Zum Hauptinhalt springen

Der Abschied von meinem Hörgerät Teil 1

Ich bin 42 Jahre alt und habe am 27. Juni 2003 mein Restgehör verloren. Beruflich bin ich Abwassermeister und technischer Betriebsleiter in Hessen. Bevor ich nun auf mein neues Nucleus zu sprechen komme, möchte ich kurz meine Hör-Biografie darlegen. Dies ist wichtig, um zu verstehen, welche Wege man in seinem Leben mit schlechten Ohren gehen muss. Vielleicht ist durch den Einsatz eines Cochlear Implantats endlich ein Ende der Fahnenstange abzusehen.
 
Mit 17 Jahren habe ich meinen Schulabschluss, ohne erkannte Hörschwierigkeit, erreicht. Heute weiß ich, warum ich solche Probleme mit Englisch und mit Diktaten hatte.
 
In meiner Ausbildungszeit zum Matrose-Bootsmann in der Rheinschifffahrt hat mein Ausbilder festgestellt, dass ich Hörprobleme habe. Nach einigen Untersuchungen in der Uni Düsseldorf wurde dies bestätigt und als Diagnose eine „Infektiöse Ohrenkrankheit" festgestellt. Man vermutete, dass ein starker Keuchhusten in meinem 6 – 7 Lebensjahr die Ursache sein könnte.
 
Ich wurde daraufhin mit zwei Hörgeräten versorgt. Ich habe natürlich lange gebraucht diese Geräte zu akzeptieren und anzuziehen. Eine Verschlechterung meiner Ohren konnte über Jahre nicht festgestellt werden.
 
Links habe ich weitgehend gut gehört, rechts war schon ziemlich schlecht, aber ich hatte noch ein gutes Wortverständnis.
 
Da ich mit Hörgeräten kein Kapitänspatent machen durfte, habe ich mich im Jahre 1985 zum Ver.- u. Entsorger umschulen lassen. In diesem Beruf begann ich 1989 mit der Meisterschule.
 
Ende 1991, kurz vor der Abschlußprüfung bekam ich auf der linken Seite einen Gehörsturz, der in der Uni Mainz 3 Wochen stationär behandelt wurde, aber leider ohne Erfolg.
 
Obwohl ich danach nur noch mein schlechtes rechte Ohr zur Verfügung hatte, konnte ich die Prüfungen mit Erfolg abschließen. Meine berufliche Karriere zum technischen Betriebsleiter hat darunter auch nicht gelitten. Ich muss hier anmerken, das mein Arbeitgeber immer Verständnis für meine Hörprobleme hatte. Auch meine vier Mann Personal konnten damit ganz gut umgehen.
 
Die kleinen und großen Probleme, die man mit Hörgeräten hat, z.B. das Telefonieren mit Handy und andere Kommunikationsprobleme konnte ich immer in kleinen Schritten lösen, sodass es nicht allzu viele Einschränkungen Dritten gegenüber gab. Es hat natürlich Vorteile im Zeitalter des Faxgerätes, der E-Mail und der SMS zu leben.
 
Nun, wie in jedem anderen Beruf auch, gab es bei mir immer wieder extreme Stresszeiten. Genau in einer solchen Zeit habe ich dann mein Restgehör vollständig verloren. 
 
Zum Glück interessierte ich mich schon vor Jahren für das CI, sodass ich jetzt schnell auf dieses Wissen zurückgreifen konnte. Anfängliche Kontakte zu dem Schwerhörigenbund brachten keine zufriedenstellende Antworten. Nach stundenlangem Internetsurfen habe ich die Deutsche Cochlear Implantat Gesellschaft e.V. gefunden. Schnelle Informationen bekam ich dann von Frau Hermann, die mir empfahl, mich an den hessischen CIV HRM zu wenden, Ansprechpartner Michael Schwaninger. Ein persönliches Gespräch mit Herrn Schwaninger (beim Chinesen) im Beisein meiner Frau hat mich darin bestärkt, mir schnellstmöglich ein CI implantieren zu lassen.
 
Natürlich gab es noch einige wichtige aber auch persönliche Entscheidungen zu treffen:
 
- In welcher Klinik lasse ich mich operieren ?
- Welches Gerät möchte ich haben ?
- Wo absolviere ich die Reha? Ambulant oder stationär ?
- Welches Ohr lasse ich mir operieren?
- Und, und, und ????
 
Mit der geduldigen Unterstützung meiner Frau ( zum Telefonieren und zum Zuhören) und meiner 8jährigen Tochter waren alle Probleme schnell gelöst. Auch insbesondere die, mit der Krankenkasse. So konnte ich mir schon drei Monate nach meinem Hörverlust das CI implantieren lassen. Nun sitze ich noch mit meiner frischen Operationsnabe nichts hörend vor meinem PC und schreibe diesen Text.
 
Am 4. November 2003 habe ich die Erstanpassung für mein Nucleus. Die momentane Situation ist für mich sehr unbefriedigend und ich warte ungeduldig wie „ein Tiger im Käfig" auf den Tag der Aktivierung ................
 
Ich möchte mich an dieser Stelle ganz besonders für die freundliche Unterstützung bei meiner Operationsärztin Frau Dr. Silke Peters von der Uni Frankfurt bedanken. Auch bei Michael Schwaninger, der während meines Krankenhausaufenthaltes mit meiner Frau per E-Mail mitgezittert hat.
 
Eine lustige Episode zum vorläufigen Abschluss:
 
Nachdem ich am Operationstag morgens um 7.45 Uhr narkotisiert wurde, bin ich nach ca. fünf Minuten wieder aufgewacht. Kurze Zeit später wurde ich aus dem OP-Bereich geschoben, um wieder in mein Zimmer zu kommen. Ich fragte enttäuscht nach, warum meine OP abgebrochen wurde. Mir wurde lachend mitgeteilt, dass es schon halb zwei ist und die Implantation erfolgreich verlaufen war. 
 
Oktober 2003
 
Friedhelm van Koeverden
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
  • Erstellt am .

Erstanpassung und der neue Auria von Advanced Bionics (Clarion)

Nachdem ich nun schon 4 ½ Wochen mit dem CI höre (4 ½ Wochen? Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor...), will ich nun endlich meinen Bericht schreiben auf den viele Leute sicherlich schon sehnlichst warten.
 
Vorab kurz zu meiner Hörbiographie: ich war die ersten 11 Jahre meines Lebens normalhörend, bis ein Schularzt meiner Mutter anriet doch einmal mit mir zum HNO Arzt zu gehen. Mit 12 bekam ich meine ersten Hörgeräte, damals war ich leicht schwerhörig und von da an verlief die Schwerhörigkeit rasch progredient. Im Alter von 21 (Mai 2001) war ich bereits an Taubheit grenzend schwerhörig und zu diesem Zeitpunkt setzte die erste Überlegung ums CI an. Ich habe mir die Entscheidung jedoch nicht leicht gemacht und wurde dann schließlich am 12.06. dieses Jahres implantiert. 
 
Die lange Überlegungszeit brachte für mich zwei unerwartete Vorteile: ich erhielt zum einen das völlig neue HiRes90K Implantat, welches einen herausnehmbaren Magneten und ein noch stabileres Titan-Gehäuse hat und mir wurde zugesagt dass ich wahrscheinlich sofort bei der Erstanpassung den neuen Auria erhalten könnte. Letzteres war eine ganz besonders schöne Überraschung, da ich mich mit dem Oma-Beige des alten HdO nicht so recht anfreunden konnte und mich ursprünglich darauf eingestellt hatte noch eine ganze Weile auf den Auria warten zu müssen.
 
Am 24.07.2003 war es dann soweit, der große Tag war gekommen. Die Narbe war übrigens ganz wunderbar verheilt, sie war obwohl doch recht lang (bis in die obere Kopfhälfte hinein) sehr, sehr dünn und schon nach 3 Wochen kaum noch zu sehen. An dieser Stelle möchte ich auch Prof. Dr. W. Gstöttner und dem gesamten Team der HNO Uniklinik Frankfurt noch mal ganz herzlich danken. 
 
Dann kam also der große Moment. Da mit dem Auria doch irgendwas nicht sofort funktionierte erhielt ich bei der Erstanpassung den alten HdO, was mir aber in dem Moment recht egal war, denn es war doch aufregend. 
Die Anpassung wurde von einer Audiometristin der Uni-Klinik in Zusammenarbeit mit einem Techniker von Advanced Bionics durchgeführt. Zuerst kamen also Töne. Diese empfand ich als wunderbar klar und es kam mir nicht viel anders vor als beim Hörtest. ABER, dann wurde das CI eingeschaltet. Ich hörte nichts außer einem einzigen Piepsen. Alles piepte ganz fürchterlich. Wenn jemand sprach hörte ich zwar den Rhythmus (piep-pieppieppiep-piep), aber ich konnte weder Frauen- noch Männerstimmen noch sonst etwas unterscheiden. Dank der vielen Erstanpassungsberichte anderer CI Träger schaffte ich es jedoch einigermaßen gelassen zu bleiben und empfand das ganze eher als ungeheuer spaßig, während meine Mutter am liebsten die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen hätte.
 
Zu Hause angelangt ging ich dann auf Entdeckungsreise und konnte feststellen, dass z.B. ein Kugelschreiber nicht piepte, sondern klickte und auch das umrühren eines Teelöffels in der Tasse sich recht normal anhörte. Von da an ging es von Stunde zu Stunde aufwärts. Bereits am Nachmittag hatte ich das Gefühl unter dem Piepen die einzelnen Stimmen heraushören zu können und gegen Abend konnte ich sogar schon ohne Absehen Vokale unterscheiden. 
 
Am nächsten Morgen kam ich mir vor wie ein Kleinkind vor Weihnachten: Einschalten des CI's – große Spannung! Die Überraschung kam prompt: das Piepen war weg. Statt dessen hörten sich Stimmen nun leicht roboterhaft an, aber trotzdem schon deutlich besser als am Tag davor. 
Da ich studiumsbedingt zwischen Frankfurt und Köln pendele war am Freitag also eine längere Autobahnfahrt angesagt. Schon seit ich längere Strecken fahre, fahre ich eigentlich generell nur mit Musik. Also dachte ich, gut, probierst du es aus. Gesagt, getan, CD-Player angeschlossen und los ging's. Das Ergebnis war umwerfend. 
Obwohl sich manches noch etwas ungewohnt anhörte, konnte ich auf einer CD mit einer relativ unbekannten Lied-Reihenfolge fast alle Lieder relativ prompt erkennen, viel besser als zum Ende mit dem Hörgerät. Es war unglaublich... 
 
Die ganze erste Woche lang kam ein großer Sprung nach dem anderen. Am Samstag hatte ich eine 8-stündige Sitzung mit 6 Personen, welcher ich nur mit CI und Absehen folgte ohne das Hörgerät oder die FM Anlage hinzuzunehmen. Es ging mit Riesenschritten vorwärts...
 
Am Donnerstag den 31.07. war dann die 2. Anpassung angesagt. Nun bekam ich tatsächlich den schönen Auria. Bei der Anpassung wurden alle Frequenzen deutlich hoch gesetzt. Ich verstand schon jetzt besser als am Ende mit den Hörgeräten, die Stimmen hörten sich fast normal an. Die Techniker waren wohl genauso begeistert wie ich selbst. 
Wieder zu Hause angekommen kam dann wohl das Highlight des Jahres. Ich wollte es einfach wissen und griff zum Telefonhörer. Und siehe da: es ging!!! Ich konnte tatsächlich telefonieren, ohne jegliches Hilfsmittel wie Induktionsschleife oder ähnlichem. Die Begeisterung war riesig!!!
 
Natürlich verstehe ich auch jetzt (nach der inzwischen 5. Anpassung) am Telefon längst nicht alles. Aber mit mir bekannten Leuten und ab und zu nachfragen funktioniert es recht gut und es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, endlich wieder telefonieren zu können. Schließlich gehörte dies zu meinen guthörenden Zeiten zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen, gegen Ende hatte ich es jedoch völlig aufgegeben, weil es mit dem Hörgerät einfach nicht mehr ging.
 
Letzte Woche wurde meinen Glücksgefühlen ein kleiner Dämpfer aufgesetzt als ich auf einmal einen ziemlich lauten Tinnitus auf dem CI Ohr bekam. Dieser war fast einen Tag lang unerträglich. Danach wurde die Einstellung des CI's noch mal ein kleines bisschen zurückgeschraubt. Evtl. war es einfach ein Schritt zuviel, vielleicht hing der Tinnitus auch mit einer gleichzeitig auftretenden Erkältung zusammen, ich weiß es nicht. Momentan bin ich froh, den Tinnitus wieder los zu sein und selbst mit der leicht herabgesetzten Einstellung am CI verstehe ich immer noch um ein vielfaches mehr als mit dem Hörgerät.
 
Das ganze Hören ist voller geworden, vieles ist wieder viel lauter als früher und ich habe seit langem das Gefühl wieder so etwas wie ein räumliches Hören zu haben. Geräusche unterscheiden sich mehr und ich nehme auch leise Dinge wieder wahr, wie z.B. das Ticken der Uhr oder wenn etwas herunterfällt. 
Ab und an, vor allem morgens gönne ich mir durchaus auch mal Hörpausen und setze das CI nicht sofort ein. Dennoch ist alles mit CI weitaus weniger anstrengend. Mit den Hörgeräten war ich nach einem langen Tag oft völlig k.o. und wollte sie nur noch so schnell wie möglich los werden. Mit dem CI ist mir das bis jetzt nicht einmal passiert!
 
Nun bin ich mehr als gespannt was noch alles auf mich zukommen wird und freue mich schon auf die weiteren Anpassungen. Selbst wenn es sich nicht mehr steigern würde, so hätte das Hören schon jetzt die OP mehr als aufgewogen. Ich bin sehr froh, dass ich mich zum CI entschieden habe, auch wenn die Entscheidung keine leichte war.
 
 
Letztendlich möchte ich mich auch bei den Mitarbeitern von Advanced Bionics noch einmal ganz herzlich bedanken für die tolle Arbeit und alle Infos!
Mein ganz besonderer Dank gilt Herrn Weßel, den ich per e-mail mit Fragen löchern durfte und auf alles eine nette Antwort bekam und der sich dafür eingesetzt hat, dass bei der OP und der Anpassung alles reibungslos klappte, Herrn Pohl, der mir auf dem Kongress in Köln Rede und Antwort stand, Herrn Gazibegovic und Herrn Otting, dass Sie bei der Anpassung anwesend waren und noch mal ganz allgemein dem Büro in Merzig für die herzliche Betreuung! Ich habe mich bei Ihnen bisher stets in guten Händen gefühlt und denke das wird auch sicherlich so bleiben.
 
 
Köln, den 26.08.03
 
Nina Morgenstern
 
CI-Träger oder CI-Anwärter die sich zwecks Austausch oder Fragen bei mir melden möchten, können das gerne tun unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 

6 Tage nach der OP...

 
 

 

Nur eine Woche später...

 
 
 

Und hier das Endprodukt... ;o)

 
 
 
  • Erstellt am .

Sei froh, dass man deine Behinderung nicht sieht!

Diesen Satz sagte eine gute Freundin und ich weiß, dass sie ihn ehrlich meinte und mir damit nach meiner Ertaubung Trost zusprechen wollte. Ja, ich bin durch meine Ertaubung schwerbehindert und auch mit Cochlear Implantat schwerhörig und damit nicht mehr uneingeschränkt kommunikationsfähig. Und sicherlich bin ich auch in vielen Situationen sehr froh darüber, dass man mir meine Behinderung nicht immer ansieht, eine Stigmatisierung ausbleibt. Andere behinderte (oder beeinträchtigte) Menschen haben es in unserer Gesellschaft oft viel schwerer, werden angestarrt, gemieden usw. Sie wären bestimmt dankbar, wenn man ihre Behinderung nicht sehen würde. 
 
Trotzdem bin ich nachdenklich geworden und habe über die Hörbehinderung nachgedacht. Weil der andere sie nicht sieht, kann sie oft zum Problem, ja sogar zu einem Hindernis werden. Eine Hörbehinderung ist eine Einschränkung, die gerade im Kontakt zu anderen Menschen Grenzen und Probleme aufzeigt: 
beim Einkaufen kann man an der Theke oft die Bedienung nicht verstehen, weil Musik im Hintergrund spielt, gerade eine Durchsage kommt, sich die anderen Kunden in der Warteschlange miteinander unterhalten: 
an der Kasse kann man den Betrag nicht hören, weil der Umgebungslärm zu groß ist: 
im Straßencafé kann man keine lockere Unterhaltung führen oder die Bedienung nicht verstehen, weil der Straßenlärm stört; 
auf dem Bahnhof kann man die Durchsagen nicht hören, weil der Sprecher undeutlich spricht und ein gerade einlaufender Zug bzw. der Störlärm alles übertönt: 
auf dem Bürgersteig kann man den Passanten nicht vorbei lassen, weil dieser mich auf dem nicht versorgten Ohr anspricht;
im Zug kann man die Durchsagen nicht entschlüsseln, weil die Übertragungsqualität schon für einen normal Hörenden zu schlecht ist.
Es gibt noch viele, viele dieser Alltagssituationen, die deutlich machen, dass man als Hörgeschädigter viele Informationen nicht erfährt.
 
So bin ich dann in all diesen Situationen aufgefordert, meine Behinderung zu erklären. Ich muss meinen Mitmenschen mitteilen, dass ich schwerhörig bin, dass ich nicht richtig verstehe, dass ich etwas nicht verstanden habe. Das ist auch kein Problem für mich, ja, ich sage es selbstbewusst: "Es tut mir leid, ich bin schwerhörig, ich konnte Sie nicht verstehen, könnten Sie dies bitte noch einmal wiederholen?" Daraufhin schauen die meisten verdutzt, oft sogar verlegen, wiederholen aber selbstverständlich, oft aber genauso leise und undeutlich wie zuvor. 
 
Ich spüre, mein Gegenüber glaubt mir nicht oder versteht mein Problem nicht.
 
So erlebte ich erst kürzlich eine Situation in der Bahn: Die Durchsage war sehr wichtig für mich, da der Zug verspätet und meine Anschlussverbindung nicht mehr gültig war. Ich hatte die Durchsage nicht gehört, fragte dann den Zugbegleiter nach der bestmöglichen Verbindung. Ich erklärte, dass ich nicht gut höre, doch dieser antwortete nur: 
 
"Dann hören Sie doch besser hin!" 
 
Ich wiederholte noch einmal, dass ich schwerhörig bin, die Ansage nicht verstehen könne, er mir doch bitte sagen möchte, wie mein weiterer Reiseverlauf nun wäre. Alle Mitreisenden waren inzwischen aufmerksam, schauten interessiert, sie sahen meine Behinderung nicht, aber alle waren nun darüber informiert. Vielleicht wäre es da manchmal einfacher, man sähe mein CI und damit meine Behinderung! Vielleicht wäre man etwas sensibler, auch wenn eine Hörbehinderung schwer nachzuvollziehen ist. 
Leider hatte ich auch mit dieser zweiten Bitte keinen Erfolg, der Zugbegleiter schaute nicht ins Fahrtenbuch, bemerkte nur, dann sollten doch die beiden mir gegenüber sitzenden Mitreisenden für mich zuhören. 
 
Ich fühlte mich mit meiner Behinderung nicht Ernst genommen, war zutiefst verletzt. 
 
Zum Glück waren dann die beiden mitreisenden Herren so nett, für mich aufmerksam zu hören und mir weiterzuhelfen. Wäre diese Situation eine andere gewesen, wenn man mir die Behinderung angesehen hätte? Oder liegt es daran, dass eine Hörschädigung in ihrem Ausmaß und ihrer Einschränkung von anderen oft nicht richtig nachvollzogen werden kann? Oder liegt es einfach nur daran, dass unsere Gesellschaft das Miteinander immer weniger lebt.
 
Wir sind im Jahr der Behinderten! Ich bin der Meinung, dass es eigentlich egal sein sollte, ob man nun eine Behinderung sieht oder nicht. Wichtig wäre einfach, dem Mitmenschen, der Hilfe benötigt oder um Hilfe bittet, egal ob er behindert ist oder nicht, auch zu helfen.
 
Ute Jung
Wilhelmstrasse 45
56584 Anhausen
  • Erstellt am .

Die Stimme in meinem Herzen

Der Weg einer gehörlosen Frau
 
Heather Elizabeth Green
 
An einem Sonntagabend zeigten Missionare Dias von einem fernen Land und erzählten von ihrer Arbeit. Unter den Menschen, die zu diesem Vortrag gekommen waren, befand sich auch ein sechsjähriges Mädchen. Als die Kleine die Bilder sah, die der Projektor an die Wand warf, wusste sie plötzlich: „Ich werde Missionarin!" Soweit sie es in ihrem Alter begreifen konnte, war ihr klar, dass es sich dabei um einen lebenslangen Dienst handelte. Doch sie hatte keine Ahnung, wohin sie diese Entscheidung einmal führen und welche Schwierigkeiten auf sie zukommen würden. Denn das Mädchen war gehörlos.
 
Als ich vier Jahre alt war, verlor ich achtzig Prozent meines Gehörs, zwei Monate vor meinem dreizehnten Geburtstag dann den Rest. Die Ursache davon war wahrscheinlich beides Mal eine negative Reaktion auf bestimmte Medikamente. Es geschah alles ganz plötzlich. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich ein ausgesprochen liebes Kind war und immer sofort gehorchte, wenn sie mich riefen. Deshalb können sie auf die Minute genau sagen, wann ich als kleines Mädchen mein Gehör verlor. Denn plötzlich reagierte ich nicht mehr. Rückblickend kann ich sagen, dass ich praktisch mein Leben lang gehörlos war. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, mit seinen natürlichen Ohren zu hören.
 

Träume in die Schublade gelegt

 
Meine Eltern haben auf diese Krise mit sehr viel Glauben reagiert. Bestimmt haben sie auch manchmal geweint, denn die Situation war nicht einfach für sie. Aber solange ich denken kann, waren sie davon überzeugt, dass Gott mich heilen würde. Diesen Glauben haben sie auch in mich hineingelegt. Ich erinnere mich, dass ich manchmal nachts wach wurde und merkte, wie mein Vater an meinem Bett stand und für mich betete. Ich wusste immer, dass meine Eltern mich lieb hatten, um mich besorgt waren und Gott im Hinblick auf meine Zukunft vertrauten - auch auf das, was sie nicht verstanden.
Vom Kindergarten bis zur dritten Klasse besuchte ich eine christliche Schule, danach wurde ich von meiner Mutter zu Hause unterrichtet. Ich weiß noch, wie ich mich als Teenager fragte: „Kann ich jemals auf die Universität gehen?" und „Wie soll ich überhaupt Missionarin werden?" Ständig war ich darauf angewiesen, dass andere für mich sorgten und mich über alles informierten. Wenn wir als Familie vorhatten, am Nachmittag wegzufahren, und sich an diesen Plänen etwas änderte, mussten mir meine Eltern das von Auge zu Auge mitteilen. Viele Menschen wissen gar nicht, wie viel von dem, was sie hören, unbewusst geschieht. Sie hören etwas und merken es nicht einmal. Auf diese Weise erhalten sie die meisten Informationen. Ich dagegen war darauf angewiesen, dass ich von anderen über alles auf dem Laufenden gehalten wurde.
Gehörlosigkeit ist eine sehr versteckte Behinderung. Wer einen Blinden sieht, erkennt an seinen Augen oder seiner dunklen Brille, dass er blind ist. Wer einen Gelähmten sieht, weiß sofort, dass er nicht laufen kann. Aber da viele Menschen Gehörlosigkeit meist nicht von außen wahrnehmen, stellen sie Erwartungen an einen, denen man nicht gerecht werden kann. 
Nach meinem letzten Gehörverlust kam es mir vor, als seien all meine Zukunftspläne zerstört. Wenn ich zurückdachte, sah ich die vielen Missionare vor mir, die bei meiner Familie zu Besuch gewesen waren. Und ich erinnerte mich, dass sie alle gut hören konnten, denn das war wichtig, um eine fremde Sprache zu erlernen.
 

Neue Hoffnung reifen lassen

Einige Monate später schien mich beim Bibellesen ein Vers regelrecht anzuspringen. „Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen" (Matthäus 21,22). Ich merkte, wie Gott zu meinem Herzen sprach: „Heather, wenn du glaubst, dass ich dich heilen werde, werde ich es tun. Aber du musst glauben." So fing ich an, Gott zu vertrauen, dass er mich heilen und mir eines Tages mein Gehör zurückgeben würde. 
Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag erzählten mir meine Eltern dann von einem Cochlea-Implantat. Das ist ein kleines, flaches Gerät - ungefähr in der Form einer Birne -, an dessen Ende 22 Elektroden sitzen. Diese werden in die Cochlea, einen Teil des Innenohrs, implantiert. Der Ton geht nun durch ein von außen ins Ohr eingesetztes Mikrofon zu einem Sprachprozessor, der sich ebenfalls im Ohr befindet. Dieser Sprachprozessor verarbeitet Töne zu elektronischen Signalen und leitet sie weiter zu einem Magneten, der durch die Haut hindurch mit dem Implantat magnetisch verbunden ist. Die Töne gehen also durch das Implantat, werden als Signale an das Gehirn weiterleitet und dort in Töne rückübersetzt, wie sie Menschen normalerweise hören. 
Als meine Eltern zum ersten Mal mit mir über das Cochlea-Implantat sprachen, erklärten sie mir, dass niemand genau wüsste, wie gut ich damit hören könnte. Auf jeden Fall würde man schrille Töne wie von einem Rauchmelder wahrnehmen. Was darüber hinausging, hing von dem einzelnen Menschen ab. Doch ich hatte mir meine Meinung bereit gebildet: Wenn Gott mich heilen würde, dann auf übernatürliche Weise und nicht mit Hilfe eines von Menschen erdachten Geräts. Aber meine Eltern baten mich, darüber nachzudenken und zu beten, und ich versprach es ihnen. Ungefähr einen Monat später wusste ich ganz tief in meinem Herzen: „Gott will, dass ich dieses Implantat bekomme!"
Ich selbst wollte das eigentlich nicht, denn ich hatte schreckliche Angst vor Spritzen, Krankenhäusern – überhaupt allem, was mit Ärzten und Medizin zu tun hatte. Doch ich hatte das Gefühl, dass Gott mich einem Test unterziehen wollte, um festzustellen, ob ich gehorsam war. 
Als der Operationstermin näher rückte, wusste ich ganz deutlich, dass ich mir drei Ziele setzen solle: Telefongespräche zu führen, Gesprochenes zu verstehen, ohne es von den Lippen abzulesen, und Musik zu hören und sie auch zu genießen. Keines dieser drei Dinge war mir mehr möglich gewesen, seit ich vier Jahre alt war. 
 

Ein neuer Ton im Leben

Einen Monat nach der Operation fingen meine Mutter und ich mit den Übungen an. Sie sagte etwas zu mir, und ich wiederholte, was sie meiner Meinung nach gesagt hatte. Dann ging sie in ein anderes Zimmer und sagte etwas anderes, da ein Ton auf unterschiedliche Art und Weise durch die Räume geleitet und dabei oft stark verzerrt wird. Das menschliche Ohr wird ganz natürlich damit fertig, aber das Implantat kann das nicht. Deshalb mussten wir Situation und Umgebung ständig verändern und immer wieder Neues ausprobieren. 
Nach fünf Tagen war ich imstande, alles zu verstehen, was mir meine Mutter vorlas oder zu mir sagte. Innerhalb von zehn Tagen konnte ich Telefongespräche führen, Musik hören und Gesprochenes verstehen, ohne es von den Lippen abzulesen. Nach drei Wochen kam meine Audiologin zu einer Routineuntersuchung zu uns nach Hause. Sie sagte, dass sie noch nie jemanden gesehen hätte, der von Anfang an so gut mit einem Cochlea-Implantat hören konnte. Ich erklärte ihr, dass Gott am Werk sei, um seinen Plan in meinem Leben zu erfüllen. Das Gleiche erzählte ich auch meinem Hausarzt und vielen anderen Menschen, die mich nach meinen Erfahrungen fragten. Oft meinen wir, wenn irgendetwas von Menschen hergestellt wird, hat es nichts mit Gott zu tun. Aber selbst mit diesem künstlichen Gerät in meinem Ohr erwies er sich als der Allmächtige. Ich konnte zwar üben, konnte mit meiner Mutter und meinem Vater daran arbeiten - aber nie hätte ich aus eigener Kraft so schnell so gut hören können. Für gewöhnlich dauert es Jahre, bis jemand mit einem Implantat an den Punkt kommt, an dem ich bereits nach wenigen Tagen war. Mir war klar, dass ich das nur Gott allein verdankte.
 

Klare Wegweisung

Nun rückte mein Traum, Missionarin zu werden, wieder in greifbare Nähe. Bereits als kleines Mädchen hatte ich mich sehr für andere Länder interessiert. Jeden Morgen hatte meine Familie zusammengesessen, aus einem Missions-Jahrbuch gelesen und für ein bestimmtes Land gebetet. Ich erinnere mich besonders an meine Gebete für Osteuropa und Russland. Schon damals war ich davon überzeugt gewesen, dass der Kommunismus in diesen Ländern eines Tages zusammenbrechen würde.
Als dann 1990 das kommunistische System in Osteuropa und der Sowjetunion tatsächlich fiel, freute ich mich sehr. Ich weiß noch, wie ich Gott unter Tränen darum bat, dass die Christen in diesen Ländern Kirchengebäude bekämen und ihm in Freiheit dienen könnten. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mir eine ganz besondere Liebe für die Menschen in diesem Teil der Welt geschenkt hatte. 
Eine weitere Richtungsweisung für meine Zukunft bekam ich im letzten Semester an der Universität. Ich hielt mich gerade in der Bibliothek auf, als der Bibliotheksleiter, ein pensionierter Missionar, auf mich zukam und sagte: „Heather, wie wäre es, wenn du nach Kiew in der Ukraine gehen würdest? Sie brauchen dort jemanden, der in der Bibliothek des Bibelseminars arbeitet." 
Sobald er das gesagt hatte, wusste ich tief in meinem Herzen, dass ich dorthin gehen sollte. Denn nie zuvor hatte ich mit ihm über meine Liebe zu Osteuropa gesprochen. 
Ich schrieb meinen Eltern eine E-Mail und erzählte ihnen von meinen Plänen. Sofort antworteten sie, wie begeistert sie darüber seien. Sie hätten bereits gewusst, dass Gott mich in den ersten Jahren meines Missionsdienstes in diesem Teil der Welt haben wollte. 
 

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen

Seit acht Monaten bin ich jetzt auf der Sprachschule in Kiew. Russisch ist eine sehr schwierige Sprache, unter den Hauptsprachen gilt sie als die viertschwerste der Welt. „Wie soll ich diese Sprache nur jemals lernen?", habe ich mich anfangs gefragt. Ich erinnere mich, wie ich nach ungefähr vier Wochen in der Sprachschule plötzlich überwältigt davon war, wie gut ich Russisch lernen konnte. Ich hatte geglaubt, es sei unmöglich, aber das war es nicht. Ich musste nur einen Schritt nach dem anderen tun und jeden Tag ein bisschen mehr aufnehmen. Wenn Gott uns zu etwas beruft, gibt er uns auch das nötige Rüstzeug. Mich hat er mit einem Gehör ausgestattet, damit ich Russisch lernen kann.
Mein Herz schlägt vor allem für die Frauen in der Ukraine. In diesem Land liegt die Scheidungsrate bei fast hundert Prozent. Ganz wenige Familien haben mehr als ein Kind, und die Zahl der Abtreibungen ist enorm hoch. Ich spüre, dass viele Frauen sehr verletzt sind. Und ich wünsche mir, Beziehungen zu ihnen aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen. 
Inzwischen hat mir Gott schon viele Türen zum Dienst geöffnet. Ich wurde eingeladen, in einer ukrainischen Kirche zu sprechen und in der Bibelschule zu lehren. Ich glaube, dass ich einen Weg für ukrainische Frauen ebnen soll, damit sie in Zukunft in ihrer Gesellschaft an Ansehen gewinnen und ihre Stimme gehört wird. 
 

An der Hoffnung festhalten

Im Nachhinein muss ich sagen, dass meine Eltern bei meinen Plänen, in den Missionsdienst zu gehen, eine sehr große Rolle gespielt haben. Das Beeindruckendste für mich war, dass sie mich losgelassen haben. Selbst als ich erst sechs Jahre alt war, haben sie es akzeptiert, dass ich Missionarin werden wollte. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je zu mir gesagt hätten: „Du schaffst das nicht!" Sogar nach dem kompletten Verlust meines Gehörs haben sie mich nie entmutigt. 
 
Das Geheimnis, warum ich meinen Traum so lange verfolgen konnte, liegt darin, dass ich einen Tag nach dem anderen lebe. Natürlich habe ich Ziele, Pläne und Wunschvorstellungen, aber ich habe festgestellt, dass ich jeden Tag so nehmen muss, wie er kommt. Das trifft besonders auf Tage zu, an denen praktisch alles schief läuft und ich mich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen möchte. Wenn ich mutlos bin, lese ich den Philipperbrief, denn er ermutigt mich, weiterzumachen und voranzugehen. Ich weiß, dass Gott mich durchbringen wird, und das ist für mich das Wichtigste. Mit seiner Kraft und Hilfe komme ich durch jeden Tag.
 
Aus Lydia - die christliche Zeitschrift für die Frau, Heft 3/2003. Mit freundlicher Genehmigung.
  • Erstellt am .