Ich bin 67 Jahre alt und auf beiden Ohren gehörlos, aber erst im Alter ertaubt. Ich wurde im Dezember 2015 auf dem linken Ohr implantiert, da war ich schon über zwei Jahre taub. Ich hatte etliche Hörgeräte im Lauf der Zeit, habe aber damit am Ende gar nichts mehr damit verstanden. Nach der Operation in Mannheim, die sehr gut verlaufen ist, kam ich Anfang Januar 2016 nach St. Wendel zur Erstanpassung. Bei der Erstanpassung ist man nur fünf Tage vor Ort. Als ich montags meinen Sprachprozessor bekam und auch gleich die erste Einstellung hatte, konnte ich es nicht fassen, denn ich konnte schon ein klein wenig hören. Jeden Tag finden CI Einstellungen und Logopädie statt. Als ich Dienstags morgen im Freien war, hörte ich einen Vogel! Ich konnte es kaum glauben und habe vor Freude Weinen müssen, denn ich konnte schon seit Jahren keine Vögel mehr hören. Das war so unbeschreiblich schön.
Als die fünf Tage vorbei waren, wurde ein Hörtest mit CI gemacht und da war ich wirklich sprachlos. Ich konnte Zahlen zu 100% und Wörter zu 80% verstehen. Ich war so begeistert. Aber als ich dann zu Hause war und auf die große Reha gewartet habe, wurde ich leider rechts dann taub. Dennoch kam ich dann aber Anfang März zunächst in die große Reha. Ich wurde dann im April - auch wieder in Mannheim - auf dem rechten Ohr implantiert. Wieder kam ich für fünf Tage zur Erstanpassung nach St. Wendel. Sie sind einfach Spitze dort was CIs betrifft.
Seit ich diese Implantate habe, lebe ich wieder!!!
Ich kann alles machen! Ich kann auf Konzerte gehen, habe sogar dieses Jahr eine Kreuzfahrt mit Peter Maffay und seiner Band mitgemacht, es war traumhaft schön. Ich gehe auch wieder sehr gerne ins Fußballstadion, um meine Mannschaft zu unterstützen. Aber das Schönste ist, ich verstehe meine Enkelkinder wieder, kann mit ihnen schwimmen gehen, kann im Wasser mit ihnen spielen, kann sie hören und wenn sie lachen geht mir das Herz auf. Ich habe dem Kleinsten dieses Jahr schwimmen beigebracht und wenn er mich etwas fragte, konnte ich immer Antwort geben. Es gibt nichts Besseres und Schöneres als wieder richtig am Leben teilzunehmen.
Ich bin so glücklich, dass es diese Implantate gibt, ich gebe sie niemals mehr wieder her.
Ich kann Telefonieren, kann Musik hören und wieder ganz normal Fernsehen schauen, ohne dass die ganze Straße mithört, welchen Film ich mir anschaue. Ich stehe wieder voll im Leben. Rosita Franck Juli 2018
"Von zentral-auditorischen Implantaten wie [...] dem AMI (Auditory Midbrain Implant) profitieren Patienten, deren Hörnerv nicht intakt ist sowie Patienten, deren Cochlea so stark verknöchert ist, dass kein CI mehr implantiert werden kann. In der Vergangenheit wurden vor allem NF2-Patienten (Neurofibromatose Typ 2) mit diesen Implantaten versorgt [...]. Diese zentral-auditorischen Implantate wurden an der HNO-Klinik der MHH mit entwickelt und weltweit erstmals (AMI) implantiert. Sie stellen für diese Patientengruppe die einzige Möglichkeit dar, das Hören wiederherzustellen."
Das AMI ist derzeit noch nicht "marktreif". Vielmehr steckt die Studie an der MHH Hannover bzw. am INI (International Neuroscience Institute) Hannover gerade in der zweiten Generation. Das Implantat wurde weiterentwickelt, die Operationsmethode verbessert und seit 2017 bis 2020 bekommen nun noch einmal fünf Patienten das AMI eingesetzt. Ich bin nun die Dritte dieser fünf, ich bin Teil dieser Studie.
Ich habe mein Implantat am 05.06.2018 bekommen und ich habe mir die Entscheidung im Vorfeld alles andere als leicht gemacht. Ich habe noch am letzten Tag vor der OP mit mir gehadert, ob ich die Einverständniserklärung wirklich unterschreiben soll. Klar - man hat mir des Öfteren versichert, dass ich schon schlimmere Operationen hinter mir hätte. Aber es ist wie mit vielem - umso mehr man darüber weiß, umso schlimmer wird es. Ich habe sogar überlegt, ob ich vorher mein Testament machen soll - kein Witz!
Mein Hauptproblem war, dass die "Elektrodenfäden" (oder Stäbchen, was auch immer) direkt an das Sprachzentrum des Gehirns anlegt werden. Und Operationen am Gehirn... Ich bin ja gerne gut über alles, was medizinisch bei mir gemacht wird, informiert. Aber diesmal war wohl jede Frage, die ich gestellt habe, eine zu viel…
Dann hieß es am Tag vor der Operation noch, dass "ein oder zwei" Tumore gleich mit entfernt werden. Im Aufklärungsbogen über die OP stand allerdings, dass bei gleichzeitiger Tumorentfernung das Risiko für Gehirnblutungen nochmals höher sei... Ja. prima!
Dann war es also so weit.
Ich habe mein Implantat dienstags bekommen (und entgegen der Aussage von "mindestens sechs Stunden Dauer" war ich ab morgens 08.00 Uhr den ganzen Tag im OP).
Freitags wurde das AMI dann erstmals eingeschaltet.
Mein Vater erzählte mir hinterher, dass bei diesem ersten Termin ja nur Reizstrom auf das Implantat gegeben werde um zu testen, ob überhaupt irgendetwas wahrgenommen werden könne. Es wäre ganz schön gewesen, wenn ich diese Information schon im Vorfeldgehabt hätte... So habe ich mich allerdings ein wenig alleingelassen gefühlt. Nicht, weil zu wenig Ärzte anwesend gewesen wären - ich wurde sogar von etwa acht Paar Augen beobachtet. Alleingelassen habe ich mich deshalb gefühlt, weil ich einfach nicht wusste, was auf mich zukommt.
Höre ich was? Wenn ja, was? Einen Ton? Mehrere Töne? Kommt überhaupt was? Oder spüre ich etwas? Und ich wollte ja auch nichts "falsch" machen..
Ich hatte (und habe!) keine Erwartungen an das AMI.
Aber meine Erfahrungen mit zwei nicht funktionierenden Cochlea-Implantaten haben ausgereicht, damit ich vom krampfhaften Konzentrieren nach dem ersten AMI-Test ziemlich fertig war. Und ja, ich konnte etwas "hören" - als erste AMI-Patientin konnte ich ein diffuses Brummen (ähnlich wie ein Trafokasten) wahrnehmen. Sogar auf 17 von 22 Elektroden.
Trotzdem habe ich nicht wirklich irgendwelche Erwartungen an das Implantat. Vielmehr harre ich der Dinge, die da vielleicht kommen mögen.
Ich stell mich erst mal vor, wenn´s Recht ist . Ich heiße Susanne und bin 69´er Baujahr. Vor 12 Jahren habe ich gemerkt, dass ich irgendwie schlechter höre.
Natürlich denkt man sich am Anfang so gut wie nichts dabei. Mal ist es besser, mal schlechter. Egal, was soll´s. Passt schon. Damals arbeitete ich im Geschäft meiner Eltern. Wenn Kunden kamen, musste ich oft deren Namen und Adresse aufschreiben. Weil ich oft nachfragen musste, habe ich mir schon langsam Gedanken um meine Ohren gemacht. Also bin ich zu einem HNO-Arzt. Der sagte nur, dass ich schlecht höre und in drei Monaten wieder kommen soll…das Ganze wiederholte sich noch zweimal, dann hatte ich die Schnauze voll. Kein Hörgerät, nichts. Nur Hörtest. Das war mir dann doch zu blöd.
Also ab zum nächsten HNO-Arzt. Gleiches Spiel. Deprimierend, echt. Das Ergebnis war, dass ich dann fünf Jahre gar nicht mehr zum Arzt ging. Keinen Bock mehr. Bis zum Jahr 2009. Da musste ich dann eigentlich als Notfall zum Augenarzt. Dieser war 20km von meiner Stadt entfernt. In der Gemeinschaftspraxis befand sich auch eine HNO-Praxis. Also versuchte ich es erneut. Zum Glück traf ich auf eine Ärztin, die sofort mit mir nebenan in den Hörgeräteladen ging und mir mein erstes Hörgerät verpasste. Yeah! Ich war happy…bis...ja bis ich ein Jahr später schon neue brauchte, weil mein rechtes Ohr plötzlich 20 Dezibel nachgelassen hatte, das linke sogar um 45. Warum das so ist, konnte die Ärztin nicht sagen. Es kam von heute auf morgen. Mit diesen Geräten ging es dann "gerade so". Zumindest rechts. Links habe ich schon fast nichts mehr gehört. Dank meiner Tochter fand ich den Weg zum CI Meine Tochter ist so ein YouTube-Freak. Irgendwie stieß sie auf eine Doku, bei der es um CI ging. Sie zeigte mir das sofort und meinte, das wäre doch was für mich. Wie Recht sie damit hatte!Auf Facebook fand ich eine Gruppe von CI-Trägern in meiner Stadt, die mich allesamt dazu ermutigten und mir ihre Erfahrungen erzählten. Nachdem ich mir einen Termin in der Cicero-Klinik in Erlangen besorgt hatte, ging der Weg zum Hören endlich los . Stichtag 17.Dezember 2017 Bis zu diesem Tag hatte ich Angst, dass ich für "sowas" nicht geeignet wäre. Die Ärztin, die mich dort empfing, klärte mich erst einmal auf. Dann musste ich zum Hörtest, der zwei Stunden dauerte. Eine halbe Stunde nach dem Test, war ich froh zu hören, dass ich ein CI bekomme… Juhuuuu, ich habe mich gefreut, wie ein kleines Kind. Im Januar 2018 hatte ich dann noch 3 weitere Untersuchungen. Ein MRT, ein CT und eine Gleichgewichtsuntersuchung. Nachdem ich von der HNO-Klinik in Erlangen dann das Okay bekam, ging es im April zur Sache. 24. April 2018 - Der Tag vor der OP Prof. Hornung von der HNO-Klinik sagte mir den Grund für mein schlechtes Hören. Otosklerose. Eine Krankheit, bei der sich das Innenohr von selbst umbaut. Leider mit dem Ergebnis, das man dadurch langsam, aber sicher taub wird. WOW! Endlich mal das Warum zu kennen, hilft schon viel.
25. April 2018 - OP Die Angst, dass es mir hinterher vielleicht schlecht gehen könnte, wurde mir schon im Vorfeld genommen. Das ganze OP Personal war superlieb und kümmerte sich ganz lieb um mich Angsthasen. Ich wurde in den OP Saal geschoben und wurde auf die OP vorbereitet…. Eine Stunde und 10 Minuten später hatte ich mein Implantat. Ja, es tat schon etwas weh… ich habe etwas gegen die Schmerzen bekommen und habe noch etwas vor mich hingedöst. Irgendwann bin ich wieder in mein Zimmer gekommen und hab festgestellt, dass mein Kopf eingebunden war… sah lustig aus. Nachts habe ich dann nochmal eine Schmerztablette bekommen.
Am nächsten Tag wurde mir bei der Visite der Verband abgenommen und meine Narbe wurde angeschaut. Alles okay.Auch Schwindelgefühle oder Übelkeit blieben komplett aus. In den nächsten Tagen habe ich viel geschlafen, so eine OP macht doch ein bisschen sehr müde. Tagsüber hatte ich nur einen Druck verspürt, nur nachts beim Schlafen habe ich was gegen die Schmerzen gebraucht. Nach vier Tagen wurde ich gebeten in die Cicero nebenan zu gehen, um mir meinen Prozessor auszusuchen. Ich habe mich für den Kanso entschieden, weil er so klein und fast unsichtbar unter den Haaren ist. Für uns Frauen echt praktisch . Ich bekam während meiner sechs Tage Aufenthalt vier Flaschen Antibiotika und durfte nicht direkt in die Sonne. Meine Zimmernachbarin und ich sind nebenan in den Park gegangen und haben es uns im Schatten eines Baumes gut gehen lassen. Am Sonntag wurde ich entlassen.
26. Mai 2018 - Aktivierung des CI Aufregung pur! Hoffentlich hör ich was... mein Gott war ich aufgeregt. Bei meiner Ankunft bekam ich gleich einen Zettel mit meinen Terminen für diesen Tag. Weil ich drei Tage dort war, ging meine Mutter als Begleitperson mit. Wir bekamen zusammen ein Zimmer zum Übernachten. Sowie Verpflegung für uns beide. Bei meinem ersten Termin ging ich in das Erdgeschoss. Dort erklärte mir die Audiologin, dass sie mir jetzt den Prozessor anbringt und einschalten wird… ich war echt nervös. Plötzlich hörte ich ein leises, aber deutliches "Piep".... Yippie, es funktioniert!!! Dann hatte ich erst mal Pause. Ich ging mit meiner Mutter ins Café der HNO-Klinik und lauschte, was das Zeug hielt. Naja, außer Piep kam nicht viel. Beim zweiten Termin musste ich zur Logopädin. Ich sollte erkennen, wie oft sie mit dem Hölzern gegeneinander schlägt. DAS habe ich gehört. Sehr leise, aber immerhin. Bei der kleinen Trommel hingegen musste ich passen. Nichts gehört. Sie meinte jedoch, das wäre nicht schlimm, mein Hörnerv würde trotzdem stimuliert werden. Schließlich war es eine sehr leise Einstellung. Das Ohr muss sich erst daran gewöhnen. Im Laufe des Tages sollte ich mit meiner Fernbedienung von 1 auf 4 kommen. Wir gingen dann nachmittags zum Erlanger Bergfest, das dort gerade stattfand. Hören bei dem Lärm? Fehlanzeige. Alles war dort laut, ich jedoch hörte rein gar nichts. 27. Mai 2018 Nach dem Frühstück ging es wieder zur Audiologin. Ich erzählte ihr vom gestrigen Tag und auch davon, dass ich obwohl ich auf "4" geschaltet auf dem Bergfest nichts gehört habe. Alles normal. Na gut. Sie meinte, das ändert sich gleich. Na, da bin ich mal gespannt. Doch erst musste ich laute und leise Töne bestimmen. Danach stellte sie noch irgendwas ein und fragte mich: "Hören Sie etwas?" Huuiiiii und ob!!! Ich hörte diesen Satz. Mann, war ich happy! Wow, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Die Stimme war leise und piepsig. Micky Maus lässt grüßen. Gleiches Spiel wie gestern. Bitte von 1 auf 4 kommen…okay, jetzt war ich dann doch gespannt, ob meine Mutter auch so klingt. Tat sie, aber ich habe vieles verstanden. Zwar musste ich mich sehr konzentrieren, aber es haute hin. Dann musste ich wieder zur Logopädin, die Zahlen und Worte mit mir übte. Sie war zufrieden mit mir. Dann wurde ich noch einmal zur HNO-Klinik geschickt, um meine Narbe begutachten zu lassen. Auch da war alles okay. Abends bin ich dann sehr bald ins Bett gefallen. Hören strengt doch ganz schön an. 28. Mai 2018 Auch heute ging es morgens gleich zur Audiologin. Wieder wurde etwas lauter eingestellt. Da mein letzter Tag war, hatte ich den Auftrag, innerhalb der nächsten 2 Wochen wieder auf 4 zu kommen. 13. Juni 2018 Die ersten zwei Wochen sind um. Und ich höre immer mehr. Ich verstehe immer mehr. Nach der Audiologin ging es wieder zur Logopädin. Auch sie war sehr zufrieden mit meiner "Ausbeute". Danach musste ich noch eine Psychologin besuchen. Die war sehr nett und da ich sehr gut mit dem CI klarkam, konnte ich, nach kurzem Gespräch wieder gehen. Inzwischen gehe ich in meiner Stadt zu einer Logopädin. Es hilft sehr und ich würde es jedem empfehlen. So bekommt man Anregungen und Tipps. Auch in meine Selbsthilfegruppe gehe ich. Zu Hause übe ich mit Handy Apps, die es speziell für CI - Träger kostenlos zum Downloaden gibt. Auch meine Mutter macht täglich kleine Hörübungen mit mir, die oft in einem großen Lacher enden 😊Wenn ich manchmal nur „Bahnhof“ verstehe.Mein nächster Termin im Cicero ist am 27. Juni.......bis dahin…. Juni 2018Susanne Rudolph
Ich kam Ende April 1988 in München zur Welt. Damals ahnte niemand, dass ich hörbehindert bin bzw. sogar gehörlos sein würde. Entsprechend wurden sich keine Gedanken über Hörgeräte oder Cochlea Implantate gemacht.
Bereits mit einem halben Jahr stellte meine Mama fest, dass mit meinem Gehör etwas nicht stimmte. Im Gegensatz zu meiner Schwester reagierte ich nicht auf Geräusche. Ich reagierte nicht, wenn man mit mir reden wollte oder ich nach Lauten Ausschau halten sollte. Diese Erkenntnis führte zu umfangreichen HNO-Besuchen. Einige Ärzte waren zuerst der Ansicht, dass mit mir alles in Ordnung sei, da dies mit der Entwicklung zusammen hängen könnte. Der Beharrlichkeit meiner Eltern ist es zu verdanken, dass bei mir, mit etwa einem Jahr im Klinikum Großhadern in München, meine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit festgestellt wurde. Für meine Eltern war diese Nachricht zunächst ein Schock, sie erholten sich jedoch rasch und überlegten, welche Möglichkeiten ich haben konnte. Sie wussten nicht, ob ich jemals sprechen oder einen Beruf erlernen könnte.
Unterstützung ist der Schlüssel zum Erfolg Dank der richtigen Leute am richtigen Ort bekamen meine Eltern Unterstützung. Sie besuchten Gebärdensprachkurse und erhielten umfassende Informationen zu Kommunikationsmöglichkeiten, technischen Hilfsmitteln (Hörgeräte) sowie zu Möglichkeiten eines Bildungsweg durch Kindergarten und Schule und auch logopädischer Förderung. Mit 18 Monaten bekam ich, vom Hörgeräteakustiker Leonardo Palumbo, meine ersten Hörgeräte. Von da an begann eine wunderbare Reise durch Sprache, Musik, Töne, Klänge und die Kommunikation. Jedes Geräusch machte mich neugierig. Meine Eltern kommunizierten mit mir, sowohl in der Gebärdensprache, als auch in der gesprochenen Sprache. Sie waren und sind auch heute noch der Ansicht, die Kombination beider Sprachen führe zu einer optimalen Sprachentwicklung hörgeschädigter Kinder. Für ihre offene Einstellung bin ich ihnen auch heute noch dankbar, da ich mit Wehmut erleben musste, wie gehörlosen und schwerhörigen Kindern eine der beiden Sprachen - insbesondere die Gebärdensprache - verwehrt wurde und sie nicht immer berufliche Chancen wie hörende Kinder im späteren Leben ergreifen konnten. Neben der Hörbehinderung erkrankte ich an spastischer Bronchitis. Dies ist eine insbesondere bei Erkältungen auftretende Asthma-Erkrankung. Die Folgen waren: Schlafstörungen und Krankenhausbesuche. Im Alter von vier Jahren besserte sich das Asthma und ich begann im gleichen Alter, mich richtig zu artikulieren. Bildung ist keine Frage von Behinderung Im Jahre 1992 besuchte ich die Schulvorbereitende Einrichtung, kurz SVE in München-Johanneskirchen. Wir waren in einer Gruppe sechs bis acht Kinder und waren alle schwerhörig. 1995 durfte ich die dortige Schwerhörigenschule besuchen. Die Regel-Grundschule dauert vier Jahre. Ich besuchte wie viele andere schwerhörige Schüler und Schülerinnen die Grundschule fünf Jahre. Grund war, dass wir auf Grund unserer Hörbehinderung mehr Zeit bekamen, um auf den gleichen Stand zu kommen, wie Kinder in der Regelschule. Nun begann auch die Zeit, in der meine Eltern und ich überlegten, wie mein schulischer Werdegang weitergehen sollte. 1996 erlebte ich meinen ersten von insgesamt drei Hörstürzen mit einem dauerhaften Tinnitus. Seitdem verschlechterte sich mein Gehör kontinuierlich. Dennoch und vielleicht auch gerade deshalb wollte ich noch mehr lernen und wollte auch den Menschen zeigen, dass ich trotz meiner Hörbehinderung in der Lage war, mich beruflich entfalten zu können. Wir hörten, dass die Samuel-Heinicke-Realschule in München zum ersten Mal den Einstieg bereits ab der fünften Jahrgangsstufe anbot. Ich wollte auf jeden Fall die Realschule besuchen. Die Aufnahmeprüfung stand an. Gesagt, getan und geschafft: Stolz. Ein wichtiger Hinweis für die Leser und Leserinnen: Die Samuel-Heinicke-Schule ist eine staatlich anerkannte Schule für Gehörlose und Schwerhörige. Der Vorteil an der Schule ist, dass hörende und hörgeschädigte Schüler und Schülerinnen gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden. Folge deiner Überzeugung Nach sechs Jahren Realschule hatte ich 2006 den Abschluss in der Tasche. Fertig war ich aber noch nicht. Ich wollte weiterhin die Schule besuchen und tat dies in der Samuel-Heinicke-Fachoberschule, kurz FOS. Diese Schule bietet vier verschiedene Fachbereiche an: Technik, Kaufmännisch, Soziales sowie Kunst. Ursprünglich wollte ich mich beruflich im künstlerischen Bereich entwickeln. Allerdings ist es - unabhängig von der Hörbehinderung - in der Kunstbranche schwer, Fuß zu fassen, so entschied ich mich für den sozialen Bereich. Ich wollte neben der Kunst auch immer mit Menschen arbeiten, insbesondere mit Gleichgesinnten. Das heißt, ich wollte schon immer andere Gehörlose und Schwerhörige motivieren, trotz ihrer Hörbehinderung selbstbewusst - mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen - ihren Weg zu gehen. Dieser Fachbereich ermöglichte mir dies. Auch dank meiner weiter anhaltenden Motivation, erreichte ich meine Fachhochschulreife im Zweig Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule. Mitten in der FOS-Zeit (2007) habe ich beschlossen mir ein CI am rechten Ohr implantieren zu lassen, da ich mit meinem Hörgerät so gut wie gar nichts mehr hörte. Ich liebe Musik, die Geräusche und Stimmen in meiner Umgebung und dies wollte ich auf keinen Fall vermissen. Zuerst waren die Ärzte etwas skeptisch über meinen Beschluss, aber dann waren sie wegen meiner ersten Hörergebnisse nach der Anpassung begeistert und haben mir empfohlen ein zweites CI setzen zu lassen. Ich musste dennoch das Hören neu erlernen. Am Anfang klang alles noch ziemlich hoch. Besonders das Besteck und Teller waren für mich sehr anstrengend und unangenehm. Mit der Zeit wurde es durch regelmäßige Anpassungen und fleißigen Hörtrainings besser. Ich lehnte trotz positiver Ergebnisse zunächst eine zweite Implantation ab. Es musste erst ein weiterer Hörsturz folgen, damit ich mich für die Operation entschied. Zwei sind besser als eins Seit dem zweiten CI höre ich weit besser und ich konnte mich viel besser - auch mit Hörenden - verständigen. Die enorme Leistung, die ein Cochlea Implantat bringt, schafft ein Hörgerät nicht ansatzweise. Die Gebärdensprache ist und bleibt jedoch mein ständiger und wertvoller Begleiter. Es ist neben der deutschen Sprache meine zweite „Muttersprache” und ist, vor allem in bestimmten Situationen, wie Fortbildung, Arbeit, Schwimmen und Kommunikation mit anderen Gebärdensprachlern eine große Unterstützung. Während der Studienzeit habe ich eine Mikroport-Anlage (kurz FM-Anlage) benutzt und konnte somit die Vorlesungen gut verfolgen, da ich immer aktiv mitschreiben musste. Ohne die FM-Anlage wurde ich schnell müde. Im 6. Semester habe ich für ein Modul einen Gebärdensprachdolmetscher gebraucht, da ich trotz Bemühen und Rückmeldung den Professor nicht verstehen konnte. Erst im 7. Semester habe ich die Zusage für einen Dolmetscher erhalten und somit zwei Schriftdolmetscher über VerbaVoice beauftragt. Nach meinem Studium in München zog es mich beruflich nach Linz in Österreich. Warum Österreich? Ich habe meine große Liebe kennen und lieben gelernt und er ist Österreicher. Als Sozialarbeiterin konnte ich meine ersten beruflichen Erfahrungen in der Arbeitsassistenz des Instituts für Sinnes- und Sprachneurologie erwerben. Die Aufgabe beinhaltet Begleitung und Beratung Gehörloser und Schwerhöriger in ihrem beruflichen Leben. Die Situation vieler Gehörloser und Schwerhöriger war zum Teil miserabel. Viele waren auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen, da sie der deutschen Schriftsprache nicht mächtig sind. Wenn sie einen zweiten Bildungsweg begehen wollten, wurde eine Kostenübernahme von Gebärdensprache nicht bewilligt und die Gehörlosen sowie Schwerhörigen fühlten sich dadurch demotiviert. Da ihre Situation nicht zufriedenstellend war, nahmen sie Jobs als Hilfsarbeiter an. Ein Jahr später habe ich eine zweite Stelle beim Hand-Werk Ausbildungsassistenz der Caritas für Menschen mit Behinderung bekommen. Dort war - anders als bei meinen KollegInnen im Hand-Werk - mein Aufgabenfeld die Vermittlung mehrfachbehinderter Jugendlicher (Hörbehinderung und einer zusätzliche Behinderung) auf einen Platz in geschützten Werkstätten. Dazu durften wir auch Erwachsene in ihrem zweiten Bildungsweg begleiten. Es war für meine KollegInnen und mich eine Herausforderung, weil wir da sehr oft auf Barrieren stießen und die Erwachsenen von ihrer eignen Umgebung nicht bzw. wenig motiviert wurden. Nach meiner Karenz (Mutterschaftsurlaub) wechselte ich von der Arbeitsassistenz in die Sozialberatung des Instituts für Sinnes- und Sprachneurologie. Mein Schwerpunkt als Sozialarbeiterin ist die Beratung und Begleitung der Gehörlosen und Schwerhörigen in ihrem alltäglichen Leben. Und in diesem Bereich bin ich neben der Hand-Werk Ausbildungsassistenz auch heute noch. Es gefällt mir als Sozialarbeiterin sehr gut, da ich Gehörlose und Schwerhörige jeden Alters zur Selbständigkeit mobilisieren kann. Trotz meiner Fähigkeit zum Telefonieren verwende ich sehr gerne den sogenannten RelayService, dieTelefonvermittlung für Gehörlose und Schwerhörige, ähnlich dem Tess Relay Service in Deutschland. Zum einem, weil ich bei längeren und mehreren Telefonaten schneller müde werde und ich bei einem Gebärdensprachdolmetscher Erleichterung finde. Zum anderen verwende ich den RelayService auch, um die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten aufzuzeigen. Ich erlebe in meiner Arbeit seit Jahren, dass viele Gehörlose und Schwerhörige das System des RelayServices noch nie gesehen und ausprobiert haben. Mir ist es wichtig, dass jeder Hörbehinderte gleich viele Chancen erhält, da nicht jeder in der Lage ist, mit einem Cochlea Implantat ausreichend zu hören. Gebärdensprache und Cochlea Implantat ergänzen sich Ich bin sehr froh, die Kombination aus Gebärdensprache und Cochlea Implantat genießen zu dürfen und möchte diese Kombination allen Eltern empfehlen, die ein Kind mit CI versorgt haben lassen. Jedoch möchte ich auch jedem Menschen - egal welches Hörstatus‘ - darauf hinweisen, dass ein Cochlea Implantat nicht das Gehör ersetzt, sondern eine Unterstützung ist. Das Cochlea Implantat ist für viele Betroffene ein Hilfsmittel, um durch die Welt der Töne zu kommen. Nicht jeder CI-Träger kann automatisch alles hören, verstehen oder gar telefonieren. Derzeit kenne ich in Oberösterreich keine Sozialarbeiter mit einer Hörbehinderung und wünsche mir von Herzen eine Kollegin oder einen Kollegen mit dem ich mich austauschen kann. Dies zeigt wieder, wie hart der Weg eines Hörbehinderten ist, der nach einer höheren Bildung strebt. Mein Appell an alle Leserinnen und Leser: Egal, woher ihr kommt, euer bisheriger Weg ist oder welche Erfahrungen ihr mit Eurer Hörbehinderung gemacht habt: Verfolgt euer Ziel! Kämpft und brennt dafür, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist! Mai 2018Lisa Kain