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„und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…" - Teil 1

„und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ - Teil 1

Von Anja

Dieser Spruch begleitet mich seit dem 24.09.2019 in meinem Herzen, Kopf ja auch in meinem Zuhause und auf meinen Profilen. Denn damit begann

mein Neuanfang.

Ich heiße Anja Vorndran bin 32 alt und von Geburt an schwerhörig. Was heißt von Geburt an? Die Ärzte sagen es, aber zum aller ersten Mal wurde es zu meiner Einschulung bemerkt. Mein Ohrenarzt wollte, dass ich Hörgeräte trage, doch die Hörakustiker waren nicht der Meinung, ich hörte noch zu gut.

Von da an saß ich wie eine brave Schülerin immer in der ersten Reihe. Ich habe lesen, schreiben, rechnen wie alle anderen gelernt und nichts von einer Schwerhörigkeit bemerkt. Am Ende meiner Hauptschulzeit kam dann alles zusammen. Ich habe gemerkt, dass ich in der Schule nicht mehr gut mitkomme, die Noten waren schlecht und ich wurde von meinen Mitschülern gemobbt. Ich wurde nicht nur deshalb gemobbt, sondern auch von den Jungs, weil ich noch nicht so eine weibliche Figur, wie meine Mitschülerinnen, hatte. Jeder Tag war sehr quälend für mich, aber ich hatte Angst, es irgendjemand zu sagen, weil ich dachte, dass macht es noch schlimmer. Ich hatte eh ein sehr kleines Selbstbewusstsein. So bestand ich meinen Quali nicht und fing direkt im Anschluss meine Ausbildung zur Erzieherin an.

Auf der einen Seite eine große Wende für mich, denn ich hatte super Mitschüler und Lehrer. Die Schule machte mir wahnsinnig viel Spaß, weil es das war, was ich immer machen wollte. Damit holte ich sogar meine mittlere Reife nach.

Nur die andere Seite war meine Schwerhörigkeit, die sich stark verschlechterte und ich bekam nun endlich Hörgeräte. Was heißt endlich? Die Freude war gar nicht groß, denn ich war natürlich noch in der End-Pubertätsphase und alles andere als glücklich damit nun Hörgeräte tragen zu müssen. Damals gehörten Hörgeräte für mich zu älteren Menschen. Dass heißt also, ich habe mich wahnsinnig geschämt. Kein Pluspunkt für mein eh schon geringes Selbstbewusstsein. Meine Haare habe ich immer so schneiden lassen, dass sie nicht zu kurz und nicht zu lang waren, um einen Zopf machen zu müssen. Ich wollte einfach nicht, dass es irgendjemand sieht. Klar, meine Familie wusste es, aber von meinen Freunden habe ich wirklich nur die engsten eingeweiht.

Wenn ich das jetzt so schreibe und an diese Zeit zurückdenke, kann ich nur grinsen. Ich habe es mir damit einfach selbst schwer gemacht, aber gut, diese Erfahrungen musste ich erst sammeln.

Meine 6-jährige Ausbildung habe ich mit einem sehr zufriedenstellenden Ergebnis beendet und startete in das Berufsleben. Die ersten fünf Jahre hatte ich in der Einrichtung wahnsinniges Glück. Ein freundliches und offenes Team und ein neueres Gebäude mit Schallschutz integriert. Das tat meinen Ohren gut, denn wie ihr sicherlich wisst, können Kinder sehr laut werden und wenn es dann noch 20 in einem Raum sind, ja da geht’s natürlich rund.

Als ich dann mit meinem Freund zusammenzog, war die Fahrtstrecke dorthin sehr weit und ich schaute mich nach etwas Neuem in der Nähe um und siehe da, zwei Dörfer weiter wurde jemand gesucht und ich stieg sofort ein. Hätte ich nur gewusst, was da alles auf mich zu kommt.

Eine große Wende in meinem Leben…. Ein altes Gebäude ohne Schallschutz, laute Kinder, laute Kollegen, ein Team, das mich und meine Schwerhörigkeit nie akzeptierte.

Drei Mal dürft ihr raten, was dieser Lärm aber auch das Psychische mit meinen Ohren gemacht hat? Richtig, sie von Jahr zu Jahr schlechter werden lassen. Es war verrückt, wie schnell sich in einem Jahr mein Gehör so verschlechtern konnte, selbst mein Akustiker verstand es nicht.

Nach knapp drei Jahren konnte ich einfach nicht mehr. Ich verstand mich zum Teil selbst nicht mehr. Auf der einen Seite hörte ich doch noch was und ich konnte die Kinder und Kollegen verstehen, aber auf der anderen Seite, strengte es mich so an, dass ich jeden Tag sehr erschöpft nach Hause kam.

So erging es mir auch im privaten. Es machte mir keinen Spaß mehr mit Freunden auszugehen, weil ich nichts mehr verstand und noch dazu von manchen so hingestellt wurde, als hätte ich keine Lust, ich sei egoistisch, weil ich mich nicht mit ihnen unterhalte. Was für ein Schlag. Ich war doch früher immer eine fröhliche und gut gelaunte Anja, wo ist die nur hin?

Ich kam einfach nicht mehr mit mir selbst klar. Ich verstand nichts mehr. Ich war ziemlich oft schlecht gelaunt, ich war schnell gereizt und auf der anderen Seite auch traurig. Ich zog mich zurück. Meine Familie, mein Freund und meine engsten Mädels standen mir immer zur Seite, auch wenn sie mich oft nicht verstanden. Mein Freund, der mit mir zusammenlebte, hatte es am schwersten. Als unsere Beziehung auf der Kippe stand, ja fast zu Ende war und an der Arbeit ein erneuter Vorfall kam, dachte ich mir, jetzt ist SCHLUSS!!

Ich sprach mit meinem Arzt darüber, er schickte mich zum HNO-Arzt, aber ich bekam auch Psychotherapie. Leider half diese mir sehr wenig, da ich zwei Therapeutinnen kennengelernt hatte, die mir beide nicht sympathisch waren. Ich legte das ganze erst mal aufs Eis, denn mein HNO-Arzt schickte mich damals gleich weiter in die Uniklinik nach Würzburg.

Von da an ging es langsam bergauf. Ich hatte in der Uniklinik Vorgespräche und Untersuchungen und mir wurde das Cochlea Implantat (CI) vorgestellt. Das hatte ich, wie wahrscheinlich viele von euch, nicht gekannt, aber ich fand es vom ersten Moment an sehr interessant.

Ich muss ehrlich sagen, meine Entscheidung stand schnell fest. Was hatte ich auf meinem linken Ohr noch zu verlieren, es ist ja jetzt schon fast nichts mehr vorhanden?

Mein Hausarzt wusste jemanden im gleichen Dorf, die auch eins besitzt, aber von Geburt an auf diesem Ohr taub war. Danke Petra für deine Erfahrungen, die du mit mir geteilt hast und das Buch „Taube Nuss“. Sie haben meine Entscheidung beschleunigt und ich wurde auf der linken Seite am 24.09.2019 mit dem ersten Cochlea Implantat von MED-EL operiert.

Und wie es oben schon steht, das war mein NEUANFANG!!

Wie es mir mit dem ersten CI ging, was die Reha in Bad Nauheim dazu beigetragen hat und wieso ich mich schnell für das zweite CI entschied, dass erfahrt ihr in meinem zweiten Teil „und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“

Die liebsten Grüße
Anja
Oktober 2021

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Unser Erfahrungsbericht: Wenn das eigene Kind durch eine schwere Krankheit taub wird...

Unser Erfahrungsbericht: Wenn das eigene Kind
durch eine schwere Krankheit taub wird...

Von Ruth

Mit dem Thema "Schwerhörigkeit" und "Taubheit" hatte ich bis vor vier Jahren fast keine Berührungspunkte - klar, da gab es diesen einen Film "Jenseits der Stille", der mich als Jugendliche sehr fasziniert hatte. Aber sonst nichts...

... so traf mich die Diagnose "Taubheit" mit voller Wucht. Und zwar in einem Moment, in dem ich langsam zurück zur Normalität fand. Aber von vorne:

Im Mai 2017 kam unser kleines Mädchen zur Welt - unser Glück war riesengroß. Die Kleine war kerngesund und sofort der Liebling ihrer drei Jahre älteren Schwester. 
Anfang August erkrankte meine damals neun Wochen alte Tochter sehr schwer an der tückischen Krankheit Meningitis, hervorgerufen durch Pneumokokken. Es gab - bis auf Fieber - keine Anzeichen für diese Erkrankung. Erst als sie einen Krampfanfall bekam und wir den Notarzt riefen, der wiederum einen Rettungshubschrauber anforderte, war klar, dass irgendetwas nicht stimmte.

Unser kleines Mädchen kam direkt auf Intensivstation der Nürnberger Kinderklinik und wir bangten lange Zeit um ihr Leben. 

Nach einigen Notoperationen kämpfte sie sich Tag für Tag zurück ins Leben. Wie glücklich wir waren, als wir Anfang September - nach wochenlangem Klinikaufenthalt, unser kleines Mädchen wieder mit nach Hause nehmen durften.

Ich hatte während der Klinikaufenthalte viel über die Meningitis und ihre Spätfolgen gelesen und mein Gefühl sagte mir, dass wir dringend das Gehör überprüfen lassen sollten. So kam es, dass wir schon im September einen Termin bei einem Pädaudiologen hatten, der zum ersten Mal aussprach, dass unsere Tochter aufgrund der Krankheit ertaubt war. Für mich brach eine Welt zusammen.

Gerade noch glücklich, dass meine Tochter überlebt hatte, die schweren Wochen des Klinikaufenthaltes noch nicht verarbeitet, die nächste Schockdiagnose.

"Wir müssen schnell handeln, bei einer Meningitis besteht die Gefahr, dass die Gehörschnecke verknöchert und dann können wir nicht mehr implantieren!" sagte der Nürnberger Pädaudiologe, der uns direkt die Medizinische Hochschule Hannover empfahl. 

Wir bekamen sehr schnell einen Termin zur Voruntersuchung für die Cochlea-Implantation in der MHH in Hannover. Ich fühlte mich völlig überrollt von den Ereignissen. Schließlich war das alles Neuland für uns.

Nach und nach puzzelten wir die Informationen zusammen und informierten uns, welchen Weg unsere Kleine gehen könnte. Cochlea Implantat oder doch kein Implantat?

Schnell stand fest, dass wir auf jeden Fall implantieren würden, sollte sich der Verdacht bestätigen, dass unsere Tochter taub ist. Denn wie der Pädaudiologe schon sagte: bei einer Meningitis gibt es nur ein kurzes Zeitfenster, oftmals von nur einigen Monaten, in denen implantiert werden kann. Ist die Gehörschnecke erst mal verknöchert, ist eine Implantation aussichtslos.

Ende September kamen wir also nach Hannover, tief in mir noch immer der Gedanke "Das kann doch alles gar nicht sein?" gefolgt von "Bitte, bitte, lass es ein Irrtum sein. Bitte, lass sie hörend sein!" in einer Endlosschleife in meinem Kopf.

Dann kam die Freifeldaudiometrie. Meine kleine Tochter saß auf meinem Schoß, ich hatte Lärmschutzkopfhörer auf. Sie nicht. ich dachte, mir platzt gleich der Kopf, denn die Mitarbeiter der MHH gaben alles. Was für ein Krach! Und meine Tochter?! Sie saß ungerührt da und strahlt mit einem freundlichen Lachen die Leute an.

Mir liefen die Tränen. Ich war mir sicher, sie ist taub. Keine Reaktion bei dieser Lautstärke. Die nächsten Tage vergingen mit Untersuchungen, ich bekam alles nur durch einen Nebel mit. Zu geschockt war ich von allem.

Mit der Diagnose einseitige Ertaubung verließen wir die MHH in Hannover. "Sehen Sie es so, sie hat Glück im Unglück gehabt. Links ist sie ertaubt, aber rechts hört sie normal!" sagte der Arzt im Gespräch. Tatsächlich war das rechte Ohr beim o.g. Hörtest bedingt durch einen Paukenerguss sowie den Einsatz eines Paukenröhrchens gleichfalls massiv eingeschränkt zu dieser Zeit. Am liebsten wäre es ihnen wohl gewesen, wenn die Operation für das Cochlea Implantat sofort stattgefunden hätte, doch ich war noch nicht dazu bereit.

Wir fuhren zurück nach Bayern und bekamen dort schnell einen Termin in der Uniklinik Erlangen. Dort holten wir uns eine zweite Meinung ein. Unser Mädchen war schließlich erst vier Monate alt.

In Erlangen bestätigten sich die Untersuchungsergebnisse, die in der MHH gemacht wurden. Wir beschlossen, dass wir hier operieren lassen würden, denn die Entfernung nach Hause war nur gut 1,5 Stunden - nicht wie nach Hannover so weit. Immerhin hatten wir ja noch eine dreijährige Tochter, die unter der ganzen Situation erheblich litt.

Im November 2017 war es dann so weit. Unsere kleine Tochter wurde in einer mehrstündigen Operation mit einem Cochlea Implantat versorgt. Mit knapp fünf Monaten. "jünger hätte sie nicht sein dürfen," sagte der Arzt anschließend, "älter aber auch nicht. Wir haben während der OP gesehen, dass die Gehörschnecke schon angefangen hat zu verknöchern. Wir haben gerade noch den richtigen Zeitpunkt erwischt!" Nach der OP erholte sie sich erstaunlich schnell, so dass wir nach einer Woche nach Hause durften.

Die Erstanpassung erfolgte im Dezember 2017. Der große Aha-Moment blieb aus, wohl auch, weil sie ja rechts normalhörend war und links bis zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung gehört hatte und erst dann taub wurde.

Leider hatten wir nicht so viel Glück mit der Reha vor Ort, denn es gab oft Wechsel im Personal und auch sonst fühlte sich unser Mädchen nicht wohl. Sie lehnte Hörtests und Anpassungen komplett ab und wir bekamen eher ein schlechtes Gewissen eingeredet, anstatt dass konstruktiv geholfen wurde.

So war es gut, dass wir 2020 von Bayern nach Schleswig-Holstein umzogen und somit auch das CI-Zentrum wechselten. Hier erleben wir eine völlig andere, sehr familiäre und kindgerechte Reha. Unser Mädchen lässt sich inzwischen richtig gut darauf ein, macht bei Anpassungen sehr gut mit und akzeptiert inzwischen auch die Hörtests, die für sie immer besonders schlimm waren.

Nun habe ich das Gefühl, dass sie sich wohl fühlt und sich auf die Zeit im CI-Zentrum freut. Ein sehr großer und sehr positiver Schritt auf ihrer Hörreise.

Das CI trägt sie übrigens immer. Sie weiß, dass sie nur mit CI auf der linken Seite hören kann und kommuniziert das auch dementsprechend, wenn der Akku leer ist oder die Spule ab ist. Das, was ich mir im September 2017 so schwer vorgestellt habe, der Alltag mit CI - ist eigentlich total einfach. Denn das CI gehört einfach zu ihr, so wie meine Kontaktlinsen zu mir. 

Und wenn jemand ihr CI bewundert, dann stellt sich meine Kleine inzwischen ganz selbstbewusst hin und sagt "Das ist MEIN CI, aber ich habe noch ein Spiel-CI. Möchtest du das mal haben?" Und so kommt es, dass hier ständig CIs getragen werden. Denn das ist unser Alltag und unser Leben. 

Ich bin sehr froh und dankbar darüber, dass es der Menschheit gelungen ist ein solches Wunder“gerät“ zu erschaffen - denn letztendlich wurde meiner Tochter dadurch ein zweites „Ohr“ geschenkt und sie kann beidseitig hören.

 
September 2021
Ruth

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Losing and Regaining the Gift of Hearing

Losing and Regaining the Gift of Hearing

By Jennifer B.

Like most people, I was blissfully unaware of a condition called "Sudden Sensorineural Hearing Loss" that, for reasons usually unknown by medical professionals, can render anyone with normal hearing permanently deaf in one or both ears within a matter of seconds.

I suddenly lost 100% hearing in one ear and about 50% in the other ear overnight. Even hospital staff shrugged this off as probably a "clogged ear" and advised me to just follow up with my ENT later. Neither I, nor to my shock the hospital staff, knew that this was a medical emergency that they should have addressed immediately. By the time I understood what was happening to me, it was too late for any treatment to be effective. My deafness was due to Sudden Sensorineural Hearing Loss, and because it was not treated in time, my sudden deafness was permanent.

As a public school teacher, it was devastating trying to explain to my principal that I was suddenly nearly deaf. I could barely understand my students, I missed important information given at faculty meetings, and I nearly lost my job as I struggled to hear.

I quickly got a hearing aid for the partially hearing ear, then it took a year to finally get approval and scheduling for cochlear implant (CI) surgery for the deaf ear. For most of us, getting a CI is a similarly long process but one very well worth the efforts.

Five years later, I still rely mostly on my partially hearing ear for speech comprehension, but this could still be improved, even now, with specific CI practices.  My CI is a complete game changer that has blessed me with fuller sound, directionally (which can only occur with TWO hearing ears), and a general ability to communicate and function in society without the devastating isolation of suddenly being a deaf person in a hearing world. Words cannot describe the gratitude I feel for receiving, once again, the precious gift of hearing.

Sharing our stories gives such hope to those who live in a world of silence and isolation, especially those who are unaware of the possibilities available through the technology available for us today – technology that grants us, once again, the miracle of hearing.

August 2021
Jennifer B.

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… und alles ist gut – anders, aber gut anders

… und alles ist gut – anders, aber gut anders

Von Anja B.

Die ist eine Fortsetzung meines Erfahrungsberichts vom September 2020, der zu finden ist unter https://www.ohrenseite.info/erfahrungsberichte/497-hoeren-2-0-mein-weg-zum-ci-i-bericht-teil-1

Nach einem zunehmend anstrengender werdenden Weg anfangs mit Hörgerät, irgendwann ohne Hörgerät, weil es mir nichts mehr brachte, fand ich mich im September 2019 auf dem OP-Tisch wieder, um mich mit einem CI versorgen zu lassen.

Mehrere Hörstürze hatten mich auf dem linken Ohr bis zur an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit gebracht, was mich in meinem Beruf als Lehrerin dann zunehmend an die Grenzen meiner Belastbarkeit brachte. Im Klassenraum war das Gespräch mit nicht direkt vor mir sitzenden Schüler*innen je nach Stimmhöhe und -stärke oft zu einem Ratespiel geworden; sprachen mich Schüler*innen während Arbeitsphasen von irgendwoher an, musste ich nicht selten nach einem Gesicht schauen, das mich erwartungsvoll anschaute, denn die Richtung der Ansprache konnte ich nicht ansatzweise mehr erkennen. Die Schüler*innen waren oft so nett und winkten mir zusätzlich, aber der ständige Such-Modus war sehr anstrengend.

Ähnliche Probleme zeigten sich auch im Privatleben: ständig auf der Suche nach dem Telefon, die Bitte an Gesprächspartner, etwas zu wiederholen, in Dauerschleife, bei Gruppengesprächen mit Freunden in lauter Umgebung eher nur stille Beisitzerin statt Gesprächsteilnehmerin, gekrönt durch Aussagen wie „Du musst akzeptieren, dass die anderen guthörend sind“.

Am 20.09.19 bekam ich also endlich mein Implantat in der Uniklinik Essen. Die erste Zeit war wie bei wahrscheinlich vielen etwas unangenehm und seltsam. Ich hatte auf einmal ständig Sorge um meinen Kopf, der sich nun auch so ungewohnt anfühlte. Tagelang habe ich geübt, immer ein bisschen länger auf der operierten Seite zu liegen und die Implantatstelle anfassen konnte ich zu der Zeit auch nicht.

Eine große Umstellung war auch die nun eingetretene komplette Stille auf der Seite, hatte ich doch mein Restgehör bei den lauten tiefen Tönen durch die Operation verloren. Wenn ich nun auf der hörenden Seite lag, war ich im Hör-Nichts. Während ich mir jahrelang Stille und Ruhe vor meinem rauschenden Tinnitus gewünscht hatte, war ich plötzlich wie abgekapselt. Heute komme ich damit gut klar, finde es manchmal sogar ganz praktisch, dass ich je nach Position entscheiden kann, ob ich etwas hören möchte oder nicht.

Einen Monat später erfolgte dann die von mir gefürchtete Erstanpassung. Nachdem ich viele YouTube-Videos von Erstanpassungen gesehen hatte und mir Simulationen vom Hören mit CI angehört hatte, war ich recht angespannt und befürchtete, dass es sehr unangenehm werden könnte. Es war dann aber ganz anders, kein Knall im Kopf, keine Roboterstimmen, nur ein ungewohntes rhythmisches Dröhnen.

Mein Hörtraining sollte erst fünf Wochen später losgehen, ich hatte ja auch erst ein eher leises Programm mit der Möglichkeit auf Steigerung der Lautstärke. Weil ich aber etwas ‚tun‘ wollte, habe ich dann mit ersten eigenen Übungen angefangen, Apps und langsam gesprochene Hörbücher mit dem Text zum Mitlesen. Um mein CI gezielt anzusprechen, waren und sind meine Übungen in der Regel über Streaming.

Mit den Wochen und dem regelmäßigen Training wurde es immer besser, aus den „Nackfusen“ wurden „Matrosen“, das Rätsel um den „Widding“ („Hering“) und den „Wilticker“ („Elektriker“) konnte gelöst werden.

Und die Schule? Zum Glück hatte ich einen einfühlsamen und kooperativen HNO-Arzt, der mir schon vor der OP sagte, ich solle dann wieder beginnen zu arbeiten, wenn ich mich bereit fühlte. Ich weiß, dass viele dieses Glück nicht haben; umso mehr wollte ich die Zeit aber auch nutzen und mich so gut es irgendwie ging, vorbereiten.

In der Zwischenzeit hatte ich mein Training immer wieder verändert. Beim Hörtraining im CI-Zentrum, in dem wir zunächst mit FM-Anlage und Trainerin im anderen Raum geübt hatten, waren wir irgendwann zum Training im Störlärm übergegangen. Mein Verstehen wurde immer besser, aber die Erinnerung an die Schwierigkeiten im Störlärm aus der Zeit vor der OP ließ mich nicht los, sodass ich mir immer weitere Übungen zum Training zuhause ausdachte und auch am Silbenverständnis gearbeitet habe.

Mein CI-Ohr kam mir vor, wie ein kleiner Bruder, der an der Hand des großen Bruders überall mit hingenommen wird und eher unbeholfen und natürlich nicht so gut wie sein großer Bruder handelt. Der große Bruder war bei den Übungen immer wieder Hilfe und Korrektiv, sprang zur Not zur Kontrolle ein, wenn ein Wort partout nicht zu verstehen war und ‚sagte‘ beim Kontrollhören dem kleinen Bruder kurz vor. Er war es auch, der hin und wieder bei Streaming sagte, dass sich die Stimmen in echt doch viel schöner anhören oder aber auch sagte, dass die Stimme tiefer ist, was dem Gehirn dann anscheinend geholfen hat, die Wahrnehmung der Stimmhöhen auf der CI-Seite zu senken.

Nach monatelangem Training kam dann also der irgendwann doch insgeheim herbeigesehnte erste Arbeitstag – am Computer. Das Corona-Virus hatte plötzlich alles auf den Kopf gestellt, die Schulen waren geschlossen, die Schüler*innen wurden zuhause beschult. In dem vorangegangenen BEM-Gespräch hatte ich die Bedingungen meiner Wiedereingliederung und zukünftigen Arbeit klären können – und konnte zunächst davon so gut wie nichts umsetzen.

Statt steigender Gewöhnung an die Belastung im Schulgebäude und den Lärm von an die 1000 Schüler*innen um mich herum, saß ich weiterhin zuhause und führte in Abständen Videokonferenzen durch und erstellte Arbeitsmaterial. Als dann die Schulen wieder teilweise geöffnet wurden, kamen mir die reduzierten Klassengrößen und die reduzierte Schüleranzahl im Gebäude entgegen und ich konnte mich erproben.

In der Zwischenzeit war das CI für mich natürlicher Bestandteil des Tages geworden, ich vergaß das CI meistens sogar und wurde nur durch den Akku-Warnton an mein Elektro-Ohr erinnert.

Nach den Sommerferien startete dann der normale Schulbetrieb mit allen Schülern – und der Maskenpflicht. Schon zuvor hatte ich beim Einkaufen und in anderen Situationen bemerkt, dass mich der verdeckte Mund teilweise enorm einschränkte bzw. unter Druck setzte. Im Supermarkt war ich dazu übergegangen, mir einen Anstecker mit Hinweis auf meine Schwerhörigkeit anzuheften, aber in der Schule war so etwas nicht praktikabel.

Um es mir so weit wie möglich zu erleichtern, war und ist vom Schulbeginn an eine Packung mit OP-Masken mein Begleiter in der Schule, von denen ich den Schülern mit stark schallschluckenden Stoffmasken dann immer eine anbot. In der Schule habe ich einen eigenen Raum bekommen, in dem ich die Tische so stellen konnte, wie es für mich am besten ist – nämlich nach vorne ausgerichtet –, zusätzlich wurden sog. SilentPictures, also Dämmpaneele, an der hinteren Wand angebracht. Diese konnten allerdings derzeit aufgrund der dauernd geöffneten Fenster und der ständig geöffneten Tür ihr Potenzial nicht so recht entfalten.

Trotzdem kam und komme ich tausendmal besser zurecht als vor der OP. Würden die Stimmen nicht durch Masken gedämmt und die Mundbilder verdeckt, müsste ich wahrscheinlich noch weniger nachfragen und könnte die Richtung der Stimmen noch besser zuordnen. Vor einigen Monaten habe ich glücklicherweise eine Soundfield-Anlage mit einer größeren Anzahl an Handmikrofonen und einem Teil zum Streamen auf meinen Soundprozessor für den Unterricht bekommen. Das erleichtert das unterrichten sehr, da die gedämpften Stimmen für mich meistens wieder gut hörbar werden.

In der Zeit, in der ich durch den Wechselunterricht von Raum zu Raum ziehen musste, habe ich die Anlage oft stehen gelassen. Die Zeit, die Mikros in einem Raum ab- und im nächsten Raum wiederaufzubauen, zusätzlich zur Desinfektion der Teile, hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Diese Phase war ziemlich schwierig.

Insgesamt verzeichne ich eine deutliche Besserung: Ich höre wieder (meistens), wenn beim Radfahren hinter mir ein Auto fährt, finde mein Telefon (fast immer) auf Anhieb und kann mich auch bei Umgebungslärm deutlich besser und länger unterhalten.

Mühelos bewältige ich das natürlich nicht, an manchen Tagen bin ich abends ziemlich geschafft. Aber mein Kopf ist wieder „an“, ich bin wieder „vollständig. Im September feiere ich meinen zweiten CI-Geburtstag. Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit auf das CI hatte.  Alles ist gut, anders, aber gut anders 

Juli 2021
Anja B.

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