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Sei froh, dass man deine Behinderung nicht sieht!

Diesen Satz sagte eine gute Freundin und ich weiß, dass sie ihn ehrlich meinte und mir damit nach meiner Ertaubung Trost zusprechen wollte. Ja, ich bin durch meine Ertaubung schwerbehindert und auch mit Cochlear Implantat schwerhörig und damit nicht mehr uneingeschränkt kommunikationsfähig. Und sicherlich bin ich auch in vielen Situationen sehr froh darüber, dass man mir meine Behinderung nicht immer ansieht, eine Stigmatisierung ausbleibt. Andere behinderte (oder beeinträchtigte) Menschen haben es in unserer Gesellschaft oft viel schwerer, werden angestarrt, gemieden usw. Sie wären bestimmt dankbar, wenn man ihre Behinderung nicht sehen würde. 
 
Trotzdem bin ich nachdenklich geworden und habe über die Hörbehinderung nachgedacht. Weil der andere sie nicht sieht, kann sie oft zum Problem, ja sogar zu einem Hindernis werden. Eine Hörbehinderung ist eine Einschränkung, die gerade im Kontakt zu anderen Menschen Grenzen und Probleme aufzeigt: 
beim Einkaufen kann man an der Theke oft die Bedienung nicht verstehen, weil Musik im Hintergrund spielt, gerade eine Durchsage kommt, sich die anderen Kunden in der Warteschlange miteinander unterhalten: 
an der Kasse kann man den Betrag nicht hören, weil der Umgebungslärm zu groß ist: 
im Straßencafé kann man keine lockere Unterhaltung führen oder die Bedienung nicht verstehen, weil der Straßenlärm stört; 
auf dem Bahnhof kann man die Durchsagen nicht hören, weil der Sprecher undeutlich spricht und ein gerade einlaufender Zug bzw. der Störlärm alles übertönt: 
auf dem Bürgersteig kann man den Passanten nicht vorbei lassen, weil dieser mich auf dem nicht versorgten Ohr anspricht;
im Zug kann man die Durchsagen nicht entschlüsseln, weil die Übertragungsqualität schon für einen normal Hörenden zu schlecht ist.
Es gibt noch viele, viele dieser Alltagssituationen, die deutlich machen, dass man als Hörgeschädigter viele Informationen nicht erfährt.
 
So bin ich dann in all diesen Situationen aufgefordert, meine Behinderung zu erklären. Ich muss meinen Mitmenschen mitteilen, dass ich schwerhörig bin, dass ich nicht richtig verstehe, dass ich etwas nicht verstanden habe. Das ist auch kein Problem für mich, ja, ich sage es selbstbewusst: "Es tut mir leid, ich bin schwerhörig, ich konnte Sie nicht verstehen, könnten Sie dies bitte noch einmal wiederholen?" Daraufhin schauen die meisten verdutzt, oft sogar verlegen, wiederholen aber selbstverständlich, oft aber genauso leise und undeutlich wie zuvor. 
 
Ich spüre, mein Gegenüber glaubt mir nicht oder versteht mein Problem nicht.
 
So erlebte ich erst kürzlich eine Situation in der Bahn: Die Durchsage war sehr wichtig für mich, da der Zug verspätet und meine Anschlussverbindung nicht mehr gültig war. Ich hatte die Durchsage nicht gehört, fragte dann den Zugbegleiter nach der bestmöglichen Verbindung. Ich erklärte, dass ich nicht gut höre, doch dieser antwortete nur: 
 
"Dann hören Sie doch besser hin!" 
 
Ich wiederholte noch einmal, dass ich schwerhörig bin, die Ansage nicht verstehen könne, er mir doch bitte sagen möchte, wie mein weiterer Reiseverlauf nun wäre. Alle Mitreisenden waren inzwischen aufmerksam, schauten interessiert, sie sahen meine Behinderung nicht, aber alle waren nun darüber informiert. Vielleicht wäre es da manchmal einfacher, man sähe mein CI und damit meine Behinderung! Vielleicht wäre man etwas sensibler, auch wenn eine Hörbehinderung schwer nachzuvollziehen ist. 
Leider hatte ich auch mit dieser zweiten Bitte keinen Erfolg, der Zugbegleiter schaute nicht ins Fahrtenbuch, bemerkte nur, dann sollten doch die beiden mir gegenüber sitzenden Mitreisenden für mich zuhören. 
 
Ich fühlte mich mit meiner Behinderung nicht Ernst genommen, war zutiefst verletzt. 
 
Zum Glück waren dann die beiden mitreisenden Herren so nett, für mich aufmerksam zu hören und mir weiterzuhelfen. Wäre diese Situation eine andere gewesen, wenn man mir die Behinderung angesehen hätte? Oder liegt es daran, dass eine Hörschädigung in ihrem Ausmaß und ihrer Einschränkung von anderen oft nicht richtig nachvollzogen werden kann? Oder liegt es einfach nur daran, dass unsere Gesellschaft das Miteinander immer weniger lebt.
 
Wir sind im Jahr der Behinderten! Ich bin der Meinung, dass es eigentlich egal sein sollte, ob man nun eine Behinderung sieht oder nicht. Wichtig wäre einfach, dem Mitmenschen, der Hilfe benötigt oder um Hilfe bittet, egal ob er behindert ist oder nicht, auch zu helfen.
 
Ute Jung
Wilhelmstrasse 45
56584 Anhausen
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Die Stimme in meinem Herzen

Der Weg einer gehörlosen Frau
 
Heather Elizabeth Green
 
An einem Sonntagabend zeigten Missionare Dias von einem fernen Land und erzählten von ihrer Arbeit. Unter den Menschen, die zu diesem Vortrag gekommen waren, befand sich auch ein sechsjähriges Mädchen. Als die Kleine die Bilder sah, die der Projektor an die Wand warf, wusste sie plötzlich: „Ich werde Missionarin!" Soweit sie es in ihrem Alter begreifen konnte, war ihr klar, dass es sich dabei um einen lebenslangen Dienst handelte. Doch sie hatte keine Ahnung, wohin sie diese Entscheidung einmal führen und welche Schwierigkeiten auf sie zukommen würden. Denn das Mädchen war gehörlos.
 
Als ich vier Jahre alt war, verlor ich achtzig Prozent meines Gehörs, zwei Monate vor meinem dreizehnten Geburtstag dann den Rest. Die Ursache davon war wahrscheinlich beides Mal eine negative Reaktion auf bestimmte Medikamente. Es geschah alles ganz plötzlich. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich ein ausgesprochen liebes Kind war und immer sofort gehorchte, wenn sie mich riefen. Deshalb können sie auf die Minute genau sagen, wann ich als kleines Mädchen mein Gehör verlor. Denn plötzlich reagierte ich nicht mehr. Rückblickend kann ich sagen, dass ich praktisch mein Leben lang gehörlos war. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, mit seinen natürlichen Ohren zu hören.
 

Träume in die Schublade gelegt

 
Meine Eltern haben auf diese Krise mit sehr viel Glauben reagiert. Bestimmt haben sie auch manchmal geweint, denn die Situation war nicht einfach für sie. Aber solange ich denken kann, waren sie davon überzeugt, dass Gott mich heilen würde. Diesen Glauben haben sie auch in mich hineingelegt. Ich erinnere mich, dass ich manchmal nachts wach wurde und merkte, wie mein Vater an meinem Bett stand und für mich betete. Ich wusste immer, dass meine Eltern mich lieb hatten, um mich besorgt waren und Gott im Hinblick auf meine Zukunft vertrauten - auch auf das, was sie nicht verstanden.
Vom Kindergarten bis zur dritten Klasse besuchte ich eine christliche Schule, danach wurde ich von meiner Mutter zu Hause unterrichtet. Ich weiß noch, wie ich mich als Teenager fragte: „Kann ich jemals auf die Universität gehen?" und „Wie soll ich überhaupt Missionarin werden?" Ständig war ich darauf angewiesen, dass andere für mich sorgten und mich über alles informierten. Wenn wir als Familie vorhatten, am Nachmittag wegzufahren, und sich an diesen Plänen etwas änderte, mussten mir meine Eltern das von Auge zu Auge mitteilen. Viele Menschen wissen gar nicht, wie viel von dem, was sie hören, unbewusst geschieht. Sie hören etwas und merken es nicht einmal. Auf diese Weise erhalten sie die meisten Informationen. Ich dagegen war darauf angewiesen, dass ich von anderen über alles auf dem Laufenden gehalten wurde.
Gehörlosigkeit ist eine sehr versteckte Behinderung. Wer einen Blinden sieht, erkennt an seinen Augen oder seiner dunklen Brille, dass er blind ist. Wer einen Gelähmten sieht, weiß sofort, dass er nicht laufen kann. Aber da viele Menschen Gehörlosigkeit meist nicht von außen wahrnehmen, stellen sie Erwartungen an einen, denen man nicht gerecht werden kann. 
Nach meinem letzten Gehörverlust kam es mir vor, als seien all meine Zukunftspläne zerstört. Wenn ich zurückdachte, sah ich die vielen Missionare vor mir, die bei meiner Familie zu Besuch gewesen waren. Und ich erinnerte mich, dass sie alle gut hören konnten, denn das war wichtig, um eine fremde Sprache zu erlernen.
 

Neue Hoffnung reifen lassen

Einige Monate später schien mich beim Bibellesen ein Vers regelrecht anzuspringen. „Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen" (Matthäus 21,22). Ich merkte, wie Gott zu meinem Herzen sprach: „Heather, wenn du glaubst, dass ich dich heilen werde, werde ich es tun. Aber du musst glauben." So fing ich an, Gott zu vertrauen, dass er mich heilen und mir eines Tages mein Gehör zurückgeben würde. 
Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag erzählten mir meine Eltern dann von einem Cochlea-Implantat. Das ist ein kleines, flaches Gerät - ungefähr in der Form einer Birne -, an dessen Ende 22 Elektroden sitzen. Diese werden in die Cochlea, einen Teil des Innenohrs, implantiert. Der Ton geht nun durch ein von außen ins Ohr eingesetztes Mikrofon zu einem Sprachprozessor, der sich ebenfalls im Ohr befindet. Dieser Sprachprozessor verarbeitet Töne zu elektronischen Signalen und leitet sie weiter zu einem Magneten, der durch die Haut hindurch mit dem Implantat magnetisch verbunden ist. Die Töne gehen also durch das Implantat, werden als Signale an das Gehirn weiterleitet und dort in Töne rückübersetzt, wie sie Menschen normalerweise hören. 
Als meine Eltern zum ersten Mal mit mir über das Cochlea-Implantat sprachen, erklärten sie mir, dass niemand genau wüsste, wie gut ich damit hören könnte. Auf jeden Fall würde man schrille Töne wie von einem Rauchmelder wahrnehmen. Was darüber hinausging, hing von dem einzelnen Menschen ab. Doch ich hatte mir meine Meinung bereit gebildet: Wenn Gott mich heilen würde, dann auf übernatürliche Weise und nicht mit Hilfe eines von Menschen erdachten Geräts. Aber meine Eltern baten mich, darüber nachzudenken und zu beten, und ich versprach es ihnen. Ungefähr einen Monat später wusste ich ganz tief in meinem Herzen: „Gott will, dass ich dieses Implantat bekomme!"
Ich selbst wollte das eigentlich nicht, denn ich hatte schreckliche Angst vor Spritzen, Krankenhäusern – überhaupt allem, was mit Ärzten und Medizin zu tun hatte. Doch ich hatte das Gefühl, dass Gott mich einem Test unterziehen wollte, um festzustellen, ob ich gehorsam war. 
Als der Operationstermin näher rückte, wusste ich ganz deutlich, dass ich mir drei Ziele setzen solle: Telefongespräche zu führen, Gesprochenes zu verstehen, ohne es von den Lippen abzulesen, und Musik zu hören und sie auch zu genießen. Keines dieser drei Dinge war mir mehr möglich gewesen, seit ich vier Jahre alt war. 
 

Ein neuer Ton im Leben

Einen Monat nach der Operation fingen meine Mutter und ich mit den Übungen an. Sie sagte etwas zu mir, und ich wiederholte, was sie meiner Meinung nach gesagt hatte. Dann ging sie in ein anderes Zimmer und sagte etwas anderes, da ein Ton auf unterschiedliche Art und Weise durch die Räume geleitet und dabei oft stark verzerrt wird. Das menschliche Ohr wird ganz natürlich damit fertig, aber das Implantat kann das nicht. Deshalb mussten wir Situation und Umgebung ständig verändern und immer wieder Neues ausprobieren. 
Nach fünf Tagen war ich imstande, alles zu verstehen, was mir meine Mutter vorlas oder zu mir sagte. Innerhalb von zehn Tagen konnte ich Telefongespräche führen, Musik hören und Gesprochenes verstehen, ohne es von den Lippen abzulesen. Nach drei Wochen kam meine Audiologin zu einer Routineuntersuchung zu uns nach Hause. Sie sagte, dass sie noch nie jemanden gesehen hätte, der von Anfang an so gut mit einem Cochlea-Implantat hören konnte. Ich erklärte ihr, dass Gott am Werk sei, um seinen Plan in meinem Leben zu erfüllen. Das Gleiche erzählte ich auch meinem Hausarzt und vielen anderen Menschen, die mich nach meinen Erfahrungen fragten. Oft meinen wir, wenn irgendetwas von Menschen hergestellt wird, hat es nichts mit Gott zu tun. Aber selbst mit diesem künstlichen Gerät in meinem Ohr erwies er sich als der Allmächtige. Ich konnte zwar üben, konnte mit meiner Mutter und meinem Vater daran arbeiten - aber nie hätte ich aus eigener Kraft so schnell so gut hören können. Für gewöhnlich dauert es Jahre, bis jemand mit einem Implantat an den Punkt kommt, an dem ich bereits nach wenigen Tagen war. Mir war klar, dass ich das nur Gott allein verdankte.
 

Klare Wegweisung

Nun rückte mein Traum, Missionarin zu werden, wieder in greifbare Nähe. Bereits als kleines Mädchen hatte ich mich sehr für andere Länder interessiert. Jeden Morgen hatte meine Familie zusammengesessen, aus einem Missions-Jahrbuch gelesen und für ein bestimmtes Land gebetet. Ich erinnere mich besonders an meine Gebete für Osteuropa und Russland. Schon damals war ich davon überzeugt gewesen, dass der Kommunismus in diesen Ländern eines Tages zusammenbrechen würde.
Als dann 1990 das kommunistische System in Osteuropa und der Sowjetunion tatsächlich fiel, freute ich mich sehr. Ich weiß noch, wie ich Gott unter Tränen darum bat, dass die Christen in diesen Ländern Kirchengebäude bekämen und ihm in Freiheit dienen könnten. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mir eine ganz besondere Liebe für die Menschen in diesem Teil der Welt geschenkt hatte. 
Eine weitere Richtungsweisung für meine Zukunft bekam ich im letzten Semester an der Universität. Ich hielt mich gerade in der Bibliothek auf, als der Bibliotheksleiter, ein pensionierter Missionar, auf mich zukam und sagte: „Heather, wie wäre es, wenn du nach Kiew in der Ukraine gehen würdest? Sie brauchen dort jemanden, der in der Bibliothek des Bibelseminars arbeitet." 
Sobald er das gesagt hatte, wusste ich tief in meinem Herzen, dass ich dorthin gehen sollte. Denn nie zuvor hatte ich mit ihm über meine Liebe zu Osteuropa gesprochen. 
Ich schrieb meinen Eltern eine E-Mail und erzählte ihnen von meinen Plänen. Sofort antworteten sie, wie begeistert sie darüber seien. Sie hätten bereits gewusst, dass Gott mich in den ersten Jahren meines Missionsdienstes in diesem Teil der Welt haben wollte. 
 

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen

Seit acht Monaten bin ich jetzt auf der Sprachschule in Kiew. Russisch ist eine sehr schwierige Sprache, unter den Hauptsprachen gilt sie als die viertschwerste der Welt. „Wie soll ich diese Sprache nur jemals lernen?", habe ich mich anfangs gefragt. Ich erinnere mich, wie ich nach ungefähr vier Wochen in der Sprachschule plötzlich überwältigt davon war, wie gut ich Russisch lernen konnte. Ich hatte geglaubt, es sei unmöglich, aber das war es nicht. Ich musste nur einen Schritt nach dem anderen tun und jeden Tag ein bisschen mehr aufnehmen. Wenn Gott uns zu etwas beruft, gibt er uns auch das nötige Rüstzeug. Mich hat er mit einem Gehör ausgestattet, damit ich Russisch lernen kann.
Mein Herz schlägt vor allem für die Frauen in der Ukraine. In diesem Land liegt die Scheidungsrate bei fast hundert Prozent. Ganz wenige Familien haben mehr als ein Kind, und die Zahl der Abtreibungen ist enorm hoch. Ich spüre, dass viele Frauen sehr verletzt sind. Und ich wünsche mir, Beziehungen zu ihnen aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen. 
Inzwischen hat mir Gott schon viele Türen zum Dienst geöffnet. Ich wurde eingeladen, in einer ukrainischen Kirche zu sprechen und in der Bibelschule zu lehren. Ich glaube, dass ich einen Weg für ukrainische Frauen ebnen soll, damit sie in Zukunft in ihrer Gesellschaft an Ansehen gewinnen und ihre Stimme gehört wird. 
 

An der Hoffnung festhalten

Im Nachhinein muss ich sagen, dass meine Eltern bei meinen Plänen, in den Missionsdienst zu gehen, eine sehr große Rolle gespielt haben. Das Beeindruckendste für mich war, dass sie mich losgelassen haben. Selbst als ich erst sechs Jahre alt war, haben sie es akzeptiert, dass ich Missionarin werden wollte. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je zu mir gesagt hätten: „Du schaffst das nicht!" Sogar nach dem kompletten Verlust meines Gehörs haben sie mich nie entmutigt. 
 
Das Geheimnis, warum ich meinen Traum so lange verfolgen konnte, liegt darin, dass ich einen Tag nach dem anderen lebe. Natürlich habe ich Ziele, Pläne und Wunschvorstellungen, aber ich habe festgestellt, dass ich jeden Tag so nehmen muss, wie er kommt. Das trifft besonders auf Tage zu, an denen praktisch alles schief läuft und ich mich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen möchte. Wenn ich mutlos bin, lese ich den Philipperbrief, denn er ermutigt mich, weiterzumachen und voranzugehen. Ich weiß, dass Gott mich durchbringen wird, und das ist für mich das Wichtigste. Mit seiner Kraft und Hilfe komme ich durch jeden Tag.
 
Aus Lydia - die christliche Zeitschrift für die Frau, Heft 3/2003. Mit freundlicher Genehmigung.
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Persönliches zum Buch "Mein Weg aus der Stille"

Nach mehreren Hörstürzen im Jahr 1998 war ich fast komplett ertaubt. Bei Voruntersuchungen, ob ein CI bei mir zum Einsatz kommen kann, stieß ich in einem Wartezimmer der Uni-Klinik Homburg auf einen interessanten Buchtip in der dort ausliegenden Schnecke.
 
Noch am gleichen Tag bestellte ich mir dieses Buch und verschlang es an einem Abend. Dieses Buch wurde zu meinem Begleiter für die nächsten Wochen und Monate, in welchen ich mein CI erhielt und die ersten Erfahrungen damit sammeln konnte.
 
Besser als es die Ärzte konnten, wurde ich hier über jeden anstehenden Schritt informiert. Die Autorin dieses Buches erklärte aber nicht nur sehr genau die medizinischen Schritte, sondern beschrieb auch ihre Gefühle und Ihr persönliches Erleben. Oft konnte ich mich genau in sie hineinversetzen.
 
Das Ertauben und die darauf folgende CI-Operation waren für mich mit vielen Ängsten und Unsicherheiten behaftet. Dieses Buch hat mir dabei geholfen, diese schwierige Zeit gut durchzustehen.
 
Und ich möchte der Autorin Frau Marlis Herzogenrath an dieser Stelle noch einmal meinen persönlichen Dank für dieses Buch aussprechen.
 
 
Gunter Schneider

Ein Nachtrag hierzu:
 
Wie die Schnecke in Ihrer Ausgabe Nr.410 berichtet, wurde das Buch von Marlis Herzogenrath in 2. Auflage von der DCIG herausgegeben. 
 
Es kann bestellt werden für 10 €+2 € Versand bei: DCIG, Postfach 3032, 89253 Illertissen, Fax 07303/43998, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 
Auch der CIV HRM verfügt noch über einige Exemplare dieses Buchs, es kann daher auch direkt bei der Schriftführung bestellt werden.
 

Michael Schwaninger 

 

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Aus der Stille "Neues Hören"

Mit dem CI ein neues Leben
 
Heute ist mir bewusst, dass ich auf dem rechten Ohr wahrscheinlich schon immer gehörlos war. Auf früheren Fotos ist deutlich zu sehen, dass ich meinen Kopf immer so gehalten habe, dass ich mit meinem linken Ohr gut hören konnte.
 
Mein ganzes Leben war geprägt von diesem Nichtshören und doch keiner, auch meine Eltern nicht, haben oder hatten mir geholfen die Situation zu erkennen oder zu meistern. So weit ich mich entsinnen kann, war mir schon in der Volksschule das Fach Singen ein Greuel, denn nur mit einem hörenden Ohr kann man einfach nicht gut singen. Auf dem Gymnasium war es ebenso.
 
Mit sechzehn Jahren fing bei mir das linke Ohr über Nacht an plötzlich stark nachzulassen und ich bekam damals eine Hörbrille. Wobei die Brille an dem Ding noch das beste war. Einhergegangen war die ganze Geschichte mit heftigen Kopfschmerzen. Damals wurden zahlreiche Untersuchungen in der Uni-Klinik Würzburg gemacht. Vermutet wurde eine Meniersche Erkrankung, in den Befunden war aber meine Schwerhörigkeit als unbekannte Ursache dokumentiert. Meine Eltern, aber auch ich hatten keinerlei Ahnung wie man mit der Schwerhörigkeit umgehen muss und überall hieß es nur: „lass den gehen, der hört ja nichts" oder „der simuliert", „guck doch, das hat er ja verstanden". Schon damals hatte ich gelernt und mit meiner Mutter geübt, vom Mund abzulesen. Bis heute war und ist diese Fähigkeit, die ich fast perfekt beherrsche, 
eine große Hilfe.
 
Vielen Hörenden ist einfach nicht klar, dass man sich auf seinen Gegenüber einstellen kann und oft seine Antwort schon im voraus weiß, wenn man die Thematik kennt. Mein Wunsch war immer Betriebsingenieur zu werden, denn auch heute noch bin ich vielseitig an vielen technischen und handwerklichen Dingen interessiert. Neues ist für mich immer interessant.
 
An ein Studium war damals nicht zu denken, schon weil meine Eltern und aber auch ich nicht wussten wie. Zudem hatte ich damals starkes Asthma, was zu häufigen Erkrankungen führte und mit 15 Jahren nach einer erstmaligen längeren Abwesenheit vom Elternhaus zu einer Kinder-Kur völlig verschwand.
 
So gingen die Jahre ins Land und entgegen vielen Meinungen habe ich in einem Prozess vor dem Sozialgericht eine Umschulung durchgedrückt. Bei dieser Umschulung lernte ich meine heutige Frau kennen, und habe dieses Kennenlernen nie bereut. Meine Frau ist und war mein drittes und mein viertes Ohr. Ohr Nummer fünf, dazu komme ich noch später.
 
Ich habe mein ganzes Leben lang versucht zu hören. Es gibt kaum ein Mittel, eine Behandlung oder eine Erfindung, die ich nicht ausprobiert habe. Von Tabletten, Spritzen, Hypnose, Yoga, autogenes Training, Frischzellen, Trockenzellen, Tinkturen, Bestrahlungen und Salben kann ich Ihnen alles mögliche erzählen, nur eines nicht, dass das Mittel geholfen hat. Mein Gehör wurde im Laufe der Zeit immer schlechter. 
 
Mit dem Schlechterwerden wurde mein Freundes- und Bekanntenkreis auch immer kleiner, weil es immer mehr Probleme mit dem Hören, aber auch mit mir selbst gab. Ich hatte ein Motorboot, hatte einen Wohnwagen, habe geangelt, gekegelt, getanzt, bin Autorennen gefahren, alles mögliche und unmögliche angestellt, um zu beweisen: „Ich kann das auch", nicht nur Hörende, ich kann mithalten. Meinen beruflichen Werdegang habe und hatte ich auch nur zusammen mit meiner Frau durchführen können. Sie hat immer mit einem Ohr für mich gehört. Anscheinend bin ich nun mit 61 Jahren in den „Wechseljahren", denn voriges Jahr im Frühjahr 2001 hatte ich schon eine deutliche Verschlechterung bemerkt und dies ist bis zum Sommer so rapide schlechter geworden, dass ich große Probleme selbst mit dem Verstehen meiner Frau hatte. Da erinnerte ich mich an eine Dame, die ich von einem Seminar in Rendsburg her kannte. Ihr damaliger Name war Hanna Stuhr aus Wischhafen an der Elbe. Heute vielen von der Zeitschrift Schnecke her als Hanna Hermann bekannt. Sie hatte ein Cochlea-Implantat damals bekommen und zwar in Hannover. Da fiel mir Hanna wieder ein. 
 
Da ich weder ein noch aus wusste mit meinem „Hören", setzte ich mich an meinen Computer und suchte, die Adresse der Medizinischen Hochschule Hannover heraus. Meine Frau rief dort an und bekam einen Termin im Oktober 2001 zur Vorstellung in Hannover. Dort wurde mir nach einer speziellen Computertomographie des Hörzentrums geraten, das Implantat in mein linkes Ohr, wo sich noch ein geringer Hörrest befand, implantieren zu lassen, da die Erfolgsaussichten wesentlich besser seien. Gegen die Bedenken meiner Frau habe ich dies auch durchführen lassen. Mein Motto ist: „Ich will hören" und zwar so gut als möglich. Nach weiteren Untersuchungen wurde ich dann im August 2002 mit einem Cochlea-Implantat von Clarion versorgt. Seit der Operation bin ich auf beiden Ohren gehörlos. Ob Med-El, Nucleus oder Clarion, die Cochlea-Implantate sind alle gut. Mich für ein Clarion zu entscheiden, wurde durch den Kontakt mit Klaus Grünwald ausgelöst. Ich war begeistert, wie gut er hören konnte. Klaus habe ich anlässlich des Besuchs der CI-Selbsthilfegruppe Frankfurt kennen gelernt, in der sich Sigrid und Wolfgang Kaiser sehr engagieren. 
 
Vier Wochen nach der Operation, am 16. September 2002 bekam ich mein „fünftes Ohr", den Sprachprozessor angepasst. Das erste was ich damit hörte war schrecklich! Krach, Lärm, Geräusche, undefinierbares Gebrabbel und weitere komische Sachen. Nach 15 Minuten (!) hörte ich das erste Mal (!) eine Triangel, nicht gut deutlich, aber ich hörte die Triangel aus anderen Geräuschen heraus. Nach einer Stunde habe ich schon etwas von meiner Frau verstanden, natürlich auch mit Mundablesen zusammen. 
 
14 Tage nach meiner Operation war Gründungsversammlung vom CIV HRM in Frankfurt. Natürlich war ich dabei, aber noch gehörlos, weil ich noch keinen Prozessor hatte. Nach nur drei Wochen war ich in Frankfurt am 12. Oktober endlich mit meinem „fünften Ohr" dabei und muss sagen, dass ich mit Mundablesen und hören keinerlei Probleme hatte. Meine übrigen „vier Ohren" waren nicht funktionsfähig bzw. nicht vorhanden. Ab sofort hatte ich nur noch meinen braunen Lauscher und ich muss sagen, dass ich damit wunschlos glücklich bis heute bin. Ich kann wieder „hören", wirklich richtig „hören", nicht raten, nicht vom Mundablesen und nicht nach meiner Frau gucken, welches Gesicht sie gerade macht. 
 
Jetzt habe ich fünf Wochen Hörtraining in der Baumrainklinik in Bad Berleburg hinter mir und habe meinen Prozessor seit drei Monaten auf Empfang. Am 17. Dezember 2002 wurde bei mir in Hannover ein ganz neues Programm eingegeben, das völlig neu ist und alle 16 Elektroden sind nun im Betrieb. Ich kann telefonieren auch mit fremden Personen, habe beim Umgang mit Freunden und mit meiner Frau keinerlei Probleme mehr, kann selbstständig ohne meine Frau Geschäfte abschließen und bin nun dabei mir ein ganz neues Selbstbewusstsein aufzubauen. Ich versuche und mache schon vieles ohne mein „Ohr Nummer drei und vier" und es geht wunderbar. 
 
Es muss jedem klar sein, dass ein Sprachprozessor kein Musikprozessor ist, denn die übertragene Frequenz von ca. 250 Hertz bis ca. 8000 Hertz entspricht in etwa nur der Sprache eines Guthörenden, während Musik, Singstimmen und andere Geräusche von Hörenden weit darüber hinaus wahrgenommen werden. Doch die Technik schreitet immer weiter fort und die Chips in dem Prozessor werden immer leistungsfähiger. Eines Tages gibt es wahrscheinlich voll implantierte Hörcomputer, Mikropumpen mit Hormonen, die die Hörschnecke wieder funktionsfähig machen und Prozessoren, die das volle Spektrum eines Guthörenden übertragen können. 
 
Ich habe mir einen MP3-Spieler zugelegt und habe auf diesen von meinem Computer mir bekannte Musiktitel übertragen. Nun höre ich stundenlang und singe manchmal Lieder mit, die mir bekannt sind. Die Musikgeräusche sind als Störgeräusch zu betrachten und so übe ich gleichzeitig mein Hören. Nur das Singen ist nach Auskunft meiner Frau natürlich in den Ohren von Guthörenden kein Singen, mit einem Lauscher geht es auch schlecht, sondern mehr das Hören der eigenen Stimme. Aber ich möchte auch noch so einen zweiten „Lauscher". Mal sehen ob es klappt.
 
Um mich herrscht die große Stille, 
nicht ein Laut durchdringt das dichte Zelt, 
es war einfach Gottes Wille,
nichts zu hören auf dieser Welt.
Doch jetzt hab ich einen Lauscher,
der für mich die Ohren ist,
er ist der Weg aus meiner Stille, 
alles ist nun wieder lauter, 
hör ich doch die ganze Welt,
wunschlos ist mein Glück bestellt.
 
Nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen möchte ich noch anmerken, dass ein Cochlea-Implantat nur sinnvoll ist, wenn noch das Hörzentrum im Gehirn intakt ist. Verschiedene Gehörlose, die noch nie gehört haben und ein Implantat haben, lehnen das Implantat ab, es mache nur Krach usw. und benutzen es nicht. 
 
Es ist eine Hörprothese und man muss Bereitschaft mitbringen, das Hören neu zu erlernen, nur so ist das Hören damit dann auch ein Erfolgserlebnis. 
 
Ich möchte meinen Lauscher nicht mehr missen.

 

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