbehalten nach Hannover zu fahren. Auf der Fahrt kam ich aus dem Grübeln nicht mehr heraus und ich dachte, ich fahre zu meiner eigenen Beerdigung. Für mich gab es nach dieser Fernsehsendung noch eine Menge Klärungsbedarf. Absagen konnte ich die Operation im äußersten Fall ja dann immer noch.
 
An der MH Hannover teilte ich mein Zimmer mit einem bereits implantierten Herrn. Dieser Herr war ein kontaktfreudiger und unterhaltsamer Mann, der stets voller Optimismus in die Zukunft schaute. Er war begeistert von seinem CI. Wenn auch sein neues Hören noch nicht optimal war, so war er voller Zuversicht und Hoffnung, es würde sich im Laufe der Zeit alles zum Guten wenden.
 
Ich berichtete ihm von der negativen Kritik der Fernsehsendung vom Vorabend. Das konnte er nicht nachvollziehen und ich würde doch sehen wie gut es ihm gehe und wie zufrieden er mit dem CI sei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne den Zuspruch, die Aufmunterung und den Optimismus meines Zimmerkollegen nach der negativen Fernsehreportage vom Vorabend mich in Hannover hätte operieren lassen. Nach längeren Gesprächen und Diskussionen habe ich mich von ihm positiv überzeugen lassen und betrachtete die ganze Angelegenheit aus einem positiveren Blickwinkel. Für mich stand jetzt unumstößlich fest mich mit einem CI Implantat versorgen zu lassen.
 
Leider war das Schicksal meinem optimistischen Zimmerkollegen nicht wohl gesonnen. Er hatte Probleme mit der Wundheilung. Ich bin medizinisch unerfahren und möchte den schicksalhaften Ablauf aus seinen Erzählungen und aus meiner Sicht schildern. Im unteren Bereich der operativen Bogennaht hinter dem Ohr bildete sich eine Entzündung, die Wunde fing an dauerhaft zu nässen und verheilte nicht. Er spielte die Angelegenheit herunter und glaubte felsenfest daran, dieses kleine Problem löse sich mit der Zeit von selbst was sich als Trugschluß herausstellte. Auf Grund dieser Probleme mußte er noch mehrmals die MH Hannover aufsuchen und etliche zusätzliche Operationen über sich ergehen lassen. In diesem Zusammenhang wurde auch das Implantat einige Male versetzt. Schließlich wurde, wie er mir brieflich mitteilte, sein Gehör immer schlechter. Bei halbwegs normaler Elektrodenstimulation konnte er nichts mehr hören und im erhöhten oder im maximalen Grenzbereich der el. Stimulation traten unkontrollierbare Gesichtszuckungen auf. Hierbei vermutete er ein Herausrutschen der Sonde aus der Schnecke. Unter diesem und unter dem Aspekt, der nicht in den Griff zu bekommenden Wundheilung war eine Reimplantation unausweichlich. Er schrieb mir: „Ein schöner Traum vom wieder gewonnenen Hören ging für mich leider nicht in Erfüllung und ich muß nun den Weg in die Stille wieder antreten". Es tat mir alles unendlich leid………..
 
Nachfolgend berichte ich was jeder CI Träger aus eigener Erfahrung schon kennt. Nach der Einweisung erfolgten noch mehrere obligatorische Untersuchungen sowie das Aufklärungsgespräch mit der Narkoseärztin. CT und MRT waren in Ordnung, sodaß einer Operation nichts mehr im Wege stand.
 
Am 26.06.1986 erfolgte dann frühzeitig die Implantation durch Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. mult. h.c. Lehnhardt mit einem Implantat der Fa. Nucleus. Nach meiner damaligen Kenntnis gab es noch keine Auswahl hinsichtlich anderer Fabrikate. Etwas später konnte man sich auch für ein Implantat der Marke Clarion entscheiden.
 
Die Operation erfolgte reibungslos. Probleme mit der Wundheilung und andere möglichen negativen Nebenwirkungen traten glücklicherweise nicht ein. Nach ca. 14 Tagen wurde ich zur Wundausheilung für 3 Wochen nach Hause entlassen. Nach Ablauf dieser Zeit wurde ich wieder für 3 Wochen zwecks Anpassung, Reha- Maßnahmen und Sprachprozessorcodierung an der MH Hannover stationär aufgenommen.
 
Ich war unendlich gespannt, welche Höreindrücke mich erwarten und ob das Ganze überhaupt Erfolg hat. Herr Prof. Dr. Battmer und der Audiologe Herr Ruckser nahmen die Anpassung vor.
 
Das Gerät bestand aus Implantat, Mikrofonteil, Sendespule und einem Kopfbügel sowie dem Sprachprozessor. Der Kopfbügel (siehe Foto) bestand aus kunststoffummanteltem Federstahldraht und wurde –ähnlich wie eine Brille- nur andersherum vom Hinterkopf her aufgesetzt und getragen. Zusammen mit meiner Brille hatte ich also 4 Bügel über den Ohren. Im Bereich des Implantats war am Kopfbügel ein Ring vorhanden in dem die Sendespule eingelassen war und ohne Magnethaftung an der Kopfhaut über dem Implantat zur Auflage kam. Das Mikrofonteil war seitlich etwas hinter dem Ohr am Kopfbügel befestigt und klappte immer nach außen wie der Fahrtrichtungsanzeiger der Autos der 50er Jahre. Insgesamt gesehen war das Tragen dieses Kopfbügels etwas lästig. Ich habe mal über eine Verbesserung nachgedacht und erinnere mich 100%ig genau daran bei einer Sprachprozessor-Neueinstellung aus einer Laune heraus gesagt zu haben, die Sendespule mittels eines Magneten am Kopf über dem Implantat zu befestigen. Dabei habe ich, ehrlich gesagt, nicht im geringsten an die Machbarkeit dieser Idee geglaubt.
 
Glücklicherweise hatte man scheinbar die Idee bereits und sie wurde recht bald umgesetzt, wie sie auch heute noch Anwendung findet. Auch bei einem Besuch der Fa. Kind in Hannover bemängelte ich diesen Drahtbügel. Da bei mir das Implantat direkt über dem Ohr angeordnet ist, kam dem Hörgeräteakustiker die Idee, die Spule einfach an das Mikrofonteil zu kleben und mittels Ohrhaken über das Ohr zu hängen sodaß der Drahtbügel entfällt. In 15 Minuten war die Sache erledigt. Ich bin dankbar und froh über den besseren Tragkomfort, wie er auch heute nach 18 Jahren noch besteht.
 
Nach Einstellung und Codierung der 22 verfügbaren Töne wurden mir die ersten Geräusche wie Traktor, Hubschrauber, Pferdegetrappel, Bohrmaschine, Tierlaute usw. vorgespielt und die Herren waren gespannt auf meine Reaktion. Wenn man bis zur Implantation 37 Jahre taub war, muß man sich an diese Geräusche erst wieder gewöhnen bzw. neu erlernen, da das Hören mit dem CI mit einem normalen Gehör ja nicht vergleichbar ist. Es klang alles fremdartig und ungewohnt und ein Vergleich mit dem früheren Hören aus meiner Erinnerung war absolut nicht möglich. 
 
An ein normales Sprachverstehen war überhaupt nicht zu denken. Am deutlichsten waren noch das Vogelgezwitscher, Fußgetrappel, Telefonklingel, Pfiffe und das monotone Ticken der Uhr. Alle Geräusche waren mir einfach zu laut, ich empfand es als störend und war froh, das Gerät abends wieder ablegen zu können. Ich möchte hier niemand langweilen und auf jedes gehörte oder nicht gehörte Geräusch eingehen. Zusammenfassend kann ich sagen, ich nehme fast jedes Geräusch wahr. Das Sprachverstehen ist bei eliminierten Nebengeräuschen mit einer deutlich und langsam sprechenden Person bedingt möglich. Die Sprachkontrolle wurde immer besser und man wunderte sich, daß ich nicht mehr lauter sprach als unbedingt nötig. Es wurden bei meinen vielen Besuchen in Hannover immer Zahlen, Vokale und Konsonanten geübt. Auch wurde aus Büchern Geschichten vorgelesen. Die Zeit wurde gestoppt und zwar standen jeweils 5 Minuten mit Absehen vom Munde und die anderen 5 Minuten nur monaural zur Verfügung. Die Worte bzw. Silben wurden gezählt und protokolliert, um bei der nächsten Sitzung feststellen zu können, inwiefern sich das Verständnis verbessert hat.
 
Nach ca. 4 Jahren wurde der Sprachprozessor gegen den verbesserten, kleineren Spectra 22 ausgetauscht, der nur mit 1 statt 3 Batterien betrieben wurde. Ich könnte hier über meine Erlebnisse noch unendlich weiterschreiben, aber das sprengt den Rahmen. Ich bin den Umständen entsprechend mit meinem CI zufrieden, da ich in Verbindung mit Lippenablesen eine wesentliche Erleichterung bei der Verständigung erfahren habe und es bisher nichts Besseres für mich gab. 
 
Ich habe die Operation noch keine Sekunde bereut und würde alles noch einmal so machen.
 
Ich beende diese Zeilen in Erwartung einer bilateralen Versorgung mit einem 2. CI und werde zu gegebener Zeit bei erfolgreicher Implantation und nach der Anpassung darüber berichten.
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Gehörbehindert zu leben ist Hochseilartistik ohne Sicherheitsnetz

Referat vom 10. Friedberger Symposium 2004
 
Es ist nicht selbstverständlich, dass Kinder in Liebe, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und Nestwärme aufwachsen. Meine Kindheit wie auch die Zeit des Heranwachsens sind hierfür ein Beispiel.
 
Nach fast 55 Jahren Schwerhörigkeit nachzuvollziehen, wann und wie alles irgendwann einmal begonnen hat, kann eigentlich nur in Form eines Zeitraffers erfolgen.
 
1950 in Hamburg – meine Eltern befanden sich gerade in einem überaus heftigen und unschönen Scheidungskrieg – bekam ich mit 5 Jahren eine beidseitige Mittelohrentzündung und musste ins Krankenhaus.
 
Als ich entlassen wurde, sah ich meine Mutter unaufhörlich weinen, während mein Vater aufgeregt und zornig packte und packte. Dann verließ er uns. An dieses schmerzliche Verlustgefühl, meinen heiß geliebten und vergötterten Vater nun für immer verloren zu haben, kann ich mich noch heute gut erinnern. Ich war verstört und entsetzt.
 
Meine Mutter war mir gegenüber stets kühl und distanziert. Ich hatte das Gefühl, bei der Neuordnung ihres Lebens im Wege zu sein. Meine Großmutter war es dann, die 3 Jahre nach meiner Mittelohrentzündung bemerkte, dass mit meinen Ohren etwas nicht in Ordnung war. Sie stellte fest, dass bei mir keinerlei Reaktion auf ganz alltägliche Dinge, wie z.B. Wasserkesselpfeifen oder Türklingeln erfolgte. 
 
Darauf angesprochen winkte Mutter nur gleichgültig ab und sagte: „Dieses Kind hört nicht schlecht, sie träumt. Sie hockt unablässig irgendwo hoch oben in den Wolken. Dort scheint sie eine Art ... Nest zu haben. Dieses Kind hat einfach keine Bodenhaftung. Keine Sorge, ihre Ohren sind ebenso intakt wie ihr Appetit."
 
Meine Großmutter jedoch wollte es genauer wissen und ging mit mir in die Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Dort konnte man eine Ursache für das schlechte Hören nicht feststellen. Man vermutete, dass ich unter einer Art Trauma litt, bedingt durch die Scheidung und die Abwesenheit des Vaters.
 
Der Satz: „Anna hört schlecht, das ist bei ihr nervlich bedingt," wurde ab da zu meinem ständigen Begleiter. Er gehörte fortan zu meinem Leben, wie meine Füße.
 
Die Teenagerzeit wurde durch meinen vermeintlichen Ungehorsam und die auf den Fuß folgenden Strafen, psychisch negativ beeinflußt. Teilweise bis heute. Nicht nur im Elternhaus, auch die Schulkameraden ließen mich sehr genau, teilweise handfest, spüren, dass ich anders war und lehnten mich ab.
 
Und immer wieder von allen Seiten Strafen, Strafen, nichts als Strafen. Ständig! Niemand bemerkte, dass ich Anweisungen oder Fragen, gar nicht gehört hatte. Jahrelang!
 
Das ohnehin mehr als schwierige Zusammenleben mit meiner Mutter wurde langsam zu einer unerträglichen Tortur, vergleichbar wohl am ehesten mit einem hochexplosiven Minenfeld - ganz gleich, wohin ich trat - Mutter explodierte. Weder Mutter noch später die Lehrer nahmen die zunehmend schlimmer werdende Schwerhörigkeit wahr.
 
Ich war für alle nervlich irgendwie nicht in Ordnung – so einfach war das!
 
Als nun auch noch aus der Schule Beschwerden wegen Ungehorsam kamen, steckte mich meine Mutter, entnervt von meinem Unvermögen, mich nicht einordnen zu können, kurzerhand in ein Internat. Doch auch da: Strafen für unablässiges Tagträumen, Strafen, weil ich nicht zuhörte, weghörte, nicht hinhörte, nicht hören wollte. Ein Straftrauma reihte sich für mich an das nächste. Ich wurde verstockt, rebellisch, aufsässig ... was wiederum erneute Strafen nach sich zog.
 
Mein ganzes Leben, die Kindheit, die Zeit des Heranwachsens, ebenso die Zeit des Erwachsenseins, war ein einziger Balanceakt auf öligem Hochseil ohne Sicherheitsnetz, tief unter mir, die Grube der Strafen. 
 
In der Pubertät wurde die ohnehin leckgeschlagene Psyche, durch schlechtes Hören und starke Akne, zusätzlich belastet.
 
Mit ungefähr 18 Jahren allerdings, ging ich selbst mit dem schlechten Hören mittlerweile recht gut um und wurde zur regelrechten Plapperschnute. Ich sagte mir: Rede Mädchen, rede, dann brauchst du nicht zuzuhören. 
 
Im direkten Gespräch mit Menschen hatte ich mich zudem zu einem raffinierten und ausgebufften Fangfragensteller entwickelt und wenn irgend möglich, lenkte ich Unterhaltungen geschickt auf mir vertrauten Boden. 
 
Da ich mit zunehmendem Alter immer schlechter hörte, ging ich allmählich dazu über, mich mit Humor und raffinierter Gesprächsstrategie über Wasser zu halten, indem ich so eine Art Alleinunterhalter wurde, denn meine Kopfresonanz war derzeit ja noch prächtig intakt. 
 
Mit 26 Jahren entschloss sich das Leben, mir Streicheleinheiten zukommen zu lassen. Ich heiratete, bekam ein Kind und lernte endlich Liebe, Geborgenheit, Zuwendung und Fürsorge kennen. Mein Mann, dem das schlechte Hören keine Ruhe ließ, meinte, der Schock über die Scheidung meiner Eltern könne es nach fast 21 Jahren weiß Gott nicht mehr sein. Über Jahre gingen wir zu diversen Ohrenärzten und Hörakustikern. Sie alle waren nach ihren Tests ratlos, jedoch voller Mitgefühl, denn die Hörerei wurde zunehmend schlechter. Helfen konnten sie mir nicht. Mit dem Hinweis, der Stand der Medizin sei noch nicht so weit, mir helfen zu können, ging ich jedes Mal ein bisschen mehr frustriert und mutloser nach Hause.
 
Mein Gynäkologe, dem ich während meiner Schwangerschaft erzählte, dass ich Angst hätte, mein Baby eventuell nicht schreien hören zu können, schickte mich 1971 nach Mainz zu Professor Kley.
 
Endlich, endlich wussten wir nach diesem Besuch, was vermutlich der Grund für meine Schwerhörigkeit war. Professor Kley erklärte uns, Studien hätten ergeben, dass 1950 bei Mittelohrentzündungen das Medikament Streptomycin verabreicht wurde und das ich möglicherweise durch die Einnahme von Streptomycin beidseitig schwerste Innenohrschädigungen bekommen hätte. Doch auch Professor Kley erklärte uns, nach dem derzeitigen Stand der Medizin könne man mir da leider nicht helfen.
 
Unser Sohn lernte bereits als kleines Kind von 4 Jahren, geduldig zu wiederholen. Damit ich ihn gut verstehen konnte, versuchte er sich mir gegenüber unerschütterlich in der Kleinkindsprache. Um mir zum Beispiel das Wort Huhn zu erklären, das ich auch trotz mehrfachen Wiederholens nicht verstand, krähte er originaltongetreu ein kräftiges Kikeriki. Solange, und mit Engelsgeduld, bis ich es hatte. Waren wir allein zu Hause, weil mein Mann auf Geschäftsreisen war, baute er mit 7 Jahren für seine ängstliche, die Gefahren nicht hörende Mutter, eine exakt durchdachte Schepper- und Knallkonstruktion für die Nacht. Ein Frühwarnsystem von der Haustür bis hin zur großen Kinderzehe im 1. Stock. Sein Vater hatte ihn vor der Abreise eindringlich gebeten, gut auf die Mami aufzupassen. Das tat er und nahm es immer sehr wörtlich. Ich war wirklich in allerbesten Händen.
 
Jahrelang und unverdrossen probierte ich weiter und voll Hoffnung alle gängigen Hörgeräte aus, doch immer vergebens. Schlecht Gehörtes hörte ich lediglich lauter schlecht, nicht deutlicher. Zornig vor Enttäuschung rupfte ich mir nicht nur einmal, diese bohnenartigen Knöpfchen aus den Ohren und stürmte wütend vor mich hinweinend aus den Hörakustikergeschäften.
 
Mein armer, sehr präzise sprechender Mann, ertrug jahrelang heldenhaft meine Nörgelei, wenn ich ihn wiederholt und oftmals zickig bat, doch bitte nicht so herumzunuscheln. 
 
Dann endlich, 1999 nach 49 Jahren voller Tränen, Wut und Enttäuschungen, nach jahrzehntelangem Hörfrust, erschien endlich ein Silberstreif am Horizont.
 
Nun hieß es: „Nach dem Stand der derzeitigen Medizin besteht eine reelle Chance für Sie!"
 
Es war nicht zu fassen. Ich glaubte es nicht. Doch jetzt, wo endlich, endlich Hilfe in Aussicht war, wurde ich bockig wie ein Esel. Ich traute dem Frieden nicht. Zu lange hatte ich auf ein Wunder gehofft. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas geben sollte, was mir helfen würde. Irgendein Haken lag sicher bereits auf der Lauer, davon war ich überzeugt. Nein, ich wollte nie wieder enttäuscht werden. 
 
Widerwillig und trotzig fuhr ich, nur meinem unermüdlich um mich besorgten Mann zuliebe, in die Hals-Nasen-Ohren-Klinik nach Würzburg. Wieder einmal wurden diese schrecklichen Ohren untersucht und siehe da, am Ende jenen Tages hieß es dann irgendwann verheißungsvoll: Eine Implantation würde die ersehnte Hilfe bringen.
 
Aber ich sorgte mich! 
 
„Nein!" sagte ich patzig zu den verdutzten Ärzten, denn würde etwas bei der Operation misslingen, wovon ich felsenfest überzeugt war, ginge auch der letzte Rest an Hörvermögen den Bach hinunter. Ganz störrischer Esel lockte mich keine Möhre der Welt, in diese Operation.
 
Mit unvergleichlichem Einfühlungsvermögen und geradezu liebevoll besorgter Behutsamkeit gelang es dann ausschließlich Oberarzt Dr. Müller, mich sanft und sehr subtil davon zu überzeugen, dass dies die Chance sei, auf die ich so sehr lange gehofft und gewartet hatte. Das Zauberwort erklärte er mir, hieß: Cochlea-Implantat.
 
Nur sehr langsam drang es dann endlich zu mir durch. Mich zu überzeugen kostete immer schon viel Kraft und Nerven. Dr. Müller schaffte es spielerisch, wofür ich ihn bewunderte. Ich war derart begeistert, dass ich ihm euphorisch sogar freiwillig mein zweites Ohr zur Implantation anbot. Doch wir einigten uns vorerst einmal auf das rechte Ohr.
 
8 Wochen später war ich nach weiteren vorbereitenden Untersuchungen implantiert.
 
Ich habe mir mit 55 Jahren dieses schier unglaubliche, nette, kleine Computerchen von MedEl in den Kopf implantieren lassen und habe es nie, nie, nie auch nur eine einzige Sekunde bereut. 
 
Die Patientenbetreuung und die Serviceleistungen der Firma Med-El sind einzigartig und sehr beruhigend. Jedes noch so kleine Problemchen findet umgehend Aufmerksamkeit, um dann rasch und sehr versiert behandelt zu werden. Ich hatte in Zusammenarbeit mit dem Implantathersteller von Anfang an das Gefühl, mich völlig entspannt zurücklehnen zu können.
 
 
Bereits ein halbes Jahr nach der Implantation war es vorbei damit, verlegen und mit gesenktem Kopf unverständliche Antworten in die Achselhöhle zu nuscheln. Ich musste auch nicht mehr auf Fragen, die ich nicht verstand, dümmlich grinsen. Alles Schnee von gestern. 
 
Mittlerweile antworte ich sofort. Klar und unmissverständlich. Für viele Menschen oftmals eine ungemütliche Erfahrung.
 
Mit 56 Jahren hörte ich den ersten Vogel meines Lebens. Eine Krähe! Sie können mir glauben, ich fand dieses unheimliche, bedrohliche Geräusch einfach göttlich!
 
Die Zeit des Nachinnenlebens ist vorbei. Endlich hatte ich jenes Selbstwertgefühl erlangt, von dem ich seit Teenagertagen träumte. Ich platzte vor neu gewonnener Energie und sprudele nur so über vor Tatendrang. Mit dieser neu gewonnenen Energie habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt: 
 
Ich habe ein Buch geschrieben.
 
... und endlich habe ich damit begonnen, die vielen, vielen Schutzpanzer, von denen ich massenhaft in riesengroßen Schränken habe – zu verschrotten.
 
Im nächsten Jahr werde ich 60 und ich finde es wunderschön.
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Ein Jahr mit CI

Vorgeschichte: Die stillen Jahre
 
Ende 1989, im Alter von 31 Jahren, wurde ich unvermittelt aus einem guthörenden in ein hörbehindertes Leben katapultiert. Nach einer Lebertransplantation zerstörte ein Antibiotikum mein Gehör. Die Hörschädigung war – und blieb – das "kleinere Übel", denn ich hatte überlebt. So dachte ich, so dachten alle, und so habe ich für mich in den folgenden Jahren immer wieder die Dinge gerade rücken können, wenn ich doch mit der Trauer um all das zu kämpfen hatte, was ich verloren hatte. Denn weit mehr als die Transplantation bestimmte künftig die Hörbehinderung mein Leben, in dem zunächst kein Stein mehr auf dem anderen stand.
 
Gesundheitlich ging es mir in den Folgejahren immer besser, nur mein Gehör entwickelte sich entgegengesetzt. Hatte ich anfangs noch mit vertrauten Menschen telefonieren und Gespräche im kleinen Kreis gut verfolgen können, verschlechterten sich meine Ohren innerhalb der nächsten beiden Jahre bis zu einer Resthörigkeit im Tieftonbereich. Es war ein Abschied auf Raten: Von meinem auf Kommunikation basierenden Beruf (Dipl.Pädagogin) über private Kontakte bis hin zum Verlust der Musik, die mir so viel bedeutet hatte. Unterstützung und Halt fand ich im kleinen privaten Kreis, professionelle Hilfestellungen suchte ich in den ersten Jahren vergebens. Berater von Arbeitsämtern zuckten hilflos die Schultern, Ärzte ebenso. Ich bekam zwei Hörgeräte angepasst (die binnen kurzer Zeit zu schwach wurden) und das war es zunächst. So beantragte ich nach zwei Jahren eine Berufsunfähigkeitsrente und zog mich vorerst "ins Private" zurück; mein Mann und ich begannen uns mit diesem für uns beide neuen Leben zu arrangieren. 
 
Es war still geworden um mich herum. Da aber vom Jammern noch kein Ohr besser geworden ist und ich andererseits glücklich und dankbar war über mein zweites Leben und meine wiederhergestellte Gesundheit, änderte ich den Blickwinkel, konzentrierte mich nicht länger auf das, was ich nicht mehr konnte, sondern auf das, was noch – oder neu – möglich war und suchte mir andere Ventile. Lesend, schreibend und lernend, auch mittels diverser Fernlehrgänge, erkundete ich neue Bereiche – und letztlich mich selbst. 
 
Während einer Anschlussheilbehandlung in der Baumrainklinik in Bad Berleburg traf ich zum ersten Mal andere Hörgeschädigte, daraus ergaben sich dauerhafte Kontakte und ehrenamtliche Aktivitäten. Von vielen meiner Bekannten wusste ich, wie sehr ihr Selbstwertgefühl unter der Hörschädigung gelitten hatte. Bei mir war es eher umgekehrt: Erst in diesen stillen Jahren, zurück geworfen auf mich selbst, fand ich meine Richtung und zu einem Selbstbewusstsein, das ich vorher so nicht hatte. Es war mir von Anfang an nicht schwer gefallen, zu meiner Hörschädigung zu stehen und Arzt- und Behördengänge, Fahrten zu Seminaren etc. allein zu unternehmen, und auch, wenn der Alltag sich oft mühsam und frustrierend gestaltete - ich hatte ja meine "Inseln" zum Auftanken. 
 
 
Das CI: "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise..."
 
Zum ersten Mal vom CI gehört hatte ich 1992, als ich nach einer weiteren Hörverschlechterung stationär in der Marburger HNO-Klinik behandelt wurde. Mitarbeiterinnen des Hörlabors hatten mir - angerührt von meiner Traurigkeit und meiner Angst, bald vollkommen taub zu sein - Beiträge aus Fachzeitschriften kopiert. Mir erschien das CI damals utopisch, aber ich sah es auch als einen Rettungsanker: Wenn wirklich gar nichts mehr geht, geht vielleicht das noch...
 
Jahre später erlebte ich mit, wie sich immer mehr meiner Bekannten für ein CI entschieden und verfolgte sehr gespannt ihre Erfahrungen. Ich interessierte und informierte mich, besuchte auch ein Info-Seminar zum Thema CI – nur selbst wollte ich keins. Ich plagte mich nicht mit der Frage "soll ich oder nicht", sondern war mir lange Zeit sicher, dass ich NOCH nicht wollte. Eine große Rolle spielte dabei der Gedanke an meine so schwer erkämpfte Gesundheit, die ich um keinen Preis gefährden wollte.
 
Aber irgendwann begannen sich die Wertungen zu verschieben. Die Zeit war reif für Veränderungen, ich brauchte neue Herausforderungen und Perspektiven und litt zunehmend unter den Grenzen, die mir meine Taubheit dabei setzte. Als der Wunsch, wieder besser zu hören, stärker geworden war als meine Bedenken, traf ich die Entscheidung für ein CI und stand ab diesem Moment auch voll und ganz dahinter. Die Risiken waren ein Teil der Chance, ich war bereit zu diesem Abenteuer und begann mich darauf zu freuen, ganz vorsichtig zunächst...
 
Am 28. April 2003 bekam ich in der Uniklinik Frankfurt ein Nucleus-CI. Die Operation und den Heilungsprozess überstand ich ohne nennenswerte Komplikationen – und war sooo froh und erleichtert. 
 
Schon drei Wochen später war die Erstanpassung; nach insgesamt drei Stunden Einstellung war ich "online" mit dem ESPrit 3G. Es dauerte, bis mir klar wurde: Das war meine eigene Stimme, die ich da hörte... diese Roboterstimme wie von einem anderen Stern, die von irgendwo weit oben rechts zu kommen schien, fremdkörperartig. Genauso klang die Stimme des Technikers. Ich war völlig irritiert, aber nach kurzer Zeit konnte ich seltsamerweise schon besser verstehen. Draußen klang alles unglaublich hoch, zwitschernd, knisternd oder pfeifend, ich musste bei jedem Geräusch orten, woher es kam und was es sein könnte und manches, was ich gewohnt war zu hören, hörte ich gar nicht mehr. 
 
Zu Hause suchte und fand ich reichlich weitere Geräusche, keins davon klang, wie es klingen sollte. Unglaublich, wie sich ein aufgedrehter Wasserhahn mit einem frisch eingestellten CI anhören kann (klirr-zwitscher-klingel-pfeif). Mein Mann hatte die mir fast schon vertraute Roboterstimme, ich grinste über alles, was er sagte, was nun wiederum er sehr irritierend fand, aber ich verstand ihn gut – das hatte ich wohl den lange nicht mehr vernommenen Zischlauten zu verdanken, die ihrem Namen alle Ehre machten und heftigst zischten. Nach den Erfahrungsberichten, die ich kannte, war ich auf kuriose Höreindrücke nach der Erstanpassung gefasst und bekam somit keinen Nervenzusammenbruch, sondern fand das alles ziemlich lustig. Allerdings war ich am Abend restlos geschafft.
 
Als ich am nächsten Tag den Sprachprozessor wieder einschaltete, war schon alles anders. Ich hörte viel mehr und differenzierter, Stimmen klangen zwar zunächst noch wie gestörtes Autoradio, rückten mir aber wieder nah, beim Einkaufen verstand ich ohne hinzusehen Zahlen und Satzfragmente, ich hörte das Messer durch die Gurke schneiden und war so fasziniert vom Geräusch des Salzstreuers, dass ich um ein Haar den Gurkensalat versalzen hätte. Das CI übernahm von Anfang an die Regie. Mein Hörgerät am anderen Ohr – meine "Bässe", mit denen ich seit langem keine Sprache mehr verstehen kann - trage ich seitdem, um den Sound voller und angenehmer zu machen; beides ergänzt sich sehr gut, denn diese Tiefen erreicht das CI nicht. 
 
Es gab viele Glücksmomente in der ersten Zeit mit dem CI: das so lange vermisste Vogelzwitschern, das meine Begleitmusik wurde in diesen Sommermonaten, die Abende in Biergärten, in denen das Verstehen kein Problem mehr war für mich, ein Literaturseminar, bei dem ich Sprache über Ringschleife und Induktionsspule so klar verstand, dass ich nebenbei Notizen machen konnte, das erste erfolgreiche Telefongespräch, die Mühelosigkeit von Gesprächen, auch wieder mit Fremden. 
 
Schwieriger wird es in sehr lauter Umgebung, aber ansonsten "merkt man fast gar nichts mehr", sagen meine begeisterten Mitmenschen – die sich seither an meiner wiedergefundenen Schlagfertigkeit erfreuen, aber auch erfahren mussten, dass ich so manches höre, was ich gar nicht hören soll... In diesem ersten Sommer mit dem CI habe ich mich einfach ins Leben gestürzt und alles neu ausprobiert, zugehört, ohne etwas erzwingen zu wollen, und so konnte ich die große Freude über jeden Fortschritt ungetrübt genießen. Eine Reha in der Baumrainklinik im Herbst des Jahres rundete die erste Phase mit dem CI schließlich ab. Dort habe ich mich auch zum ersten Mal wieder der so schmerzlich vermissten Musik angenähert. Der Klang ist noch nicht immer das Wahre, aber ich erkenne vertraute Stücke, das Feeling ist wieder da. Eine Musikanlage ist wieder in mein Zimmer eingezogen; ich bin guten Mutes und übe weiter.
 
Jetzt, nach über einem Jahr, ist das gute Hören mit dem CI fast selbstverständlich geworden. Fast. Denn immer noch wird mir oft bewusst, wie viel unbeschwerter und unkomplizierter mein Leben dadurch wieder verläuft. Kein Magengrimmen mehr vor Geselligkeiten und Terminen: Verstehe ich da auch genug? Lautsprecherdurchsagen verstehen ist nach wie vor Glücksache, aber ich weiß jetzt, dass ich meine Mitmenschen wieder gut verstehe und nachfragen kann, und seitdem unternehme ich auch allein Flugreisen. Krafttraining in einem großen Fitness-Center wäre vorher unmöglich gewesen, ich hätte nur Tiefton-Gerätekrach gehört. Jetzt kommt es vor, dass Trainer meine Hörbehinderung vergessen (obwohl doch mein ESPrit 3G in lila weithin leuchtet) und auch nichts davon bemerken. Nach wie vor genieße ich aber ganz besonders die "kleinen Dinge": die zwitschernden Vögel, das sehr leise Maunzen meiner Katze, das ich nun endlich höre und angemessen beantworten kann, oder die beiläufigen Plaudereien mit Fremden oder entfernten Bekannten, beim Einkaufen, auf der Straße, die ich früher gemieden habe, weil Beiläufigkeit unter ständigem Nachfragen eben nicht mehr beiläufig, sondern stressig ist.
 
Ich werde immer schwerhörig bleiben und in verschiedenen Situationen an meine Grenzen kommen. Damit kann ich gut leben, denn im Vergleich zu vorher bedeutet das CI für mich, wieder zu hören. Die Realität hat meine Erwartungen weit übertroffen. Oft werde ich gefragt: "Hättest du das vorher gewusst – dann hättest du dich sicher schon vor Jahren entschieden?" - Nein. Meine stillen Jahre waren in anderer Weise wichtig für mich. Ich habe meiner Ertaubung viel zu verdanken, habe viel gelernt in dieser Zeit, aber auch erkannt, als es Zeit wurde, weiter zu gehen. Jetzt bin ich glücklich mit dem CI, das mein Leben um viele Facetten bereichert.
 
Margret Metz 
Juni 2004
 
("Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise..." aus: "Stufen" von Hermann Hesse)
 
Hier noch ein Foto von mir:
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