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Mein Weg zum CI (B. Becker)

Meine Schwerhörigkeit begann vor etwa 20 Jahren mit leichter Hörminderung. Da meine Mutter und Großmutter auch schwerhörig waren, stand für mich fest, dass es sich um eine Vererbung handelte, was mir auch später von einem HNO-Arzt bestätigt wurde.
 
Bis vor 3 Jahren kam ich mit meiner Schwerhörigkeit ganz gut zurecht. Es reichte noch, um selbstständig im Berufsleben und im Alltag zurecht zu kommen. Da bei der Art von Schwerhörigkeit, ein totaler Hörverlust im Hochton, der Tiefton jedoch noch gut vorhanden war, Hörgeräte bei mir kaum helfen konnten, verwahrte ich sie meist in der Schublade auf.
 
Nach einer Erkältung vor drei Jahren wurde mein Gehör zunehmend schlechter. Im Januar 2000 verordnete mir die HNO-Klinik in Marburg neue Hörgeräte. Nun begann das Aussuchen und Probieren mehrerer Geräte, aber der ersehnte Erfolg blieb aus. Meine Enttäuschung wurde immer größer, hatte ich doch meine ganze Hoffnung auf Hörgeräte gesetzt.
 
Im Mai 2000 waren meine Ohren plötzlich wie zugeschwollen und alles hörte sich wie durch Watte an. Ich wurde sofort in die HNO-Klinik eingewiesen, wo ich 10 Tage Infusionen und Cortison bekam. Ohne Erfolg, die Watte im Ohr blieb und dadurch war das Spracheverstehen kaum noch möglich. Der Befund der Klinik: beidseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit im Innenohr und akuter Tinnitus.
 
Damit wollte ich mich noch nicht abfinden. Ich habe auf eigene Kosten Akupunktur und 10 x Druckkammer machen lassen, wieder ohne Erfolg. Jetzt kam auch noch eine starke Depression hinzu, wodurch der Tinnitus immer schlimmer wurde. Ich war soweit, dass ich nicht mehr leben wollte. Ich zog mich mehr und mehr zurück, konnte meinen Beruf nicht mehr ausüben, selbst die Hausarbeit fiel mir schwer.
 
Im Oktober 2000 machte ich dann einen siebenwöchigen Kuraufenthalt in Bad Arolsen in einer Tinnitus Klinik. Dort wurde ich wieder etwas aufgebaut. Man machte mir klar, dass es keine andere Möglichkeit für mein schlechtes Hören gibt als Hörgeräte, die ich dann auch gekauft habe. Nur mein Hören wurde dadurch auch nicht besser. Es folgten noch Gesprächstherapien beim Psychologen, Untersuchung beim Kieferorthopäden, Internisten, Neurologen, Orthopäden, alles vergeblich. Mein Gehör wurde nicht besser.
 
Im Januar 2002 suchte ich wieder einen HNO-Arzt auf, der nach gründlicher Untersuchung einen totalen Hörverlust im linken Ohr feststellte. Nachdem ich in einer Schnecke Berichte über CI gelesen hatte, sprach ich den Arzt darauf an. Von Ihm bekam ich dann auch die Adresse und die Überweisung für die HNO-Uniklinik Frankfurt.
 
Hier wurde mir nach einigen Untersuchungen ein CI empfohlen. Da ich auf meinem linken Ohr sowieso kein Gehör mehr hatte, gab es keine Zweifel, schlechter konnte es ja nicht mehr werden. Im Juni 2002 wurde mir ein CI von Med-El implantiert.  
 
Die OP verlief problemlos. Ich konnte schon nach fünf Tagen die Klinik verlassen. Im Juni wurde mir dann der Sprachprozessor angepasst. Auch bei mir war das Verstehen anfangs noch sehr schlecht. Ich konnte Geräusche hören, aber keine Sprache verstehen. Im Oktober 2002 bin ich dann fünf Wochen zu einem stationären Hörtraining nach Bad Berleburg gefahren, wo sich durch häufigere Einstellungen meines CIs der Hörerfolg deutlich verbesserte.  
 
Ich kann jetzt schon besser hören als vor zwei Jahren mit Hörgeräten. Für mich ist das Hören ohne CI kaum noch denkbar. Mit Bedauern musste ich feststellen, wie wenig HNO-Ärzte oder Kliniken über Cochlear Implantate Bescheid wissen. Bei meinen Fragen danach, wurde immer ablehnend reagiert. Meist hieß es, wollen Sie sich etwa operieren lassen, damit können sie auch nicht besser hören. Es gibt doch heute gute Hörgeräte, erst bei einer kompletten Ertaubung ist ein CI ratsam. Deshalb ist es wichtig, die Öffentlichkeit auf unseren guten Hörerfolg aufmerksam zu machen, damit es „hoffnungslos Schwerhörigen" besser ergeht, als es  mir ergangen ist und man die fast gehörlosen Menschen nicht einfach ihrem Schicksal überlässt.
 
Heute weiß ich, dass man mir auch schon vor zwei Jahren hätte helfen können, wenn ich einen Arzt gefunden hätte der einem CI gegenüber positiv eingestellt wäre.

Brigitte Becker: Auf dem Foto links 

 

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Ein Traum ging in Erfüllung

Ein Traum ging in Erfüllung von Anna Krott
 
Bevor ich von meinem Weg zum CI berichte, möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin 40 Jahre alt, verheiratet und habe einen Sohn(20 Jahre ) und eine Tochter(16Jahre ).
 
Schwerhörig wurde ich durch eine Kinderkrankheit (Masern) in meinem 6. Lebensjahr. In dieser Zeit besuchte ich die Volksschule in meinem Heimatort. Eines Tages hörte ich etwas schlechter. Ich verstand damals auch nicht so recht, was mit mir los war. Doch meiner Mutter war es schon aufgefallen, denn ich wusste nicht einmal was ich an Hausaufgaben aufhatte. Sie fragte sich: Entweder sie weiß es nicht oder sie will es nicht oder sie kann es nicht. Ein richtiger Alptraum begann. Nach langem hin und her wurde ich vom Gesundheitsamt untersucht. Dort stellte man fest, dass ich schwerhörig sei. Damals besuchte ich die 4. Klasse. In der HNO–Klinik Würzburg wurde meine Schwerhörigkeit bestätigt. Man sagte uns, dass man diesen Hörverlust durch Hörgeräte ausgleichen kann. So bekam ich mein 1.Hörgerät auf der linken Seite. Zu dieser Zeit hatte ich einen Hörverlust von 60%. Im September 1974 musste ich in die Schwerhörigenschule nach Würzburg. Dies war für mich ein großer Schock. Von heute auf morgen war alles anders. Meine Eltern, meine Schwester, meine Oma und meine Freunde durfte ich für eine Weile nicht mehr sehen, da ich im Heim lebte. Mit der Zeit gefiel es mir aber gut. Es war eine meiner schönsten Zeiten. Nach dem Schulabschluss machte ich eine Lehre als Hauswirtschafterin. Dabei besuchte ich die normale Berufsschule und hatte keine Probleme. 
 
1982 heiratete ich, 1983 kam mein Sohn zur Welt, 4 Jahre später meine Tochter. Die Elternabende der Kinder im Kindergarten und in der Schule konnte ich solange es ruhig zuging, gut verfolgen, da ich das Lippenablesen beherrschte. Ob im Beruf, Freizeit, Kindergarten, Schule, Kirche, Veranstaltungen, Sportplatz u.s.w., ohne dass ich die Leute von vorne sah, hörte ich gar nichts. Telefonieren konnte ich nur mit Hörhilfe, fernsehen nur mit Untertitel . Beim Radio hörte ich nur, dass er angeschaltet war, aber ich konnte nichts verstehen. Musik hörte ich zwar gerne, verstand aber nichts vom Text.
 
Je älter ich wurde um so schlechter wurde mein Gehör. Dabei wurde ich immer unzufriedener und baute auch körperlich ab. Es folgten Gesprächstherapien bei Psychologen, Orthopäden, Ärzten u.s.w. Zum Schluss simulierte ich. Eines abends kam die Sendung „Die Sprechstunde" in Bayern 3. Hier wurde über das CI, das in der MHH in Hannover implantiert wird berichtet. Das war 1995. Voller Hoffnung dachte ich, das ist was für mich. Einen Termin hatte ich auch, doch geholfen wurde mir dort nicht. Mein Leben wurde immer unerträglicher. Immer wieder wurde mir gesagt: „Anna das hast du nicht richtig gehört" oder „Das ist nicht so." Mit der Zeit fühlte ich mich als Mensch 2. Klasse. Im Job wurde es auch immer schlimmer. Dort wurde ich gemobbt. 
 
In meiner Not ging ich zu meinem Hörgeräteakustiker Herr Kockmann. Zu ihm hatte ich noch Vertrauen. Er sagte: „Frau Krott ich kann ihnen auch nicht helfen, denn es gibt keine Geräte ihrer Hörstärke auf dem Markt. Aber ich kenne eine Kundin, die sich ein CI einbauen ließ. Wenn Sie möchten, mache ich einen Termin in der HNO–Klinik in Würzburg bei Dr.Moser. Der ist selber Hörgeräteträger.
 
 
 
Am 20.02.2002 war es soweit. Dr. Moser hatte viel Zeit für meine Fragen. Mit einem Prospekt und gemischten Gefühlen ging ich nach Hause. Tag und Nacht überlegte ich, was ich machen sollte. Meine Mutter meinte: „Mein Gott Anna so was hast du vor. Als du das erste Mal in der HNO–Klinik warst sagten sie, dass deine Gehörnerven kaputt sind. Es ist nichts mehr zu machen." Ich sagte: „Mutter, das war vor Jahren. Die Medizin macht doch große Fortschritte. Ich lasse mich jetzt erst einmal drei Tage lang untersuchen." 
 
Gleichgewichtstest, Hörnerventest, Hörtests, CT und andere Untersuchungen wurden durchgeführt. Zwei Tage vor Ostern sagte man mir, dass ich für ein CI geeignet sei. Damals war ich zu 85 % schwerhörig. Anschließend hatte ich unendliche Ängste vor der OP, Narkose, Haare ab,.... Mit solchen Gefühlen entschied ich mich für die OP. Mein rechtes Ohr wollte ich opfern, denn wenn die OP nicht gelingen sollte, so konnte ich noch auf mein linkes Ohr zurückgreifen, denn hier trage ich schon seit 30 Jahren mein Hörgerät.
 
Der Einweisungstag am 03.07.2002 war da. Einen Tag später um 11:30 Uhr lag ich im OP. Dr.Müller und sein Team setzten mir das Cochlear-Implant von Med-El ein. Die OP verlief problemlos. Auf der Station waren Schwestern und Pflegern und alle anderen, die dazugehörten einfach super. Ihnen gehört mein herzliches Dankeschön. Für mich war dieser Aufenthalt Erholung.
 
Als ich nach 10 Tagen zu Hause war, fragte mich jeder: „Na Anna hörst du jetzt wieder besser ?", doch so schnell ging es nicht. Erst musste die Wunde heilen, dann wurde der Sprachprozessor angepasst. 6 Wochen später am 27.08.2002 war es soweit. Doch die Enttäuschung war groß. Eine Woche darauf war es schon etwas besser. Manche Geräusche hörte ich anders. Es war nicht unangenehm. Ich hörte Vögel, den Regen, Grillen, das Raschen des Baches, Blätter, meinen Atem. Alles hatte Wellen. Wenn ich an früher denke, so hörte ich alles nur in einem Ton. Mein Hörgerät ist analog, d.h. diese Tone und Geräusche sind alle nur ein „Gebrumm". Mit dem CI höre ich wellenartiger, klarer, sauberer, lauter. Mit Worten kann man dies schwer beschreiben. Es hört sich einfach schöner an .
 
Schnurlose Telefone und Handys waren für mich bis dahin out, da ich nichts hörte und auch nicht ran ging. Seit ich das CI habe, ist alles anders. Ich kann telefonieren. In der Kirche, bei Veranstaltungen, beim Fernsehen, Radio....
 
Ich habe das Gefühl dabei zu sein. Die Menschen in meiner Heimat sagen: „Schaut euch die Anna an. Sie hört ja und spricht nicht mehr so laut. So richtig verändert ist sie."
 
Meine Familie hatte nun ein Problem. Jetzt heißt es: „Was, das hast du gehört?" Oder „Nicht so laut, sie hörts !". Ich kann jetzt das Auto meines Sohnes hören, meinen Mann, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, meine Tochter im Treppenhaus, den Hund, wenn er schnarchte...
 
Insgesamt hatte ich noch zwei Prozessor-Einstellungen. Bei einer der Einstellungen sagte ich: „Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin. Es klappt doch ganz super mit dem Hören." Als ich die Klinik verließ, schaute ich zum Himmel und hatte vor Glück Tränen in den Augen. 
 
Was ich mit dem Hörgerät links und dem CI rechts nicht kann, ist das Richtunghören. Zu einer Prozessoreinstellung begleitete mich mein Mann. Bei diesem Test hörte ich über den Lautsprecher genau so gut wie er und der Akustiker. Dort fragte ich auch, ob es mit einem zweitem CI noch besser werden kann. Die Auskunft war: „Vielleicht." Zur Zeit plane ich mein zweites CI .
 
Eine Reha oder ähnliches habe ich nicht mitgemacht. Dafür habe ich meine Umwelt, in der ich lebe und übe.
 
Auf diesem Wege möchte ich mich bei meinem Arbeitgeber, der Fa. Otto Hein aus Haibach mit Familie, bei Herrn Kockmann von Optik Schäfer (Wertheim), bei Dr. Müller und seinem Team von der HNO–Klinik Würzburg, bei Dr. Brix aus Dammbach, bei meiner Familie (die all die Jahre mit mir ausgehalten hat) und bei meinen Freunden und Bekannten herzlich bedanken.
 
Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Durch das Hören hat für mich ein neues Leben angefangen. Ich wünsche allen CI-Trägern von Herzen Glück und Erfolg.
 
Juli 2003
 
Anna Krott
Grabenweg 7
63874 Dammbach
Tel. und Fax 06092/6289
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Erstanpassung des Auria-Prozessors

(Vorbemerkung: Den Bericht habe ich eine Woche nach der Erstanpassung geschrieben. Solche unmittelbaren und spontanen Eindrücke können jedoch keine langfristige Entwicklung aufzeigen. Da jedoch einerseits eine erste Rückmeldung bezüglich des neuen Auria-Prozessor gewünscht war, andrerseits gerade den ersten Tagen mit dem CI ein besonderes Interesse gilt, ist dieser Bericht hier jetzt doch schon zu lesen. Die Aufnahme späterer Entwicklungen ist nicht ausgeschlossen).
 
Der Bitte um einen Erstanpassungsbericht komme ich gerne nach. Da ich selbst Berichte am interessantesten fand, wenn sie viel subjektives Erleben wiederspiegelten, versuche ich möglichst ohne innere Zensur zu schreiben. Vorab muss ich daher jedoch ein paar Sätze zu meiner Hör- und Lebensbiographie verlieren. Erst vor diesem Hintergrund kann dann die Erstanpassung beurteilt werden. Beispielsweise erklärt sich so, warum ich manchen Höreindrücken besondere Aufmerksamkeit widme, obwohl ich genau weiß, dass die Erwartung vielleicht utopisch ist, nur kann halt auch die gründlichste Vorinformation Hoffnungen, Ängste etc. nicht gänzlich aus der Welt schaffen.
 
Die Hörbiographie
 
Meine Hörprobleme begannen zunächst vor 14 Jahren zunächst mit Tinnitus, wahrscheinlich in Folge eines unbemerkten Hörsturzes. Da ich Musik studierte, galt meine ganze Aufmerksamkeit der Überwindung des Tinnitus. Der Hochtonverlust blieb weitgehend unbeachtet. Einige Jahre später kam es immer wieder zu rezidivierenden Hörstürzen. Vor sechs Jahren bekam ich dann die ersten Hörgeräte. Die Hoffnungen auf eine Stagnation erwiesen sich als falsch, erst sehr spät wurde meine Hörschädigung als progrediente Innenohrschwerhörigkeit diagnostiziert, auch ich brauchte einige Zeit mir das einzugestehen. 
Zum Zeitpunkt der CI-OP verfügte ich zwar im Tieftonbereich über ganz ordentliche Hörreste (250 Hz – 50 dB) oberhalb 1000 Hz war jedoch keine Reaktion mehr messbar. Zudem kam, dass ich seit einem Jahr mit meinen starken Claro-Geräten nicht mehr zurecht kam, ich benutzte lieber die alten schwachen Digifocus um wenigstens die Vokale sauber zu hören. Nachdem ich weitere neue Power-Geräte ergebnislos getestet hatte, entschied ich mich zur Implantation, auch weil fast jeder weitere Hörtest wieder schlechtere Ergebnisse ergab. Ich war auch in der Phase vor der OP trotz beruflicher Umstellung mit dem Hören sehr gefordert (auch überfordert), mit meinen Hörresten und Absehen konnte ich ruhigen Zweiergesprächen folgen, sogar mit Kopfhörer noch etwas telefonieren, alles andere ging eigentlich nicht mehr. 
 
Auch in meiner früheren Lebensweise war ich sehr am Hören orientiert. In Verbindung mit meinem Musikstudium war für mich das Ohr der wichtigste Sinn. Trotz hochgradiger Hörschädigung hatte ich noch praktisch bis vor ein bis zwei Jahren musikalische Auftritte. Ich schreibe dies nicht, um pathetisch zu werden oder irgendwelche Klischees zu bedienen, sondern weil ich glaube, dass dies mit zu meinen Voraussetzungen für den Verlauf der Anpassung gehört.
 
Die OP im Mai verlief völlig komplikationslos: kein Schwindel, kein Erbrechen. Nur das Restgehör war weg.
 
 
Anpassung mit dem Auria-Prozesor von Clarion
 
Jetzt am 30. Juni 2003 hatte ich Erstanpassung. Ich hatte mich für Clarion entschieden, die schnelle Strategie mit HiRes war ausschlaggebend. Vor der Anpassung schon die erste Überraschung. Ich hatte mich zunächst auf den Taschenprozessor eingestellt, doch dann war der Auria- HdO schon da. Sehr spontan entschied ich mich quasi ungeprüft gleich den Auria zu nehmen.
 
In 15 Minuten war die Erstanpassung gelaufen, alles klang noch sehr nach monotoner und verzerrter Computerstimme, aber ich konnte (mit Absehen) praktisch gleich alles verstehen. Hier wurde eigentlich schon deutlich, dass es ein sehr guter Anpasserfolg werden würde. Zweifel hatte ich allerdings, ob ich mich schnell an den verzerrten Klang gewöhnen könnte. Eine Anfechtung war auch die erste Übung zum Erkennen von Instrumenten. Mehrmals verwechselte ich Xylophon mit Trommel oder Glocke und Rassel. Jedoch ein Lichtblick: die Blockflöte klang natürlich und frequenztreu. Zunächst hatte ich im Alltagsgespräch Schwierigkeiten, weil ich nicht mehr wusste, welchen Kanal ich denn nun eigentlich verwende: CI, Absehen oder Restgehör. Aber trotz des ungewohnten Klangbildes konnte ich das CI auf Anhieb ohne Probleme tragen, ein enormer Unterschied im Vergleich mit meinen Versuchen mit den Power-Hörgeräten. Nach zwei Stunden Anpassung machte ich den ersten (verrückten) Telefonversuch mit meinem Handy. Zwar konnte ich vom Klang nicht erkennen wer spricht, aber immerhin erkannte ich einzelne Sätze und Wörter, eher besser als mit dem Hörgerät. Ich wusste von diesem Moment an, dass ich bald wieder telefonieren können werde. Am „Betthörer" hörte ich Nachrichten und konnte dem Inhalt weitgehend folgen. Schon am ersten Tag hatte ich soviel erreicht. Die totale Rührung blieb jedoch noch aus, da der Klang noch sehr ungewohnt war. 
 
Am nächsten Tag war ich sehr verwundert wie Autos nun klangen: herannahende Raumschiffe mit Sphärenklang, aber kein Motorengeräusch. Die eigene Stimme klang aber jetzt schon besser. Ich freute mich am Knistern von Kies, an meinen Schritten, am Schnalzen mit der Zunge, auch am Schlucken und Schmatzen. Alle einzelnen, einfacheren Geräusche waren super, sobald jedoch ein Geräusch komplexer wurde, wurde es äußerst merkwürdig. Aber im Laufe des zweiten Tages blitzte hie und da das erste natürliche Klangbild auf. Im Hörtraining hatte ich wohl so 60 – 70 % Einsilber ohne Absehen richtig (kein echter Test). Im Alltag war dieser Erfolg zwar so nicht umsetzbar, die Störgeräusche irritierten noch sehr stark. Aber als ich dann wieder Vögel hörte, meine eigene Stimme schön klang, ich auch Spaß an Popmusik im Radio entwickelte, auch wenn's noch komisch klang, setzte dann doch ein ziemliches Glücksgefühl ein.
 
Am zweiten Tag nach der Anpassung war der Höreindruck noch klarer. Dies bestätigte sich bei der Austestung: 100% Zahlen, 60 % bei den Einsilbern, 96% im Satztest. Das Nachsprechen eines Textes ging fast automatisch, hier wurde mir dann die frühere harte Denkarbeit bewusst, die einen ja manchmal in die Erschöpfung treibt. Da ich nachmittags nichts zu tun hatte, aber so am Herumexperimentieren mit dem Hören war, verordnete ich mir im risikobereiten Überschwang einen Kinobesuch quasi als Hörtraining. Am Anfang ging es eigentlich ganz gut, dann war ich doch müde und konnte nicht mehr ganz folgen. Ich wusste aber auch, dass dies eigentlich ja hirnrissig war. Aber als im Kinosessel Jazzmusik meine Gebeine wieder in Tanzlaune versetzten, kullerten dann doch einige Tränen der Freude herab. Auch in der Straßenbahn musste ich aufpassen nicht laut loszujubeln, da ich die Ansage absolut klar verstanden hatte.
 
In diesen paar Tagen bin ich auch viel lockerer im Umgang mit Leuten geworden, kann wieder reagieren ohne erst innerlich überlegen zu müssen, was könnte der oder die gesagt haben. Eigentlich hat sich seither alles nur weiterentwickelt. Versuche mit unterschiedlicher Elektrodenzahl und Stimulationsraten hatten keine großen Unterschiede zur Folge. Da ich so gute Fortschritte gemacht hatte, wurde ich schon nach einer Woche wieder nach Hause geschickt. Morgen werde ich meinen Unterricht wieder aufnehmen.
 
Auch jetzt noch muss ich mich an manches gewöhnen, klingt manches fremd, fließende, klassische Musik geht gar nicht. Kurze Schlaggeräusche hallen nach. Meine Kinder klingen noch sehr blechern, hier hoffe ich schon, sie in einiger Zeit noch besser zu verstehen. Aber ich weiß auch, dass ich in einer Woche sehr, sehr große Fortschritte machen durfte. Dies ist für mich ein unwahrscheinliches Geschenk, zu dem ich selbst willentlich nichts beitragen konnte. Und wenn ich hier recht unverfroren meine Testergebnisse bekannt gebe, so nur, weil es mir darum geht die Möglichkeiten (und Grenzen) des CIs aufzuzeigen. Mit meiner Person hat dieser Erfolg nur insofern zu tun, da er an gewisse Voraussetzungen gebunden ist. Aber auch diese Voraussetzungen sind ja vorgegeben und nicht selbst beeinflussbar. Über die Grenzen und Möglichkeiten des CIs (oder von Prozessoren, Firmen….) wird ja teilweise hitzig diskutiert, Basis hierfür können nur authentische Erfahrungen sein, seien sie positiv oder negativ. Darum habe ich mich bemüht. Dass dies so positiv ausfällt (ich kann es nicht anders sagen), erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.
 
       
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Mein toter Hörnerv lebt ....

Vor ca. 45 Jahren hatte ich Masern, eine Kinderkrankheit, die mich im Alter von 19 Jahren befiel...
 
....plötzlich hörte ich viele hohe Töne nicht mehr. Also erster Arztbesuch mit anschließender großer Untersuchung in der Uni in Frankfurt. Dort wurde ich zum Röntgen auf eine runde Scheibe geschnallt und mein Kopf wurde von allen Seiten durchleuchtet.
 
Das Ergebnis: Beginnende Schwerhörigkeit auf beiden Seiten, bedingt durch gelähmten Hörnerv. Totale Taubheit bereits in 5 Jahren zu erwarten, mit Hoffnung aber erst mit zunehmendem Alter. Völlige Verzweiflung....., aber dann verbesserte sich plötzlich meine Hörfähigkeit und ich konnte meine neue Stelle an der Kreissparkasse Lauterbach/H. antreten. Zuvor war ich an der Stadtsparkasse in Frankfurt/Main tätig. Ich bin in Frankfurt/Main geboren. Bedingt durch den Krieg aber im Vogelsberg, der Heimat meiner Mutter aufgewachsen. 
 
Aber mit zunehmendem Alter verschlechterte sich meine Hörfähigkeit und ich musste deswegen meinen Dienst nach 21 Jahren aufgeben und beantragte Berufsunfähigkeitsrente ab 1982. Ich musste mich aus diesem Grund einer gründlichen Untersuchung durch einen Amtsarzt in Frankfurt zur Verfügung stellen. Es kam nun wieder die Bestätigung: „der Hörnerv ist tot". Dr. Brandstätter sagte damals zu mir: „Ich würde Ihnen so gerne helfen, aber ich sehe keine Möglichkeit. Vielleicht sind unsere Wissenschaftler in 30 Jahren so weit, dass sie was erfunden haben, aber ich glaube es nicht."
 
Damals tröstete mich noch mein lieber Mann und versprach für mich mitzuhören. Wir hörten nun keine Musik mehr, gingen nicht mehr in die Oper, Operette, in Musicals und Theateraufführungen.... alle Melodien waren in mir gespeichert und ich wollte sie nicht verzerrt erleben, meinen Klavierdeckel klappte ich für immer zu... und ich weinte um das Schönste im Leben, meine geliebte Musik, Abschied von „Beethovens 9." und die Unvollendete von Schubert erklangen nur noch „in" mir... Mein Mann legte nur noch Platten auf, wenn ich nicht zu Hause war... er wusste, wie weh mir ums Herz war. Auch das geliebte Vogelkonzert war für immer verstummt – mein Mann kannte alle Vögel samt ihren Stimmen... und ich bat, mach doch mal was für mich lauter nach, dann weinten wir zusammen...
 
Aber er half mir unendlich in Gesprächen mit Freunden und im täglichen Leben. Er gab für mich Antwort und übersetzte – seine Stimme war für mich unendlich vertraut und wir wurden des öfteren gefragt: „Ist ihre Frau Ausländerin?" 
 
Wir waren ein wunderbares Team in allem und ich wusste, was er dachte und er sprach aus, was mir gerade durch den Kopf ging... Aber wie es so im Leben ist, alles hat ein Ende, alles geht vorbei, nichts bleibt wie es ist, es fließt fortwährend, ändert sich...
 
Mein geliebter Mann starb im Januar 2000 und für mich brach nun die totale Stille an. Und erst jetzt kam mir zu Bewusstsein, wie entsetzlich ich behindert bin... und ich erinnerte mich an seine Frage „Wie willst du nur allein leben?" – Ja, wie sollte ich weiterleben?
 
Meine Tochter fuhr mit mir zu Frau Dr. Reinwald nach Gedern und sie veranlasste eine Untersuchung mit dem Ergebnis, dass in ihrer Praxis noch nie so eine schlechte Hörkurve aufgetreten ist... Ich hörte von den damals in 1982 bestehenden 40% nicht mehr als die Hälfte und sie verordnete mir Hörgeräte, die ich von Herrn Gensler bei Fa. Trabert in Gedern anpassen ließ. Zuerst war alles viel lauter, aber richtig Worte verstehen konnte ich damit auch nicht und so ging es 2 Jahre weiter. Ich übte mich weiter im Lippenablesen, aber es wurde immer schwieriger... und mein Freundeskreis zog sich so langsam aber stetig zurück. Ich wurde zu kompliziert für sie – man musste vieles aufschreiben – man tat es voller Mitleid, was mich am meisten ärgerte, denn ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch und konnte verstehen, wenn meine Freunde nicht mehr allzu gern kamen. 
 
Meine ganze Einstellung, geprägt von Verzweiflung wurde immer aggressiver... ich zog mich von allen zurück. Was sollte ich auch auf den von mir genannten „chinesischen Veranstaltungen", wenn ich doch nichts mitbekam? Einmal erinnerte ich mich an eine Weihnachtsfeier unseres Landfrauenvereins, den ich mit gegründet hatte. Es kam ein Nikolaus mit vielen Päckchen und hatte für jede von uns ein Witzchen und alle bogen sich vor Lachen. Nur ich saß erstarrt in mitten dieser fröhlichen Schar und hätte so gern mitgelacht, denn mein Leben mit meinem Mann war von Humor, Frohsinn, Heiterkeit und viel Lachen geprägt. 
 
Der Nikolaus erkundigte sich über mich, was er verkehrt gemacht hätte... nichts... die ist taub! Mein Lachen war verstummt, mein tägliches frohes Singen... in mir war nur noch Weinen und eine große Sehnsucht, auch tot zu sein. Ich konnte diese Stille einfach nicht mehr ertragen... sie erstickte mich einfach.
 
...dann las ich eine Abhandlung über Cochlear Implantate in einer Zeitschrift aber es stand dabei, der Hörnerv muß in Ordnung sein... aber meiner war gelähmt oder schon tot... Aber ich fuhr nun wieder zu Frau Dr. Reinwald und bat um Hilfe. Die Hörgeräte waren für mich keine Hilfe und sie meinte, dass wir es mit einer Untersuchung an der Uni in Frankfurt/Main probieren sollen.... vielleicht.... vielleicht gab es doch eine winzige Hoffnung für mich.
 
...und so begannen im Oktober 2002 meine diversen Untersuchungen. Ich fahre zwar sehr gern Auto, aber die Innenstadt von Frankfurt/Main war mir nicht mehr vertraut und so fuhr mich mein Schwiegersohn und er saß all die langen Stunden des Wartens in den Fluren in der Uni bei mir und ich war ihm von Herzen dankbar.
 
...und ich erfuhr dort auch, dass es Ärzte gibt, die wissen, wie es Menschen zumute ist, die nicht hören, die ungefragt alles aufschreiben .... und das tat Oberarzt Dr. Kiefer und ich freute mich über seine so liebenswerte Art. Und am 17. Dezember, ein Vorweihnachtsgeschenk, eröffnete er mir: „Ihr Hörnerv lebt – wir können ihnen helfen – mit CI" und er erklärte mir in allen Einzelheiten diese OP. 
 
Ich hörte alle Engel im Himmel singen und wäre am liebsten gleich dort geblieben. Aber es war erst am 27.01. soweit... und meine DAK gab, nach langem Ringen mit dem Medizinischen Dienst genau einen Tag vor der OP ihre Zusage, die Kosten zu übernehmen. Ich war überglücklich, aber auch voll Angst... und nach der OP war, wie schon vorher erklärt, weiter tiefe Stille, bis auf die LKW`s, die Nachts in meinem Kopf brummten. Montag OP, Donnerstags zu Hause... und WARTEN auf HÖREN... bis zum 25.02.03!!! Dem Tag der Wiedergeburt
 
...und ich verkündete im Zimmer allen Mitpatientinnen ... „wenn am 25.02. in der Uni eine Explosion stattfindet, dann bin ich Schuld, ich springe dann vor Freude an die Decke !!!" Aber als ich dann von Prof. Dr. Stürzebecher die Außenteile angepasst bekam, war ich total erschüttert, ich hörte nur lautes GEQUAKE!! Der Professor sagte, dass ich froh sein soll, dies zu hören... Worte kämen dann später... ich weinte von Frankfurt bis Salz. 
 
Dann merkte ich täglich, dass er Recht hatte, es bildeten sich Worte und im Gegenüber mit Lippenablesen kann ich HÖREN und dann die Therapie in Friedberg im CIC bei liebenswerten Therapeutinnen wie Frau Bumann und Frau Michels lernte ich auch ein bisserl blindhören, aber das soll noch verbessert werden. Wir lachten dort viel und meine innere Spannung fiel ab... und ich danke ihnen für alle Mühe... danke vor allem unserem Herrgott, dass er Menschen erschaffen hat, die Erfindungen zum Wohle von Behinderten erfinden und Ärzte, die in Operationen diese dann vollenden. 
 
Meine größte Freude war am 10.03., die erste Amsel sang... am 25.05. hörte ich, wieder in meiner Wahlheimat angekommen, meine geliebte Gail in Kärnten, rauschen, sie floß so still. Ich weinte vor Freude und danke allen von Herzen und singe nun alle meine Lieder wieder.
 
 
Ich danke allen Ärzten der Uni in Frankfurt/Main, die mir ein neues Leben mit CI geschenkt haben. Ein Leben, das zwar batteriegesteuert ist, aber das mich die Worte meiner Mitmenschen verstehen lässt, ein Teilnehmen an vielen Dingen und wenn ich auch im Schwimmbad nur still meine Runden drehen kann, weiß ich, dass ich wenn ich draußen bin, mein Gerät zur Verfügung habe und hoffe, bald alles verstehen zu können. Auch die Menschen, die wie Maschinengewehre losknattern und auch die, die am Telefon schon jetzt annehmen, ach, sie hört doch wieder!
 
...und danke allen Menschen, die jetzt behutsam mit mir umgehen, die mir helfen, mich im Leben der Normalhörenden zurecht zu finden. Denn ich muß mich noch sehr anstrengen und hoffe nur, dass mein toter Hörnerv am Leben bleibt und nicht doch noch erlischt. Ich bin froh über das WUNDER nach 20 Jahren totaler Stille hören zu können und danke für mein NEUES LEBEN.
 
 
 
Nachsatz
Ich schrieb diesen Bericht für Herrn Michael Schwaninger, der in seiner liebevollen, verbindlichen Art mir geholfen hat, Adressen in Österreich zu bekommen, an die ich mich im Notfall wenden kann. Herrn Schwaninger lernte ich über die VdK-Zeitung kennen, in der er sich als Leidensgenosse darstellte. Erst später erfuhr ich, dass er Schriftführer des CIV HRM ist. Ich verbringe seit 1987 die Sommermonate in Kärnten und bin also über 700 km vom CIC Friedberg entfernt. 
 
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