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Meine Perspektive zum Einsatz von Filtern in CIs und Hörgeräten

Meine Perspektive zum Einsatz von Filtern in CIs und Hörgeräten

Von Sylvia

Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Sylvia, ich wohne in Wien und bin 46 Jahre alt.

Durch Mumps-Meningitis im Alter von drei Jahren verlor ich links mein Gehör fast komplett und rechts war ich nach der Erkrankung mittelgradig schwerhörig. Ich wurde sehr rasch mit Hörgeräten versorgt und habe durch diese rasche Versorgung etwaige Defizite rasch ausgeglichen und lernte so ganz normal sprechen. Ich besuchte normale Schulen und bin seit 27 Jahren in einer Bank tätig. 

Wenn man sich mein Alter ansieht, stellt man fest, dass ich mit analogen Hörgeräten aufgewachsen bin. Diese Geräte nehmen das eingehende Signal stufenlos auf und leiten es analog an den Träger weiter - ungefiltert, mit voller Power.

Als die digitalen Geräte auf den Markt kamen, war ich ziemlich unglücklich, weil alles soft, gedämpft und vor allem in jeder Situation anders klang. Ich habe sehr lange damit gehadert und bin froh, dass es mittlerweile Hörgeräte gibt, bei denen man die Filter und die Automatikfunktionen nahezu komplett bzw. komplett abstellen kann. Ich brauche alle Informationen ungefiltert, um mich orientieren zu können.

Mit 43 Jahren wurde ich auf dem mittlerweile komplett tauben linken Ohr (inzwischen unversorgt, denn das Hörgerät links auf der tauben Seite habe ich mit 10 Jahren abgelegt, weil es mir nichts mehr brachte) mit einem Cochlea Implantat (CI) versorgt. Das Sprachverstehen ist dort extrem schlecht, aber Geräusche gehen gut und das CI unterstützt das Hörgeräte-Ohr.

Interessanterweise ist es beim CI genau umgekehrt. Ich trage MedEl Sonnet und durfte den Sonnet 2 mit Geräuschunterdrückung testen. Hier würde ich auf jeden Fall den Sonnet 2 mit dem Automatikprogramm zur Geräuschunterdrückung bevorzugen. 

Ich denke, der Grund für diese verschiedene Wahrnehmung liegt in der Gewöhnung bzw. Nicht-Gewöhnung. Je nachdem wie die Hör-Vorgeschichte ist, wird man entweder das eine oder das andere bevorzugen.

Ich würde es daher sehr befürworten, wenn die Hörgeräte- und CI-Hersteller den Nutzern beide Optionen (Automatikprogramme/Filter bzw. komplettes Ausschalten derselben) zur Verfügung stellen würden. 

Sylvia
Juni 2021

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Mein Weg zum Cochlea Implantat

Mein Weg zum Cochlea Implantat

Von Heinz Diefenbach

Hallo, mein Name ist Heinz Diefenbach, ich bin 73 Jahre alt und bin beidseitig mit Cochlea Implantaten von MedEl versorgt. 1972 wurde bei mir eine beginnende Schwerhörigkeit festgestellt, wahrscheinlich ausgelöst durch ein Knalltrauma in meiner Wehrdienstzeit. 1984/85 verschlechterte sich mein Sprachverstehen, besonders in geräuschvoller Umgebung, Tinnitus kam hinzu, ich bekam meine ersten Hörgeräte, welche ich aber eher selten getragen habe.

Anfang der 90ziger Jahre, ich war mittlerweile selbstständig tätig, wurden meine HdO Geräte mein ständiger Begleiter, ohne ging nichts mehr. Da ich noch einen guten Tiefton Bereich hatte, aber einen sehr steilen Abfall im Mittel- und Hochtonbereich, war die Einstellung für meinen Akustiker immer eine Herausforderung. Es musste bei den Einstellungen ein Mittelweg gefunden werden, sonst kam es zu ständigen Rückkoppelungen. Auch später mit Hörgeräten der neuen Generationen änderte sich daran nichts.

2004/5 versuchte ich aufgrund meiner Schwerhörigkeit, meine Nachfolge zu regeln, was leider nicht von Erfolg gekrönt war. Meine Hörsituation verschlechterte sich rapide und mein Tinnitus entwickelte sich zum Orkan. Dies war für meine Psyche eine sehr große Belastung. Zu Gesprächen bzw. Terminen mit Kunden musste ich teilweise jemanden aus dem Betrieb oder der Familie mitnehmen.

Im Jahr 2011 ergriff ich die Gelegenheit zu einer Reha. Dort bekam ich die ernüchternde Aussage des Chefarztes, dass ich mich doch mit CI’s befassen sollte, da ich ja nur noch ca. 20 - 25% Sprachverstehen hätte mit Hörgeräten. Dies war erst mal ein enormer Schock für mich, CI’s, das war doch was für Taube!

Doch dann ging alles sehr schnell. Über eine Freundin meiner Nichte bekam ich Kontakt zu einer CI-Selbsthilfegruppe und hatte hier den ersten Austausch mit CI-Trägern. Nach einigen Gesprächen und dem Besuch von Klinikvorträgen stand mein Entschluss fest, ich wollte ein CI.

Was mir nach all den Informationen, Gesprächen und Vorträgen klar geworden ist, es sollte eine in CI Operationen erfahrene Klinik, mit einer gut aufgestellten Audiologie für eine sichere lebenslange Nachsorge sein.

Im Jahr 2012 bekam ich dann in der Uni-Klinik Frankfurt mein erstes CI und 5 Wochen später die Erstanpassung des Prozessors. Nach fünf Anpassungsterminen hatte ich bereits ein Sprachverstehen von ca. 60% erlangt, welches sich in der anschließenden ambulanten Reha auf 75/80% steigerte. Ich war begeistert, hörte ich doch wieder Dinge, die ich schon Jahre nicht mehr gehört hatte. Durch Sprachtraining und ständiges Hinterfragen was dies oder das für ein Geräusch sei, bekam ich langsam ein immer besseres, sicheres Sprachverstehen.

2015 bekam ich dann mein 2. CI. Durch eine stationäre Reha in Bad Nauheim, mit viel Sprachtraining und der Synchronisation der beiden Prozessoren, erreichte ich dort eine Steigerung auf ca. 90% Sprachverstehen.

Heute habe ich ein gutes Sprachverstehen, gutes Richtungshören, höre wieder gerne Musik und meine sportlichen Aktivitäten, wie Radfahren und Skilaufen, natürlich beides mit Helm, sowie Besuche im Sportstudio sind ohne Probleme möglich.

Fazit:

Die CI’s haben mir wieder unglaublich viel Lebensqualität zurückgegeben! Meine sozialen Kontakte kann ich wieder wahrnehmen und ohne Scheu auf Menschen zugehen.

Mein Rat:

Sollten Sie von ihrem Akustiker oder HNO Arzt die Empfehlung für ein CI bekommen haben und möchten einen Austausch mit CI Trägern, suchen Sie Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe des Hessischen Cochlear Implantat Verbandes. Auf der Homepage civhrm.de finden Sie Ansprechpartner von Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe.

Was ich mir wünsche: 

Engagierte und interessierte niedergelassene HNO Ärzte und Hörakustiker, die informiert sind, die wissen, dass es ein Cochlea Implantat gibt, wenn Hörgeräte keine ausreichende Versorgung mehr bieten.

Heinz Diefenbach
Juni 2021

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Vom Auria zum Harmony zum Naida Q70 und nun zum Marvel/Sky

Vom Auria zum Harmony zum Naida Q70 und nun zum Marvel/Sky

Von Nina Morgenstern

Ich habe nun seit meiner ersten Cochlea Implantation im Juni 2003 schon einige Upgrades hinter mir und etliche Neuerungen miterlebt (die ansteckbare T-Spule, die FM Module usw.) und durch meine vielen Jahre bei der Bundesjugend auch sehr viele CI-Träger von Advanced Bionics (AB) kennengelernt.

Der Umstieg vom Naida auf den Marvel/Sky ist bisher tatsächlich das Upgrade, welches die meisten Veränderungen brachte. Sehr zum Positiven, allerdings leider auch etwas zum Negativen. Ich hoffe sehr, dass AB sich dazu noch Lösungen einfallen lässt, die durch eine geänderte Software behoben werden können. Sehr gespannt bin ich auch, wie andere AB Anwender noch von ihrem Upgrade berichten werden, da der Marvel/Sky sich ja noch in der Anpassungsphase befindet.

Etwas verwirrend finde ich im Übrigen die unterschiedliche Namensgebung für Erwachsene (Marvel) und Kinder (Sky), obwohl es ja der gleiche Prozessor ist und eigentlich nur die Farben den Unterschied machen. Erwachsene tragen übrigens auch gerne bunt, also trage ich streng genommen einen Sky und keinen Marvel. 😊

Im Kurzen


Was ist neu und sehr positiv beim Marvel/Sky:

  • Erweiterte Bandbreite
  • Bluetooth Anbindung
  • FM im Prozessor integriert
  • App, durch welche das Handy als Fernbedienung genutzt werden kann
  • Geringeres Gewicht und ergonomischere Form
  • Flacherer Überträger/Headpiece
  • Bei mir persönlich auch längere Akkulaufzeiten als beim Naida, das variiert aber natürlich individuell auch je nach Einstellung


Was ist der negative Wehrmutstropfen:

  • Eine Automatik, die sich bisher nicht vollständig deaktivieren lässt
  • Lautstärke nicht mehr getrennt am Prozessor regelbar, nur noch via App
  • Das interne Prozessor Mikrofon lässt sich nicht vollständig deaktivieren

Im Ausführlichen


Im Gegensatz zu den letzten Malen hatte ich mich diesmal vorher gar nicht eingehender mit den Neuerungen des Marvel/Sky befasst. Etwas überrascht wurde ich daher von der erweiterten Bandbreite mit der übertragen wird. Der Naida arbeitet im Bereich von ca. 350 – 8000 Hertz, der Marvel/Sky nun wohl tatsächlich von ca. 250 – 10.000 Hertz. Dadurch ist das Klangbild insgesamt natürlich etwas verändert. Die Umstellung ging aber für mich relativ gut, auch empfand ich die Änderungen als nicht so gravierend. Nur dass hohe Töne mehr durchkommen als vorher, ist mehr als deutlich. Als die Kinder neulich eine Tiersendung im Fernsehen schauten, bin ich tatsächlich etwas erschrocken als mir buchstäblich fast die Ohren wegflogen. Einige Vögel hatten wohl eine sehr hohe Stimmlage und da wurde extrem deutlich, dass der Marvel/Sky die hohen Töne mehr überträgt als der Naida bisher.

Eine weitere große und in diesem Fall positive Umstellung sind natürlich die schönen technischen Neuerungen die der Marvel/Sky mitbringt. Der Prozessor verfügt nun über Bluetooth, was bedeutet, dass man z.B. das Handy drahtlos mit dem Prozessor koppeln kann. So sind Telefonate oder Musik hören etc. problemlos ohne weitere Zusatzgeräte möglich. Die Bluetooth Verbindung ist bei meinem iPhone tatsächlich sehr gut und läuft bisher absolut störungsfrei. Der Prozessor schaltet schnell bei eingehenden Anrufen.

Die nächste große Neuerung ist, dass das FM Modul nun ebenfalls fest im Prozessor integriert ist. Es muss einmalig freigeschaltet werden und dann ist eine Anbindung der FM Anlage (Roger o.ä.) ebenfalls möglich, ohne dass wie bisher extra ein Empfänger aufgesteckt werden muss. Eine wahnsinnige Erleichterung, ganz besonders natürlich auch für alle Kinder in Schule und Ausbildung, die täglich auf die FM Anlage angewiesen sind. Es ist super, dass nach so vielen Jahren dieser Schritt jetzt gemacht ist.

Was weiterhin positiv zu erwähnen ist: Der Prozessor schaltet zwischen den Programmen und auch beim Einschalten viel schneller. Die vorher sehr lästigen 5 Sekunden oder mehr, die man bei jedem Programmwechsel „taub“ war, sind verschwunden. Das Umschalten geht flüssig und fast ohne Hörpause.

Die App am Handy ist ebenfalls eine nette Sache, auch wenn ich persönlich sie kaum nutze. Man kann die App wie eine Fernbedienung nutzen, also die Programme wechseln und die Lautstärke am CI regeln. Ebenfalls bekommt man den Status des Akkus angezeigt (100, 75, 50, 25 und 10%).

Jedoch gibt es leider auch etwas, was negativ zu erwähnen ist. Viele Hörgeschädigte mögen Automatik und sind froh, wenn das Hörgerät oder das CI eigenständig z.B. Störgeräusche heraus filtert. Jedoch gibt es ebenso viele Hörgeschädigte, die diese Automatik gar nicht mögen und damit überhaupt nicht zurechtkommen. Leider ist es beim Marvel derzeit nicht möglich diese Automatik vollständig abzuschalten. Man kann die automatischen Regelungen weitestgehend „herabsetzen“, ein komplettes Ausschalten ist jedoch nicht machbar.

Ich nutze derzeit das von AB in der Software als „Musikprogramm“ ausgewiesene Programm. Das soll laut AB das einzige Programm sein, in dem absolut nichts geregelt wird und unverfälscht übertragen wird. Leider stimmt das nicht. Auch dieses Programm regelt beim Auftreten lauter Geräusche. Das führt leider dazu, dass für mich aktuell Musik oder Radio hören beim Autofahren kaum möglich ist. Bei jeder Bodenwelle, lauterem Fahrgeräusch etc. regelt das Programm. Was noch viel ungünstiger ist, durch das ständige Herunterregeln verstehe ich die Kinder auf der Rückbank teils kaum noch.

Das ist meiner Meinung nach, ein Punkt, an dem AB ganz dringend nachbessern muss. Auch von anderen Anwendern habe ich schon gehört, dass sie damit ebenfalls Probleme haben und nach einer Lösung suchen wie man diese „Automatik“ loswerden kann. Mir ist auch etwas schleierhaft, was man sich dabei gedacht hat. Etliche CI Träger musizieren auch (privat oder beruflich). Wie soll ein CI Träger z.B. im Orchester musizieren, wenn der Prozessor ständig eigenständig vermeintlich „störende“ Geräusche wegfiltert?

Wir sind derzeit dabei den Kontakt zu AB zu suchen und hoffen sehr, dass durch eine Änderung in der Software da zeitnah eine Lösung gefunden werden kann. Als ich mich seinerzeit für AB entschieden habe, war AB die Firma, die eigentlich die Philosophie verfolgte möglichst viel unverfälscht zu übertragen, damit das Ohr selber arbeiten kann. Es wäre sehr, sehr schade, wenn dieser Weg jetzt plötzlich verlassen wird und CI-Trägern Automatiken aufgezwungen werden, die sie nicht haben möchten.

Ein weiterer Aspekt, der für mich nicht ganz so störend ist wie die nicht abzuschaltende Automatik, aber durchaus auch zu erwähnen: Es ist nicht mehr wie bisher möglich den Prozessor auf 100% T-Mic einzustellen, so dass das interne Mikrofon gar nicht mehr arbeitet. Man kann das T-Mic so stark wie möglich gewichten, was der 100% T-Mic Einstellung sehr nahe kommt. Jedoch geht das interne Mikrofon dennoch nicht vollständig aus. Es aktiviert sich, wenn der Prozessor entscheidet, dass das T-Mic einen Defekt hat und nicht mehr arbeitet. Eine gute Idee an sich, leider ist es bei mir jedoch in den noch nicht ganz 3 Wochen Tragezeit bereits 3x vorgekommen, dass das interne Mikro sich eingeschaltet hat, obwohl mit dem T-Mic alles in Ordnung war. Dann ist das Problem, dass man das nur wieder beheben kann indem man den Prozessor aus- und wieder einschaltet oder das Programm wechselt (was ohne App und durch alle Programme dann leider auch dauert bis man wieder im Ursprungsprogramm ist.)

Die Lautstärke ist nicht mehr wie bisher an jedem Prozessor getrennt einzustellen, sondern nur beidseitig. Schaltet man also links lauter, wird auch rechts lauter. Eine getrennte Einstellung der Lautstärke ist nur über die App möglich. Jedoch muss man auch dann aufpassen. Hat man via App das linke CI lauter eingestellt als das rechte und möchte danach wieder am Prozessor schalten, dann werden nicht etwa beide Prozessoren versetzt lauter oder leiser gestellt, sondern es schaltet sich dann der lautere/leisere Prozessor erstmal wieder dem anderen gleich. Wer also darauf angewiesen ist die Lautstärke getrennt zu regeln, benötigt zwingend die App.

Ich möchte hiermit niemandem vom Marvel/Sky abraten. Im Gegenteil. Gerade das Bluetooth und die FM Anbindung sind super Neuerungen. Auch das geringere Gewicht und der flachere Überträger machen sich positiv bemerkbar. Ebenso ist das schnelle Ein- und Umschalten ein Segen.

Die Automatiken jedoch sind ein riesiger Wermutstropfen, bzw. sicher auch für manchen Musiker ein „no go“ und ich hoffe sehr auf eine Lösung.

Derzeit trage ich meinen Marvel/Sky und versuche mich irgendwie damit abzufinden was da stört. Ob mir das dauerhaft gelingt, weiß ich noch nicht. Da der Marvel jedoch viel Positives mit sich bringt, hoffe ich sehr auf eine Lösung seitens AB.

Nina Morgenstern
Juni 2021

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Mein langer Weg und die späte Liebe zum Cochlea Implantat

Mein langer Weg und die späte Liebe zum
Cochlea Implantat

Von Sascha Bartelheimer

Es war der Spätsommer des Jahres 1985, als ich als dreijähriges Kind nach einer gewöhnlichen Erkältung eine schwerwiegende Meningitis erlitt. Das Resultat war u.a. der vollständige Verlust meines Gehörs auf beiden Seiten. Glücklicherweise erholte sich mein Körper in den darauffolgenden Wochen und Monaten langsam von der Erkrankung und das Gehör auf der rechten Ohrseite kehrte geringfügig zurück. Seither habe ich ein linkes taubes Ohr und mein rechtes Ohr konnte durch die an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit einseitig mit einem leistungsstarken Hörgerät versorgt werden.

Entsprechend meines Hörstands besuchte ich einen Kindergarten und eine Schule für Schwerhörige in Bielefeld – Sennestadt. Parallel dazu schulten mich meine Eltern intensiv in der richtigen Sprachanwendung und förderten somit mein korrektes Hörverständnis. Nicht lange blieb den Lehrer/-innen verborgen, dass ich auf der Sonderschule schnell unterfordert war und so wechselte ich auf eine Schule für Normalhörende in meiner Heimat.

Trotz des steinigen Weges mit vielen (Hör-)Barrieren und zahlreichen Herausforderungen, meisterte ich mein Abitur, schloss eine betriebliche Ausbildung zum Technischen Zeichner in Maschinen- und Anlagentechnik ab und absolvierte an der FH Bielefeld meinen Bachelor of Engineering in Maschinenbau. Heute bin ich als Developer Mechanical Design fest bei einem staatlichen Unternehmen angestellt. Meine dortigen Aufgaben umfassen die Konstruktion und Entwicklung von vollautomatisch ablaufenden Fertigungsmaschinen für Sicherheitsdokumente.

Obwohl das Thema Cochlea Implantat (CI) bereits im Jahr 1989 früh von meinem Ohrenarzt aufgegriffen wurde, nahm man hiervon nach der ersten Untersuchung in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) Abstand. Der damals noch geringe Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Cochlea Implantate verleitete die Ärzte zu der Annahme, dass eine OP auf der ertaubten Seite aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Hörerfolg einbringen wird.

Dennoch wurde ich in den kommenden Jahren immer wieder auf die Option eines möglichen CIs angesprochen. Je häufiger ich mit der Frage konfrontiert wurde eine Implantation in Erwägung zu ziehen, desto stärker stieß man bei mir auf Ablehnung. Grund hierfür war neben der durch die ärztliche Einschätzung verschrienen ‚Nutzlosigkeit‘ auch die Tatsache, dass ich keinen einzigen CI-Träger kannte, der mir in den Jahren über den Weg gelaufen ist. Somit hatte ich weiterhin das Bild eines CIs aus den frühen 80er Jahren vor Augen - einen riesigen Hörprozessor mitsamt großer Umhängetasche als Batteriekoffer, die ich unter keinen Umständen tragen wollte.

Glücklicherweise blieb mein damaliger Hörgeräteakustiker hart und betrieb immer wieder fleißig Überzeugungsarbeit. Er legte mir im Jahr 2010 den Besuch des 1. Bielefelder Hörtags nahe, einer Infomesse, die für Hörgeräte- und CI-Träger gedacht war. Außerdem gab er mir folgende Worte mit auf dem Weg: „Verlieren kannst du auf einer ertaubten Seite nichts. Im Vergleich zu damals ergeben sich mit der heutigen Technik ganz neue Möglichkeiten für eine erfolgreiche Operation. Schau dir die heutigen Hörprozessoren einfach mal in Ruhe an. Sie werden deine Sichtweise verändern.“

Mit einem müden Lächeln und mit keinerlei Erwartungshaltung machte ich mich auf den Weg zur Veranstaltung und ich fand mich mitten im Publikum der dortigen Podiumsdiskussion wieder. Der einschneidende Moment folgte schon nach ein paar Minuten, als eine neben mir sitzende ältere Dame ihre Frage an den beidseitig implantierten CI-Träger richtete, der oben auf dem Podium saß.

Da ich ihre Frage akustisch nicht ansatzweise verstanden habe, ging ich davon aus, dass es dem
CI-Träger ähnlich ergangen sein muss, zumal die Entfernung vom Publikum bis zum Podium nicht ganz unerheblich war. Zu meiner eigenen Überraschung kam prompt die Antwort und mit mir die Erkenntnis, dass über das CI ein deutlich besseres Verstehen möglich ist, als mit dem leistungsstärksten Hörgerät auf dem Markt. Weiterhin führten mir die zahlreich erschienenen CI-Träger deutlich vor Augen, dass die Hörprozessoren für die CIs in den vergangenen zwanzig Jahren viel ästhetischer und deutlich kleiner geworden sind. Meine Denkweise war demnach völlig überholt und ich hegte plötzlich eine leise Hoffnung auf mehr Hörverständnis.

Anschließend ließ ich mich an der MHH erneut untersuchen. Die modernen Testmethoden offenbarten, dass Hörerfolge auf meiner ertaubten Ohrseite durchaus zu erwarten seien. Meine Implantation erfolgte im Dezember 2011 und die Erstanpassungswoche sechs Wochen später.

Dennoch war am Anfang meine Enttäuschung ziemlich groß. Während andere Patienten bereits zügig Sprachverstehen vorweisen konnten, besaß ich nur die Fähigkeit ein paar wenige Geräusche wahrzunehmen. Schuld hieran war meine über 26 Jahre andauernde Ertaubungszeit, bei der das Hörorgan mitsamt zuständigem Gehirnareal wie ein verkümmerter Muskel agierten.

Beide galt es von nun an fleißig zu schulen. Durch tägliches Hörtraining in Form von mehreren Stunden eingeschaltetes Handyradio, welches einzig mit dem CI - Ohr gekoppelt war, baute ich meine Hörfähigkeit über die nächsten Monate immer weiter aus. Nach einer halbjährigen sehr zermürbenden Zeit, bei der ich nichts anderes als Brabbeln wahrnahm, kamen endlich die ersten klar verstandenen Worte durch. Zwei Jahre nach der OP erhielt ich meine erste Hörkur in St. Wendel. Durch die tägliche Nachjustierung des Hörprozessors konnte ich dort mein Sprachverständnis innerhalb von sechs Wochen auf 75% fast verdreifachen.

Eine OP auf meiner Hörgeräteseite kam für mich weiterhin nicht in Frage. Grund hierfür war die Tatsache, dass mein Sprachverständnis im Störschall mit dem Hörgerät bedeutend größer war, als auf der CI-Seite, auf der es bei nahezu Null lag. Darüber hinaus nahm ich über das Hörgerät viele Töne wahr, die ich auf der CI Seite nicht hörte. Auf diese Gegebenheiten wollte ich in Zukunft nicht verzichten müssen.

Als ich im Jahr 2019 einigen CI-(Selbsthilfe-)Gruppen wie DOA NRW, HannoVerhört und der Bundesjugend beitrat, lernte ich einige bilateral versorgte CI-Träger/-innen kennen. Ich hörte mir deren Hörgeschichten an und sah, dass viele deutlich besser und mehr hörten als ich. Außerdem brachte mein Implantat-Hersteller Med-EL im Jahr 2020 neue Hörprozessoren mit einer Zweimikrofontechnik auf dem Markt. Die neue Technik testete ich ausgiebig aus und konnte schnell registrieren, dass auch ein Hören im Störschall mit einem CI gegeben ist.

Also wagte ich im April 2021 den Schritt zur zweiseitigen CI-Versorgung. Wieder an der MHH operiert, schaltete man bereits nach zwei Tagen den Hörprozessor ein. Dabei machte ich erstmals Erfahrungen mit der berühmten Micky Maus Stimme sowie dem reibeisenartig klingenden Gesang bei Liedern.

Vier Wochen später hörte sich die Welt tonal wieder genauso an, wie ich es auf der Seite mit dem Hörgerät gewohnt war. Weitere zwei Wochen später stellte man bei der Erstanpassungswoche fest, dass sich mein Wortverständnis bereits um 10% verbessert hat. Schon jetzt bin ich gespannt, wohin mich meine Hörreise zeitlebens noch bringen wird.

Insgesamt lässt sich sagen, dass meine beiden Ohrseiten unterschiedlich gut bzw. laut hören. Geschuldet ist dies den ungleichmäßig stark ausgeprägten Verknöcherungen auf den Ohrseiten infolge der Meningitis. Insgesamt nehme ich die Welt heute mit den beiden CIs viel lauter und detaillierter wahr als zuvor. Auch das Sprachverstehen kommt besser durch. Somit bin ich froh, meine Entscheidung pro CI gewählt zu haben, denn missen möchte ich sie nicht mehr.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Wegbegleiter, die mich auf meinem langen Weg zum CI bestärkt haben.

Sascha Bartelheimer
Juni 2021

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