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… und alles ist gut – anders, aber gut anders

… und alles ist gut – anders, aber gut anders

Von Anja B.

Die ist eine Fortsetzung meines Erfahrungsberichts vom September 2020, der zu finden ist unter https://www.ohrenseite.info/erfahrungsberichte/497-hoeren-2-0-mein-weg-zum-ci-i-bericht-teil-1

Nach einem zunehmend anstrengender werdenden Weg anfangs mit Hörgerät, irgendwann ohne Hörgerät, weil es mir nichts mehr brachte, fand ich mich im September 2019 auf dem OP-Tisch wieder, um mich mit einem CI versorgen zu lassen.

Mehrere Hörstürze hatten mich auf dem linken Ohr bis zur an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit gebracht, was mich in meinem Beruf als Lehrerin dann zunehmend an die Grenzen meiner Belastbarkeit brachte. Im Klassenraum war das Gespräch mit nicht direkt vor mir sitzenden Schüler*innen je nach Stimmhöhe und -stärke oft zu einem Ratespiel geworden; sprachen mich Schüler*innen während Arbeitsphasen von irgendwoher an, musste ich nicht selten nach einem Gesicht schauen, das mich erwartungsvoll anschaute, denn die Richtung der Ansprache konnte ich nicht ansatzweise mehr erkennen. Die Schüler*innen waren oft so nett und winkten mir zusätzlich, aber der ständige Such-Modus war sehr anstrengend.

Ähnliche Probleme zeigten sich auch im Privatleben: ständig auf der Suche nach dem Telefon, die Bitte an Gesprächspartner, etwas zu wiederholen, in Dauerschleife, bei Gruppengesprächen mit Freunden in lauter Umgebung eher nur stille Beisitzerin statt Gesprächsteilnehmerin, gekrönt durch Aussagen wie „Du musst akzeptieren, dass die anderen guthörend sind“.

Am 20.09.19 bekam ich also endlich mein Implantat in der Uniklinik Essen. Die erste Zeit war wie bei wahrscheinlich vielen etwas unangenehm und seltsam. Ich hatte auf einmal ständig Sorge um meinen Kopf, der sich nun auch so ungewohnt anfühlte. Tagelang habe ich geübt, immer ein bisschen länger auf der operierten Seite zu liegen und die Implantatstelle anfassen konnte ich zu der Zeit auch nicht.

Eine große Umstellung war auch die nun eingetretene komplette Stille auf der Seite, hatte ich doch mein Restgehör bei den lauten tiefen Tönen durch die Operation verloren. Wenn ich nun auf der hörenden Seite lag, war ich im Hör-Nichts. Während ich mir jahrelang Stille und Ruhe vor meinem rauschenden Tinnitus gewünscht hatte, war ich plötzlich wie abgekapselt. Heute komme ich damit gut klar, finde es manchmal sogar ganz praktisch, dass ich je nach Position entscheiden kann, ob ich etwas hören möchte oder nicht.

Einen Monat später erfolgte dann die von mir gefürchtete Erstanpassung. Nachdem ich viele YouTube-Videos von Erstanpassungen gesehen hatte und mir Simulationen vom Hören mit CI angehört hatte, war ich recht angespannt und befürchtete, dass es sehr unangenehm werden könnte. Es war dann aber ganz anders, kein Knall im Kopf, keine Roboterstimmen, nur ein ungewohntes rhythmisches Dröhnen.

Mein Hörtraining sollte erst fünf Wochen später losgehen, ich hatte ja auch erst ein eher leises Programm mit der Möglichkeit auf Steigerung der Lautstärke. Weil ich aber etwas ‚tun‘ wollte, habe ich dann mit ersten eigenen Übungen angefangen, Apps und langsam gesprochene Hörbücher mit dem Text zum Mitlesen. Um mein CI gezielt anzusprechen, waren und sind meine Übungen in der Regel über Streaming.

Mit den Wochen und dem regelmäßigen Training wurde es immer besser, aus den „Nackfusen“ wurden „Matrosen“, das Rätsel um den „Widding“ („Hering“) und den „Wilticker“ („Elektriker“) konnte gelöst werden.

Und die Schule? Zum Glück hatte ich einen einfühlsamen und kooperativen HNO-Arzt, der mir schon vor der OP sagte, ich solle dann wieder beginnen zu arbeiten, wenn ich mich bereit fühlte. Ich weiß, dass viele dieses Glück nicht haben; umso mehr wollte ich die Zeit aber auch nutzen und mich so gut es irgendwie ging, vorbereiten.

In der Zwischenzeit hatte ich mein Training immer wieder verändert. Beim Hörtraining im CI-Zentrum, in dem wir zunächst mit FM-Anlage und Trainerin im anderen Raum geübt hatten, waren wir irgendwann zum Training im Störlärm übergegangen. Mein Verstehen wurde immer besser, aber die Erinnerung an die Schwierigkeiten im Störlärm aus der Zeit vor der OP ließ mich nicht los, sodass ich mir immer weitere Übungen zum Training zuhause ausdachte und auch am Silbenverständnis gearbeitet habe.

Mein CI-Ohr kam mir vor, wie ein kleiner Bruder, der an der Hand des großen Bruders überall mit hingenommen wird und eher unbeholfen und natürlich nicht so gut wie sein großer Bruder handelt. Der große Bruder war bei den Übungen immer wieder Hilfe und Korrektiv, sprang zur Not zur Kontrolle ein, wenn ein Wort partout nicht zu verstehen war und ‚sagte‘ beim Kontrollhören dem kleinen Bruder kurz vor. Er war es auch, der hin und wieder bei Streaming sagte, dass sich die Stimmen in echt doch viel schöner anhören oder aber auch sagte, dass die Stimme tiefer ist, was dem Gehirn dann anscheinend geholfen hat, die Wahrnehmung der Stimmhöhen auf der CI-Seite zu senken.

Nach monatelangem Training kam dann also der irgendwann doch insgeheim herbeigesehnte erste Arbeitstag – am Computer. Das Corona-Virus hatte plötzlich alles auf den Kopf gestellt, die Schulen waren geschlossen, die Schüler*innen wurden zuhause beschult. In dem vorangegangenen BEM-Gespräch hatte ich die Bedingungen meiner Wiedereingliederung und zukünftigen Arbeit klären können – und konnte zunächst davon so gut wie nichts umsetzen.

Statt steigender Gewöhnung an die Belastung im Schulgebäude und den Lärm von an die 1000 Schüler*innen um mich herum, saß ich weiterhin zuhause und führte in Abständen Videokonferenzen durch und erstellte Arbeitsmaterial. Als dann die Schulen wieder teilweise geöffnet wurden, kamen mir die reduzierten Klassengrößen und die reduzierte Schüleranzahl im Gebäude entgegen und ich konnte mich erproben.

In der Zwischenzeit war das CI für mich natürlicher Bestandteil des Tages geworden, ich vergaß das CI meistens sogar und wurde nur durch den Akku-Warnton an mein Elektro-Ohr erinnert.

Nach den Sommerferien startete dann der normale Schulbetrieb mit allen Schülern – und der Maskenpflicht. Schon zuvor hatte ich beim Einkaufen und in anderen Situationen bemerkt, dass mich der verdeckte Mund teilweise enorm einschränkte bzw. unter Druck setzte. Im Supermarkt war ich dazu übergegangen, mir einen Anstecker mit Hinweis auf meine Schwerhörigkeit anzuheften, aber in der Schule war so etwas nicht praktikabel.

Um es mir so weit wie möglich zu erleichtern, war und ist vom Schulbeginn an eine Packung mit OP-Masken mein Begleiter in der Schule, von denen ich den Schülern mit stark schallschluckenden Stoffmasken dann immer eine anbot. In der Schule habe ich einen eigenen Raum bekommen, in dem ich die Tische so stellen konnte, wie es für mich am besten ist – nämlich nach vorne ausgerichtet –, zusätzlich wurden sog. SilentPictures, also Dämmpaneele, an der hinteren Wand angebracht. Diese konnten allerdings derzeit aufgrund der dauernd geöffneten Fenster und der ständig geöffneten Tür ihr Potenzial nicht so recht entfalten.

Trotzdem kam und komme ich tausendmal besser zurecht als vor der OP. Würden die Stimmen nicht durch Masken gedämmt und die Mundbilder verdeckt, müsste ich wahrscheinlich noch weniger nachfragen und könnte die Richtung der Stimmen noch besser zuordnen. Vor einigen Monaten habe ich glücklicherweise eine Soundfield-Anlage mit einer größeren Anzahl an Handmikrofonen und einem Teil zum Streamen auf meinen Soundprozessor für den Unterricht bekommen. Das erleichtert das unterrichten sehr, da die gedämpften Stimmen für mich meistens wieder gut hörbar werden.

In der Zeit, in der ich durch den Wechselunterricht von Raum zu Raum ziehen musste, habe ich die Anlage oft stehen gelassen. Die Zeit, die Mikros in einem Raum ab- und im nächsten Raum wiederaufzubauen, zusätzlich zur Desinfektion der Teile, hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Diese Phase war ziemlich schwierig.

Insgesamt verzeichne ich eine deutliche Besserung: Ich höre wieder (meistens), wenn beim Radfahren hinter mir ein Auto fährt, finde mein Telefon (fast immer) auf Anhieb und kann mich auch bei Umgebungslärm deutlich besser und länger unterhalten.

Mühelos bewältige ich das natürlich nicht, an manchen Tagen bin ich abends ziemlich geschafft. Aber mein Kopf ist wieder „an“, ich bin wieder „vollständig. Im September feiere ich meinen zweiten CI-Geburtstag. Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit auf das CI hatte.  Alles ist gut, anders, aber gut anders 

Juli 2021
Anja B.

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Meine Perspektive zum Einsatz von Filtern in CIs und Hörgeräten

Meine Perspektive zum Einsatz von Filtern in CIs und Hörgeräten

Von Sylvia

Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Sylvia, ich wohne in Wien und bin 46 Jahre alt.

Durch Mumps-Meningitis im Alter von drei Jahren verlor ich links mein Gehör fast komplett und rechts war ich nach der Erkrankung mittelgradig schwerhörig. Ich wurde sehr rasch mit Hörgeräten versorgt und habe durch diese rasche Versorgung etwaige Defizite rasch ausgeglichen und lernte so ganz normal sprechen. Ich besuchte normale Schulen und bin seit 27 Jahren in einer Bank tätig. 

Wenn man sich mein Alter ansieht, stellt man fest, dass ich mit analogen Hörgeräten aufgewachsen bin. Diese Geräte nehmen das eingehende Signal stufenlos auf und leiten es analog an den Träger weiter - ungefiltert, mit voller Power.

Als die digitalen Geräte auf den Markt kamen, war ich ziemlich unglücklich, weil alles soft, gedämpft und vor allem in jeder Situation anders klang. Ich habe sehr lange damit gehadert und bin froh, dass es mittlerweile Hörgeräte gibt, bei denen man die Filter und die Automatikfunktionen nahezu komplett bzw. komplett abstellen kann. Ich brauche alle Informationen ungefiltert, um mich orientieren zu können.

Mit 43 Jahren wurde ich auf dem mittlerweile komplett tauben linken Ohr (inzwischen unversorgt, denn das Hörgerät links auf der tauben Seite habe ich mit 10 Jahren abgelegt, weil es mir nichts mehr brachte) mit einem Cochlea Implantat (CI) versorgt. Das Sprachverstehen ist dort extrem schlecht, aber Geräusche gehen gut und das CI unterstützt das Hörgeräte-Ohr.

Interessanterweise ist es beim CI genau umgekehrt. Ich trage MedEl Sonnet und durfte den Sonnet 2 mit Geräuschunterdrückung testen. Hier würde ich auf jeden Fall den Sonnet 2 mit dem Automatikprogramm zur Geräuschunterdrückung bevorzugen. 

Ich denke, der Grund für diese verschiedene Wahrnehmung liegt in der Gewöhnung bzw. Nicht-Gewöhnung. Je nachdem wie die Hör-Vorgeschichte ist, wird man entweder das eine oder das andere bevorzugen.

Ich würde es daher sehr befürworten, wenn die Hörgeräte- und CI-Hersteller den Nutzern beide Optionen (Automatikprogramme/Filter bzw. komplettes Ausschalten derselben) zur Verfügung stellen würden. 

Sylvia
Juni 2021

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Mein Weg zum Cochlea Implantat

Mein Weg zum Cochlea Implantat

Von Heinz Diefenbach

Hallo, mein Name ist Heinz Diefenbach, ich bin 73 Jahre alt und bin beidseitig mit Cochlea Implantaten von MedEl versorgt. 1972 wurde bei mir eine beginnende Schwerhörigkeit festgestellt, wahrscheinlich ausgelöst durch ein Knalltrauma in meiner Wehrdienstzeit. 1984/85 verschlechterte sich mein Sprachverstehen, besonders in geräuschvoller Umgebung, Tinnitus kam hinzu, ich bekam meine ersten Hörgeräte, welche ich aber eher selten getragen habe.

Anfang der 90ziger Jahre, ich war mittlerweile selbstständig tätig, wurden meine HdO Geräte mein ständiger Begleiter, ohne ging nichts mehr. Da ich noch einen guten Tiefton Bereich hatte, aber einen sehr steilen Abfall im Mittel- und Hochtonbereich, war die Einstellung für meinen Akustiker immer eine Herausforderung. Es musste bei den Einstellungen ein Mittelweg gefunden werden, sonst kam es zu ständigen Rückkoppelungen. Auch später mit Hörgeräten der neuen Generationen änderte sich daran nichts.

2004/5 versuchte ich aufgrund meiner Schwerhörigkeit, meine Nachfolge zu regeln, was leider nicht von Erfolg gekrönt war. Meine Hörsituation verschlechterte sich rapide und mein Tinnitus entwickelte sich zum Orkan. Dies war für meine Psyche eine sehr große Belastung. Zu Gesprächen bzw. Terminen mit Kunden musste ich teilweise jemanden aus dem Betrieb oder der Familie mitnehmen.

Im Jahr 2011 ergriff ich die Gelegenheit zu einer Reha. Dort bekam ich die ernüchternde Aussage des Chefarztes, dass ich mich doch mit CI’s befassen sollte, da ich ja nur noch ca. 20 - 25% Sprachverstehen hätte mit Hörgeräten. Dies war erst mal ein enormer Schock für mich, CI’s, das war doch was für Taube!

Doch dann ging alles sehr schnell. Über eine Freundin meiner Nichte bekam ich Kontakt zu einer CI-Selbsthilfegruppe und hatte hier den ersten Austausch mit CI-Trägern. Nach einigen Gesprächen und dem Besuch von Klinikvorträgen stand mein Entschluss fest, ich wollte ein CI.

Was mir nach all den Informationen, Gesprächen und Vorträgen klar geworden ist, es sollte eine in CI Operationen erfahrene Klinik, mit einer gut aufgestellten Audiologie für eine sichere lebenslange Nachsorge sein.

Im Jahr 2012 bekam ich dann in der Uni-Klinik Frankfurt mein erstes CI und 5 Wochen später die Erstanpassung des Prozessors. Nach fünf Anpassungsterminen hatte ich bereits ein Sprachverstehen von ca. 60% erlangt, welches sich in der anschließenden ambulanten Reha auf 75/80% steigerte. Ich war begeistert, hörte ich doch wieder Dinge, die ich schon Jahre nicht mehr gehört hatte. Durch Sprachtraining und ständiges Hinterfragen was dies oder das für ein Geräusch sei, bekam ich langsam ein immer besseres, sicheres Sprachverstehen.

2015 bekam ich dann mein 2. CI. Durch eine stationäre Reha in Bad Nauheim, mit viel Sprachtraining und der Synchronisation der beiden Prozessoren, erreichte ich dort eine Steigerung auf ca. 90% Sprachverstehen.

Heute habe ich ein gutes Sprachverstehen, gutes Richtungshören, höre wieder gerne Musik und meine sportlichen Aktivitäten, wie Radfahren und Skilaufen, natürlich beides mit Helm, sowie Besuche im Sportstudio sind ohne Probleme möglich.

Fazit:

Die CI’s haben mir wieder unglaublich viel Lebensqualität zurückgegeben! Meine sozialen Kontakte kann ich wieder wahrnehmen und ohne Scheu auf Menschen zugehen.

Mein Rat:

Sollten Sie von ihrem Akustiker oder HNO Arzt die Empfehlung für ein CI bekommen haben und möchten einen Austausch mit CI Trägern, suchen Sie Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe des Hessischen Cochlear Implantat Verbandes. Auf der Homepage civhrm.de finden Sie Ansprechpartner von Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe.

Was ich mir wünsche: 

Engagierte und interessierte niedergelassene HNO Ärzte und Hörakustiker, die informiert sind, die wissen, dass es ein Cochlea Implantat gibt, wenn Hörgeräte keine ausreichende Versorgung mehr bieten.

Heinz Diefenbach
Juni 2021

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Vom Auria zum Harmony zum Naida Q70 und nun zum Marvel/Sky

Vom Auria zum Harmony zum Naida Q70 und nun zum Marvel/Sky

Von Nina Morgenstern

Ich habe nun seit meiner ersten Cochlea Implantation im Juni 2003 schon einige Upgrades hinter mir und etliche Neuerungen miterlebt (die ansteckbare T-Spule, die FM Module usw.) und durch meine vielen Jahre bei der Bundesjugend auch sehr viele CI-Träger von Advanced Bionics (AB) kennengelernt.

Der Umstieg vom Naida auf den Marvel/Sky ist bisher tatsächlich das Upgrade, welches die meisten Veränderungen brachte. Sehr zum Positiven, allerdings leider auch etwas zum Negativen. Ich hoffe sehr, dass AB sich dazu noch Lösungen einfallen lässt, die durch eine geänderte Software behoben werden können. Sehr gespannt bin ich auch, wie andere AB Anwender noch von ihrem Upgrade berichten werden, da der Marvel/Sky sich ja noch in der Anpassungsphase befindet.

Etwas verwirrend finde ich im Übrigen die unterschiedliche Namensgebung für Erwachsene (Marvel) und Kinder (Sky), obwohl es ja der gleiche Prozessor ist und eigentlich nur die Farben den Unterschied machen. Erwachsene tragen übrigens auch gerne bunt, also trage ich streng genommen einen Sky und keinen Marvel. 😊

Im Kurzen


Was ist neu und sehr positiv beim Marvel/Sky:

  • Erweiterte Bandbreite
  • Bluetooth Anbindung
  • FM im Prozessor integriert
  • App, durch welche das Handy als Fernbedienung genutzt werden kann
  • Geringeres Gewicht und ergonomischere Form
  • Flacherer Überträger/Headpiece
  • Bei mir persönlich auch längere Akkulaufzeiten als beim Naida, das variiert aber natürlich individuell auch je nach Einstellung


Was ist der negative Wehrmutstropfen:

  • Eine Automatik, die sich bisher nicht vollständig deaktivieren lässt
  • Lautstärke nicht mehr getrennt am Prozessor regelbar, nur noch via App
  • Das interne Prozessor Mikrofon lässt sich nicht vollständig deaktivieren

Im Ausführlichen


Im Gegensatz zu den letzten Malen hatte ich mich diesmal vorher gar nicht eingehender mit den Neuerungen des Marvel/Sky befasst. Etwas überrascht wurde ich daher von der erweiterten Bandbreite mit der übertragen wird. Der Naida arbeitet im Bereich von ca. 350 – 8000 Hertz, der Marvel/Sky nun wohl tatsächlich von ca. 250 – 10.000 Hertz. Dadurch ist das Klangbild insgesamt natürlich etwas verändert. Die Umstellung ging aber für mich relativ gut, auch empfand ich die Änderungen als nicht so gravierend. Nur dass hohe Töne mehr durchkommen als vorher, ist mehr als deutlich. Als die Kinder neulich eine Tiersendung im Fernsehen schauten, bin ich tatsächlich etwas erschrocken als mir buchstäblich fast die Ohren wegflogen. Einige Vögel hatten wohl eine sehr hohe Stimmlage und da wurde extrem deutlich, dass der Marvel/Sky die hohen Töne mehr überträgt als der Naida bisher.

Eine weitere große und in diesem Fall positive Umstellung sind natürlich die schönen technischen Neuerungen die der Marvel/Sky mitbringt. Der Prozessor verfügt nun über Bluetooth, was bedeutet, dass man z.B. das Handy drahtlos mit dem Prozessor koppeln kann. So sind Telefonate oder Musik hören etc. problemlos ohne weitere Zusatzgeräte möglich. Die Bluetooth Verbindung ist bei meinem iPhone tatsächlich sehr gut und läuft bisher absolut störungsfrei. Der Prozessor schaltet schnell bei eingehenden Anrufen.

Die nächste große Neuerung ist, dass das FM Modul nun ebenfalls fest im Prozessor integriert ist. Es muss einmalig freigeschaltet werden und dann ist eine Anbindung der FM Anlage (Roger o.ä.) ebenfalls möglich, ohne dass wie bisher extra ein Empfänger aufgesteckt werden muss. Eine wahnsinnige Erleichterung, ganz besonders natürlich auch für alle Kinder in Schule und Ausbildung, die täglich auf die FM Anlage angewiesen sind. Es ist super, dass nach so vielen Jahren dieser Schritt jetzt gemacht ist.

Was weiterhin positiv zu erwähnen ist: Der Prozessor schaltet zwischen den Programmen und auch beim Einschalten viel schneller. Die vorher sehr lästigen 5 Sekunden oder mehr, die man bei jedem Programmwechsel „taub“ war, sind verschwunden. Das Umschalten geht flüssig und fast ohne Hörpause.

Die App am Handy ist ebenfalls eine nette Sache, auch wenn ich persönlich sie kaum nutze. Man kann die App wie eine Fernbedienung nutzen, also die Programme wechseln und die Lautstärke am CI regeln. Ebenfalls bekommt man den Status des Akkus angezeigt (100, 75, 50, 25 und 10%).

Jedoch gibt es leider auch etwas, was negativ zu erwähnen ist. Viele Hörgeschädigte mögen Automatik und sind froh, wenn das Hörgerät oder das CI eigenständig z.B. Störgeräusche heraus filtert. Jedoch gibt es ebenso viele Hörgeschädigte, die diese Automatik gar nicht mögen und damit überhaupt nicht zurechtkommen. Leider ist es beim Marvel derzeit nicht möglich diese Automatik vollständig abzuschalten. Man kann die automatischen Regelungen weitestgehend „herabsetzen“, ein komplettes Ausschalten ist jedoch nicht machbar.

Ich nutze derzeit das von AB in der Software als „Musikprogramm“ ausgewiesene Programm. Das soll laut AB das einzige Programm sein, in dem absolut nichts geregelt wird und unverfälscht übertragen wird. Leider stimmt das nicht. Auch dieses Programm regelt beim Auftreten lauter Geräusche. Das führt leider dazu, dass für mich aktuell Musik oder Radio hören beim Autofahren kaum möglich ist. Bei jeder Bodenwelle, lauterem Fahrgeräusch etc. regelt das Programm. Was noch viel ungünstiger ist, durch das ständige Herunterregeln verstehe ich die Kinder auf der Rückbank teils kaum noch.

Das ist meiner Meinung nach, ein Punkt, an dem AB ganz dringend nachbessern muss. Auch von anderen Anwendern habe ich schon gehört, dass sie damit ebenfalls Probleme haben und nach einer Lösung suchen wie man diese „Automatik“ loswerden kann. Mir ist auch etwas schleierhaft, was man sich dabei gedacht hat. Etliche CI Träger musizieren auch (privat oder beruflich). Wie soll ein CI Träger z.B. im Orchester musizieren, wenn der Prozessor ständig eigenständig vermeintlich „störende“ Geräusche wegfiltert?

Wir sind derzeit dabei den Kontakt zu AB zu suchen und hoffen sehr, dass durch eine Änderung in der Software da zeitnah eine Lösung gefunden werden kann. Als ich mich seinerzeit für AB entschieden habe, war AB die Firma, die eigentlich die Philosophie verfolgte möglichst viel unverfälscht zu übertragen, damit das Ohr selber arbeiten kann. Es wäre sehr, sehr schade, wenn dieser Weg jetzt plötzlich verlassen wird und CI-Trägern Automatiken aufgezwungen werden, die sie nicht haben möchten.

Ein weiterer Aspekt, der für mich nicht ganz so störend ist wie die nicht abzuschaltende Automatik, aber durchaus auch zu erwähnen: Es ist nicht mehr wie bisher möglich den Prozessor auf 100% T-Mic einzustellen, so dass das interne Mikrofon gar nicht mehr arbeitet. Man kann das T-Mic so stark wie möglich gewichten, was der 100% T-Mic Einstellung sehr nahe kommt. Jedoch geht das interne Mikrofon dennoch nicht vollständig aus. Es aktiviert sich, wenn der Prozessor entscheidet, dass das T-Mic einen Defekt hat und nicht mehr arbeitet. Eine gute Idee an sich, leider ist es bei mir jedoch in den noch nicht ganz 3 Wochen Tragezeit bereits 3x vorgekommen, dass das interne Mikro sich eingeschaltet hat, obwohl mit dem T-Mic alles in Ordnung war. Dann ist das Problem, dass man das nur wieder beheben kann indem man den Prozessor aus- und wieder einschaltet oder das Programm wechselt (was ohne App und durch alle Programme dann leider auch dauert bis man wieder im Ursprungsprogramm ist.)

Die Lautstärke ist nicht mehr wie bisher an jedem Prozessor getrennt einzustellen, sondern nur beidseitig. Schaltet man also links lauter, wird auch rechts lauter. Eine getrennte Einstellung der Lautstärke ist nur über die App möglich. Jedoch muss man auch dann aufpassen. Hat man via App das linke CI lauter eingestellt als das rechte und möchte danach wieder am Prozessor schalten, dann werden nicht etwa beide Prozessoren versetzt lauter oder leiser gestellt, sondern es schaltet sich dann der lautere/leisere Prozessor erstmal wieder dem anderen gleich. Wer also darauf angewiesen ist die Lautstärke getrennt zu regeln, benötigt zwingend die App.

Ich möchte hiermit niemandem vom Marvel/Sky abraten. Im Gegenteil. Gerade das Bluetooth und die FM Anbindung sind super Neuerungen. Auch das geringere Gewicht und der flachere Überträger machen sich positiv bemerkbar. Ebenso ist das schnelle Ein- und Umschalten ein Segen.

Die Automatiken jedoch sind ein riesiger Wermutstropfen, bzw. sicher auch für manchen Musiker ein „no go“ und ich hoffe sehr auf eine Lösung.

Derzeit trage ich meinen Marvel/Sky und versuche mich irgendwie damit abzufinden was da stört. Ob mir das dauerhaft gelingt, weiß ich noch nicht. Da der Marvel jedoch viel Positives mit sich bringt, hoffe ich sehr auf eine Lösung seitens AB.

Nina Morgenstern
Juni 2021

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