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Versteckspiel

„Wir haben zwei Ohren und einen Mund damit wir mehr hören als reden“

Nicht gerade ein Spruch den ein 10-jähriges, einseitig ertaubtes Mädchen gerne in Ihrem Poesiealbum liest, oder?

Gut, ich muss zugeben, meine damalige Lehrerin der 3. Klasse wusste mit aller höchster Wahrscheinlichkeit nichts von meiner Hörschädigung, genauso wenig wie mein ganzes weiteres Umfeld zu diesem Zeitpunkt.

Noch dazu war ich soweit ich mich erinnern kann und nach den Erzählungen meiner Eltern wohl ein sehr „geschwätziges“ (kommunikatives) Kind.

Dennoch hat mich dieser Spruch sehr geprägt, bis heute.

Ich wusste schon früh, dass ich „anders“ war und konnte dies auch gut verstecken…

Im zarten Alter von drei Jahren kam ich in den Kindergarten und merkte, dass ich das Spiel „Flüsterpost“ nicht leiden konnte, da ich das gesprochene Wort rechts verstand, links aber nicht.

Während meiner Schulzeit achtete ich immer sehr genau darauf, dass meine Banknachbarn rechts neben mir saßen.

Wenn Lehrer, Freunde oder Familienmitglied etwas zu mir sagten und ich etwas nicht verstand, fand ich immer eine andere Ausrede.

Entweder war ich zu müde, in Gedanken oder genervt irgendetwas fiel mir immer ein…

Den Satz „Geh doch mal zum HNO-Arzt und hol dir ein Hörgerät“ hab ich während meiner Schulzeit sehr häufig zu „Ohren“ bekommen. Aber ich redete mir ja ein es sei alles in Ordnung.

Dies gelang mir viele Jahre, ich schummelte mich also durch Kindergarten, Schule, Freundeskreis und Familie bis hin zur Ausbildung.

Dort fand mein jahrelanges „Versteckspiel“ mit mir selbst endlich ein Ende.

Alle in meiner damaligen Ausbildungspraxis dachten, ich sei nicht interessiert am Beruf (Zahnmedizinische Fachangestellte) oder ständig gelangweilt, ignorant, etc., alles weil ich oft einfach nicht reagierte.

Mein Ausbildungsplatz stand auf dem Spiel und das wollte ich keinesfalls!! So suchte mein damaliger Chef das Gespräch mit mir, er hatte mich „entlarvt“.

Es war ein riesengroßer Fels, der herunter brach, als ich mich ihm öffnen konnte und natürlich flossen viele Tränen.

Er schickte mich zu einem befreundeten HNO-Arzt und ich beschäftigte mich mit 18 Jahren das erste Mal mit meiner Hörschädigung und dem Thema einseitige Ertaubung.

Aber auch danach dauerte es noch viele weitere Jahre, bis ich anfing einigermaßen offen damit um zu gehen, denn sein Verhalten ändert man ja nicht so einfach von heute auf morgen. Noch dazu war es ja ein ziemlich ausgeklügeltes System in dem ich lebte.

Es fiel mir mit der Zeit aber immer leichter mit meiner Situation zurecht zu kommen.

Als irgendwann auch mein gesundes rechtes Ohr anfing schlechter zu werden, wusste ich, dass es so nicht weitergehen konnte und ich musste handeln.

Mit 27 entschied ich mich dann doch endlich für ein Cochlea Implantat auf der linken Seite und heute mit 30 bin ich froh, dass ich so bin wie ich bin.

Der Weg war zwar lang und ist nach wie vor steinig, aber es lohnt sich ihn zu gehen.

Ich durfte viele tolle Menschen kennen lernen und unvergessliche Momente mit ihnen erleben und vor allem kann ich endlich „stereo“ hören.

Ich lerne weiterhin die Welt mit beiden Ohren zu entdecken und freue mich auf das was mich mit meinem CI noch alles erwartet….

  • Erstellt am .

Meine unfreiwillige Hörreise, plötzlich einseitig taub!

Im Mai 2016 musste ich mich auf eine Reise begeben, die so nicht geplant war. Von einem Tag auf den anderen, musste ich mich auf den Weg begeben in die Welt der Hörgeschädigten und Hörbehinderten und musste mich mit dem Cochlea-Implantat auseinandersetzen. Ich bin morgens wach geworden und habe plötzlich links nichts mehr gehört.

Mein Kopfgefühl war furchtbar. Ich fühlte mich als hätte ich eine furchtbare Erkältung und hätte eine riesige Glocke über dem linken Ohr. Ich bin trotzdem noch zur Arbeit gefahren und am nächsten Morgen zu meiner Ärztin. Diese machte für den nächsten Tag einen Termin bei einem HNO-Arzt.

Warum sie nicht darauf drängte sofort dorthin zu fahren, verstehe ich heute nicht. Hätte ich geahnt, was auf mich zukommt, wäre ich vielleicht gleich direkt ins Krankenhaus gefahren. Hinterher ist man immer schlauer. Ob es was geändert hätte, weiß mach auch nicht.

Beim HNO-Arzt wurde der übliche Hörtest gemacht und ich wurde sofort ins Krankenhaus eingewiesen. Dort erfolgten die üblichen Rettungsversuche mit Infusionstherapie, Tympanoskopie und Direkteinspritzung von Kortison hinter das Trommelfell. Nichts hat angeschlagen, ich stand unter Schock.

In der Klinik wechselte gerade der Chefarzt und der Neue kam von der MHH in Hannover und sprach mich  auf das Cochlea-Implantat an. Seit dem Tag habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt. Anfangs war die Hoffnung noch sehr groß, das kann nicht sein, da kommt was wieder.

In meinem neuen Alltag musste ich feststellen, dass die akustische Welt plötzlich eine völlig andere ist. Normale Aktivitäten waren plötzlich nicht mehr möglich. Mein Gehirn ist mit dem einseitigen Input nicht klar gekommen.

Mein erster Restaurantbesuch wurde für mich zu einer Katastrophe.  Gefühlt saß ich in einer überlauten Diskothek an einem gedeckten Tisch und hatte große Schwierigkeiten meine Tischnachbarn zu verstehen.

Normal befahrene Straßen wurden zu mehrspurigen Autobahnen, eine laute Umgebung wurde für mich zur Qual. Ich fühlte mich ständig erschöpft und müde durch die  plötzliche Höranstrengung. Sich zu konzentrieren fiel auch plötzlich sehr schwer, ich habe sofort meine Arbeitszeit reduziert.

Dazu kam dann noch, dass mein Umfeld meistens diese Erkrankung mehr als bagatellisiert hat. Stell Dich nicht so an, Du hast ja noch ein Ohr. Deine Krankheit ist nicht tödlich, folglich nicht schlimm. Jeder findet seine eigene Erkrankung am schlimmsten.

Ich bin gar nicht ansatzweise dazu gekommen, zu erzählen was sich in meinem Leben verändert hat und warum ich damit so schlecht zu Recht komme. Es ist aber eine Behinderung / Einschränkung, die alles verändert und es gibt keine Hoffnung auf Heilung.

„Willkommen im Club der Schwerhörigen“ durfte ich mir von einem Bekannten anhören, der weder ein Hörgerät noch ein CI trägt. Der Verlust meines Sinnesorganes wurde mit einem Taubheitsgefühl in der Lippe verglichen (ohne optische Einschränkungen) oder mir wurde ein künstliches Hüftgelenk im Tausch gegen mein Ohr angeboten, wobei die betroffene Person damit noch am Triathlon teilnimmt. Krankheiten sollte man grundsätzlich nicht vergleichen.

Selbst eine sehr lange Freundschaft zerbrach, weil kein Verständnis dafür da war, wie einschneidend das Ereignis für mich war. Ich war schon aufgrund meiner Hörstörung zur Reha in Bad Nauheim. Dort sagte man mir, der Verlust meines Ohres sei so schwer zu verarbeiten, wie der Tod eines sehr geliebten Menschen.

Ich schreibe hier so ausführlich darüber, weil mich das zusätzlich unglaublich belastet hat und ich es für sehr wichtig halte, dass es Freunden und Angehörigen bewusst werden sollte, das der Verlust eines Ohres mehr ist, als ein kleiner Schnupfen. 

Mein Appell an alle Hörenden, wenn jemand auch nur eins von beiden Sinnesorganen verliert, dann ist das keine Bagatelle, sondern stellt das Leben vollkommen auf den Kopf.

Es ist nicht einfach mit einem Ohr nicht zu hören, sondern es bedeutet in sehr vielen Situationen nicht mehr verstehen oder nicht mehr richtig wahrnehmen!

In lauter Umgebung hört man ja noch, aber man versteht das gesprochene Wort nicht mehr. Man kann nicht mehr orten, wo ein Geräusch herkommt. Wird man angesprochen bekommt man nicht mehr, rein von der Akustik mit, von wo.

Ein Tinnitus und eine Hyperakusis sind sehr häufig eine Begleiterscheinung dieser Behinderung. Eine früher normale Umgebung ist plötzlich unerträglich laut. Man sucht die Stille.

Natürlich waren nicht alle Erlebnisse so. Ich habe auch andere Reaktionen erlebt und diesen Menschen bin ich unglaublich dankbar. Heute muss ich mit den Tränen kämpfen, wenn ich in die Verlegenheit komme, über meine Erkrankung zu sprechen und so etwas wie Verständnis bekomme.

Jetzt komme ich zu meiner medizinischen Versorgung. Die war in meinen Augen vorbildlich. Mein HNO-Arzt hat mich sehr bei der Beantragung der Reha unterstützt. Er selber ist davon ausgegangen, dass es ein langer Prozess mit Widerruf wird. Die Reha wurde sofort genehmigt. Die Wartezeit in der Klinik führte aber dazu, dass ich die Rehabilitation erst im November antreten konnte.

Dort bin ich endlich auf Verständnis gestoßen, konnte viel über das CI erfahren, habe sehr nette Menschen und auch neue Freunde kennengelernt. Die Informationen und Therapien, die ich in der Klinik bekam, waren mehr als hilfreich. Ich konnte schon dort die Versorgung mit einem Cross Hörgerät testen, welches für mich aber nicht zufriedenstellend war. Entlassen wurde ich mit einer eindeutigen Empfehlung für das CI. Im Dezember begann meine intensive Planung.

Auch hier war mein HNO-Arzt sehr hilfreich. Es war kein Problem, mehrere Überweisungsscheine für ein Vorgespräch zu bekommen. Da die Nachsorge nach einer Implantation sehr wichtig ist, wollte ich mir mehrere Kliniken anschauen.

„Implantieren könne heute fast jeder, aber die Nachsorge sei wichtig“. Diese Aussage während meiner Reha hat mich dazu bewogen, mehrere Kliniken abzuklopfen.

Im Januar fiel meine Wahl auf eine kleinere Klinik, die schon seit Jahren Patienten mit dem CI versorgt und ein Nachsorgekonzept anbietet, welches mir sehr gut gefiel.

Am 25.01.2017 ging es zur Vorsorgeuntersuchung für drei Tage in die Klinik. Auch der Promontoriumstest blieb mir nicht erspart. Dort wird mit einer kleinen Elektrode getestet, ob der Hörnerv noch intakt ist. Hört sich furchtbar an, da man durch das Trommelfell durchgeht, für mich war er nicht so dramatisch. Ich kann mich durchaus an Besuche beim Zahnarzt oder Kieferchirurgen erinnern, die ich als wesentlich schlimmer empfand. Alle Tests sprachen für das Cochlea-Implantat!

Am 21.03.2017 sollte ich wieder in die Klinik kommen und am 22.03.2017 war dann der Termin für die OP.

Kurz vorher gab es nur eine kleine Unsicherheit, da die Genehmigung der Krankenkasse sehr spät kam. Das packen der Tasche für die Klinik war schon etwas komisch. Was kommt auf mich zu? Will ich das wirklich? Mein toter halber Kopf war Motivation genug.

In der Klinik angekommen, war der erste Tag noch mit reichlich Terminen bestückt: Gleichgewichtstest, Geschmackstest, Termin mit dem Anästhesisten etc. Ich konnte recht gut abschalten und von daher gut schlafen.

Nachdem ich am nächsten Morgen mit der l.m.a.A.-Tablette versorgt war und mit der Schwester im OP-Saal angekommen bin, musste ich plötzlich weinen. Der endgültige Abschied von meinem alten Leben stand bevor. Ich werde nie mehr normal hören.

Wenn die Elektrode im Ohr ist, werden meine Sinneszellen 100% nie mehr wieder kommen und für mich arbeiten, wie vor dem Hörsturz. Völlig unrealistisch, denn nach dieser Zeit wird nichts mehr wieder kommen und so wie es nach der Ertaubung war, konnte es auch nicht bleiben!

Die OP verlief völlig komplikationslos. Die Narkose habe ich sehr gut vertragen. Noch am gleichen Tag konnte ich aufstehen. Ich brauchte keine zusätzlichen Schmerzmittel. Schlafen war noch einige Zeit nach der OP schwierig. Ich habe zu Hause noch eine ganze Zeit mit hochgestelltem Kopfteil geschlafen oder habe die Nacht zum Tag gemacht.

Eine Woche war ich in der Klinik. Für mich war das gut so. Bei Komplikationen hätte ich über eine Stunde fahren müssen, um wieder in die Klinik zu kommen.

Am letzten Tag wurden erste Töne getestet. Als Hören möchte ich das nicht bezeichnen, aber es scheint zu funktionieren! Erleichterung macht sich breit.

Am 08.05.2017 ging es dann zur Erstanpassung. Ein riesiger Karton mit der Ausstattung wartete auf mich. Die ersten Töne wurden aufgespielt. Ich hatte nicht sofort ein Sprachverstehen, aber es kamen wieder Geräusche an.

In der ersten Woche hatte ich dann das Erlebnis, das man bei den blechernen Geräuschen am ehesten etwas verstehen kann, wenn man in etwa weiß, worum es geht. Hörtraining bringt einen im Sprachverstehen wirklich weiter. Zahlen gehen irgendwie schneller als Wörter. Ich höre Hörbücher und übe mit Apps, die angeboten werden, über das Audiokabel.

Ich habe als einseitig Versorgte das Gefühl, die Erfolgserlebnisse sind moderater. Das Gehirn geht den Weg des geringsten Widerstandes und ich verstehe heute noch eher mit dem hörenden Ohr. Eine Audiologin sagte mir, das hörende Ohr wird dominant bleiben.

Aber mein Kopfgefühl ist schon ein wesentlich besseres. Es geht einem insgesamt  besser. Und sollte sich mein noch hörendes Ohr auch verabschieden, habe ich dem etwas entgegen zu setzten. Es wird mir möglich bleiben, mich mit Sprache auszutauschen! Sehr viele Ängste wurden mir durch das CI genommen.

Ich bin am Anfang meiner Hörreise und bin gespannt was noch kommen wird. Die Entscheidung schon direkt nach der Ertaubung für das CI hat ein gutes Ende genommen und war richtig.

Ich bin mehr als dankbar, dass man heute auch einseitig Ertaubte versorgt. Ich bin dankbar, dass ich zur Reha durfte und dort meine Entscheidung noch gefestigt wurde und dass ich dort auch menschlich Hilfe bekam. Nach einem solchen einschneidenden Erlebnis sollte eine Reha aus meiner Sicht  eigentlich obligatorisch sein.

Und ich hoffe sehr, dass die Problematik einer Hörschädigung besser bekannt wird. Jede zwischenmenschliche Enttäuschung und Empathielosigkeit ist eine zu viel.

Man hat nicht zwei Ohren um eines problemlos verlieren zu können. Jeder geht sicher damit anders um.

Während meines Klinikaufenthaltes zur Implantation traf ich eine Frau, die gerade das Trauma der einseitigen Ertaubung hinter sich hatte und sehr verzweifelt war. Ich kenne inzwischen Menschen, die nach einem solchen Ereignis auch nach einem Jahr noch nicht wieder arbeitsfähig sind.

Der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist einmal im Monat ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Diese wurde auch neu gegründet und ich bin das erste Mal zusammen mit einer netten Freundin, die ich in Bad Nauheim kennenlernen durfte, hingegangen.

Ich habe mir hier einiges von der Seele geschrieben und wenn es nur einem Menschen hilft, der in die gleiche Situation kommt, dann habe ich sehr viel erreicht.

Man sollte sich auch mit der Entscheidung für das CI nicht so schwer tun. Es ist für mich eindeutig eine Verbesserung.

Ich bin letztens in einem Bus gefahren. An meiner tauben Seite saß ein fremder Herr. Er fragte mich, ob ich  am nächsten Halt auch aufstehe. Ich habe es offensichtlich erst bei der zweiten Ansprache mitbekommen, aber ich habe es mitbekommen.

Ohne CI wäre das nicht so gewesen und der Herr hätte sicher gedacht, was ist das für eine komische Person…

Anja Voutta

  • Erstellt am .

Mein Weg zum „digitalen“ Ohr

Ich bin gebürtige Sauerländerin, wohne in Welver, zwischen Hamm und  Soest. und bekam durch die Rötelninfektion meiner Mutter von Geburt an, die an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit. Seit drei Jahren bin ich mit dem CI beidseitig versorgt.

Ich möchte euch gerne meine Hörgeschichte schreiben. Das ist aber ein langer Text, da ich sehr viele Hörereignisse erlebt hatte bis heute, welche in guten und schlechten Zeiten waren.

Mit meinen Eltern und meinen Geschwistern (ein Bruder und eine Schwester) bin ich seit meiner Geburt in normaler Lautsprache aufgewachsen und auf das Mundablesen angewiesen gewesen. Trotz analoger oder später digitaler Hörgeräte war das akustische Hören nicht möglich. In dieser Familie bin ich die Jüngste.

Im Alter von drei Jahren trug ich zum ersten Mal zwei kabelgebundene Hörgeräte mit einem Schalter und einem Band und konnte damit ein paar Geräusche wahrnehmen, wie zum Beispiel Autos, Wasser, Stimmen meiner Familie. Jedoch hatte ich Schwierigkeiten mit meiner Aussprache und den Verständnissen, wer „Wer“ ist oder was „Was“ ist.

Meine Mutter und meine Schwester bemühten sich sehr, dass ich lernte, alles beim richtigen Namen zu nennen. Meiner Schwester war es damals peinlich, dass ich zu meiner Tante auch „Mama“ sagte. Tja, anfangs wusste ich wirklich nicht, was ein Auto ist oder Ball oder dass es Unterschiede bei Personen gab, wie man sie nennt. Aus diesem Grund hörte meine Mutter auf zu arbeiten und kümmerte sich so gut es ihr möglich war um mich.

Ich ging in einem sauerländischen Dorf in einen Regelkindergarten und kam mit den Kindern dort gut zurecht. Einer dort als Kindergärtnerin beschäftigten Nonne fiel auf, dass ich akustisch nicht alles verstand und mitbekommen hatte, was mir die Kinder und Kindergärtnerinnen erzählten. So sprach die Nonne meine Mutter auf das Problem an und empfahl ihr, mich besser in einen speziellen Kindergarten für Hörgeschädigte zu schicken. Dort würde man auf meine Hör- und Aussprachproblematik besser eingehen können. So ging ich nach einem Jahr nach Iserlohn in den Kindergarten für Hörgeschädigte, wo ich mich sehr gut eingelebt hatte und auch wohl fühlte. Dort waren Kinder, die gehörlos und schwerhörig waren. Die Kindergärtnerinnen dort gingen auf meine Problematik ein und sorgten dafür, dass vor einem Spiegel die Aussprache mit mir geübt würde. Man legte mir meine Hand an den Hals des Therapeuten und ich spürte ein Vibrieren. Da war ich sehr überrascht gewesen, dass ich seine Stimme hörte. Nur verstehen könnte ich noch nicht. Er zeigte mir anhand seiner Lippenbewegung im Spiegel, wie ich meine Lippen bewegen musste. Da musste ich das richtige Ablesen vom Mund lernen. Das Verstehen und Sprechen fiel mir sehr schwer. Insgesamt brauchte ich zwei Jahre dafür.

Nach der Kindergartenzeit schickte meine Mutter mich 1978 auf die Westfälische Schule für Schwerhörige und nicht für Gehörlose. Dafür bin ich meiner Mutter sehr dankbar. Denn ich war damals nicht gehörlos, sondern hochgradig an Taubheit grenzend schwerhörig. Dort fühlte ich mich sehr wohl und kam gut zurecht, obwohl es für mich hin und wieder schwer war, da meine Klassenkameraden/-innen damals leicht- bis mittelgradig schwerhörig waren und es mit der Aussprache leichter hatten, da sie akustisch alles besser verstanden. Trotzdem gab ich nie auf und kämpfte mich durch, damit ich auch eine gute Aussprache bekam, soweit ich es akustisch aufnehmen konnte und es mir möglich war. Wir trugen damals alle analoge Hörgeräte. Elf Jahre ging ich dort auf die Schule und schloss sie mit der mittleren Reife ab. Es war eine schöne aber auch schwere Zeit für mich gewesen, da ich akustisch den anderen im Nachteil war. Trotzdem habe ich es geschafft.

Im Jahr 1989 machte ich meine Ausbildung zur Vermessungstechnikerin in der damaligen Vermessungsbehörde Arnsberg. Damals machte ich die Ausbildung mit zwei hörenden Azubis, die anfangs mit mir und meiner Hörschädigung nicht klar kamen. Das war ein hartes Stück Arbeit für mich. Es kam deshalb oft zu Missverständnissen, woran ich mit Sicherheit teilweise nicht ganz unschuldig war. Nachdem ich langsam die Beiden aufgeklärt hatte, worin die Problematik der Kommunikationsprobleme lag, bemühten die zwei sich und schauten mich an, wenn sie mir was mitteilen wollten. Sie sahen mich beim Außendienst oder bei Dienstbesprechungen an und wiederholten auch schon mal, bis ich es verstanden hatte. Während meiner Ausbildung ging ich 5 x zum Blockunterricht in die Berufsschule für Hörgeschädigte nach Essen. Während dieser Zeit lernte ich dort zwei Gehörlose und einen Schwerhörigen kennen. Bei den Gehörlosen war die Gebärdensprache die „Muttersprache“. Das faszinierte mich so stark, dass ich damals begann die Gebärdensprache zu lernen. Es klappte sehr gut und ich lernte schnell, dank der beiden Gehörlosen.

Als ich die Ausbildung erfolgreich beendet hatte, wurde ich in der Vermessungsbehörde übernommen und war beim Amt für Agrarordnung bis 1997 tätig. Ein Gutachter hatte das Amt für Agrarordnung geschlossen und es wurde aufgelöst. Man versetzte mich dann als Technische Angestellte zur Bezirksregierung Arnsberg in die Abteilung Liegenschaft und Kataster. Ich bin den hörenden Kollegen, die mich bei den Kommunikationsproblemen während meiner Ausbildung und in den ersten Jahren tatkräftig unterstützt hatten, sehr dankbar. Durch sie hatte sich meine Aussprache gut verbessert.

In der neuen Abteilung brauchte ich etwas Zeit um mich einzuarbeiten. Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass es erneut Kommunikationsprobleme geben könnte. Das war nicht der Fall. Die neuen Kollegen gaben sich von Anfang an viel Mühe und sahen mich an, wenn sie mit mir sprachen. Auch wiederholten und erklärten sie etwas, wenn ich es akustisch oder von der Bedeutung nicht verstanden hatte. Bei den Dienstbesprechungen hatte ich dann Dolmetscher als Unterstützung dabei.

2009 begann ich mit einem Fernstudium für Software-Entwicklung, da ich bei der Arbeit weniger zu tun und dafür die Zeit hatte. Es waren vier sehr harte Semester in Darmstadt für mich gewesen. Obwohl ich bei den Vorlesungen der Dozenten vorne saß und zwei Dolmetscher hatte, so hatte ich nicht alles verstanden. Die Dozenten sprachen sehr schnell und viele Begriffe kannte ich erst nicht. Manchmal dachte ich, „Das packst du nie“. Durch harte Arbeit zu Hause lernte ich die Bedeutung der vielen Fachbegriffe. Und ich schaffte den Abschluss erfolgreich.

Als ich 2011 nach Soest in die Zweigstelle des Regierungsbezirks Arnsberg versetzt wurde, war ich an der Entwicklung der Software beteiligt, die wir in der Behörde für Vermessungstechnik brauchten. Dort bin ich richtig glücklich und merkte, dass ich sehr viel Spaß und Freude bei der Arbeit habe. Es gibt hier auch keine Probleme im Bereich der Kommunikation. Bei den großen Besprechungen benötige ich auch hier Dolmetscher. Die Kollegen sprechen bei der Besprechung auch nicht durcheinander, sondern einzeln, so dass meine Vorgesetzte mir sagte, „Seit ich dort bin, geht es viel ruhiger und disziplinierter zu.“

2014 merkte ich, dass mein rechtes Gehör nachgelassen hatte. Da hatte ich mich gefragt, woher dies wohl kam. Der erste Gedanke war, der Stress bei der Arbeit. Dazu muss ich sagen, dass ich kurz davor neue digitale Hörgeräte bekommen hatte. Es war ein seltsames Gefühl von Hören, ich hörte das erste Mal wie der Magen knurrt und noch einige andere mir bisher unbekannte Geräusche.

Nach einiger Zeit merkte ich, dass das Gehör trotz der neuen Geräte nachließ. Ich sprach darüber mit dem Akustiker damals und er konnte es sich zuerst nicht erklären.

Ich hatte gedacht, dass ich mich daran gewöhnen könnte, langsam aber sicher taub zu werden. So hatte ich einige schlaflose Nächte gehabt, wo ich mich immer wieder fragte:

  • „Was ist mit der Musik, die ich so geliebt habe?“
  • „Muss ich all meine CDs entsorgen oder verschenken, weil ich sie nicht mehr hören kann?“
  • „Meine ganze Familie ist musikalisch und spielt ein Instrument.“ „Warum bin ich die Einzige, die kein Instrument spielen kann, da ich die Noten nicht verstehe?“
  • „Wie reagieren all meine Bekannten, Kollegen, Freunde und meine Familie, wenn ich vier bis fünfmal wieder nachfrage, was sie gesagt haben?“ „Sind sie genervt?“ „Haben sie noch Motivation zu wiederholen?“ „Rutsche ich dann in die Isolation?“
  • „Werden sich alle nach und nach von mir fernhalten und ich alle verlieren?“ „Stehe ich irgendwann alleine da?“

So viele Ängste und Sorgen, die mir viele Nächte den Schlaf geraubt hatten.

Da kam mir die Frage wegen eines Cochlea Implantats, kurz CI, auf. Damals hatte ich noch viele Zweifel und Ängste vor dieser Technik.

Mein Akustiker und mein HNO Arzt sprachen mich auf diese Möglichkeit an, da mein Audiogramm immer mehr absackte. Beide klärten mich ausführlich darüber auf und baten mich darüber nachzudenken. Aber wie schon geschrieben, ich hatte vor dieser Technik damals viel Angst und Zweifel und das schon seit längerer Zeit.

Ich wollte mich nicht damit abfinden, nie mehr meine Musik zu hören und evtl. doch noch Kommunikationsprobleme zu bekommen am Arbeitsplatz oder dort etwas in den falschen Hals kommt, weil ich nur Bruchteile verstehe und mir den Rest falsch zusammen reime und dieses auch zu Streit und Stress führen wird.

So entschloss ich mich, einen guten Bekannten anzusprechen, der beidseitig mit einem CI versorgt ist. Dieser empfahl mir, Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen und dass ich dort versuchen sollte, all meine Zweifel und Fragen loszuwerden.

So besuchte ich eine Selbsthilfegruppe, die bei mir in der Nähe war. Dort bombardierte ich alle mit meinen Fragen und war hinterher total erstaunt, dass die Antworten überwiegend identisch waren. Ich fuhr dann erleichtert nach Hause.

So nahm ich über den HNO-Arzt Kontakt zur Kölner HNO-Klinik auf und ließ mich dort zwei Tage untersuchen. Man machte mit mir viele Tests und diverse Untersuchungen bezüglich der Hörnerven. Die Ärzte dort sagten mir, dass der Hörnerv intakt ist und einer OP nichts im Wege stände und gaben mir grünes Licht. So saß ich dann mit einer Audiologin zusammen und sie stellte mir die Hersteller MED EL, Advanced Bionics und Cochlear vor. Man zeigte mir alles von den einzelnen Geräten und das Zubehör. Am zweiten Tag der Voruntersuchung musste ich mich aus der Flut von Informationen, die ich bekommen hatte, für einen Hersteller entscheiden.

Am Ende kamen zwei Hersteller in die engere Wahl und die Audiologin beantwortete mir alle Fragen, die ich noch hatte. Nach langem Abwägen der Vor- und Nachteile entschied ich mich für das Nucleus 6 von Cochlear. Ausschlaggebend war für mich die Wireless- und Bluetoothfähigkeit.

Die Ärzte erklärten mir den Ablauf der OP und klärten mich über die Risiken auf. Zuerst dachte ich: „Oh Gott, so viele Risiken?“ Doch ich ließ mich nicht entmutigen.

Im Oktober 2014 war es soweit. Meine erste CI-OP.  Es verlief „Gott sei Dank“ ohne Komplikationen. Kurz nachdem ich auf meinem Zimmer war, konnte ich schon wieder aufstehen. Ich war ganz happy, dass alles gut verlaufen war. Schon am nächsten Tag war ich fit wie ein Turnschuh und machte die Klinik unsicher.

Die Ärzte gaben mir einen Termin für die Erstanpassung in fünf Wochen. Natürlich war ich ganz aufgeregt, als ich entlassen wurde und zuhause war.

„Wie wird es sein, das erste Mal hören mit CI?“ „Habe ich alles richtig gemacht oder werde ich enttäuscht sein?“

Dann war es soweit. Der große Tag war da und ich so aufgeregt, wie ein kleines Kind vor dem Christbaum. Der Sprachprozessor wurde mit meinem CI verbunden und ich war so aufgeregt. Dann kamen die ersten Töne rein und ich könnte es hören. Es war zwar sehr leise, aber nach und nach wurde die Lautstärke angehoben.

Das Tolle war, als man mir Zahlen und Wörter einspielte, dass ich schon etwas verstanden hatte.  Oh man, was war ich happy, dass es funktioniert. Klar wusste ich, dass jetzt eine harte Zeit des „Hören lernen“ auf mich zukam.

So stellte ich ein halbes Jahr später einen Reha-Antrag, der dann auch für die Bosenbergklinik in St. Wendel bewilligt wurde. Für März 2015 hatte ich meinen Termin dort bekommen. In den acht Wochen, die ich dort verbrachte, entwickelte sich mein CI unheimlich weiter. Dort lernte ich viele nette Menschen kennen, mit denen man sich sehr gut austauschte. Ich bin dem ganzen Team an der Bosenbergklinik sehr dankbar, dass sie mich so weit gebracht hatten.

Nach der Reha entwickelte sich mein linkes implantiertes Ohr sehr gut weiter. Irgendwann bemerkte ich, dass mit die rechte Seite leiser wurde. Erst hatte ich es auf mein Hörgerät geschoben und ließ es prüfen beim Akustiker. Er sagte, dass es in Ordnung wäre. So verging noch eine kurze Zeit, wo mir aufgefallen war, dass meine linke Seite mit CI immer stärker wurde.

So ließ ich meine rechte Seite prüfen vom HNO und bekam die Bestätigung, dass mein CI das Hörgerät überflügelt hatte. Ohne groß darüber nachzudenken, machte ich in Köln einen Termin und es dauerte nicht lange bis ich den OP Termin für die rechte Seite bekam. So verabschiedete ich mich von meinem digitalen Hörgerät und dem Ohrpassstück im August 2015.

Auch diese OP verlief ohne Komplikationen. Ich freute mich auch hier auf die Erstanpassung. Die Frage war ja: “Wie ist es mit der rechten Seite und wie gut stellte sich mein Gehirn auf die neuen Höreindrücke ein?“ Und als ich die Erstanpassung hinter mir hatte, da war ich sprachlos, dass ich mit der rechten Seite schon Dinge hören könnte, was mit dem Hörgeräten nicht möglich schien. Einfach unglaublich wie schön bilaterales Hören ist. Man kann sagen ein Genuss.

Im Mai 2016 machte ich eine sechswöchige Reha wieder an der Bosenbergklinik und das Hören auf beiden Ohren hat sich auch prima entwickelt.

Hörergebnisse mit CI, welche ich vorher mit analogen bzw. digitalen Hörgeräten nie gehört habe:

- Zu meinem Bruder sagte ich, dass ich höre, wie oft die Uhr tickt. Er war verblüfft und konnte es nicht glauben.

- Meine Mutter war erstaunt, dass ich das Gespräch im Flur mitbekam, als ich im Wohnzimmer saß.

- Ich stand im Wohnzimmer meiner Wohnung und wunderte mich, wo das seltsame Geräusch herkam, welches ich wahrnahm. So suchte ich es und entdeckte bei der Lampe an der Decke eine Fliege, die um die Lampe flog. Es war ein „zzzisch“.  Wow…sowas kann ich hören, was war ich verblüfft.

- Als ich eine Flasche Sekt aufmachte, hörte ich „Zssch“ und goss ihn in das Glas. Nun hörte ich ein Geräusch, was sich seltsam anhörte. Es kam vom Schaum des Sekts. „Wahnsinn!“

- Ich bin ein paarmal in dem Wald spazieren gegangen und stand auf dem Asphalt, Da ich plötzlich etwas bemerkte, was ich vorher auch nicht kannte. Ich lauschte und es kam von dem Wind, der zwischen den Bäumen blies und die Blätter zu Boden pustete. Dieses Rascheln und Knistern der Blätter hörte sich unglaublich toll an. Innerlich freue ich mich auf die vielen neuen Geräusche und Töne die mir die Natur noch zeigen wird.

So, das waren meine Hörerlebnisse!

Seit 1 ½ Jahre gehe ich regelmäßig einmal pro Woche zur Logopädie, die sich in Hamm befindet. Meine Motivation steigert sich immer wieder, weil ich so neugierig bin,  was ich hier noch alles „Hören“ lerne. Mit dem Telefonieren muss ich noch viel üben bis es soweit ist, dass ich alles verstehen kann. Das ist mein nächstes großes Ziel. So macht es mir viel Spaß!

Ich bereue nichts, dass ich zwei Cis habe, ich möchte sie nie wieder hergeben.

Von Judith Klute

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Cochlea Implantat bei einseitiger Taubheit…

oder…

… ich würde mich jederzeit wieder für ein Cochlea Implantat entscheiden.

Nach anfänglich ungewohntem Hören, welches ich nicht als richtiges Hören empfunden habe ... d.h. sehr leise, wie durch eine Wand und durch Schall und Hall begleitet,   übte ich unerbittlich weiter und nach mehreren Einstellungen kam so langsam der Erfolg ... zumindest hörte ich insgesamt besser als ohne CI ... es war wie eine Verstärkung meines normalhörenden gesunden Ohres.

Ich musste um meine Reha kämpfen, die ich letztendlich nach fast einem Jahr nach meiner OP antreten durfte ... Bis dahin konnte ich weder Richtungshören, noch männliche von weiblichen Stimmen unterscheiden ... Musik ging gar nicht...

Nun sind drei Wochen meiner Reha in der Kaiserberg-Klinik in Bad Nauheim um und ich darf noch zwei weitere Wochen bleiben.

Die Therapeuten hier sind super ... Inzwischen klappt das Richtungshören, ich kann ganz klar männliche von weiblichen Stimmen unterscheiden, auch die Tonlage kommt hin, wenn ich mit dem hörenden Ohr vergleiche...

…und wenn ich in YouTube auf Lieder gehe, die mir schon ewig in den Ohren sind, die ich kenne... höre ich auch einwandfrei die Melodie und den Text... schwer tue ich mich nur mit Liedern, die mir unbekannt sind. Es hallt auch alles nicht mehr so nach!

Ich muss sagen, dass mir die Reha jetzt nach drei Wochen schon sehr viel gebracht hat.

Sieh selbst :

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