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Mein Weg zum Cochlea Implantat

Mein Weg zum Cochlea Implantat

Von Caroline Riechmann

Ich bin 31 Jahre alt, verheiratet und habe einen Sohn von 17 Monaten. Durch eine Röteln-Infektion als meine Mutter schwanger war, bin ich von Geburt an, an Taubheit grenzend schwerhörig. Festgestellt wurde dieses, als ich 2,5 Jahre alt war. Seitdem trage ich Hörgeräte.

Bis ca. 2005 waren wir auch mindestens einmal im Jahr in Heidelberg bei Herrn Dr. Uttenweiler (vielleicht kennt ihn ja jemand? Das war eine spezielle HNO Abteilung, hauptsächlich für Kinder, in der Uniklinik Heidelberg). Er hat meine Eltern und mich damals viel unterstützt und beraten, z.B. über den aktuellen Stand der Technik informiert, Hörgeräte- Einstellungen optimiert. etc.. Ich habe einen Regelkindergarten und Regelschule besucht. Hier hatte ich zur Unterstützung immer eine Mikroportanlage. Das war super. Ich hatte auch das Glück tolle Lehrer zu haben, die das Gerät auch immer benutzt haben. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung als Bankkauffrau gemacht und arbeite immer noch bei der Bank. Vor ca. drei Jahren war es wieder soweit, neue Hörgeräte standen an. Da ich mit meinem Akustiker (aus einer Kette) nicht mehr zufrieden war, suchte ich einen neuen und bin dann durch eine Empfehlung zu einer sehr guten Akustikerin gekommen. Diese hatte mich darauf angesprochen, warum ich auf meinem schlechten Ohr kein Cochlea Implantat trage. Im Großen und Ganzen kam ich immer gut mit meinen Hörgeräten zurecht. Zum Fernsehen nutze ich auch schon immer ein "Hilfsmittel", früher die Mikroportanlage, inzwischen einen Compilot. Einfach toll, was die Technik hier kann. Entspanntes Verstehen und super Klang! Ungefähr alle fünf bis sechs Jahre habe ich die letzten Jahre neue Hörgeräte bekommen. Mit jedem neuen Gerät konnte ich eine Verbesserung zum vorherigen feststellen. Ob im Handling, im Klang, im Verstehen, etc... es tut sich sehr viel.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich was das ist und dass dies evtl. für mich eine Alternative wäre. Auch erklärte sie mir, dass bei sehr vielen, irgendwann das CI-Ohr besser hört als das Hörgeräte-Ohr. Naja ich habe mich dann ein bisschen eingelesen und auch über die Optik informiert und beschloss, dass ich erstmal noch wieder Hörgeräte möchte und es mir ja bis zur nächsten Hörgeräte-Versorgung überlegen kann. Ich war einfach noch nicht überzeugt. Das Gerät ist größer wie ein Hörgerät, es ist eine OP und eigentlich höre ich doch gut.... Also dann habe ich neue Hörgeräte bekommen und war zufrieden... Das Thema CI habe ich aber weiter verfolgt. Dann habe ich ein Kind bekommen und festgestellt, Kinderstimmen etc. verstehe ich schon schlecht. Vielleicht wäre es ja doch eine Überlegung so ein CI.... aber wenn dann ja schnell und nicht erst in ein paar Jahren. Noch ist das Kind klein, in ein paar Jahren ist das zu spät.... Dann war ich zufällig in Pforzheim bei Herrn Böhm, wo ich durch Zufall festgestellt habe, dass er auch CI-Patienten hat. Ich hatte mit ihm einen Termin und er erklärte mir ein bisschen was zum CI und den möglichen Kliniken in der näheren Umgebung. Dann hatte ich in den Kliniken angerufen für einen ersten Termin. Bei mir standen die Kliniken aus Freiburg, Tübingen, Stuttgart und Mannheim zur Auswahl. Für mich persönlich, war auch das Konzept der Klinik zum Thema Nachsorge, CI-Einstellungen, etc wichtig. Dann hatte ich in Mannheim bei Dr. Servais einen Termin. Er erklärte mir und meinen Eltern das Thema nochmal ganz genau. Wir fühlten uns alle wohl. Dr. Servais strahlt eine sehr sympathische Ruhe und Erfahrung aus. In Freiburg hätte ich erst drei Monate später einen Vorstellungstermin gehabt. Da hatte ich keine Lust mehr. Für mich war klar, Mannheim ist perfekt. Nachsorge ist vor Ort in Pforzheim möglich, ich muss nicht immer dafür in die Klinik fahren. Ich hatte nichts zu verlieren. Auf diesem Ohr, habe ich noch nie wirklich etwas gehört (das Gehör hat sich nicht verschlechtert), das OP Risiko ist minimal, schlimmstenfalls trage ich das CI nicht und höre wie bisher. Also war klar, die Chance, mehr zu hören/verstehen ist größer/wichtiger, wie die Bedenken. Was bringt mir tolle Optik eines fast nicht sichtbaren Hörgerät, wenn ich damit eigentlich nichts verstehe/höre. Die OP selbst ist gut verlaufen. Direkt nachdem ich wieder auf dem Zimmer war, bin ich wieder rumgelaufen. Ich hatte überhaupt keine Beschwerden. Schmerzmittel bekommt man im Notfall genügend. Für mich persönlich sind Halsschmerzen bei einer Erkältung oder Kopfschmerzen einer Nebenhöhlenentzündung viel, viel schlimmer. Fäden wurden nach 8 Tagen gezogen. Erstanpassung war in Sankt Wendel. Das erste Mal hören.... es war ein lautes piepsen in verschiedenen Höhen. Das wurde in den nächsten Tagen besser. Ca. zwei Wochen nach der Erstanpassung habe ich beim Training mit der App die ersten Zahlen verstanden. Inzwischen trage ich mein CI über ein halbes Jahr und bereue es nicht. Jedoch bin ich jetzt auch nicht der Mensch, der sofort alles verstanden hat und mir fehlt auch für mich noch ziemlich viel zum Verstehen. Aber es ist eine super Unterstützung für das Hörgeräte-Ohr. Das hören ist für mich z.B. insgesamt voluminöser, es sind viel mehr Höhen und Tiefen im Hören. Auch höre ich viel mehr im Vergleich zum Hörgerät, z.B. Regentropfen auf dem Autodach, habe ich davor nie gehört. Oder z.B. im Urlaub einen Wasserfall am Berg gegenüber. Und mir ist z.B. aufgefallen, dass ich doch teilweise ziemlich nuschele bzw. Buchstaben nicht deutlich ausspreche, da ich diese davor nie so klar gehört habe (z.B. das S / F / CH ...). Mit CI alleine ist es für mich aber noch ziemlich schwer. Ich verstehe bisher eher einfache Sätze, Worte. Da ist also schon auch noch viel Fleißarbeit und üben angesagt. Ich habe einmal wöchentlich Logopädie/Hörtraining. Wir üben zum einen Sätze, Worte, Geräusche (alles ohne Mundbild) und üben auch an meinen Nuschelbuchstaben, da mich dies inzwischen selbst ziemlich stört, dass ich das höre . Bezüglich der Fragen zum Geräte-Hersteller: Ich denke da gibt's kein besser und schlechter. Jeder hat andere Wünsche an die Geräte (egal ob Hörgerät oder CI) und eine andere Hörbiographie. Man muss sich einfach selbst damit Wohlfühlen. Noch ein paar Anmerkungen zum Schluss. Hätte mich die Akustikerin damals nicht darauf angesprochen, würde ich immer noch kein CI tragen. Leider ist es so, dass sehr viele Akustiker sich nicht mit hochgradiger Schwerhörigkeit auskennen. Selbst mein Ohrenarzt ist nicht wirklich fit was Hörgeräte und noch spezieller das CI angeht. Insgesamt kennen noch sehr wenige Menschen die technischen Möglichkeiten, die es inzwischen gibt. Und es ist wirklich schwer Menschen zu finden, die sich mit dem Thema auskennen und einen hier unterstützen. Ich kann nur empfehlen ggf. auch eine längere Fahrtzeit in Kauf zu nehmen. Und egal, ob Hörgerät oder CI immer aufschreiben, was einem positiv oder auch negativ auffällt. Oftmals können die Techniker/Akustiker einem da bei der Einstellung der Geräte helfen. Sie müssen nur wissen was einen stört. Ansonsten kann ich noch als Lebenstipp mitgeben, immer offen sein für neues  Caroline Riechmann Dezember 2018

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Mein Bericht vom Diözesanlager 2018

Mein Bericht vom Diözesanlager 2018

Foto: Christian Köchling, DPSG Rottenburg-Stuttgart

Vom 28.07. - 09.08.2018 fuhr ich (Pfadfinder aus Begeisterung, Lebenskünstler, gottgläubig, Rollifahrer seit Geburt (Spina Bifida), seit 22 Jahren bilateral mit Cochlea Implantaten versorgt, weil wegen Meningitis ertaubt), gemeinsam mit 1.615 weiteren Kindern und Jugendlichen und 56 Pfadfindern aus Magdeburg auf das Diözesanlager der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG), Diözese Rottenburg-Stuttgart in der Jugendsiedlung Hochland in Bad Tölz.

Es kamen noch etwa 200 Pfadfinder aus Nordirland, den Niederlanden und aus Südafrika hinzu sowie 150 Helfer! Ich gehörte zum Vorbereitungsteam und war als Kurat (Geistlicher Leiter) für den Fachbereich Inklusion zuständig.

Während der nächsten 12 Tage wurde ein sehr abwechslungsreiches Programm für die verschiedenen Altersgruppen von 6-21 Jahren geboten! Geocaching, Freibadbesuche, internationale Begegnungen mit verschiedenen Speisen der jeweiligen Herkunftsländer, T-Shirts batiken oder bemalen, Seifenkisten bauen mit anschließendem Rennen, Pizza backen im Steinbackofen, Spiegelkiste, Hörmemory und Tastmemory, Erfahrungen mit dem Blindenstock, Sinnesparcour usw....

Natürlich gab es auch eine Eröffnungsfeier und eine Schlussfeier. Leider war wegen der unglaublichen Hitze kein Feuer erlaubt, denn es waren die ganzen Tage, bis auf ein kurzes Gewitter jeweils Temperaturen bis über 40°.

Wegen der großen Hitze ist zu meinem Schreck plötzlich der Sprachprozessor meines CIs ausgefallen! Aber zum Glück war MED-EL in Starnberg nicht weit weg, ein kurzer Anruf und ich konnte mir einen neuen Prozessor in der Firma abholen. Lustig war auch, dass der Aufzug uralt war und der Weg zum Aufzug für mich als Rollifahrer einem Labyrinth glich. Kaum waren wir oben, ging auch prompt der Lift kaputt….

Aber wir – zwei weitere Pfadfinder und ich - wurden herzlich von den Mitarbeitern mit Snacks und Getränken versorgt und vertrieben uns die Zeit mit Musik hören. Ich glaube, soooooo viele Pfadfinder waren bisher auch noch nicht bei MED-EL….

Zurück im Lager, warteten auch schon die nächsten Aufgaben auf mich. Am letzten Abend wurden Adressen und E-Mail ausgetauscht und man war sich einig: „Beim nächsten Diözesanlager sehen wir uns wieder!“

Am nächsten Morgen ging es bei strömendem Regen und Gewitter wieder mit zwei funktionierenden Prozessoren zurück nach Würzburg.

November 2018
Simon Guichard

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Wie ich durch Gleichgesinnte wieder zu mir selbst fand

Wie ich durch Gleichgesinnte wieder zu mir selbst fand

Von Julia Dittmann

Hallo ihr lieben Leser/innen, ich möchte mich einmal kurz vorstellen. Mein Name ist Julia Dittmann, ich bin 23 Jahre alt und komme gebürtig aus Nordhorn. Seit Oktober 2015 studiere ich an der Universität Bremen und bin seit Oktober 2018 im ersten Semester meines Masterstudiums. Ich bin beidseitig gehörlos geboren und wurde 1998 mit drei Jahren auf der rechten Seite implantiert (Entscheidung meiner Eltern) und mit 10 Jahren auf der linken Seite (Entscheidung meinerseits). Ich habe wirklich sehr lange überlegt, diesen Blogeintrag zu verfassen, da es ein Thema anspricht, bei dem es mir auch noch heute, nach fast 7 Jahren immer noch schwerfällt, darüber zu sprechen. Ein Thema, bei dem meine Hände zittrig werden und bei dem ich mich eigentlich sehr unwohl fühle. Es geht um meine Mobbingerfahrungen, die mich fünf Jahre jeden einzelnen Tag auf meiner weiterführenden Schule in meiner Heimat (Klasse 5 bis 9) begleiteten. Da es mir jedoch immer sehr geholfen hat, meine Erfahrungen beim Schreiben „loszuwerden“ und weil es bestimmt da draußen in der Welt jemanden gibt, der gerade ähnliche Erfahrungen durchmacht oder bis zum Ende durchlebt hat, habe ich mich dazu entschieden, euch einen Einblick in einen Lebensabschnitt zu geben, der mir nicht nur sehr weh getan hat und mein Selbstbewusstsein in viele Splitter zerbrochen hat, sondern gleichzeitig zu dem Menschen geformt hat, der ich heute bin. Vorab möchte ich erwähnen, dass natürlich nur einige Erfahrungen wiedergegeben werden, um den Rahmen dieses Blogeintrages nicht zu überschreiten. Gleichzeitig ist es für mich von großer Bedeutung zu betonen, wie wichtig der Kontakt zu Gleichbetroffenen für jeden Einzelnen sein kann und wie dieser mir persönlich sehr positiv bei meiner Persönlichkeitsentwicklung und dem (Wieder-)Aufbau meines Selbstbewusstseins geholfen hat. Außerdem soll dieser Blogeintrag Eltern nicht davon abhalten, ihr Kind auf eine Regelschule zu schicken. Es gibt – wie bei jeder anderen Sache auch – immer Ausnahmen!

Selbstverständlich gibt es Schulen, an denen es nicht so ablaufen muss, wie bei mir und wo Rücksicht auf alle Bedürfnisse genommen wird und es keine Probleme zwischen Mitschülern und Lehrkräften gibt. Bevor ich beginne, muss ich erst einmal sehr weit ausschweifen und zurückgehen bis ins Jahr 2006 (bis 2011). In dieser Zeit besuchte ich das Regelgymnasium in meiner Heimat Nordhorn (Niedersachsen). Vorab: In der Grundschulzeit besuchte ich ebenfalls eine Regelschule und hatte viele Freundschaften geschlossen. Obwohl sich an meiner Grundschule keine weiteren Kinder mit Hörbeeinträchtigungen befanden, passte sich die Schule an meine (Hör-) Bedürfnisse an. Ich freute mich sehr, direkt nach den Sommerferien mit vielen Freunden das Gymnasium zu besuchen. Bereits vor der Einschulung in die 5. Klasse hatten wir (meine Eltern und ich) ein Treffen mit der Direktorin meines damaligen Gymnasiums, um sie über meine Situation aufzuklären. Es wurden verschiedene Themen angesprochen, z.B. meine Cochlea Implantate, der Einsatz des Mikrofons im Unterricht; und dass für eine gute Kommunikation möglichst eine Klasse gewählt werden sollte, die weniger Schüler/innen umfasst, sowie die Wichtigkeit einer geeigneten Sitzordnung, Nachteilsausgleiche bei den Prüfungen, usw.). Wir baten die Rektorin all diese sehr wichtigen Informationen an den jeweiligen Klassenlehrer weiterzugeben. Die Direktorin der Schule versprach uns, auf unsere Bitten/Wünsche einzugehen. Insgesamt verlief das Gespräch wirklich sehr gut und wir gingen mit einem guten Gefühl nach Hause. Nach den Sommerferien und am ersten Schultag merkte ich jedoch sehr schnell, dass keine Vorkehrungen seitens der Schulleitung in personeller, baulicher und technischer Hinsicht getroffen wurden, die eine Kommunikation begünstigt hätten. Nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch alle anderen Lehrer, die ich hatte, wussten nichts von meiner Situation. Außerdem hat mich eine der größten Klassen erwischt. Wir waren ca. 35 Schüler in einer Klasse und die Sitzordnung war total daneben: Hintereinander gereihte Tische, sodass man sich immer umdrehen musste, wenn jemand gesprochen hat und ich die Mundbilder der eigenen Sitzreihe gar nicht ausfindig machen konnte. Dabei ging vieles, was gesagt worden ist, im Lärm einfach unter, und bevor ich den „Sprecher“ endlich gefunden hatte, hatte er bereits zu Ende gesprochen. Nach einer Weile wurde mir neben der normalen Mikrofonanlage, welche die Lehrer benutzten, auch ein kleineres für die Schüler von der Krankenkasse genehmigt. Für eine Weile wurde wenigstens das kleine Mikrofon solange weitergegeben, bis es den Sprecher erreichte. Auch die Sitzordnung wurde zu einem riesigen, eckigen „U“ verändert. Endlich konnte ich fast jedes Mundbild sehen und ablesen. In Bezug auf die Lautstärke wurde jedoch trotzdem keine Rücksicht genommen. Diesbezüglich erinnere ich mich an folgende Situation: Meine Mutter wollte mich von der Schule abholen und wartete draußen auf dem Flur auf mich. Später fragte sie mich, ob der Lehrer gar nicht im Klassenraum gewesen war, denn sie hatte unsere Klasse bis auf den Flur hinaus hören können. – So laut war es also gewesen, obwohl ein Lehrer Aufsicht geführt hatte! Wie sollte jemand wie ich da irgendetwas verstehen? Dann von einem Tag auf den anderen fing der Horror an: Ein Mädchen, das ich nicht nur von der Kindergartenzeit, sondern auch aus der Grundschule kannte, fing auf einmal an, schlimme und falsche Geschichten über mich zu verbreiten. Ich weiß bis heute nicht, warum sie das getan hat. Sie brachte die ganze Klasse dazu, sich gegen mich zu wenden. Alle lästerten über mich, entweder hinter meinem Rücken, oder sogar auch dann, wenn ich in der Nähe war. Sie fingen an, extra so zu reden, wie sie wussten, dass ich sie nicht verstehen konnte und lachten mich aus, wenn ich nachfragte. Einige Lehrkräfte merkten zwar, dass etwas seltsam war, taten aber nichts dagegen. Im Laufe der fünf Jahre wurden die Klassen mehrmals neu gemischt und aufgeteilt, weil es zu viele große Klassen gab. Somit bekam ich immer wieder neue Mitschüler und dachte mir bei jeder neuen Aufteilung: „Jetzt wird alles gut, diese Person kennt mich nicht ...“. Nur leider war die „Übeltäterin“, wegen der alles begonnen hat, all die Jahre in meiner Klasse geblieben und die Geschichte begann jedes Mal auf’s Neue. Nach und nach machten mich meine Mitschüler nicht nur in der Schule fertig, sondern auch auf verschiedenen Social-Media Seiten, wie ICQ und SchülerVZ. In der Schule wollte niemand freiwillig neben mir sitzen, reden oder mit mir zusammenarbeiten. Natürlich habe ich versucht, mit der Klassenlehrerin über das zu sprechen, was in der Klasse abgeht. Ein paar Mal hat diese und eine vom mobilen Dienst mit den Schülern gesprochen, nur leider hat sich nie etwas daran geändert! Selbst die Lehrer fingen an, die Frau vom mobilen Dienst „um den Finger zu wickeln“, sodass diese sich sogar auf deren Seite stellte und mir zusätzlich das Gefühl gab, wieder allein zu sein. Ich erinnere mich außerdem noch an einen weiteren Spruch meiner Klassenlehrerin, als wieder der Besuch vom mobilen Dienst da war und diese die Mitschüler erneut über das Cochlea Implantat und deren Nachteile in lärmenden Situationen aufklären sollte: „Na, jetzt stehst du wieder mal im Mittelpunkt, was?!“ Da es in unserem Klassenzimmer leider keinen Teppichboden gab, um den Schall abzufangen, wurde nach langen Diskussionen (angeleitet von meiner Mutter, die im Elternrat saß), eine Schallschutzwand errichtet. Jedoch hielt seine Funktion nicht lange, denn sie wurde zerstört. Wie?, fragt ihr euch; hier ein Beispiel: Der Lehrer war zu diesem Zeitpunkt am Kopierer und der Schüler warf eine Schere quer durch den Klassenraum – ein Wunder, dass sich niemand verletzt hatte – und diese blieb schließlich in der Wand stecken. Natürlich war ein dicker Riss zu sehen. Anstatt sich zu entschuldigen, sah der Junge mich nur ausdruckslos an und stieß mehrmals mit der Schere teilweise auf dasselbe Loch, sodass der Riss immer größer wurde, sich ausbreitete, und am Ende ein richtig großes, klaffendes Loch in der neuen Wand war! Die anderen feuerten ihn sogar an oder lachten. Heute bereue ich es, dass ich in diesem Moment nichts dagegen unternommen habe. Aber wahrscheinlich lag es daran, dass ich schon so eingeschüchtert von ihnen war, sodass ich mich nicht mehr traute, irgendetwas zu sagen. Als der Lehrer zurückkam, realisierte er zwar das neue Loch an der Wand, sagte aber weder etwas, noch unternahm er etwas dagegen. Als wäre dies nicht schon genug, wurden die Kabel der Mikrofone durchgeschnitten. Ich weiß bis heute nicht, wie man auf so eine Idee kommen kann. Natürlich waren meine Eltern und ich bei der Klassenlehrerin und anschließend auch bei der Direktorin, denn das ging eindeutig zu weit! Sowohl die Direktorin, als auch die Lehrerin haben mir allerdings nicht geglaubt und waren derselben Meinung: „Wahrscheinlich hast du das Kabel selbst durchgeschnitten, da du aufgrund deiner Behinderung wieder einmal im Mittelpunkt stehen wolltest!“ Jeder einzelne Tag ging so weiter, und das fünf Jahre lang. Jeden Abend weinte ich mich bei meinen Eltern aus. Ich konnte einfach nicht mehr! Schon gegen Ende der sechsten Klasse fingen Mama und Papa an, sich nach einer neuen Schule für mich umzusehen. Dabei kamen wir auf eine Schule, die gute Möglichkeiten zur Integration anbot: das Landesbildungszentrum (=LBZH) in Osnabrück. Einen Tag lang habe ich dort einen Schnuppertag gemacht, allerdings wollte ich nicht länger dableiben. Die kleinen Klassen gefielen mir zwar sehr gut, allerdings hat mich zu dieser Zeit das Internat abgeschreckt (denn von Zuhause ausziehen wollte ich zu dem damaligen Zeitpunkt nicht). Meine Eltern informierten sich weiter und erfuhren weitere Jahre später von dem Rheinisch-Westfälischen-Berufskolleg in Essen (eine Schule für Hörgeschädigte und Gehörlose), wo man außerdem das Abitur machen kann. Dazu gehörte ebenfalls ein Internat, welches sich in der Nähe der Schule befand. In der Schule hospitierte ich gegen Ende der 9. Klasse eine ganze Woche lang, während meine Klassenkameraden auf einer Klassenfahrt in Hamburg waren. Da ich sowieso nicht an der Klassenfahrt teilnehmen wollte, war dies ein geeigneter Zeitpunkt. Die Hospitation gefiel mir sehr gut - es gab sehr kleine Klassen und die Lehrer wussten über die Handicaps Bescheid, sodass man diese nicht immer wieder erinnern musste. Das war eine sehr große Erleichterung! Am Ende der 9. Klasse war es dann soweit! Ich entschied mich dazu, die Schule zu wechseln. Mit 16 Jahren zog ich von Zuhause aus und wechselte nicht nur die Schule, sondern auch das Bundesland, um an einem neuen Ort anzufangen. Ich kann euch jetzt im Nachhinein sagen, dies war die beste Entscheidung, die ich zum damaligen Zeitpunkt getroffen habe! Endlich habe ich das bekommen, wonach ich mich all die Schuljahre gesehnt habe: (wahre) Freundschaften, von denen mir einige bis heute geblieben sind und Zugehörigkeitsgefühl. Endlich gehörte ich dazu und war Teil einer tollen Klasse. Ich war nun endlich angekommen! Natürlich waren die ersten Jahre an der neuen Schule und in der neuen Umgebung nicht einfach für mich, vor allem nach dieser schlimmen Zeit. Ich musste lernen, Vertrauen zu Menschen aufzubauen und habe sogar heute – nach 7 Jahren – noch einige Schwierigkeiten, besonders bei Personen, die ich neu kennenlerne. Es dauert etwas, bis ich mit neuen Menschen warm werde, weil ich automatisch erst abschätze, ob diese Person „in Ordnung“ ist. Auch im Alltag kann es zu Trigger-Situationen führen. Für die, die nicht wissen, was Trigger sind: Das sind Reize, die bewusst bzw. unbewusst Aspekte bzw. Erinnerungen aus der traumatischen Zeit hervorrufen können. Triggern kann man leider nicht aus dem Weg gehen, da sie überall und jederzeit passieren können; durch zum Beispiel Begegnungen mit (ehemaligen) Mobbern, oder durch bestimmte Situationen, die denjenigen von damals in einigen Aspekten ähneln. In so einem Moment werde ich automatisch in die Rolle der „Andersartigen“ / „Außenseiterin“ zurückkatapultiert und kann nichts dagegen machen. Meistens sind dies Momente, in denen es normalerweise keinen Grund zur Sorge gibt und ich versuche auch immer, diese negativen Gedanken abzuschalten. Leider funktioniert dies nicht immer, da die Erinnerung und Verletzung aus der früheren Zeit viel zu tief sitzt. Mit der Zeit habe ich gelernt, mit diesen Situationen umzugehen und es passiert zum Glück nicht mehr ständig, aber es ist wirklich ein sehr langer, schwieriger und schrittweiser Prozess! Abschließend möchte ich sagen, dass nicht nur der Beistand meiner tollen Familie, sondern auch der Kontakt zu anderen Hörgeschädigten unglaublich geholfen hat, wieder zurück zu mir selbst zu finden. Ich habe erkannt, dass ich nicht allein bin mit meinen Erfahrungen und ich bin so vollkommen in Ordnung, wie ich bin – auf meine eigene Art und Weise. Der Kontakt mit Gleichgesinnten kann uns nicht nur das Gefühl von Zusammenhalt und Akzeptanz vermitteln, sondern auch sehr viel zur Stärkung des Selbstvertrauens bzw. der eigenen Identität beitragen. Dies musste ich zwar auf die „harte Art und Weise“ lernen, aber ich kann sagen, dieser steinige Weg hat sich gelohnt! Ich weiß jetzt, dass es sich zu kämpfen lohnt. Deshalb halte ich an diesem Motto fest:„Wer kämpft, kann verlieren.Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ All diese Erfahrungen haben mich schlussendlich dazu geleitet, Inklusive Pädagogik mit der Doppelqualifikation Grundschullehramt zu studieren. Im Laufe des Studiums wurde ich immer wieder von Bekannten oder sogar auch von Professoren gefragt, weshalb ich denn nicht Hörgeschädigtenpädagogik studieren würde, da dies „ja besonders gut zu mir passt“. Auf der einen Seite haben sie zwar Recht, aber auf der anderen Seite möchte ich allen Kindern da draußen (besonders auch denen, die eine Beeinträchtigung haben) das Gefühl vermitteln, dass jemand für sie da ist, sich für sie interessiert und ihre Bedürfnisse versteht. Jemand, der sensibilisiert ist, eventuelle Anzeichen von Mobbing zu erkennen und eventuell sogar in der Lage sein kann, Mobbing zu verhindern, damit es ihnen nicht so ergeht, wie mir. Sogar in meiner Bachelorarbeit war die Hörschädigung, die Identitätsentwicklung, der Kontakt zu anderen Gleichbetroffenen und die Bedingungen an die Schule bzw. an die Lehrkräfte, die sich ergeben, sobald sich Kinder mit Hörbeeinträchtigungen in der Klasse befinden, ein großes Thema. Von Experten (es war eine empirische Arbeit), wurde sogar unter anderem mehrfach betont, wie wichtig der Kontakt zu Gleichbetroffenen für den betroffenen Menschen sein kann. Die Arbeit ist ein sehr persönliches Produkt geworden und wurde sogar schlussendlich mit einer schönen 1,0 bewertet, worauf ich sehr stolz bin. Ich denke, jetzt bin ich auch mal endlich am Schluss angekommen. Danke an diejenigen, die bis zum Ende durchgehalten haben und sich die Zeit genommen haben, „meine Geschichte“ zu lesen. Ganz liebe Grüßeund bis (bestimmt) zum nächsten Blog.Eure Julia 

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Felizitas Böcher - bekannt als erste Pfarrerin Deutschlands mit Cochlea Implantaten

Felizitas Böcherbekannt als erste Pfarrerin Deutschlandsmit Cochlea Implantaten

Wir wollten wissen: Wer ist der Mensch hinter dieser Schlagzeile? Ein außergewöhnliches Interview mit einer außergewöhnlichen Frau: ELKE SCHWANINGER: Liebe Frau Böcher (34), schildern Sie uns bitte kurz Ihre Hörbiographie? FELIZITAS BÖCHER:Ich bin leicht- bis mittelgradig schwerhörig geboren. Als Erwachsene bin ich innerhalb von zwei Jahren ertaubt. Zuvor war der Hörstatus konstant. ELKE SCHWANINGER: Welche Auswirkung hatte Ihre Hörschädigung auf die Schullaufbahn und das anschließende Studium? FELIZITAS BÖCHER: Ich konnte im Studium zunächst den Dozenten nicht mehr gut verste-hen, dann gar nicht mehr. Schließlich weitete sich das aus, bis ich niemanden mehr verstehen konnte. Das führt natürlich auch dazu, dass Lerngruppen sehr schwierig werden bzw. die Kommunikation nur schriftlich stattfinden kann. Aber ich habe immer jemanden gefunden, der/die dazu bereit war/en. Das war schon sehr erleichternd. ELKE SCHWANINGER: Seit wann tragen Sie CIs? FELIZITAS BÖCHER: Seit Mai (links) und August (rechts) 2011. ELKE SCHWANINGER: Wie kommunizieren Sie im Alltag? FELIZITAS BÖCHER: Mit Hörenden immer lautsprachlich mit hörenden Gebärdlern ge-mischt und mit reinen Gebärdlern nur in Deutscher Gebärdensprache. Lautsprachbegleitende Gebärden beherrsche ich nicht. ELKE SCHWANINGER: Wie entstand Ihr Wunsch, Pfarrerin zu werden? FELIZITAS BÖCHER: Als Kind bemerkte ich ca. mit 6 Jahren, dass ich nicht wissen kann was nach dem Tod mit einem Menschen passiert. Deshalb wollte ich forschen – immer mehr über Religion wissen. Das bedeutete, dass ich viel gelesen habe, aber auch, dass ich immer gern und viel mit anderen Menschen darüber gesprochen habe (auch über Religi-ons“grenzen“ hinweg). Über diese Liebe zur Kommunikation und zur Theologie bin ich schließlich zum Pfarramt gekommen. Haupteinstiegspunkt war für mich die Seelsorge. Ich bemerkte, dass mein Reden über Gott mich immer wieder zum (einzelnen) Menschen und seiner Welt führt. Damit konnte ich für Menschen ein Begleiter in – manchmal schwierigen – Lebensphasen sein. Dem wollte ich gern mein Leben widmen. Und das kann ich im Pfarramt ;-) ELKE SCHWANINGER: Welche Möglichkeiten und Grenzen sehen Sie für sich mit CI in Ihrem Beruf? FELIZITAS BÖCHER: Grenzenlose momentan. Durch meine 2. Leidenschaft – die Technik – erlebe ich immer wieder neue Möglichkeiten. Allerdings könnte ich mir nicht vorstellen ohne Gebärdensprache zu leben. Nur durch die Möglichkeit, auch ohne Hören eine volle Kommuni-kationsfähigkeit / eine vollständige Sprache zu besitzen, kann ich offen und gelassen auf mei-ne Hörmöglichkeiten zugehen. Mein „Ganzsein“ hängt so nicht vom Hören allein ab und das gibt mir viel Freiheit. ELKE SCHWANINGER: Nutzen Sie zusätzlich zum CI weitere technische Hilfen? FELIZITAS BÖCHER: Ja, ich nutze in sehr großen Gruppen eine FM-Anlage (mit Konferenz- und Einzelmikro), ich habe Ringschleifenverstärker (Loop-Booster) für Räume mit Induktions-schleife, nutze eine Telefonfreisprechanlage für meine CIs und auch immer wieder gern das Audiokabel. Darüber hinaus nutze ich fließend andere Hilfsmittel wie z. B. Telefone mit einem Hörer der groß genug ist, dass ich meinen Soundprozessor an den Lautsprecher halten, aber dennoch in das Mikro sprechen kann. ELKE SCHWANINGER: Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben? FELIZITAS BÖCHER: Eine ziemlich wichtige. Ich mag Musik sehr gern und sie hört sich für mich auch sehr schön an. Ob sie sich genauso anhört wie für die Normalhörenden, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber das finde ich auch nicht so wichtig. Schließlich bin ich ja keine Nor-malhörende *grins*. ELKE SCHWANINGER: Ihr Name -Felizitas- bedeutet "die Glückliche". Welche Hörerlebnisse machen Sie glücklich? FELIZITAS BÖCHER: Oh – viele. Das Miauen einer Katze, das Knirschen der Treppenstufen oder von altem Parkettboden, Bubblefolien-Zerdrück-Geräusche, ein schönes Lied, Rau-schen von Blättern, das Geräusch der Rolltreppen im Bahnhof (einfach weil ich es seit kur-zem hören kann) und vieles mehr. Es wird immer wieder neue Dinge geben, die ich finde. Mal schauen was noch kommt. ELKE SCHWANINGER: Herzlichen Dank, dass Sie Ihre Erfahrung mit uns geteilt haben! Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Enthusiasmus für Ihre Arbeit und beim Entdecken neuer Klangerlebnisse mit CI!

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