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Das Leben ist viel zu schön, um nicht gehört zu werden!

Das Leben ist viel zu schön, um nicht gehört zu werden!

Von Christophe Guerry

Mein Name ist Christophe Guerry, ich bin vor 62 Jahren in Frankreich geboren und seit 44 Jahren in Deutschland lebend. Seit Oktober 2020 trage ich rechts ein Cochlea Implantat (CI) und links ein Hörgerät.

Mein Hörleidensweg begann, als ich ca. 1,5 Jahre alt war, mit der ersten Operation auf der rechten Seite. Es folgten fünf weitere OPs wegen verschiedenen Krankheiten, immer am rechten Ohr. Dadurch wurde das Hören immer schwächer, bzw. nicht besser ob der OPs.

Seit 2007, zwei Jahre nach der letzten OP, konnte ich endlich ein Hörgerät tragen, das das Hören erheblich verbesserte, bis ein Hörsturz Ende 2019, das Hören rechts auf 0% setzte.

Mein damaliger HNO-Arzt sagte mir: „Du musst jetzt damit leben, man kann nichts machen.“ Erst die Meinung eines zweiten Arztes, auf Anraten meiner Frau, brachte wieder Hoffnung.

Er überwies mich an das HNO-Klinikum Bad Hersfeld. Dort wurde, schon eine Woche nach der ersten Vorstellung ein erster vorbereitender Eingriff durchgeführt. Die Implantierung folgte ca. acht Monate später im Oktober 2020.

Es folgten viele Anpassungen, eine Reha in Bad Nauheim und wöchentliche Logopädie-Sitzungen, sowie stetes Üben durch Hörbücher, etc..

Durch die Mitgliedschaft in der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft e.V. habe ich zudem viele wunderbare Menschen kennengelernt, die, bewusst oder unbewusst, geholfen haben mich mit dem CI immer besser zurecht zu finden.

Ich würde es immer wieder so machen, denn das Leben ist viel zu schön, um nicht gehört zu werden, auch oder gerade, weil es für mich ein anderes Hören ist, als es vorher war.

Ich versuche deshalb, soviel wie möglich was von der DCIG, von DOA NRW und DOA HRM oder durch die verschiedenen WhatsApp-Gruppen etc. initiiert ist, für mich umzusetzen.

Christophe Guerry
September 2022

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Holländische Str. 155
34246 Vellmar
Tel.: +49 561 861 77 91
Mobil: + 49 151 40027947
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Web: csg-photographie.de

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Mein Leben mit dem Cochlea lmplantat

Mein Leben mit dem Cochlea lmplantat

Von Jochen Balthasar

Hallo, mein Name ist Jochen Balthasar, ich bin 37 Jahre alt. Ich wurde mit vier Jahren durch eine beidseitige Mittelohrentzündung (welche von Ärzten nicht erkannt wurde) von heute auf morgen hochgradig an Taubheit grenzend schwerhörig. Ich besuchte die Schule für Hörgeschädigte in Frankenthal, bis zu meiner mittleren Reife. Nach der Schule machte ich eine Ausbildung als Metallbauer, die ich mit dem Gesellenbrief abgeschlossen habe.

Das Jahr 1999 war ein schreckliches Jahr für mich, gesundheitlich angeschlagen durch beidseitige Hörstürze. lch bin in diesem Jahr von heute auf morgen ertaubt. Ich bin abends ins Bett und morgens ohne Gehör aufgewacht. Ich habe nur noch erbrochen, Schwindel gehabt und der Kreislauf spielte verrückt. Kein HNO-Arzt und keine Klinik konnten mir damals helfen, ein verzweifelter Kampf begann, ich wollte mich nicht damit abfinden, taub zu sein.

In der Hoffnung auf Hilfe wanderte ich von Arzt zu Arzt, doch die Ärzte konnten nichts anderes tun, als mir nur Infusionen zu geben. Ich wurde depressiv, psychisch krank, aggressiv und das Elternhaus war die einzige Zuflucht vor der Wirklichkeit. Doch schon da machten sich bereits die ersten Probleme mit Familienangehörigen bereit, denn sie konnten es nie nachvollziehen, dass ich nix mehr hörte. Meine ganze Familie war ja hörend. Zudem waren Sie auch geschlossen gegen das Cochlea Implantat (Cl). Eine schlimme Zeit. Ich habe dann durch Zufall über einen Freund erfahren, dass es eine Klinik in Freiburg gibt, welche tauben Menschen ein neues Hören schenken kann.

Ich machte mich sofort daran, Kontakt aufzunehmen. Als erstes besorgte ich mir die Informationen über das Cochlea Implantat, denn es war mir unbekannt, was das sein sollte. Zu diesem damaligen Zeitpunkt war das CI den Ärzten und auch in den Unikliniken, in denen ich zur Behandlung war, unbekannt. Dank dem Sekretariat der Uniklinik Freiburg hatte ich die Informationen in den nächsten Tagen und man teilte mir mit, dass ein Treffen von Cl Trägern in den nächsten Tagen stattfindet.

Also reiste ich zu diesem Treffen. Ich erhielt dort erste Informationen über das Cl und konnte mich davon überzeugen, dass diese Menschen wirklich mit diesem technischen ,,Wunderding" (einer Innenohr-Hörprothese) hören konnten. Es war unglaublich. Ich hatte 19 Jahre beidseitig Hörgeräte getragen, sollte mich operieren lassen und dann könne ich wieder etwas hören, dies klang nach Hexerei.

Also hatte ich mir von einer weiteren Person Information besorgt, denn ich wollte eine neutrale Meinung dazu haben. Auch hier wurde mir dasselbe berichtet. Nach langer Überlegung sagte ich einer Cl-Voruntersuchung zu. Diese fiel sehr gut aus und ich könnte ein Cl bekommen. Voller Angst und Selbstzweifel wurde ich wieder in Freiburg vorstellig. Dort wurde mir versichert, meine Ängste seien unbegründet.

Somit hatte ich mich dann entschieden, mir ein Cl links einsetzen zu lassen, gegen den Widerstand meiner Familie, die alle hörend sind und geschlossen gegen das CI waren.

Am 23. Januar 2001 war es so weit. Ich bin an diesem Tag in der Uniklinik in Freiburg mit einem CI der Firma Cochlear links einseitig implantiert worden. Die Operation verlief ohne Komplikationen und der Elektrodenträger konnte ohne Probleme in die Schnecke eingeführt werden.  Ich war darüber sehr froh und glücklich. Am 19.03.2001 ging es dann zur ersten Anpassung (Ersteinstellung des Sprachprozessors) in das lCF.

Ein fürchterlicher Tag für mich, denn außer lautem Gepiepse konnte ich nichts verstehen. Ich war sehr traurig und enttäuscht, denn meine Hoffnungen und Erwartungen sind nicht eingetroffen. Ich wollte an diesem Tag das CI am liebsten auf den Mond schießen.

Dieses Gepiepse ging ganze acht Monate so weiter. Völlig ratlos und genervt wandte ich mich wieder an das ICF-Team. Sie alle erklärten mir, warum es so lange dauert und ich noch nichts hören konnte. Das Gehirn muss erst lernen die neuen Höreindrücke umzusetzen und diese Signale zu verstehen. Von diesem Tag an beschloß ich intensiv zu üben, egal was kam, ich wollte wieder etwas hören und Sprache verstehen.

lm Januar 2002 zwei Wochen nach einer neuen Anpassung des Sprachprozessors nahm ich endlich Geräusche wahr. Ich sprache meinen Vater an, hörst Du die Vögel auch, die da zwitschern? Er sagte: „Nein“. Dies war für mich ein einmalige unvergeßliche Situation. Ende 2002 stellten sich dann langsam die erhofften und gewünschten Fortschritte ein und ich vernahm langsam Sprache zu deuten.

Erst ein leises, blechernes Rauschen, dann wie Lautsprecherrauschen, alles verzehrt, etwas roboterhaft und es klang wie Donald Duck. Es wurde mit der Zeit immer deutlicher und die Sprache klang langsam normal und ich konnte die ersten Gespräche wieder führen und etwas verstehen. Das Lippenabsehen war aber immer noch notwendig.

Heute sage ich, dieser Entschluß war zwar sehr schwer für mich, aber es hat sich gelohnt. Wen ich diesen Schritt nochmal gehen und entscheiden müsste, würde ich sofort wieder JA sagen.

lch bin glücklich mit dem Cl, es gab mir mein Selbstvertrauen und die Kontakte zu meiner Umwelt wieder zurück. Mit dem CI fühle ich mich wie zum zweiten Mal neu geboren. Dinge, die ich vorher 19 Jahre nie hören und warnehmen konnte mit Hörgeräten, durfte ich neu kennen lernen und erleben.

Es macht Spaß die Welt voller Geräusche und Klänge neu zu erleben. Diese Entdeckungsreisen, es ist wie bei einem Baby, das alles erst neu lernen muss.

Mein besonderer Dank gilt allen Mitarbeitern der Uniklinik Freiburg, sowie dem ganzen ICF-Team, welche mir schließlich ein neues Hören ermöglicht haben und den Erfolg des Hörens mit dem CI.

Zum Schluß meinen großen Dank an Frau Jutta Göpfert, welche mir immer mit Hilfe, Rat und Tat zur Seite gestanden haben, ebenso an Udo Barabas und die DCIG. Ich werde Euch und Eure Hilfe nicht vergessen und die Erinnerung an Euch stehts bewahren.

Schließlich verdanke ich durch Eure Hilfe und Unterstützung mein neues Hören mit dem CI.

Jochen Balthasar
Mohnstraße 8
67067 Ludwigshafen – Maudach
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Gipfelglück, Herausforderungen und besondere (Hör)Erfahrungen

Gipfelglück, Herausforderungen und
besondere (Hör)Erfahrungen

- Abenteuer Alpenüberquerung mit Cochleaimplantaten -

Von Adriane Schmitt

EIN WUNSCH WIRD ZUM VORHABEN

Eine Wanderreise „über alle Berge“ von Oberstdorf in Deutschland nach Meran in Italien war mein größter Herzenswunsch, seit ich im August 2021 in zwei Tagen zu Fuß mit einer Hüttenübernachtung, den höchsten Berg Deutschlands erklommen hatte, die Zugspitze. Diesen Herzenswunsch habe ich mir nun im August 2022 erfüllt. An dieser Stelle möchte ich Interessierte an dem Verlauf meiner Alpenüberquerung teilhaben lassen. Mein Name ist Adriane Schmitt. Ich trage seit 2020 beidseitig Cochleaimplantate.

Klar, ein Herzenswunsch allein reichte nicht aus, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es war einiges zu bedenken und zu entscheiden. Da es zahlreiche Anbieter und Möglichkeiten für eine Alpenüberquerung gibt, war es ein längerer Prozess, um herauszufinden, welche Variante am besten für mich passt. Bei der Zugspitztour hatte ich auf der Hüttenübernachtung in der Rheintalangerhütte die besonderen Herausforderungen eines Bettenlagers kennengelernt. Nachts taub zu sein in einem fremden Umfeld war dabei ein Thema. Aber auch Handy-Fernbedienung und Akkus meines CIs aufzuladen, bei einer einzigen Steckdose im Schlafraum für 12 Personen, birgt Unsicherheiten.

Und so fiel die Wahl auf eine Alpenüberquerung mit „Hotelkomfort“ statt Hüttenübernachtung zwischen den Etappen. Dies hatte den positiven Effekt, dass ich nur Tagesgepäck zu tragen hatte und das Hauptgepäck von Hotel zu Hotel transportiert wurde. Es hatte den negativen Effekt, dass ich wunderbare Hütten in herausragender Lage nicht kennenlernen konnte, die sonst auf der Route liegen.

Es geht los!

WANDERUNG IM KLEINWALSERTAL UND KENNENLERNEN DER GRUPPE - 1. Tag

Nachdem das alles entschieden war, ich die Gruppenreise schon allein gebucht hatte, schloss sich unverhofft meine CI-Freundin Marion an.  Wir teilten bei meiner zweiten Implantation 2020 das Zimmer in der HNO-Klinik - und nun gingen wir das „Abenteuer Alpenüberquerung“ gemeinsam an. Bei mir war die Hörminderung seit dem mittleren Lebensalter fortschreitend und Marion war bereits als Kind schwerhörig. Unsere Reise- und Wandergemeinschaft war für mich ein Glücksfall. Denn wer versteht die besonderen Herausforderungen schon so gut wie eine andere Hörbehinderte.

Zusammen fiel es uns leicht, sofort am 1. Tag der Gruppe und dem Bergführer mitzuteilen, dass wir taub sind. Ja, dies benötigt immer noch einen gewissen Anlauf.

Wir informierten darüber, dass wir beide für die Tour und für die Kommunikation auf unsere Hörtechnik angewiesen sind und erwähnten, welche Einschränkungen dies in besonderen Situationen mit sich bringen könnte. Unsere Offenheit fand interessierte Anerkennung und es entwickelte sich ein reger Austausch. Das Thema Hörminderung war auch anderen Teilnehmenden nicht fremd.

Trotz dieser insgesamt guten Voraussetzungen war ich besorgt und hoffte, dass die CI-Technik auf der Tour heil und funktionsfähig bleibt. Andernfalls hätte ich die Trekkingreise tatsächlich abbrechen müssen. Taub wäre mir die Tour zu gefährlich gewesen. Vorab, es lief bestens. Meine Akkus reichten zuversichtlich den ganzen Tag. Marion hatte unterwegs immer eine Batterie griffbereit, wenn der Wechsel nötig war. Stirnbänder schützten unsere Sprachprozessoren auf den stundenlangen Wanderungen erfolgreich vor Feuchtigkeit, Schweiß und Staub. Zudem gaben sie der Technik Halt.

An diesem ersten Tag begeisterte uns auf der Wildentalhütte das heftige Nicken und Glockengeläut einer Kuh, die uns offenbar begrüßen wollte. Ein erster HörGlücksmoment!

AUFSTIEG ZUR WIDDERSTEINHÜTTE (2015 m ü.d.M.) - 2. Tag

Die erste ganztägige Tour auf unserer Alpenüberquerung führte über das Kleinwalsertal 934 m, den Hochtannbergpass und hoch zur Widdersteinhütte, im Abstieg 875 m. Ungewohnt saftig grün war es um uns herum. Für den Tag und für die ganze Woche waren sinkende Temperaturen, Regen und Gewitter prognostiziert. So waren wir froh, dass wir „nur“ wolkenverhangene Berge vor uns hatten, ohne klare Sicht. Es war kühl und feucht, doch es regnete nicht. Nach den 36° zu Hause in Südhessen bewerteten wir dies als Glück in unserer Wandersituation. Wir schwitzten bereits jetzt ganz schön.

Auf der südlich des großen Widdersteins (2533 m) gelegenen Hütte angekommen, zog der Wind heftig. Wir zogen alles über, was der Rucksack hergab, um unsere Mittagspause im Freien verbringen zu können. Eine gute Flädle-Suppe wärmte uns von innen. 9 Personen, 3 Männer und 6 Frauen, machten auf dem langen Weg Bekanntschaft miteinander. Mit Pausen waren wir 8 Stunden unterwegs. Sollten wir ein Wanderteam werden? Ich war gespannt auf die Gruppendynamik und war ja selbst „mittendrin“. Eine Wandergemeinschaft Gleichgesinnter mit einem erfahrenen Bergführer gibt Orientierung, Zuversicht und Sicherheit, soviel steht fest. Jede:r von wollte die Alpenüberquerung schaffen und nicht unterwegs aufgeben. Dieses Ziel verband uns von Anfang an.

Nach der ungewohnten und langen Anstrengung waren abends die Beine unglaublich müde. Dabei waren wir noch am Anfang der Alpenüberquerung. Am nächsten Morgen sollte es pünktlich 8:30 Uhr wieder losgehen. Der Rucksack musste gepackt, die Hörtechnik einsatzbereit, das Zimmer rechtzeitig verlassen, Frühstück und Lunchpaket erledigt sein. An diesem Abend wechselten sich Vorfreude und Anspannung ab.

ÜBER DIE ANHALTER HÜTTE ZUM STEINJÖCHLE (2198 m ü.d.M.) - 3. Tag

Der Aufstieg zum Steinjöchle führte durch Latschenkiefern, über Blumenwiesen, entlang eines Baches, über ein grünes Almtal, ein Schotterfeld und weiße Kalksteinfelsen, vorbei an der Anhalter Hütte. Malerisch und einfach beglückend! Gestärkt durch die Einkehr auf der Hütte und das Nippen an einem Zirbenlikör, den der Bergführer empfahl, ging’s weiter bis zum Gipfel mit atemberaubenden Aussichten. Hier kommt man mit keinem Auto und mit keiner Gondel hin. Wem man hier begegnet, mit dem ist man per Du, vom gleichen „Geist“ beseelt. Unsere kleine Gruppe einte ein lauter oder stiller Stolz, gepaart mit Erstaunen über uns selbst. Nicht nur die Perspektive auf „die Welt“, sondern auch die Perspektive auf „sich selbst“ erweitert sich, wenn man hier oben angekommen ist.

Während der Aufstieg durch herrlich wilden Wald und farbenfroh blühende Almwiesen führte, auf denen Kühe und Pferde grasten, war es vier Stunden später ganz oben karg und felsig. Die Anhalter Hütte und das Steinjöchle waren nicht leicht zu erreichen. Balance, Trittsicherheit, etwas Schwindelfreiheit und dabei viel Ausdauer waren erforderlich. Tolles Übungsterrain für Bergbegeisterte. Erschöpft und glücklich machten wir die Gipfelfotos.

Die Vielfalt für Auge, Geist und Körper war ein Genuss. Und die „Ohren“? Knirschender Kalkstein, das Geräusch beim Halt suchen des Fußes, der Klang der Stöcke anderer Wanderer. Ich selbst genoss es, mich ohne Wanderstöcke frei zu bewegen. Hier kamen mir doch meine regelmäßigen Bergläufe zu Hause an der Bergstraße zugute. Immer mal wieder vorauszulaufen, abseits der Gruppe zu gehen, zu stehen und die Weite der herrlichen Landschaft zu genießen, war möglich und wichtig für mich. Gleichzeitig fühlte ich mich mit der Gruppe „im Rücken“ in Sicherheit, denn ich war nicht erfahren im Hochgebirgswandern. Zudem hatte ich somit Raum von vorne oder von oben manches Foto von der Gruppe zu machen. Dies brachte gemeinsame Freude abends beim Austausch der Bilder.

Die Kühe an unserem Weg bewegten sich eher ruhig und meditativ in ihrer Erfahrung und Weisheit, selbst wenn sie uns auswichen. Der Gedanke, ob mich meine Energie denn wohl so über mehrere Tage tragen würde, war flüchtig. Ich wollte die große Freude genießen, dass mir dieses Abenteuer mit meinen Cochleaimplantaten möglich war.

WASSERFALL AM WEG DURCH DAS ÖTZTAL - 4. Tag

Nicht nur Berge machen glücklich, auch Wasser. An einem ruhigen Strand über das weite Meer zu schauen, das sanft oder aufbrausend ist, berührt. So ähnlich ging es mir am Stuibenfall, dem mit einer Höhe von 159 Metern höchsten Wasserfall Tirols. Der Wasserfall liegt bei Umhausen an unserem Weg durch das Ötztal. Respekt vor den gewaltigen Kräften der Natur stellt sich ein, wenn man den Wassermassen über ein Treppen- und Plattformsystem näherkommt. 700 Stufen und eine 80 m lange Hängebrücke führen immer weiter an das großartige Naturschauspiel heran. Für mich als wieder hörende CI-Trägerin waren die donnernden Geräusche der in die Tiefe stürzenden Wassermassen wirklich atemberaubend. Sie lassen einen Schleier aus feinstem Sprühnebel entstehen, der das Sonnenlicht in Regenbogenfarben bricht. Die feine Abkühlung tat gut und ich war recht froh, dass meine Prozessoren mir diesen „Wasserrausch“ nicht verübelten.

Allerdings teilten wir den Aufstieg am Wasserfall mit zahlreichen anderen Menschen. Es war ein fröhlicher Trubel und wohltuend, als wir nach dem Besuch wieder in die einsame Bergwelt eintauchten. Der Tag war mit 650 m auf und ab weniger herausfordernd, als es der folgende Tag werden sollte.

ÜBER DAS TIMMELSJOCH (2474 m ü.d.M.) NACH ITALIEN - 5. Tag

„In meinen Ohren säuselt das Glück“, ist groß auf dem Timmelsjoch zu lesen. Ich könnte nicht treffender formulieren, wie es mir hier ging.

Den „besten Tag“ der Woche gibt es! Der ist naturgemäß für jeden Menschen ein anderer und unterschiedlich geartet. Mein bester Tag auf der Alpenüberquerung Oberstdorf-Meran war dieser 5. Tag. Nicht einmal unbedingt landschaftlich, denn die Strecke am 3. Tag über die Anhalter Hütte und der Weg hoch über dem Ötztal waren ja auch zauberhaft. Doch so wie ich diese Landschaft, diese äußerst herausfordernde Strecke, mich wandernd, kletternd mit und in der unendlichen Weite der Berge erfahren durfte, das war pures Glück.

Von Hochgurgel in Österreich aus ging es über das Timmelsjoch Richtung Moos in Passeier, Südtirol, Italien. Es war ein heißer Tag mit einem strahlend blauen Himmel. Nach dem steilen Aufstieg 700 m zum belebten Timmelsjoch gab es eine ausgiebige Pause mit Zeit für Einzel- und Gruppenfotos neben der „Kunst am Berg“, die hier zu finden ist. Das Timmelsjoch ist auch ein riesiges hochalpines Freiluftmuseum.

Auf einem Gipfel mit eigenen Füßen angekommen zu sein, das war immer wieder eine kleine Feier! Da man über die neue Hochalpenstraße mit Motorrädern und Autos recht weit an diesen Gipfel heranfahren kann, waren wir hier oben das erste Mal nicht nur unter uns. Vom Gipfel aus ging es nach der Pause z. T. extrem steil auf einem felsigen Weg 1100 m hinunter ins hochalpine Tal, weiter auf dem Europäischen Fernwanderweg Nr. 5. Der E5 soll sehr belebt sein, sagt man. Das war auch so. Doch begegnete uns unterwegs kein Mensch. Dafür trafen wir zahlreiche Kühe und jede Menge Ziegen. Mit ihnen „rangelten“ wir auf schmalen Pfaden um die Vorfahrtsrechte. Es schien eine richtige „Rush Hour“ zu sein, als wir in einen Stau kamen. CI-Freundin Marion zeigte der Ziegenherde beherzt und bestimmt, wer hier gerade Vorfahrt hat. Ich habe ein eindrückliches Video davon gemacht.

Am Ende des langgezogenen hochalpinen Tals qualmten uns förmlich die Füße. Manche in der Gruppe waren zu diesem Zeitpunkt an ihrem Belastungslimit, was nach und nach die Stimmung merklich beeinträchtigte. Nach einer kurzen Pause ging es unerwartet noch einmal bergauf zur Oberen Gostalm. Unterwegs kam es zu einer kleinen „Revolte“: Zu lange Tour, zu wenig klar kommuniziert, zu wenig Trinkpausen, so formulierte es ein Teil der Gruppe. Herausfordernd war es für unseren Bergführer und Reiseleiter dies wieder gut „einzufangen“.

Erleben ist unterschiedlich. Für mich war es der beste Tag, wie geschildert.

Die strapazierte Stimmung vermochte dann eine Runde Zirbenlikör in dem herrlichen Alpenambiente auf der Terrasse der Almhütte zu entspannen.

ÜBER DEN MERANER HÖHENWEG NACH MERAN - 6./7. Tag

Unsere letzte Strecke war anders als die Tage davor. Einmal, weil wir nun dem Ziel entgegen gingen. Zum anderen befanden wir uns auf dem gegen Ende recht belebten Meraner Höhenweg „nur“ auf einer Höhe von max. 1.364 m. Es gab einen sehr schönen, kurzen, doch herausfordernden Abschnitt. Der Weg verlief ansonsten gleichmäßig auf und ab durch grüne Wälder und blühende Hänge, bis wir zu den Weinbergen und Apfelplantagen kamen. Das Panorama zeigte sich lange in leichtem Dunst. Die Anstrengung der letzten Tage hatte Geist und Körper auf „mehr“ vorbereitet. Diese bereitgestellte Energie sollte dann auch eingebracht werden, weil die Strecke sich zog und zog - 20 km, fast 6 h reine Laufzeit. Es war sehr heiß.

In Dorf Tirol angekommen wurde erst einmal in einem Eiscafé erschöpft und glücklich gefeiert. Wir konnten es noch gar nicht richtig fassen, dass wir am Ziel der Alpenüberquerung angekommen waren. Mit der Sesselbahn schwebten wir anschließend beseelt hinunter nach Meran, Marion und ich in dem Bewusstsein, dass wir nun zwei weitere Tage in Meran genießen werden.

Die Gruppe reiste am nächsten Morgen nach dem gemeinsamen Frühstück mit dem Bus zurück nach Oberstdorf. Nach dem Abschied erkundeten wir einen Tag lang das zauberhafte Meran. Klar, hier kann man einige Zeit verbringen. Aber wir wollten an unserem letzten Tag nochmals „hoch hinaus“ auf den Berg zur Orbisell Alm. Wir wollten nochmals „pures Bergglück“ erleben!

EIN LETZTES MAL HOCH AUF DEN BERG (2.160 m ü.d.M.) - 8. Tag

Am Ende des Trekking-Abenteuers ging es hinauf zur einsamen Obisellalm. Malerisch liegt die hübsche Hütte über Riffiano in Südtirol neben dem kleinen Obisellsee, umgeben von steilen Berghängen. Dort oben war es kühl. Mit Decken konnten wir auf der Terrasse den Blick zum See genießen. Es gab hausgemachte Holunderschorle, besten Espresso und frischen Kaiserschmarren mit Preiselbeeren vom Berg und feinem Apfelmus. Fast unwirklich schön war der Eindruck in dieser Stille. Klar, dass hier keine Gondel hochkommt. Es gibt nur eine Seilbahn zur Versorgung der Hütte.

Als wir nach dem nebeligen Aufstieg auf der Alm ankamen, trafen wir nur einen weiteren Gast. Es folgten nacheinander noch vier Wanderer. Sonst gab es nur die nette, vierköpfige Betreiberfamilie und vier am See herumtobende, fröhlich quiekende Schweinchen. Herrliche Geräusche!

Diese Bergtour war nicht ohne Herausforderungen. Wir mussten uns streckenweise in jedem Moment konzentrieren. Es gab ausgesetzte Wege in steilem Gelände, das im Nebel lag. Etwas Mut und Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten gehörten schon dazu, hier ohne Gruppe unterwegs zu sein. Das felsige Gelände mit einem Höhenunterschied von 859 m auf und ab bewältigen wir nach unserer Wanderwoche über die Alpen dann doch insgesamt problemlos, auch ohne Bergführer. Bei dem steilen, manchmal rutschigen Abstieg zeigte sich endlich die Sonne. Es boten sich so herrliche Aussichten ins Tal. Die hellen Glöckchen einer Ziegenherde begleiteten uns. HörGlück!

Abends feierten wir unsere Wanderung und den Abschied von Meran im hübschen Innenhof beim Italiener um die Ecke. Schön überdacht. Unglaublicherweise begann es stark zu regnen und große Hagelkörner fielen vom Himmel. - Der einzige Regen auf unserer Tour. Auch in Südtirol wurde er sehnsüchtig erwartet.

BILANZ MEINER REISE ÜBER DIE ALPEN

In Zahlen ist leicht Bilanz gezogen: 7 Wandertage, 34 Stunden, 88 km, 4625 hm, 8458 Wanderkalorien, 1 Blase links. Sonst alles bestens ... Streckenweise war die Alpenüberquerung recht herausfordernd und machte mir gerade deshalb richtig viel Spaß!

Wir hatten sehr schöne Gruppenerlebnisse mit intensiven Begegnungen. Alle haben das selbst gesteckte Ziel erreicht. Es gab im wahrsten Sinne des Wortes unterwegs auch Durststrecken. Jede:r ist ein Stück an den Herausforderungen gewachsen und miteinander haben wir viel gelernt.

Unsere Tour ging nur teilweise über den Europäischen Fernwanderweges Nr. 5. Oft liefen wir parallel zu dieser Hauptroute auf stillen Pfaden über die Alpen. Es verwöhnten uns unfassbar herrliche Wanderungen und Passübergänge am Alpenhauptkamm bis nach Meran mit seinem mediterranen Flair.

Die CIs haben zuverlässig funktioniert. Es gab fantastische HörGlücksmomente. Ich kann nicht dankbarer für diesen Reichtum sein! Die Gemeinschaft mit meiner lieben CI-Freundin Marion war stärkend und hat viel Freude gemacht! Wir erlebten beide ein unglaubliches Glücks- und Freiheitsgefühl! Beide sind wir stolz darauf, dass wir uns getraut haben, mit Cochleaimplantaten die Alpen zu überqueren! Taub und trotzdem hörend!

Die Planung für die 2. Etappe der Alpenüberquerung im nächsten Jahr beginnt - jetzt ...

 

 

 

Wenn Du selbst höreingeschränkt bist oder bereits ein Cochleaimplantat trägst, magst Du Dich durch meinen Bericht vielleicht ermutigt fühlen, eigene besonders herausfordernde Vorhaben zu verfolgen. Das würde mich sehr freuen! Und wenn Du vor einer Implantation stehst, verlierst Du vielleicht die Sorge, dass danach vieles sportlich nicht mehr möglich ist. Das Gegenteil ist nach meiner Erfahrung der Fall! Alles Liebe und Gute für Deinen besonderen HörWeg!

 

 

Adriane Schmitt
Zwingenberg, 26. August 2022
SHG-Leiterin CI-Treff Hessische Bergstraße
Selbsthilfegruppe im CIV HRM e. V.
Grundschullehrerin/Schulleiterin im Ruhestand
Systemischer Coach (Systemische Therapie und Beratung, SG)

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CI-Trägerin beim MUDDY ANGEL RUN 2022

CI-Trägerin beim MUDDY ANGEL RUN 2022

Von Leonie Rühl

Hallo, mein Name ist Leonie Rühl, ich bin 15 Jahre alt und bin seit meinem 7. Lebensmonat beidseitig mit Cochlear Implantaten versorgt.

Ich habe mich schon des Öfteren gefragt, ob ich auch alle spaßigen Sachen machen kann, die andere (Normalhörende) auch tun?

Die einzig richtige Antwort auf die Frage ist:

Ja klar, genieße dein Leben!

Das lass ich mir natürlich nicht zweimal sagen und versuche immer die verrücktesten Sachen mit meinen Freunden zu unternehmen.

So kam es auch, dass wir uns bei einen Schlammrennen für Frauen angemeldet haben, dem

Muddy Angel Run 2022

-> Der„Schauinsland Muddy Angel Run“ ist Europas 1. Schlammrennen für Frauen aller Fitnesslevel. Die Laufstrecke ist 5 km lang und voller spaßiger und schlammiger Team-Hindernissen.

Am Anfang waren wir zu viert und am Ereignistag waren wir insgesamt sieben Frauen, die sich als Team „Have MATSCH Fun“ anmeldeten.

Sieben Monate haben wir den Tag herbeigesehnt und am 02. Juli 2022 war es endlich so weit. In diesen Zeitraum habe ich mich immer gefragt, wie genau es laufen soll, wenn ich während des Lauf als Einzige im Team Nichts höre. Zuerst habe ich überlegt, ob ich vielleicht nicht einfach mit der Schwimmhülle fürs CI mitlaufen soll.

Das Risiko, die CIs im Schlamm zu verlieren, war mir dann doch zu hoch.

Am Ende habe ich diese bei einen Freund von mir gelassen, der nicht mit gelaufen ist. Meine Freunde kommunizierten mit mir anhand von Basic-LBGs (Basic Lautsprachbegleitende Gebärden) oder ich behalf mir durch Lippenlesen.

Letztendlich war es einer der besten Tage, die ich erlebt habe. Die Bedenken, die ich zuerst hatte, waren komplett unbegründet:

Es hat alles gut geklappt und wir hatten den Spaß unseres Lebens.

Das zeigte mir erneut, dass wir Alles machen können, wenn wir es wollen.
Klar, es gibt immer Menschen, die sagen, dass man das nicht könnte aufgrund der Behinderung, aber das stimmt nicht.

Es findet sich immer eine Lösung um Überall teilzunehmen, also genießt euer Leben in vollen Zügen.

Ich habe eine Lösung gefunden, dann findet ihr auch eine, um euer Leben in allen Bereichen zu genießen.

Hindernisse sind dazu da, sie zu überwinden. Das habe ich an diesem Tag in jeder Hinsicht geschafft!

Leonie Rühl
August 2022



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