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Aktionsradius

In Anlehnung an den Pantomimen Jomi, der diesen so hervorragend darstellen kann.
 
Ach, taub ist doch nur die zickige Alte, die immer misstrauischer wird und schlechte Laune hat, weil sie meint, wir Kinder reden über sie - naja, immer öfter trifft sie dabei ja ins Schwarze...
Oh ja: und mein lieber Bruder, ja, der Arme, schon mit 16 Jahren ein Hörgerät... ist doch was für alte Leute... aber wenn ich abends mit ihm und ein paar Kumpels in der "Kupferkanne" sitze, dann wird er nach 'ner Weile ganz still, säuft und am Ende sitzt er heulend in einer Ecke, weil er mal wieder nichts mitgekriegt hat... ich verstehe ihn - bei dem Krach fällt es mir auch ein BISSCHEN schwer... und den Wind höre ich in den Bäumen auch nicht mehr, so wie als Kind. Aber ich höre sonst noch alles! Ich wohl! Ja, und wenn ich beim Fahrradfahren die Lerchen nicht mehr hören kann, wenn sie in den Feldern aufsteigen, dann bringe ich mich um! Aber ich höre - und das Leben ge-hört mir, und ich drehe weite Kreise...
 
Jetzt bin ich fast 50 Jahre alt - und höre schon seit langem nicht nur die Lerchen nicht mehr. Viele immer kniffeligere und teurere Hörgeräte habe ich verbissen "ausgequetscht" - mich mit großem Kraftaufwand gegen die unerbittliche Verkürzung des Aktionsradius gewehrt. Bloß niemals wirklich akzeptieren, dass ich kaum etwas mitbekomme...! Es muss irgendwie gehen... Mit den vier Kindern, die ich alleine großgezogen habe, ging es ja auch ganz gut. Heute sind sie mir über den Kopf gewachsen in jeder Beziehung, und wenn ich vier einlade, dann kommt die doppelte Anzahl, futtert mir in fröhlich quatschender Runde die Ohren vom Kopf, die zu etwas anderem ja auch nicht mehr taugen. Ich beobachte ihre Gesichter, Mimiken, Körpersprachen, und mache mir so meine Gedanken über die Beziehungen meiner Lieben ... nein, Langeweile habe ich dabei nie. Ich habe es längst aufgegeben, durch Fragen am Gespräch teilnehmen zu wollen, denn die Antworten sind ja aus dem Zusammenhang gerissen, und meist verstehe ich sie doch nicht, störe nur den munteren Gesprächsfluss und das Barometer sinkt zum Mitleid-Tief...
 
Andere Gruppenteilnahmen und Veranstaltungen habe ich seit Jahren aufgegeben, auch die Leitung einer christlichen Frauenarbeit mit öffentlichen Treffen. Intensiviert haben sich aber meine Einzelbeziehungen, und so fühlte ich mich innerhalb meines eingeschränkten Aktionsradius noch lange ziemlich wohl. Auch telefonieren ging mit Induktion und vertrauten Gesprächspartnern recht gut. 
 
Bis ich in den letzten drei Jahren die Grenzen nicht mehr leugnen konnte, da ich sie buchstäblich vor der Nase hatte, wo das Kombinieren ohne Mimik und Körpersprache und Ablesen mir vor Anstrengung Schweißausbrüche zu bescheren begann, die dann eindeutig nicht klimakterisch einzuordnen waren. Beruflich blieb mir als später Wiedereinstieg nur die ambulante Krankenpflege - mit einzelnen Menschen konnte ich noch kommunizieren, wenn auch unter wachsenden Schwierigkeiten. Meine Universitätskarriere hatte ich schon vor langer Zeit den Ohren, aber auch den Kindern geopfert - und es nie bereut.
 
Mein letztes High-power-high-tech-Hörgerät, ein "Multi-Digital" von Interton wurde nur noch am rechten Ohr angepasst, und auch da war es schon teuer genug. Das war vor zwei Jahren. Die Stunden beim Akustiker waren unendlich mühselig, da ich sie in die Berufstätigkeit einbauen musste. Am Ende spielte er mir Musik vor - und ich hörte nur Tonmatsch... Als ich erfuhr, dass er mir die früher so von mir geliebten "Brandenburgischen Konzerte " von Bach vorgespielt hatte, ja, da weinte ich das erste Mal um den Verlust meines Gehörs... erst im Himmel würde ich wieder Musik hören können... Der Leidensdruck wuchs stetig. Im Büro wusste es jeder - und doch gab es immer wieder Verärgerung und Unmut, Ungeduld und Missverständnisse, weil ich Dinge nicht mitgekriegt hatte oder auch nach dreimaligem Wiederholen noch nicht wusste, worum es ging. Dienstbesprechungen mit 15 Leuten waren blutdrucktreibend, aber nutzlos, und schlechte Protokolle halfen nicht weiter ... alles war Kampf.
 
Aber das Schlimmste war für mich, dass ich keine Lieder mehr in der Kirche hören konnte, nicht mehr mitsingen konnte, weil ich meine eigene Stimme nicht mehr hörte trotz Hörgeräts. Der einzige Trost blieb mir: Die Wandlungsworte "hörte" ich mit meinem Herzen - sie waren dort eingraviert ... aber meine Sehnsucht nach den Liedern ließ mich jedesmal weinen, und ich mochte auch nicht mehr zur Kirche gehen... 
"Mama: Hör auf zu singen! Du singst FALSCH!" kam es platt von meiner 16-Jährigen...
Weihnachten 2003 trieb mich diese Quälerei dann ins Internet... mal surfen, ob es nicht irgendeine Info gibt über CIs - ich hatte im Jahre 2000 in Hannover gehört, ich sei noch nicht so weit, und solange es mit Hörgeräten irgend ginge, wäre CI die schlechtere Wahl... aber ganz am Rande hatte ich da erfahren, dass es eine Vereinigung gäbe von schon Implantierten... ich suchte danach und wurde fündig...
 
Dann fand ich die "Ohrenseite"... noch nie habe ich so viele Stunden im Internet verbracht, die Zeit vergessen ... Ja! Die Erfahrungsberichte drückten ja so genau aus, was ich so alleine für mich alles durchlebt hatte, ich fühlte mich total verstanden. Und es eröffneten sich Möglichkeiten... auch noch nicht ganz Ertaubte erzählten von ihrer Implantation - ganz meine Situation!... Ich wählte Frankfurt aus - Wiege des CIV HRM und der "Ohrenseite", um mich vorzutasten: Meine Mails wurden auch prompt sofort beantwortet von Dr. Adunka, der als Operateur in einem Bericht erwähnt worden war. Schnell bekamen die Dinge eine Eigendynamik, die ich nur noch willig unterstützen konnte: Terminvorschläge, die auch ganz gut passten, Voruntersuchungen... Fehlplanung! Ärgerlicherweise war Dr. Adunka in Amerika, als ich in der Ambulanz war... und so konnte ich mich an dem Tag nicht so umfassend informieren, wie ich gewollt hätte. Aber ich hatte erfahren, dass ich wirklich ein CI-Kandidat war anhand der Hörprüfungen. Ich nahm vorerst die sehr informative Mappe über verschiedene CI-Anbieter und Beschreibungen des gesamten OP-und Reha-Verlaufs mit nach Hause. Da war guter Rat teuer - jedes CI schien gut zu sein, die Vorteile wurden immer gut herausgestrichen, und die Argumente schienen vernünftig - bei allen Anbietern. Das Modell von Cochlear reizte mich wegen eingebauter T-Option und wegen der Akkus reizte mich Clarion, da Akkus kosten- und umweltfreundlich sind. 
 
Aber wieder halfen mir die Ohrenseiten-Berichte, meine Entscheidung zu fällen: Jeder CI-Träger hatte mehr oder weniger die gleichen Probleme zu bewältigen gehabt und schien sich dann so gut wie die äußeren Bedingungen es erlaubten, mit seinem nun mal gewählten System angefreundet zu haben. Also kam es letztlich wohl auf das gleiche heraus... Ich entschied mich bauchmäßig: wegen der sehr sachlichwissenschaftlichen Beschreibung des Systems und der einleuchtenden neuen stochastischen Impulsverteilungen der benutzten digitalen CIS-Sprachkodierungsstrateigie mit sehr hohen Impulsraten (ca 18.000pps) neigte ich eher zum Combi40+ -CI von der Firma Med-El haben mit dem Tempo+ -Head-Set. 
 
Meiner Entscheidungszeit wurde kurzer Prozess gemacht. Dr. Adunka wollte per Mail ziemlich bald wissen, für welches Modell ich mich entschieden hätte, und er habe gleich schon einen OP-Termin anzubieten... Oh! Das ging schnell! Kaum war die bange erhoffte Kostenübernahmeerklärung der Krankenkasse da, sollte es auch schon über die Bühne gehen - ich hatte doch mit noch einem Vorgespräch gerechnet. Aber unbürokratisch und sehr geduldig beantwortete Herr Dr. Adunka alle meine Fragen per Email. Ich hatte ein wenig Angst, meinem Restgehör den Abschied zu geben, mich ganz in die Hände der Technik zu begeben... aber zu meiner Freude schrieb Dr. Adunka, er wolle mir das linke, schlechtere Ohr implantieren, weil der Hörnerv noch nicht so lange inaktiv ist. Auf der rechten Seite bestünde dann weiter die Möglichkeit, das Hörgerät zu benutzen. (solange der Vorrat reicht...) Das hat mich sehr beruhigt: Mir konnte nichts passieren: Klappte es nicht mit dem CI, dann war die Situation für mich unverändert- ich hatte noch das rechte Ohr! Geduldig nahm Dr. Adunka mir auch meine Skrupel bezüglich einer diabetischen Entgleisung während der OP- ich bin nämlich seit fast 25 Jahren Typ I-Diabetikerin, also "voll auf der Nadel", was eine Operation immer ein bisschen kniffelig macht. Aber schließlich konnte ich mich ganz beruhigt in seine künstlerischen OP-Hände begeben...
 
Als ich denn am 26.04.04 in der HNO-Klinik angekommen war, gab es gleich eine gute Neuigkeit: ich sollte ein brandneues Implantat bekommen: die ganz neue Pulsar-Elektronik von Med-El namens PULSARci100, die eine sehr viel höhere Impulsrate (> 50.000 pps) hat als die herkömmlichen Systeme. Das heißt eine bessere Anpassung an die physiologischen Bedingungen des Hörens (von den natürlichen Bedingungen ist man ja noch Lichtjahre entfernt - unser Schöpfer ist eben doch genialer als aller CI-Firmen und Forscher!!). Aber immerhin! 
 
Der Sprachprozessor, der die Kapazität der Pulsar-Elektronik voll ausnutzen kann, wird erst ab Dezember zur Verfügung sein. Bis dahin darf ich mit dem alten System üben - ich bin gespannt, wie es damit geht...
 
Die Operation ging super über die Bühne - ich glaube, es waren weniger als drei Stunden. Hinterher musste ich zwar bis spät abends erbrechen, aber ich glaube, das war eine verschleppte Migräne. Ich hatte eine vor der Operation, dachte aber, die würde durch eine Vollnarkose schon plattgemacht ... naja, da musste ich dann eben doch durch. Mein Zucker blieb aber ziemlich brav und am nächsten Morgen war ich ja noch nicht verhungert... Das Schönste war, dass ich gar keinen Wundschmerz verspürte! Da war ja eine Mandeloperation schlimmer! Und offensichtlich war Dr. Adunka eben doch ein Künstler: Ich hatte kaum Haare eingebüßt - der verbleibende Rest würde vollauf genügen, um den Operationsbereich zu überdecken. Am ersten Tag spürte ich hin und wieder leichten Schwindel, aber der war unerheblich. Wirklich gestört hat mich nur ein unverschämter kleiner Tinnitus, der sich heimlich eingeschlichen hatte und mich nun auf ziemlich aufdringliche Weise zu unterhalten versuchte. - Eine kleine Cortison-Bombe von 500mg, in die Vene gejagt, hat ihn fürs erste besänftigt. Das ließ für einen Tag allerdings meinen Blutzucker rebellieren, den ich wiederum mit einer Altinsulinmenge in seine Grenzen zurücktrieb, die vier mal so hoch war wie die gewohnte. Drei Tage nach der OP war ich aber wieder ziemlich im Lot. Jetzt gab es täglich nur noch die prophylaktische Antibiotika-Infusion und der Rest der Zeit blieb zum Wiederaufbau meiner Kräfte. 
 
Eine entscheidende Begegnung fiel in diese Zeit: Ich hatte Michael Schwaninger vom CIV HRM um einen Besuch in der Klinik gebeten. Das war eine spontane Idee gewesen, weil ich in Frankfurt ja auf meine Familie weitgehend verzichten musste. Und außer dem war ich CI-neugierig geworden, wollte so ein Ding mal in vivo sehen. Es war ein sehr anregender Besuch und Herr Schwaninger hatte mich per SMS vor und während der OP immer wieder sehr ermutigt... der Kontakt blieb erhalten.. Sechs Tage lang war ich in der Klinik, und dann war ich auch schon wieder fit genug, um mich bei meinem Bruder in Hofheim bis zur Erstanpassung verwöhnen zu lassen. Wie froh war ich, dass ich mein Hörgerät in der Zwischenzeit benutzen konnte! 
 
Herr Schwaninger zog mich aus dem so lieb gewordenen "Schnecken"-Haus heraus: 10 Tage nach der OP nahm ich, noch total verkrampft und voller Scheu, seine Einladung zu der in Frankfurt stattfindenden DCIG + CIV HRM -Tagung "rund um das CI" an. Ich war so überanstrengt hinterher, dass ich die ganze Nacht wach blieb, aber es war ein Erfolgserlebnis geworden: mit Induktion und hörbehindertengerechter Diskussionsführung, konnte ich doch noch manches mitkriegen, und das hohe Niveau der Tagung regte meinen etwas unterernährten Geist sehr an. Ich begann, mich zugehörig zu fühlen.
 
Aber ich begann, es öfters auszustellen, mich ganz ohne Ohren ins Gewühle zu werfen - und ich lernte, was ich bis dahin nie gekonnt hatte: ich verkündete jedem, mit dem ich reden musste, dass ich taub bin. Mitleid, Unsicherheit und Schrecken störte mich irgendwie kaum mehr. Ich hatte unmerklich gelernt, dazuzugehören: zu den Ertaubten, den Behinderten. Ich war eine von ihnen und kämpfte nicht mehr dagegen. 
 
Meine Kontakte zum CIV hatten einen wesentlichen Anteil daran. Mein Aktionsradius war eng, aber ich hatte akzeptiert. Vielleicht machte die große Hoffnung auf eine erträumte Erweiterung dieses Radius mich so versöhnlich gegenüber den Begrenzungen. 
 
Gestern war es soweit: vier Wochen nach der Op - Erstanpassung des Head-Sets! Ich fühlte mich wie Weihnachten, dabei war das Wetter fast sommerlich ... Oh, ich werde HÖREN! Fest entschlossen, es zu lernen gegen alle Widerstände. (Ich war ja vorgewarnt, dass da Drachen und Ungeheuer auf dem Wege lauerten...)
 
Herr Lehning, Te chniker von Med-El, zeigte mir aus dem Weihnachtsköfferchen erst mal den Sprachprozessor und die Spule, die magnetisch mit dem Sender unter der Kopfhaut zusammenhält. Ein sehr seltsames Gefühl, aber es sollte nicht das einzige sein, womit ich mich anfreunden musste: Erst mal:Töne! Es funktionierte zumindest! Da war was!! Aber das Biest schien sofort eine Antipathie gegen mich entwickeln zu wollen - es verbrüderte sich mit meinem Tinnitus, und sie sangen zusammen die gleiche Arie, nicht sehr harmonisch oder rhythmisch, aber laut. Alles klang gleichförmig falsch und pfeifend, und ich musste mich erst mal kaputtlachen. Die Welt schien verrückt zu sein um mich herum. Zur Übung musste ich zwei Stunden im Klinikgelände herumstreunen, um das Untier auf meinem Kopf einem ersten Zähmungsversuch zu unterziehen. Erst ging ich essen - das Besteck pfiff, und das Ablesen der Stimme hatte ich ja schon geübt. Eine Brotkruste klang so urig und fast wie Krachen beim Kauen, dass ich gleich viel zu viel Brot vertilgte, nur um das wundersame Geräusch zu genießen. Auch meine oder fremde Schritte pfiffen - rhythmisch, daran erkannte ich, dass es Schritte waren... als ich aber über einige Holzplanken ging, klangen die wie Holz!! Entzückt ging ich eine Weile hin und zurück - die Leute haben bestimmt ihren Spaß gehabt, aber den gönnte ich ihnen, ich hatte meinen ja auch! Das Faszinierendste war aber etwas, was mir fast magisch vorkam: Ich hatte Mühe gehabt, nur mit Ablesen Herrn Lehning zu verstehen (mein Hörgerät hatte ich in einem freudschen Vergesser zu Hause gelassen!). Aber MIT CI konnte ich fast alles richtig "ablesen". Also musste ich was gehört haben!! Ich hätte aber schwören können, dass ich NICHT gehört habe! Mein armer verwirrter Hörnerv hat den Unfug wohl einfach weitergeleitet ans Gehirn - und das hat kühlen Kopf behalten: es wusste, was es da serviert bekam! Sprache!
 
Heute ist der zweite Tag in meinem Leben...
 
Er begann damit, dass Zähneputzen mit CI sich anhörte wie eine Drahtbürste auf Steinplatten. Vor Schreck habe ich Zahnpasta aspiriert. (Manche unangenehmen Erfahrungen macht man aber auch mit CI nur einmal!!!)
 
Ich habe schon Stimmen unterscheiden gelernt, Schritte pfeifen auch nicht mehr, ich war in der Kirche und habe auch da einzelne Wörter wirklich gehört, habe dem Nachrichtensprecher peinlich genau auf den Mund gestarrt (gut, dass der das nicht merkt). Sogar mein Handy habe ich probeweise mal zu überlisten versucht: eine automatische Ansage angerufen - und tw. verstanden. OHNE Induktion! Ach, und Glocken habe ich wirklich läuten gehört! Ohne dass es mich genervt hätte als zu laut, so wie früher mit Hörgeräten...
 
Seltsamerweise höre ich Autos und Straßenbahnen noch nicht - da ist dann nur ein Knattern und Rauschen im Ohr. Und ich kann Geräusche in keiner Weise orten. Wenn ich nicht sehe, was ein Geräusch verursacht haben könnte, dann identifiziere ich noch gar nichts. 
 
Trotz all dem, was ich in diesen ersten 24 Stunden erobert habe, ist es noch recht jämmerlich. Und wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dass CI-Träger HÖREN, auch in der geselligen Gruppe, dann würde mein Humor und meine Zuversicht doch auf eine harte Probe gestellt. 
 
Ich bin so dankbar für die Hilfestellung durch Menschen, die mir die Erfahrungen schon voraus haben und die sich zur Verfügung stellen, ermutigend weiterzugeben, was sie wissen... Und ohne die "Ohrenseite" stünde ich jetzt nicht als Bericht in eben dieser!!
 
Und das war nur der Anfang - ich werde hören lernen und dann das Abenteuer in Angriff nehmen, mein Leben wieder umzugestalten, meinen Radius zu verlängern, den Kreis zu erweitern ... das Leben wird diese Geschichte also weiterschreiben, und ich hoffe, sie wird manchem ein bisschen mehr Mut geben können, die Schritte zum CI zu wagen... 
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CI-Erfahrungen (N. C. Hembach)

Ich war bis zu meinem 28. Lebensjahr guthörend und habe im Rahmen eines sechswöchigen Komas (wegen eines ARDS), nach der Kaiserschnittentbindung meines ersten Kindes, auf Grund einer ototoxischen Reaktion wegen einer Antibiose gegen einen oxacillinresistenten Staphilococcus aureus, mein Gehör über 2,5 Jahre hinweg immer mehr verloren.
 
Schlussendlich war ich an Taubheit grenzend schwerhörig und nach dem ich noch zwei Kinder bekommen habe und endlich im Frühjahr 2003 (nach 8 Jahren) soweit, mich mit der CI-Implantation auseinander zu setzen.
 
Im September 2003 wurde ich in Hannover von dem Team um Herrn Prof. Lenarz operiert. Ich habe mich auf Grund der MED-EL-Studie zu einer bilateralen CI-Implantation (auf "einen Rutsch") mit Cochlear Nucleus ESPrit 3G Geräten entschieden. Im November 2003 war die Anpassung meiner CI und ich bin nur glücklich - endlich kann ich wieder so leben, wie ich es mir so lange gewünscht hatte.
 
Alle anderen medizinischen, ob konservativen oder alternativen Versuche, haben leider nie etwas gebracht - und ich habe eigentlich nichts unversucht gelassen - bin durch die ganze Republik gereist, um Hilfe gegen meinen immer schlechteren Hörstatus zu finden. (Gegen eine ototoxische Innenohrschwerhörigkeit ist nun mal "kein Kraut" gewachsen).
 
Mit jeder Verschlechterung wurde auch meine psychische Verfassung nicht besser und ich war, trotz einer glücklichen Familie um mich herum, dann im März 2003 dann an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht weiter konnte. Mir war klar, dass ich, wenn ich so weiterleben würde, auf dem besten Weg gewesen wäre, eine verbitterte Frau zu werden und damit das Glück meiner Familie zu gefährden und mich in eine große Isolation katapultieren würde.
 
Wie das Schicksal es dann so wollte, erfuhr ich durch einen hörgeschädigten Freund von uns, daß wiederum ein gemeinsamer Bekannter (dessen Ertaubung auf die gleichen Umstände wie bei mir zurückzuführen ist) von uns, sich zum CI entschieden hatte und damit ungemein glücklich sei, er sogar wieder telefonieren könnte und auch beruflich wieder zu alter Höchstform auflaufen sei. So nahm ich Kontakt mit diesem Bekannten auf und las seine Erfahrungsberichte mit Tränen in den Augen.
 
So glücklich wollte ich auch wieder werden!! Ich informierte mich maximal - bin mit meinem Mann alle positiven und negativen Aspekte einer CI-Versorgung und der OP durchgegangen- uns war sehr schnell klar, dass ich nur zu gewinnen hatte. Ein Vortrag von Prof. Lenarz bei der Einweihung des CI-Centrum Kölns gab uns dann letzte Gewissheit, dass wir den Weg gehen wollten und ich meldete mich nach allen bürokratischen Hürden dann in Hannover zur Voruntersuchung an.
 
Unser Bekannter hat uns während der ganzen Zeit immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden und ich bin ihm dafür sehr dankbar, denn seine Ermutigungen und Erklärungen haben uns viel Mut gemacht.
 
Heute, nach sieben Monaten mit CI fühle ich mich mit den CI nicht mehr hörgeschädigt - ich kann durch die bilaterale Versorgung auch in schwierigen Hörsituationen gut mithören und es gibt eigentlich keine Situation in der mir bewusst wird, dass ich taub bin. Die CI haben mir mein Leben gerettet - und das meine ich so. Und nicht nur ich bin glücklich, dass ich wieder hören kann - auch meine Familie.
 
Die Jahre meiner Taubheit und der damit verbundenen Einsamkeit, der Verzweiflung, der unerfüllten Hoffnungen "einfach wieder so" hören zu können, der Schmerz die eigenen Kinder nicht hören oder verstehen zu können, der Verlust meines Berufes als Übersetzerin, waren, wie wir wohl alle auf die ein oder andere Weise erfahren haben, sehr schwer - wie dankbar und glücklich ich bin nun wieder am Leben teilhaben zu können und mitLEBEN zu dürfen, können wahrscheinlich die meisten CI-ler verstehen.
 
Da ich die Hilfe unseres Bekannten als so wertvoll erfahren habe, habe ich mich entschieden für den Bereich Köln und Umgebung eine CI-SHG zu gründen. Ziel der Gruppe soll sein Mut zum CI zu machen, als Betroffene für Betroffene da zu sein. Wir treffen uns einmal monatlich (immer der 2. Mittwoch im Monat - nicht in den NRW-Ferien) in der Lupusstr. 22 in Köln in den Räumen des DSB, OV Köln, der uns freundlicherweise seine Räume für diesen Zweck kostenfrei zur Verfügung stellt. Jeder ist herzlich willkommen und die Beratung ist unverbindlich und kostenfrei. Die Gruppe arbeitet autonom und Mitgliedschaft ist nicht zwingend.
 
Ich stehe gerne für Fragen zur Verfügung und freue mich über Zuschriften unter folgenden Adressen:
 
Natascha C. Hembach
Wilhelm-Heidkamp-Straße 13
51491 Overath
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Und hier ein Foto von mir:
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Hören mit 2 CIs

Jeder Mensch besitzt zwei Ohren!! 

„Zwei Ohren, um die Sprache aus dem Störlärm besser herausfiltern zu können, um Richtungen von Geräuschquellen zu orten, um einfach natürlich zu hören ..."

Aufgrund einer Autoimmunerkrankung, dem Cogan-Syndrom, bin ich beidseitig ertaubt und wurde im November 2001 mit einem Cochlear-Implantat auf der linken Seite versorgt. Mein Hörerfolg war von der ersten Minute an sehr gut. Trotzdem hatte ich schon nach kurzer Zeit den Wunsch, mein zweites Ohr ebenfalls mit einem CI versorgen zu lassen. Dies hatte mehrer Gründe:
 

  1. Nach der Ertaubung durch das Cogan-Syndrom können Obliterationen drohen, die die Insertion des Elektrodenträgers erschweren.
  2. Obliterationen können auch die Ganglienzellen verändern, was dazu führen kann, dass das Hörergebnis mit CI umso schlechter sein kann je länger man mit der Implantation wartet.
  3. Ich bin Lehrerin, möchte weiter in meinem Beruf arbeiten, absolviere derzeit ein Aufbaustudium und benötige dazu einfach zwei „Ohren", nein 2 CIs!


Für meine zweite Implantation wählte ich wieder die HNO-Klinik Mainz. Bei Herrn Prof. Mann und seinem gesamten Team war ich medizinisch sehr gut betreut und die OP verlief völlig komplikationslos. Alles in allem: die OP war sehr schnell vergessen und ich wieder auf dem Weg zum Studium der Hörgeschädigtenpädagogik nach Heidelberg.

Dann kam der 5. November 2003, der Tag der Anpassung. Aufgeregt war ich nicht, fast schon zu wenig neugierig, was sich nun ändern sollte. Das Anpassen meines ersten CIs war inzwischen zur Routine geworden. Mit Herrn Pera, dem Ingenieur der Firma Cochlear, würde das genauso gut laufen wie in den vergangenen zwei Jahren, für die „neue Seite" würde es nicht anders sein! Zuerst musste mein „altes CI" angepasst werden, das war schon längst überfällig, was dann auch die neue MAP zeigte. 

Dann war das „neue CI" dran. Den Klang der Töne empfand ich anders als links, der Ablauf war natürlich der gleiche. Als dann alles programmiert war, schaltete Herr Pera life. Hmmmm! Ja, ich muss gestehen, ich war enttäuscht. So sollte ich mit dem „neuen" CI hören? Das wollte ich nicht glauben. Irgendwie klang doch alles sehr metallisch und blechern, rudimentär, ganz anders, nicht so natürlich wie mit meinem ersten CI. Ich konnte zwar Sprache erkennen, musste aber sehr oft nachfragen und auch von den Lippen lesen, um genau zu verstehen. 

Der direkte Vergleich der beiden CIs zeigt einen deutlichen Unterschied und bewies wieder einmal, dass ich mit dem linken CI einfach phänomenal gut höre! Aber ich werde auch mit dem neuen CI gut hören können, ich muss eben etwas Geduld haben, sagte ich mir. So verließ ich die Klinik mit dem Eindruck, dass rechts und links nicht zusammenpasst. 

Zu Hause wartete man gespannt auf mich und auch dort – ich schaltete das „alte CI" ab – war ich nicht so richtig begeistert. Aber es war ja auch ein sehr langer und ermüdender Tag gewesen. Einfach mal abwarten, was der nächste Tag bringt, war meine Devise.

Den neuen Tag begann ich dann nur mit dem „neuen CI" und stellte fest, es tat sich was!

Ja, das Hören wurde schon besser, schon leichter als am Abend davor konnte ich verstehen. So übte ich dann abwechselnd das Hören mit einem oder mit zwei CIs. Nur zwei Tage später schien mir die Anpassung schon überholt. Lautstärken stimmten nicht mehr und ich hörte immer wieder verzerrt. 

Aber was mir ganz deutlich wurde: Ich konnte viel besser im Störlärm verstehen! Der Lautheitsgewinn war für mich ganz deutlich zu spüren. Auch viele meiner Mitmenschen stellen fest, dass ich nun noch mehr und gerade bei Störlärm gut verstehe.

Nach nur zehn Tagen musste dringend neu angepasst werden und die Werte zeigten, dass sich schon einiges getan hatte: vor allem in der Dynamikerweiterung! Aber auch das war schnell überholt und so folgten einige neue Anpassungen. Das Hören auf der „neuen Seite" wurde immer besser. 

Nach wenigen Wochen konnte ich schon mit bekannten Personen telefonieren, zwar nur kurz und mit etwas mehr Geduld, aber immerhin. Mit meiner Tochter sprach ich sogar schon über Handy. 

„Hören mit zwei CIs" bedeutet aber auch wieder an zwei Schauplätzen teilzunehmen: in der S-Bahn links von mir unterhielten sich zwei Frauen und rechts zwei Herren, einfach genial. Und es klingt alles viel räumlicher, einfach wieder „rund um den Kopf", eben fast so natürlich wie früher. 

Nach nur vier Wochen mit zwei CIs wusste ich: ich möchte das zweite, nein, ich werde das zweite CI nicht mehr hergeben, denn es bringt mir noch viel, viel mehr entspanntere Hörerlebnisse.

Und ich weiß inzwischen, dass: 

  • ein direkter Vergleich nach zwei Jahren Hören mit CI eigentlich nicht mehr oder besser gesagt nicht objektiv möglich ist, da ich vor der Anpassung des ersten CIs vier Monate überhaupt nichts hörte, damals eine andere Ausgangssituation vorhanden war, mein erster Höreindruck damals völlig anders empfunden werden musste als nun das Hören mit 2. CI im Vergleich mit der gut angepassten ersten Seite. 
  • auch das Hören mit dem zweiten CI bewusst trainiert werden muss und sollte, da es ansonsten aufgrund der „ersten" gewöhnten und dominanten Seite in seiner Leistungsfähigkeit nicht ausgeschöpft wird.
  • Geduld und eine positive Einstellung zum Hören mit CI die besten Voraussetzungen für einen guten Erfolg sind.

Folgendes möchte ich noch einmal zusammenfassen:

  1. Ich höre mit zwei CIs viel besser als vorher, da der Lauheitsgewinn wirklich enorm, nein exponentiell, ist! Fallen die Batterien aus oder schalte ich ein CI ab, ist dies mehr als spürbar! Im Alltag ist dies in vielen Situationen eine sehr große Hilfe: Straßenverkehr, am Bahnhof, in größerer Gesellschaft bei Festen und Feiern.
  2. Ich höre nun wieder echt „stereo", nicht nur „rund um den Kopf", sondern erkenne inzwischen über unterschiedliche Lautstärken und auch Variationen in den Tönen, dass etwas von der rechten oder linken Seite kommt, d. h. wirklich „Hören über zwei Kanäle", die auch zusammenpassen!!! Ich kann deshalb auch wieder genauer „orten", wo etwas gesprochen wird, wo Geräuschquellen vorhanden sind, .... 
  3. Ich kann wieder zwei „Schauplätzen" zuhören. Zwei unterschiedliche Schauplätze sind nicht nur wahrzunehmen, sondern inzwischen hat sich mein Gehirn auch wieder daran gewöhnt, zwei Schallquellen zu erkennen und die unterschiedlichen Informationen (zwar noch in nicht ganz optimaler Qualität) wieder aufzunehmen und zu verarbeiten.
  4. Ich bin nun für alle auch wieder von rechts ansprechbar und ich muss niemandem „unbewusst" die kalte Schulter zeigen. Wie schön, vor allem auf Feiern an einer langen Tafel, im Straßenverkehr, beim Einkaufen, beim Spazierengehen, beim Telefonieren, ....
  5. Ich kann als Rechtshänder endlich wieder rechts telefonieren und das schon mit fremden Personen und mit bekannten schon richtig lang! Es tut sich täglich noch etwas, weitere Anpassungen fanden inzwischen wieder statt, die Kurve ist schon recht stabil. Höre ich nur mit dem „neuen CI" zum Trainieren, dann stellt es schon fast keiner mehr fest. Für mich ist es so, als wenn es vorher nie anders gewesen wäre.
  6. Und ganz aktuell: beim Skifahren zeigt sich ebenfalls der Vorteil des beidseitigen Hörens. Meinen ausgefallenen Gleichgewichtssinn konnte ich viel besser kompensieren, da ich über beide Seiten Geräusche wahrnehmen konnte, also nicht nur auf zwei Brettern stand sondern auch über meine beiden CIs wichtige Informationen aufnahm, die mich im Gleichgewicht hielten, auch bei Neuschnee, was im vergangenen Jahr nicht möglich war.

Die CIs: sie sind und bleiben für mich ein bemerkenswerter Erfolg, nicht nur ein positives Lebensgefühl vermittelnd sondern weil sie mich wieder zurückbrachten mitten in die Gesellschaft und das fast genauso gut kommunizierend wie vor meiner Ertaubung. Allen an diesem Erfolg Beteiligten möchte ich hier noch einmal ein herzliches Dankeschön sagen!

Ich möchte noch hinzufügen: So positiv, wie ich hier berichtet habe, erlebe ich mein jetzt beidseitiges CI-Hören wirklich. Vor dreieinhalb Jahren hörte ich noch normal und hatte nur geringe Kenntnisse von Hörproblemen. Meine plötzliche Ertaubung hat mich diesbezüglich sehr schnell aufgeklärt. Ein Leben ohne Hören wäre für mich nur schwierig zu verkraften gewesen. Jetzt höre ich zwar mit Einschränkungen, die aber tägliche Freude über den Wiedergewinn nicht mindern können.

Ute Jung
Wilhelmstr. 45
56584 Anhausen
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CI-Bericht

Oder Bericht über die Anpassung des Sprachprozessors an mein Cochlea-Implantat
 
Liebe Leserin, lieber Leser!
 
Eigentlich sollte mein Rundbrief vom 25. Aug. 2003 „Wie der Ohrwurm in die Schnecke kam" (erschienen im Heft des DSB Ortsvereins Wiesbaden e.V.) ein eleganter „Befreiungsschlag" sein, um meine vielen Briefschulden zu bewältigen. Es überraschte mich dann, daß fast die Hälfte meiner Leser mit einem Echo reagierten. Überwiegend waren es einfach nette Rückmeldungen, gute Wünsche für den weiteren Verlauf oder auch Nachfragen. Eher dachte ich, daß ich Beschwerden erhalte, weil ich meinen Lesern und Leserinnen vier Seiten „Papiermüll" zumutete. Aber niemand hat sich beschwert. 
 
Die meisten Nachfragen bezogen sich auf die kurze Dauer des Klinikaufenthaltes und darauf, daß ich so bald wieder normal zur Arbeit ging. Es stimmt tatsächlich, daß ich am 15. Aug. operiert wurde und am 20. Aug. schon wieder zu Hause war. Die anschließende Rekonvaleszenz dauerte dann noch bis einschl. 29. Aug. Am 1. Sept. habe ich wieder gearbeitet, zwar noch taub, aber mit dem Implantat im Kopf. Ich wurde auch gefragt, ob mir keine Fäden der OP-Naht gezogen wurden. Es mußten keine Fäden gezogen werden! Darüber war und bin ich selbst verblüfft. Mir fehlt leider das medizinische Wissen, um dies genau zu erklären. Anscheinend ist es so, daß heutzutage die OP-Naht fest „verklebt" wird. Was an „Fäden" da ist, löst sich beim Heilungsprozess von selbst auf.
 
Endlich war es am 12. Oktober 2003 so weit, daß ich zur Anpassung des Sprachprozessors wieder nach Freiburg fahren konnte. Aber ich fuhr nicht alleine. Es wird vom Implantat Centrum Freiburg (ICF) empfohlen, eine Begleitperson mitzubringen. Dies sei sinnvoll, um nach der Anpassung Orientierungshilfe beim Erfassen all der Töne, Geräusche und Sprache zu erhalten. Ich bat deshalb Elisabeth Kugler mich zu begleiten. Aufgrund unserer gemeinsamen Arbeit und Erfahrung im Deutschen Schwerhörigenbund und in der Deutschen Ertaubtengemeinschaft ist sie geradezu prädestiniert für eine derartige Aufgabe. Um es vorwegzunehmen: Es war tatsächlich sehr sinnvoll, ja notwendig, daß ich diese medizinisch indizierte Begleitperson hatte.
 
Elisabeth ließ ihr Auto in Leonberg stehen. Wir fuhren sehr angenehm mit IC und ICE nach Freiburg. Elisabeth hatte ihr Quartier in einem Hotel unweit vom „Paradies", einer sehr empfehlenswerten Gaststätte, die nicht nur einen Biergarten hat, sondern auch einen Wintergarten. Und ich war als Patient im ICF untergebracht. Die Mahlzeiten konnten wir beide im ICF einnehmen.
 
Am 13. Oktober beim Frühstück im Speiseraum des ICF staunten wir erst einmal, weil die überwiegende Zahl der Patienten aus Kindern zwischen dem 1. und ca. 12. Lebensjahr bestand. Hier waren wiederum die unter 6 Jahre alten Kinder in der Mehrheit. Sie alle trugen ein Cochlea Implantat (CI) und machten den Eindruck, damit auch gut hören zu können. Dieses Hörenkönnen zeigte auch deutlich Erfolg, weil sie alle, wenn auch unterschiedlich, lautsprachliche Kompetenz hatten. Die Kinder waren alle von ihren Eltern begleitet, teilweise waren auch Geschwisterkinder mit dabei. So herrschte eine nette, familiäre Stimmung im ICF.
 
Um 10.15 Uhr war es dann so weit. Die Anpassung des Sprachprozessors (SP) an das CI begann. Vorgenommen wurde sie von Herrn Gerber, einem der dafür zuständigen Techniker des ICF. 
 
Zum ersten Mal sah ich nun Sprachprozessor und Sendespule meines CI. Es ist ein Hinter-dem-Ohr-Gerät, Model ESPrit 3 G, von der australischen Firma Nucleus. Darüber habe ich mich natürlich gefreut. Es ist schon ein technisches Wunder, auf welchem winzigen Raum die gesamte Elektronik und Technik untergebracht ist. Nach einigen Erklärungen durch Herrn Gerber, die ich noch im tauben Zustand mit Hilfe meiner Absehkünste entgegen nahm, begann dann die eigentliche Anpassung. Das Gerät wurde mit einem PC verkabelt und mir mitsamt der Sendespule hinter das Ohr gesetzt. Ich mußte nun sagen, wenn ich etwas hörte. Es begann erst mit sehr leisen Tönen im unteren Bereich. Die Anpassung erfordert äußerste Konzentration. Bei mir war es noch etwas komplizierter, weil ich unter ständigem Tinnitus (Innenohrgeräusche) leide. 
 
Es ist schwer, zwischen allen Tönen und dem Tinnitus zu unterscheiden. Dann folgten die lauten Töne im oberen Bereich. Hier mußte ich feststellen, wo der Ton die Behaglichkeitsgrenze überschreitet. Die so festgestellten Werte werden dann alle im PC gespeichert und dann im SP einprogrammiert. Während der Anpassung ging das konzentrierte Gespräch weiter. Es geht nichts über das Absehenkönnen! Als dann das Programm im SP drinnen war, sprach Herr Gerber weiter und ich auch. Und ich hörte dann alles!!! Wir diskutierten weiter, wie ich höre. Liebe Leserinnen und Leser, ich vergaß darüber schlicht und einfach vor Freude zu heulen. Ich hörte wieder! Ich konnte Sprache sofort eindeutig als solche vernehmen. Ich mußte nicht mehr so konzentriert absehen. Obwohl der Klang und das Hören anders sind als früher, war mir Elisabeths Stimme und Sprache schnell vertraut, wie von früher her. Und auch Herrn Gerbers Stimme und Sprache konnte ich einwandfrei hören. Aber es gab da noch viel Piepen, Pfeifen und Zwitschern von dem ich nicht wußte woher es kommt und welche Ursache es hat. Und was mir auch gleich sehr wichtig war: Ich hörte mich endlich selbst wieder und konnte so meine Sprache kontrollieren. So viel an Hörenkönnen – vor allem auch im Sprachbereich – hatte ich nicht erwartet. Ich war verblüfft und Elisabeth auch! 
 
Nach der Anpassung ging es in den Speiseraum zum Mittagessen. Glücklicherweise war ich schon von Udo Barabas, unserem Vorsitzenden des Cochlear Implant Verbandes Baden-Württemberg, vorgewarnt. Ein akustisches Inferno von Pfeifen, Piepen, schrillem Zwitschern und Quietschen empfing mich. So nach und nach merkte ich dann, daß es sich um Kinderstimmen, Besteckklappern, Stühlerücken, Schmatzen, Kauen und Sprechen handelte. Das Unterscheiden solcher Geräuschereignisse habe ich bis heute noch nicht so richtig geschafft, aber es wird immer besser.
 
Am Nachmittag war dann noch eine Visite bei meiner Operateurin, Frau Doktor Aschendorf. Sie war hochzufrieden mit mir und freute sich, daß ich schon vier Stunden nach der Anpassung so (verhältnismäßig) gut hören konnte. 
 
Danach war dann die Begleitung durch Elisabeth Kugler Gold wert. Ich setzte mich dem Lärm auf Straßen und Plätzen und in der Straßenbahn aus. Glücklicherweise hatte Herr Gerber offensichtlich die Programmierung so vorgenommen, daß der Verkehrslärm gedämpft wurde. Das war auch gut so, denn es gab genug zu hören und entsprechend zu deuten. Elisabeth, obgleich zwar links taub und rechts hochgradig schwerhörig und mit Hörgerät versorgt, half mir dabei. Sonst wäre ich orientierungslos im Meer der Töne und Geräusche untergegangen.
 
Ich möchte nun meine Leserschaft nicht weiter damit langweilen wie es nun weiter ging mit dem Hören und dem Lernen des Hörens. Wissenswert ist, daß dann jeweils am 14., 15. und 16. Oktober eine erneute Anpassung stattfand. Da sich das Hirn auf die neue Situation schnell ein- und umstellt, sind diese täglichen Korrekturen des Programmes normal und notwendig. Die letzte Anpassung nahm Herr Dr. Stecker vor. Ich bewundere sowohl Herrn Gerber als auch Herrn Dr. Stecker sehr für ihre freundliche, ruhige, einfühlsame und sachkundige Arbeit. 
 
Es gab aber auch noch andere Termine im ICF außer der SP-Anpassung. Mit der Logopädin, Frau Folhoffer, diskutierten wir über die Möglichkeiten und Grenzen des CI bei mir. Wir drei haben die übereinstimmende Einschätzung, daß es zu einem vollständigen offenen Sprachverständnis (also ohne Absehen vom Mund) bei mir nicht kommen wird. Aber wer von den CI-Trägern kann das schon? Unter Anleitung von Frau Folhoffer und mit Hilfe eines PC, versuchte ich dann auch verschiedene Geräusche unterscheiden zu lernen. Das war gar nicht so einfach. Ein anderes mal gab es Übungen, in denen ich den Wortrhythmus mit geschlossenen Augen erkennen sollte. Das klappte auf Anhieb. Noch schöner war, daß ich sogar einzelne Worte nicht nur hörte, sondern auch verstand. Als Elisabeth sich den Spaß machte, „Kuckuck" zu sagen, mußte ich allerdings passen. Ich tippte „auf irgendwas mit Zug oder Ruck Zuck". Wir mußten natürlich alle drei lachen und freuten uns über meine Hörerfolge.
 
Es gab auch das Angebot einer psychologischen Betreuung durch Herrn Burger. Die Psycho-Stunde geriet aber mehr zu einer Lehrstunde für den Psychologen. Elisabeth und ich vermittelten ihm unsere Erfahrungen und Erkenntnise aus unserer Arbeit im Deutschen Schwerhörigenbund und in der Deutschen Ertaubtengemeinschaft. Überhaupt konnten wir immer wieder unsere Kenntnisse und Erfahrungen als Hörbehinderte mit Hörbehinderten in die verschiedenen Gespräche einfließen lassen. Es dürfte die meisten meiner Leser aus der Hörbehindertenszene nicht überraschen, daß man feststellen muß, daß die meisten Fachleute nicht sehr viel von den Selbsthilfegruppen, Vereinen und Verbänden der Hörgeschädigten und deren Arbeit wissen. Leider!
 
Es war in den Tagen der SP-Anpassung sehr wichtig für mich, daß wir während der Termine die Möglichkeit hatten, Freiburg und Umgebung zu erkunden. Erstens mußte es sein, um das Neue Hören bei unterschiedlichen Geräuschkulissen zu üben und zu lernen. Zweitens freute ich mich, wieder einmal in Freiburg zu sein und auch darüber, daß Freiburg für mich eine vollkommen neue und wichtige Bedeutung erhalten hat. Ich habe von 1967 – 1969 südlich von Freiburg gearbeitet und bin daher mit dem Breisgau und dem Markgräfler Land vertraut. Das Wetter war zwar kalt, aber tagsüber freundlich und sonnig. Wir durchstreiften die Metropole des Breisgaues zu Fuß, mit Bus und Straßenbahn. Höhepunkt war unsere Fahrt mit der Gondelbahn zum Schauinsland hinauf. Aus 1220 Meter Höhe geht der Blick weit über die Stadt, die Rheinebene, zum Kaiserstuhl und zu den Vogesen.
 
Am 16. Oktober, nachmittags, ging es nach Leonberg zurück. Und am 17. Oktober fuhr Elisabeth wieder nach Hause in den Rheingau. An dieser Stelle möchte ich mich dafür bedanken, daß ich ihre sachkundige und freundschaftliche Hilfe in Anspruch nehmen durfte. Und dieser Dank gilt auch ganz besonders Elisabeths Familie, die fünf Tage ohne sie auskommen mußte. Aber so eine private Audiologin und Audiotherapeutin ist schon etwas schönes. Ich empfehle dringend allen CI-Aspiranten zur Anpassung des Sprachprozessors eine Begleitperson mitzunehmen. Sonst tappt man orientierungslos in der Flut der neuen Geräusche. Dies gilt auch für die weiteren Anpassungen, die in immer länger werdenden Abständen folgen.
 
Nun sind wieder einige Tage vergangen. Ich habe mir bis zum Monatsende Urlaub genommen. Das ermöglicht es mir, wahlweise in die Welt der Töne und Geräusche zu gehen oder mich zurückzuziehen um mich davon zu erholen. Ich habe sogar schon am Fernseher Musik angehört. Eigentlich dürfte es das gar nicht geben. Aber wenn nicht durcheinander gesungen und gespielt wird, habe ich durchaus den Eindruck von Musik und nicht von Kreissäge. Das klappt also zum Beispiel, wenn ein einzelner Sänger von einem Klavier begleitet wird. Aber ein komplettes Symphonieorchester mit Chor ist für mich bzw. für mein CI einfach (noch) zu viel. Das wird auch kaum besser werden. Trotzdem darf man versuchen, nach den Sternen zu greifen. Vorerst bin ich jedoch froh und dankbar, daß ich im Sprachbereich Fortschritte mache. An meinem Arbeitsplatz habe ich mich schon probeweise „herumgehört". Das hörte sich recht vielversprechend an. Die Fortsetzung folgt im Nov.
 
Im Urlaub verbrachte ich 5 hörerlebnisreiche Tage im Rheingau inmitten von Elisabeth Kuglers Familie. Auf dem Land gibt es viel unterschiedlichere Geräusche als der monotone Verkehrslärm in der Stadt. Ich hörte vieles, was ich schon lange nicht mehr hörte. Ja, manchmal gibt es Hörerlebnisse, die ich noch nie hatte, oder die ich schon ganz vergessen habe. Ich zähle einmal ein wenig wahllos auf: Tau, der am nebeligen Herbstmorgen von Blatt zu Blatt eines Baumes fällt, Knistern und Prasseln eines offenen Feuers im Garten, das Geschrei der Hühner und Gänse nebenan, das Rascheln des Laubes auf dem Boden und Nieselregen auf dem Regenschirm. 
 
Elisabeth arbeitet noch aktiv in der Hörgeschädigten-Szene. Sie ist die Seele einer kleinen aber feinen Hörgeschädigten-Selbsthilfegruppe im Rheingau-Taunus-Kreis. Für diese SHG übernahm sie am Sonntagmorgen die Standbetreuung der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Rheingau-Taunus-Kreis anläßlich des „Gesundheitstages" in Bad Schwalbach. Und ich mußte natürlich mit. Ich nutzte die Gelegenheit unter normalen Bedingungen - also ohne weitere technische Hilfen - einem Vortrag zu folgen. Zu meinem Erstaunen konnte ich eine Menge verstehen. Manchmal schaffte ich es aber nicht, den Sinnzusammenhang zu kombinieren. Für den Anfang war dies aber ein gutes Ergebnis. Obendrein nutzten wir die Gunst der Stunde um im Beisein von Frau Graffe vom Kreisgesundheitsamt mit dem Landrat des Kreises – Herrn Röttger - zu diskutieren. Da ließ ich es mir natürlich nicht nehmen, ihm das Cochlea-Implantat zu zeigen und zu erklären. Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung bei Politikern ist immer gut! 
 
Nun möchte ich mich bei meinen Leserinnen und Lesern noch für die interessierte Aufmerksamkeit bedanken. Selbstverständlich freue ich mich auf Echos. Aber es soll sich niemand dazu verpflichtet fühlen.
 
Der Herbst hat uns jetzt fest im Griff. Nicht nur ein heißer Sommer ist hinter uns, sondern für mich auch ein großer, weil wichtiger Sommer. Er hat mir das Neue Hören gebracht. Deshalb kann ich mit Rilkes Herbstgedicht sagen:
 
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los...
 
Ein dankbarer und froher CI-Träger wünscht Ihnen/Euch allen, liebe Leserinnen und Leser, eine beschauliche Herbstzeit und allezeit gutes Hören.
 
 
Dieter F. Glembek
Oktober 2003
 
Riedstraße 8, 71229 Leonberg
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