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Wie ich hören und sprechen gelernt habe

Ich bin von Geburt an gehörlos. Mit einem Jahr bekam ich Hörgeräte. Mit den Hörgeräten konnte ich dann bei 85 dB hören. Ab jetzt war es eigentlich nur noch wichtig, mir möglichst viel Gelegenheit zu geben, Geräusche, Musik, Sprache, überhaupt alles zu hören. Meine Mutter hat mit mir ganz gezielt hören gelernt. Auf jedes Geräusch hat sie mich aufmerksam gemacht, alles was sie gemacht hat oder was wir gesehen haben, hat sie mir mit Worten erklärt. 
 
Eine Logopädin und eine Lehrerin der Frühförderstelle haben ebenfalls mit mir Hörtraining gemacht. Außerdem ist meine Mutter in regelmäßigen Abständen mit nach Friedberg in die Wechselgruppe gegangen. Dort haben dann Erzieherinnen das Hörtraining übernommen.
 
Wenn man das jetzt hört und ließt, dann denkt jeder, mein ganzer Tag hätte nur aus Hörtraining bestanden. Aber das „Hören lernen" war immer in den ganz normalen Tagesablauf eingebunden. Auch ein hörendes Kleinkind macht man auf Geräusche in seiner Umgebung aufmerksam. Durch das intensive Hörtraining waren meine Hörreste so gut trainiert, dass ich nach ca. einem Jahr mit den Hörgeräten schon bei 70 dB hören konnte. Durch das hören lernen, lernte ich auch sprechen. 
 
Julia Tauchert
 
 
Meine Sprachentwicklung war dann ganz normal, wie bei einem hörenden Kind. Die Logopädin, die Lehrerin der Frühförderung und die Wechselgruppe haben dann geschaut, ob sich mein Wortschatz vergrößert und sich eine normale Sprache entwickelt. 
 
Mit drei Jahren bin ich dann in den Regelkindergarten gegangen. Ich war das einzige gehörlose Kind. Es gab keine Probleme. Ich konnte sagen, wenn mir etwas gefiel und wann mir etwas nicht gefiel, wenn mich ein Kind geärgert hatte oder wenn ich im Stuhlkreis etwas nicht verstanden habe, dann hat ein Kind oder eine Erzieherin noch einmal wiederholt. Ich verstand aber auch, wenn ich etwas falsch gemacht hatte und die Erzieherin dann ein bisschen mit mir schimpfte und manchmal war es mir auch zu laut.
 
Als ich 3 1/2 Jahre alt war, sind wir umgezogen und ich musste in einen anderen Kindergarten gehen, ebenfalls ein Regelkindergarten. Ab dieser Zeit besuchte ich auch eine Musikschule und es machte sehr viel Spaß.
 
Mit 6 Jahren kam ich in die Schule nach Friedberg. Hier war ich in einer Klasse, in der das Hören und Sprechen gefördert wurde. Mit 10 Jahren hat sich mein Gehör dann ständig verschlechtert und ich brauchte das Absehbild immer öfter. Im Juli 1996 entschied ich mich für ein Cochlear Implantat (CI). Im Dezember 1997 wurde ich implantiert. Nach der Anpassung des Sprachprozessors musste ich wieder ein Hörtraining machen. Diesmal ging es aber viel schneller. 
 
Ich höre mit dem CI viel besser als mit den Hörgeräten und kann viele Geräusche, die ich noch nie gehört habe jetzt hören, z. B. das Zwitschern der Vögel; wenn das Wasser läuft; wenn die Autos vorbeifahren; die Autos auf der Autobahn von weiterer Entfernung, all das hörte ich mit den Hörgeräten nicht. Die Hörkurve mit dem CI liegt jetzt bei 30 - 50 dB, also viel besser als mit den Hörgeräten. Jetzt höre ich auch, wenn mich Kinder von weitem rufen. Ich bin jetzt auch nicht mehr immer auf das Absehbild angewiesen, selbst telefonieren ist für mich möglich. Mit dem CI verstehe ich die Liedertexte und kann auch wieder besser Klavier spielen. Meine Aussprache ist auch besser, deutlicher geworden. Ich kann viel leichter Gesprächen im Unterricht oder außerhalb der Schule folgen. 
 
Für mich ist die Lautsprache eine Sprache, die mich unabhängig macht. Ich kann heute und in Zukunft alles alleine für mich erledigen. Ich bin weder auf einen Gebärdendolmetscher noch auf die Hilfe anderer angewiesen.
 
Auch das spontane Gespräch mit den Nachbarn und den hörenden Freundinnen aus unserem Wohnort, mit den Großeltern und meinen Verwandten wäre ohne Sprache unmöglich. Keiner in unserem Ort und keiner aus meiner Verwandtschaft kann die Gebärdensprache. Meine Hände wüssten nach der Schule oder in den Ferien nicht, mit wem sie reden sollten. Bei meinen beiden Praktikumsstellen (in einem Regelkindergarten und bei einer DAK Geschäftsstelle) habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sprechen zu können. Schon bei der Bewerbung wurde gefragt, ob ich sprechen kann oder nur Gebärden. Die Vorbehalte waren da schon recht groß. 
 
Am Arbeitsplatz werde ich auch mit niemandem gebärden können, weil außer gehörlosen Menschen keiner die Gebärdensprache spricht und versteht. Ich verstehe die Gebärdensprache, weil ich anderen oft zugeschaut habe, aber ich selbst möchte nicht nur gebärden. Ich möchte in erster Linie sprechen. Wenn andere Gehörlose meine Sprache nicht verstehen, dann gebärde ich.
 
Ich möchte meine komplette Sprache nicht zerstören. Wenn ich einen Satz spreche, kann ich nicht dazu gebärden, weil die Gebärdensprache manchmal anders ist.
 
Wenn man als kleines Kind die Gebärden lernt, dann merkt sich das Gehirn ein anderes Muster der Kommunikation. Und die Gebärdensprache ist ganz anders als die Lautsprache. Man kann dann in der Schule nicht einfach sprechen lernen. Aber die Gebärdensprache kann man später auch noch lernen.
 
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CI-Erfahrungen

46 Jahre, Schallempfindungs-Schwerhörigkeit, zuletzt an Taubheitgrenzend. CI-Operation am 04.10.2002, meinem zweiten Geburtstag.
 
Wenn einen die Schwerhörigkeit in einem Beruf trifft, wo man mit Menschen reden muss, ist es ein grausames Schicksal. Man kann seinen geliebten Job nicht mehr ausüben. Man zieht sich immer mehr zurück, man hofft seine Familie versteht einen, man hofft es wird wieder besser, aber es wird immer schlechter.
 
Die Lebensqualität verändert sich, das Leben wird komplizierter, was vorher selbstverständlich war, ist auf einmal eine hohe unüberwindbare Mauer. Zum Beispiel telefonieren, einkaufen gehen, überhaupt nur noch ein normales Gespräch mit seinen Mitmenschen zu führen, alles ist Stress. 
 
Jetzt habe ich den Vergleich, seit ich das CI habe, kenne ich den Unterschied wieder, wie es ist am Leben teilzunehmen oder fast taub zu Hause zu sitzen und fast keine Freude mehr am Leben zu haben.
 
Die Entscheidung zu einem Ci ist aus einem meiner dunkelsten Lebensabschnitte entstanden. Heute bin ich fast dankbar über das Mobbing meiner Kollegen, ohne dieses hätte ich nie nach Marburg in die Klinik gemusst und hätte keine Entzündung in der HNO-Klinik zu behandeln gehabt und nicht gefragt, ob man hier auch ein CI implantiert.
 
Anfang 20 machte sich die Schwerhörigkeit bemerkbar, es folgten viele Arztbesuche, Medikamente für Durchblutungsstörungen, aber die Diagnose blieb immer gleich, angeborene Schallempfindungsschwerhörigkeit. Leider hatte ich nicht das Glück mit einem verständnisvollen Partner, der mit den Dingern (Hörgeräte) nicht mit mir vor die Tür gehen wollte, so dass ich lange Zeit gegen Hörgeräte war. 
 
Es war ein schmerzlicher Prozess, die Schwerhörigkeit zu akzeptieren, sich von dem Menschen zu lösen, der so eine negative Einstellung zu einer Behinderung hatte. Einen neuen Beruf zu erlernen, zu lernen, daß man auch mit einer Behinderung Freude am Leben haben kann.
 
Ich kaufte mir ein Motorrad und hatte wieder an etwas Freude, beim Fahren merkt niemand, dass ich schwerhörig bin. In Heidelberg machte ich eine Umschulung zur Teilkonstrukteurin im Maschinenbau, lernte neue Menschen und Möglichkeiten kennen. Unter 20 Normalhörenden sass ich mit meiner Microport-Anlage, alles klappt bestens und machte 2 Jahre später meinen Abschluß vor der IHK. 
 
1993 akzeptierte ich das erste Hörgerät und das brachte eine deutliche Verbesserung in mein Leben. 1997 gab es volldigitale Hörgeräte, die waren super, auch Musik war gut hörbar mit Induktionsplättchen. Aber Stress, Mobbing, Hörsturz und die ganze Pracht war dahin. 
 
Auch mit aller Mühe vom Akustiker, es war einfach nicht mehr aus meinem Gehör heraus zuholen als wie an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit. Fast taub, einen Job der mich krank gemacht hatte, ich hatte nichts mehr zu verlieren, falls die Operation nicht geklappt hätte. 
 
Das Positiveste in dieser Zeit war, als ich dieSelbsthilfegruppe, heute unser CIV HRM kennen gelernt habe. Die ersten Gespräche mit Familie Kaiser und Herr Schwaninger, die Gruppenausflüge, wo ich die anderen Mitglieder kennen lernte. Das war eine wichtige Zeit, ich habe gesehen und gehört, daß es mit dem CI besser werden kann. Ich schöpfte Hoffnung, und dachte immer mehr meine Entscheidung ist richtig. Es hat mir viel Angst vor der Operation genommen und auf einmal war da ein Lichtschimmer.
 
In der Uni-Klinik Marburg hat man mir in den vergangen Jahren so viel geholfen, auch in der HNO hatte ich gleich ein gutes Gefühl, schon als Herr Prof. Werner die ersten Tests gemachte hatte. Bei Dr. Dalchow dachte ich gleich, da kann mir nicht viel passieren, er passt schon auf, daß alles gut geht.
 
Nach 4 Std. war die Nucleus-Elektrode an der richtigen Stelle. Es war ein toller Erfolg, für die Ärzte so wie für mich. Bei der Erstanpassung gab es nur strahlende Gesichter, vor der Einstellung musste ich noch vom Mundbild ablesen: „Wir schalten den Prozessor jetzt ein." Aber dann kamen auch schon die schönsten Worte, die ich je hörte: „Frau Neumann können sie mich hören?" Ich konnte nur nicken. Dann: „Können Sie mich auch verstehen?", ich konnte nur nicken. 
 
Ich dachte, ich muss die Sprache erst wieder lernen, wie mir jeder gesagt hat, aber nein ich hörte gleich, laut, deutlich, ich war total happy, auf Wolke sieben schwebte ich durch die Klinik und jeder freute sich mit mir. Am Abend saß ich mit anderen Patienten vor dem Fernseher und wiederholte fast schon jedes Wort vom Tagesschausprecher. Am nächsten Tag probierte ich gleich mein Handy, wie toll es klang: „Hier ist ihr Kontoservice von Debitel, ihr aktuelles Guthaben beträgt 12,60 €." 
 
Das können sich nur die anderen CI-Träger vorstellen. Ich lief fast nur noch in Tränen aufgelöst mit Jubelstimmung durch die Gegend, ich konnte es nicht fassen, das mir so etwas Schönes passiert. Mit jeder Einstellung wurde es besser, jeden Tag hörte ich etwas Neues und es klingt so wie ich es in Erinnerung habe. In Marburg haben sich Hr. Dr. Rausch, Hr. Müller sowie Hr. Pera aus Hannover auch alle Mühe gegeben, das es immer besser wurde.
 
Alle Ärzte haben meinem Antrag zur Reha in Bad Berleburg unterstützt, so daß ich schon kurzfristig einen Termin zum 15.01.03 bekommen hatte. Das wichtigste war das Hörtraining, in der Gruppe und Einzeln, man lernt ganz schnell die Grenzen, in welcher Situation es am besten klappt und wo man aufpassen muss. Nach 14 Tagen machten Fr. Raithel und ich das erste Hörtraining am Telefon, siehe da nur einmal nicht richtig gehört. 
 
Also gleich mal im Zimmer das Telefon ausprobieren und schon gleich ein ½ Std. losgequasselt, ich saß da und die Tränen liefen wieder. Heute schaffe ich es schon ganz locker auch mal 6 Std. zu telefonieren, die Rechnungen auf beiden Seiten gehen ins astronomische, aber nie habe ich Rechnungen lieber bezahlt als wie diese.
 
Es gab Entspannungstraining, Massagen, Kneipp, Sauna, Schwimmen, Gymnastik, Krafttraining. Ärzte, Schwestern und Therapeuten, die bestens vertraut sind mit den Problemen einer Hörbehinderung. Ein schöner Zufall war es, daß grade zu dieser Zeit Dr. Zeh, der Chefarzt der Baumrainklinik den Vorstand des CIV HRM zu einer Besichtigungstour eingeladen hat, an der ich ebenfalls teilnehmen durfte und sehr gut verstand. Man ist in der Baumrainklinik gut untergebracht und verpflegt, die Einstellung am CI wurde in den 5 Wochen immer wieder verbessert, auch wenn die Technik nicht immer mitspielte und der Prozessor ausgetauscht werden musste. 
 
Wichtig war auch der Kontakt mit anderen CI-Trägern und allen anderen Hörproblemen, es sind viele Freundschaften in dieser Zeit entstanden, von denen ich keine missen möchte. Während ich dies schreibe am Computer, läuft meine Lieblings-CD von Neil Diamond und ich kann mich noch immer daran freuen dass ich es wieder hören kann. Mit dem Audiokabel hört es sich genau so an, als ich jünger war und in der Disco zu dieser Musik getanzt habe. 
 
Ich frage mich warum hat mich Gott so leiden lassen? Vielleicht damit ich es besser zu schätzen weiss, was mir jetzt passiert, ich bin dankbar, daß ich erleben darf, wie das Leben wieder Freude macht, ich wieder auf die Menschen zugehen kann.
 
Ein Erlebnis möchte ich noch erzählen, das viel, eigentlich alles ausdrückt. Ich hatte auf der Straße eine SMS eingegeben, ein älterer Mann hat mich im vorbeigehen angesprochen. Was hat es denn für eine Reichweite? Ich habe wie eine Normalhörende, ohne zu überlegen geantwortet: Da können sie überall mithin telefonieren, das ist ein ganz normales Handy. Daraus hatte sich ein tolles Gespräch über eine ¾ Std. entwickelt, für Normalhörende ein ganz normales Erlebnis, für mich noch immer ein Grund auf Wolke sieben zu schweben und die Tempos hervor zu holen, so glücklich macht mich ein scheinbar ganz normales Erlebnis. Oder daß ich niemanden mehr zu bitten brauche, ruf mir doch mal den ADAC an, ich kann es jetzt alleine, und das ist wunderschön.
 
Ich hätte es in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt, das es so gut klappt mit dem CI und möchte mich hier zum Abschluss bei all denen bedanken, die diese Zeilen nun lesen und mich auf diesem Weg begleitet haben, die mir stets Mut zugesprochen haben, allen Mitgliedern vom CIV HRM. Ebenso allen, die mitgewirkt haben in der Uni-Klinik Marburg, in der Baumrainklinik in Bad Berleburg und der Firma Cochlear, die dieses tolle Teil, den ESPrit 3G hergestellt hat.
 
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Wenn Du erwachsen bist, kannst Du HÖREN!

Auch ich bin seit Mai 2001 begeisterte CI -Trägerin und will Ihnen hier kurz meine Lebensgeschichte schildern. Ich bin fast 44 Jahre alt und seit meinem 4. Lebensjahr schwerhörig beiderseits. Wahrscheinlich hervorgerufen durch Masern. Die von da an (1961) allmonatlichen Besuche beim HNO-Arzt ergaben immer nur soviel: "Wenn Du erwachsen bist, kannst du hören." Für mich war damit meine Welt in Ordnung. Ich bin mit fünf normalhörenden Schwestern aufgewachsen und "gehörte dazu". Ich fühlte mich in keiner Weise behindert.
 
Die ersten vier Jahre in unserer kleinen Dorfschule waren für mich kein Problem. Vier Klassen in einem Raum, pro Schuljahr zwei bis sechs Kinder, ein Lehrer - ich hatte wohl alles gut "im Blick". Ab der fünften Klasse in unserer Mittelpunktschule (30 Schüler in einem Raum, verschiedene Lehrer) fingen für mich erstmals richtig Probleme an. Ich starrte die Lehrer an, bis ich sie vor Anstrengung manchmal doppelt sah, aber ich bekam den Unterricht nicht mehr mit. Meine Leistungen sanken rapide herab. Es hieß immer: "Sie kann mehr, aber sie hört zu schlecht." Auf Initiative meiner Eltern und Lehrer wechselten wir dann 1969 den HNO-Arzt und ich bekam erstmals Hörgeräte. Die Diagnose lautete damals schon:"An Taubheit grenzende Schwerhörigkeit beiderseits". Um eine optimale Schulbildung für mich zu erreichen, wurde in Erwägung gezogen, evtl. eine Behindertenschule in Bremen zu besuchen. Der Vorstellungsbesuch dort war für mich als Zwölfjährige ein schockierendes Erlebnis. Ich hatte vorher weder so viele Behinderte gesehen noch mit ihnen zu tun gehabt. Ich wollte auf keinen Fall dort zur Schule gehen. Ich kam doch nun richtig gut mit im Unterricht und blieb in meiner vertrauten Umgebung. Das Lernen brachte mir Spaß und ich gehörte bald mit zu den Besten in unserer Klasse. 
 
Naiv wie ich war, glaubte ich immer noch an den Satz meines früheren Arztes und es dauerte ja nicht mehr lange, bis ich erwachsen war. Bei einem meiner regelmäßigen Arztbesuche bekam ich dann auf meine Anfrage hin zu hören, dass sich mein Gehör niemals bessern würde, denn die Hörnerven seien nicht in Ordnung. Für mich als 16-jährige brauch eine Welt zusammen. Ein Leben nur mit Hörgeräten konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. War ich bisher doch immer sehr darauf bedacht, dass nicht jeder von meinem "Handicap" erfuhr. Ich konnte es mir ja selbst nicht einmal eingestehen, aber mein unbändiger Wille, zu den Normalhörenden dazuzugehören, war ungebrochen und ich fand Halt in meinen Büchern und in meiner Familie. Ich konzentrierte mich nun verstärkt auf Schule, Berufsausbildung und Führerschein. Stenographie und Englisch in der Handelsschule brachten keine Probleme, ebenso meine Ausbildung zur Bürokauffrau. Alle Prüfungen konnte ich erfolgreich ablegen. Meine Arbeit in der Finanz- und Lohnbuchhaltung machte Spaß und ich war nebenbei noch als Betriebsrätin tätig. Inzwischen verheiratet und mit zwei Kindern, führte ich ein ganz normales Leben nur unter Normalhörenden. 
 
1990 wurde dich dann auf Anraten meiner HNO-Ärztin in eine große Klinik zur evtl. Cochlear-Implantation verwiesen. Mit nun 33 Jahren hatte sich mein Gehör weiter verschlechtert und neue Hörgeräte würden wohl nicht mehr viel bringen. Voller Optimismus und neuer Hoffnungen fuhr ich in Begleitung meines Mannes zum Vorstellungstermin. Innerhalb von fünf Minuten war das Gespräch beendet, es hieß nur: "Ihnen geht es so zu gut, da können wir nichts machen." Nicht die Aussage des Arztes, sondern die knappe Abfertigung ließen mich in ein tiefes Loch fallen. Meine Bücher, meine Familie und meine Freunde gaben mir wieder den nötigen Halt. Ich konnte ja hören, nur eben anders, wie ich heute weiß. Durch Lippenlesen und Körpersprache konnte ich "hören", nicht zu vergessen die Power-Geräte, die mein Restgehör verstärkten. Mir kam dann irgendwann die Erkenntnis, dass jeder Mensch sein "Päckchen" zu tragen hat, und damit hatte die Aussage des Arztes auch etwas Positives für mich.
 
Durch meinen Mann und unsere Kinder hatte ich gelernt, mit meinem "Handicap" offener umzugehen und scheute auch weiterhin nicht den gesellschaftlichen Umgang. Unsere Töchter trugen dazu bei, dass ich an Freizeitaktivitäten rege teilnahm. Nach der letzten Babypause hatte ich einen Job im Sortierdienst bei der Post angenommen, wo ich auch heute noch tätig bin. Mein Alltag war also ausgefüllt und ich merkte nicht, wie es immer stiller um mich wurde. Ich spürte nur eine ständige Abgespanntheit und Müdigkeit vom Zuhörenwollen und nicht mehr hören können. Mein Mann bekniete mich in dieser Zeit immer wieder, noch einmal einen Versuch zur CI-Versorgung zu starten, doch ich lehnte kategorisch ab. Warum längst verheilte Wunden aufreißen? Seinen Eifer, mich doch noch umzustimmen, konnte ich nur belächeln. Mit fast 43 Jahren gab ich schließlich im Sommer 2000 seinem Drängen nach, denn ich fühlte mich nun standfest genug, eine erneute "Abfuhr" entgegenzunehmen. Auch mein HNO-Arzt, Dr. Mammes, Bremerhaven, sprach mir Mut zu. Er empfahl, unbedingt noch einmal einen Versuch zu wagen und verwies mich ans HNO-Zentrum Oldenburg. Diesmal kam dann auch alles anders.
 
Dr. Plotz konnte mich in unserem ersten Gespräch durch seine ruhige, behutsame und einfühlsame Art über mein "Andershören" erreichen. Ich fühlte mich zum ersten Mal richtig verstanden und fasste Vertrauen. Ich spürte: Der Arzt kann und will mir helfen. In einem weiteren Termin wurden wir zu den notwendigen Voruntersuchungen bestellt. Auch hierbei ging es geduldig und liebevoll zu. Ich fühlte mich in den besten Händen. Die Untersuchungsergebnisse waren positiv und einer OP stand nun nichts mehr im Wege. Dr. Plotz gab uns sehr ausführlich Informationen über das CI. Er empfahl das HdO-Gerät der Firma MED-EL und erklärte die technischen Details. So von kompetenter Stelle informiert, entschied ich mich zur OP. Ich wusste: Ich konnte nur gewinnen, ich hatte nichts mehr zu verlieren. Der OP-Termin wurde dann auf den 28. März 2001 festgelegt, und zwar im St. SalvatorKrankenhaus, Halberstadt. Wir bekamen noch die Adresse einer CI-Trägerin und konnten dann später mit ihr in privater Atmosphäre gemütlich plaudern. In der langen Wartezeit bis zur OP quälten mich nun doch oft die Gedanken, ob meine Entscheidung richtig war.
 
Endlich war es dann soweit, mein Mann fuhr für drei Tage mit. Dort angekommen, musste ich zunächst einmal eine Reihe von Untersuchungen über mich ergehen lassen. Ich war aufgeregt und hatte Angst. Doch ich spürte sofort die menschliche und warmherzige Atmosphäre des Krankenhauses. Mit Streicheleinheiten wurde nicht gespart. Am nächsten Morgen bekam ich dann die Beruhigungsspritze vor der OP. Davon war ich schon so benebelt, dass ich alles Weitere kaum noch wahrnahm. Professor Begall sagte nach der OP, er hätte die ganze Technik hundertprozentig und ohne Komplikationen in meinen Kopf einsetzen können. Als ich aus der Narkose erwachte, spürte ich kaum Schmerzen, keine Übelkeit, keinen Schwindel, nur eine unendliche Erleichterung machte sich in mir breit. Mein Mann war da und es ging mir schon richtig gut. Vor meiner Entlassung war ich bei Herrn Hey, um ein paar Höreindrücke zu testen. Herr Hey verkabelte mich mit seinem Computer und siehe da, es funktioniert, ich hörte die ersten Töne. 
 
Nach zehn Tagen endlich wieder zu Hause, musste ich mich zunächst in Geduld üben. Nach fünf Wochen war ich dann für fünf Tage im CIC Halberstadt zur stationären Rehabilitation bestellt, mein Mann begleitete mich auch diesmal. Nach der Erstanpassung durch Herrn Hey vernahm ich zunächst ein sehr lautes Gewirr von Klingeln, Knistern, Zischen und Piepen. Herrn Heys Stimme klang wie aus einer Blechdose, hatte einen enormen Nachhall und zischte fürchterlich. Trotzdem konnte ich schon nach ein paar Minuten, sehr zu seinem Erstaunen, Zahlen ohne Mundbild herausfiltern. Mein Hörnerv war also aus dem Koma erwacht. Der Aufenthalt zu den Mahlzeiten im Speisesaal war der reinste Horror. Es umgab mich eine undefinierbare Geräuschkulisse. Ich konnte dort rein gar nichts heraushören, während ich beim Spaziergang im Park ein wahres Vogelkonzert vernahm, als wäre es nie anders gewesen. Doch mein Mann wusste es besser: Ich habe zuletzt wohl nur noch die Tauben gehört. Im Laufe der Woche machte ich enorme Fortschritte, auch sehr zum Erstaunen der Logopädinnen. Nach jeder Neueinstellung des SPs verbesserte sich mein Sprachverständnis, was mir in den einzelnen Übungsstunden auch bestätigt wurde. Ich konnte am Ende schon einige Mehrsilber und einfache Sätze ohne Vorlage und ohne Mundbild nachsprechen. Aus verschiedenen Musikstücken konnte ich das jeweilige Musikinstrument, was besonders hervorkam, herausfiltern. Es war zwar schwer, aber es klappte auf Anhieb. Nun war mein Interesse an Musik geweckt. Ich besorgte mir eine CD, lieh mir einen Disc-Man und probierte das FM-Kabel. Ich hörte den Rhythmus und sogar den Titelsong. Insgesamt krächzte alles ein bißchen, aber ich war keineswegs enttäuscht, hatte ich mein CI doch erst ein paar Tage. Die stationäre Reha war nun zu Ende und ich habe mich auch hier sehr wohl gefühlt, so wie in einer Großfamilie. 
 
Auf dem Heimweg, im Auto, machte ich sofort die Erfahrung, dass ich Wortfetzen bei Nachrichten aus dem Autoradio und sogar manchmal ganze Sätze beim Verkehrsfunk mitbekam. Ich trage allerdings weiter links mein Hörgerät, denn zusammen mit dem CI rechts erscheint mir alles ausgewogener und volltoniger. Selbst von der Musik im Radio, ließ ich mich nur so berieseln, hatte ich das doch jahrelang als unerträglich empfunden. Mein Mann war emotional völlig überwältigt, nur ich nahm alles ganz selbstverständlich hin, als wäre ich nur etwas wach geworden. Ein wahnsinniges Glücksgefühl übermannte mich. Und das alles nach erst fünf Tagen.
 
In der jetzt folgenden Zeit werde ich ambulant von Dr. Plotz und meiner Logopädin, Frau Stindt, betreut. Nach jeder Neueinstellung des SPs durch Dr. Plotz kann ich neue Hörerfolge verbuchen. Zahlen verstehe ich hundertprozentig, bei den Einsilbern hapert es noch ein wenig. Aber ganze Geschichten mit anspruchsvollerem Text, die Frau Stindt mir vorliest, kann ich ohne Mundbild Satz für Satz wiederholen. Nur mir völlig unbekannte Worte verstehe ich nicht. Telefonieren mit mir vertrauten Personen klappt wesentlich besser als vorher mit Hörgerät. Mein besseres Sprachverständnis wird auch deutlich bei Unterhaltung im Auto, im Familien- und Freundeskreis, am Arbeitsplatz, einfach überall im Alltag,. Nebengeräusche und den noch etwas hohlen Klang ignoriere ich einfach. Auch Geräusche, die mir undefinierbar erscheinen, akzeptiere ich so, denn im Alltag hat man doch fast immer das entsprechende "Bild" dazu. Mein "neues Hören" wird mir gar nicht richtig bewusst. Ganz automatisch höre ich und es hat "nur" ein großes Erwachen begonnen. Ich verspüre ein anhaltendes Glücksgefühl, ein körperliches und seelisches Wohlbefinden. Die Uhren ticken, die Grillen zirpen, die Fahrradklingel und die Bremsen der LKWs ertönen deutlich aus dem Straßenlärm hervor, ich wusste bisher nicht, dass man Selterswasser hören kann oder dass mein Dampfbügeleisen schmatzt, klassische Musik erinnert mich an mein Elternhaus, als dort manchmal "Wiener Walzer" im Radio erklang, ein Straßenmusikant mit Akkordeon versetzt mich ebenfalls in Kindertage, beim Fernsehen kann ich deutschsprachigen Sendungen auch ohne Untertitel folgen. Musik ist z.Z. meine Lieblingsunterhaltung geworden. Mit FM-Kabel hört sich alles so an wie früher aus einem Transistorradio. Höre ich Musik mit Hörgerät und CI über Lautsprecher, erklingt sie für mich so normal wie damals aus der Musikanlage. Mein Hörnerv bringt also alles in die richtige Bahn, und das innerhalb von vier Monaten in der sogenannten Anfangsphase. Ich glaube nun, dass mein "neues Hören" derzeit den Stand meiner Jugendzeit erreicht hat, nur mit dem Unterschied: Damals war ich todunglücklich, heute bin ich überglücklich. 
 
An dieser Stelle spreche ich nun meinen tausendfachen Dank an all diejenigen aus, die mir aus einer dumpfen, sonoren Welt zum "Besser hören mit CI" verholfen haben. Zum Schluss noch ein dickes Lob an die Firma MED-EL für den überaus hervorragenden Service.
 
Erika von Soosten
Am Knick 14
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