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„Schwere Steine“

„Schwere Steine“

Von Mareike Drygala

Kennen Sie Johann Wolfgang von Goethe? Er sagte einst „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“. Dieses Zitat beschreibt sehr gut meinen bisherigen Lebensweg. Teilweise habe ich mir selbst Steine in den Weg gelegt, indem ich mich für den schweren Weg entschieden habe, aber ich muss sagen, es hat sich gelohnt. 

Ich bin Mareike Drygala und bin 32 Jahre alt. Geboren bin ich 1987 in Bremen - normalhörend. Zumindest hat man in meinen jungen Jahren noch keine Hörbeeinträchtigung festgestellt. Erstmals mit sechs Jahren habe ich meine ersten Hörgeräte bekommen. Zu Recht, wie alte Videos aus meiner Kindheit zeigen. Nach dem Baden im heimischen Planschbecken habe ich mich neben meine Oma gestellt und sie förmlich angebrüllt, dass ich mal bitte ein Handtuch bräuchte, denn ich sei nass und müsse mich abtrocknen. Von Lautstärke und Bestimmtheit hätte ich mit dieser Lautstärke auch ein Regiment bei der Bundeswehr führen können. Meine Mutter sah das aber anders und schickte mich in die Grundschule. Schulbildung ist eben auch wichtig. Die Grundschulzeit war schwer.

Zunächst musste meine Mutter überhaupt kämpfen, dass ich auf die Grundschule um die Ecke gehen durfte und nicht in die weit entfernte Gehörlosenschule musste. Dorthin wollte mich der damalige Schuldirektor auf Grund meiner schlechten Hörverfassung und der Versorgung mit Hörgeräten gerne schicken. Am Ende hat sie gewonnen und ich wurde in eine normale Grundschule aufgenommen. Ich hatte natürlich Freundinnen, aber genauso oft musste ich Ablehnung erfahren, denn „du hörst ja nicht richtig, wir können gar nicht richtig mit dir spielen“.

Obwohl ich nichts dafür konnte, dass ich schlecht hörte, erfuhr ich noch in der weiterführenden Schule Ablehnung gegen meine Person, was diese Zeit sehr schwer für mich machte. Ich ging zunächst auf die Realschule. Meine Klassenlehrerin hat sich immer für mich eingesetzt. Auch meine Mutter. Als ich in Biologie immer mit einer Sechs nach Hause kam, weil der Lehrer immer Filme geguckt hat, die ich nicht verstanden habe, war meine Mutter diejenige, die beim Schulleiter auf der Matte stand und gekämpft hat. Also bildlich und mit Worten, nicht mit Schwert smile. Der Schulleiter hat dann dem Bio-Lehrer verboten Filme im Unterricht zu zeigen. Ich glaube meine Mitschüler haben sich auch darüber gefreut. Prompt wurden meine Noten besser. Ich war immer eine der besten Schülerinnen und habe erfolgreich meinen Realschulabschluss gemacht.

Nachdem ich den Realschulabschluss in der Tasche hatte, wünschte ich auf die gymnasiale Oberstufe zu gehen. Ich wollte die erste in der Familie sein, die Abitur macht. Also meldeten wir mich an und ich wurde auch angenommen, aber direkt am ersten Schultag kam die Schulleiterin zu mir und meinte, dass ich nicht weiter auf diese Schule gehen dürfe, ich solle doch bitte auf die Gehörlosenschule gehen. Ich bin also traurig nach Hause gegangen und was soll ich sagen – meine Mutter hat gefühlt einen Weltkrieg ausgelöst und alles erdenklich Mögliche getan, damit ich auf dieser Schule bleiben kann. Zusammen mit einem Lehrer von der Gehörlosenschule wurde eine Konferenz einberufen und die Lehrer über meine Rechte informiert. Am Ende durfte ich doch auf der Schule bleiben. Es war jedoch eine sehr schwere Zeit, weil gehört habe ich mit meinen Hörgeräten schon fast gar nichts mehr. Ich habe förmlich Jedem an den Lippen geklebt. Ein Hörtest beim Ohrenarzt brachte dann das niederschmetternde Ergebnis „Du bist medizinisch taub!“. Ich wollte das erst nicht glauben, dachte an einen bösen Scherz. Aber dann habe ich mich schnell von einem Cochlea Implantat überzeugen lassen.

Ich setzte die 12. Klasse aus und ließ mich zunächst auf dem rechten Ohr in der MHH operieren. Ausgestattet mit einem Haufen Bücher lag ich dort eine Woche im Bett. An die OP kann ich mich gar nicht erinnern. Nur das ich beim Aufwachen das Gefühl hatte, dass ich total verdreht war. Keine Ahnung, wie man mich unter Vollnarkose auf den OP-Tisch gelegt hat. Danach musste das Ohr erstmal ausheilen und ich kam zur Reha und zum Hörtraining nochmal zurück an die MHH. Anschließend ging ich zu Hause noch eine Weile zu einer Logopädin, mit welcher ich meine Aussprache verbesserte und das Telefonieren übte. Denn bisher war meine Mutter immer das Telefonsprachrohr- naja - aus Bequemlichkeit blieb sie es auch noch eine Weile, und auch heute übertrage ich Telefongespräche lieber auf meinen Mann, als selbst zum Hörer zu greifen. Aber telefonieren kann ich auch gut selber. Manchmal muss man nachfragen, aber das ist für mich kein Problem.

Ich brauchte ca. ein Jahr, um mich an das neue Hörgefühl zu gewöhnen. Ich konnte plötzlich auch wieder hohe Töne hören. Mein Gehirn war damit etwas überfordert. Zunächst klang alles blechern und Mickey-Mouse-artig. Aber mit viel Übung, sowohl bei der Logopädin und selbst, konnte ich dann relativ schnell wieder gut hören. Heute habe ich ein Hörvermögen von ca. 85 %. Dies ist ein relativ hohes Hörvermögen für CI-Träger. In der MHH durfte ich daher freiwillig an Forschungen teilnehmen. Bei einem Hörtest musste ich Musikinstrumente unterscheiden. Sehr knifflig, aber Herausforderungen waren schon immer meins.

Ich wiederholte die 12. Klasse. Ich lernte neue Leute kennen und hatte ein bisschen Angst, weil ich es gewohnt war, abgelehnt zu werden. Aber irgendwie haben mich die OP und das CI selbstbewusster gemacht und ich sagte mir „Entweder die Menschen mögen mich so, wie ich bin, oder sie haben halt Pech gehabt“. Das hat mich im Umgang mit Menschen stärker gemacht und dazu geführt, dass ich selbstbewusster wurde. So konnte ich mich auch durch die letzten Schuljahre kämpfen und machte dann zwei Jahre später Abitur.

Neben der Schule engagierte ich mich ehrenamtlich in der örtlichen Kirchengemeinde. Ich mochte vor allem die Offenheit der Leute dort und dass ich mitmachen konnte, so wie ich bin. Ich bin auch gerne mit zu Freizeiten gekommen. Es gab immer was zu lachen – insbesondere wenn ich statt der Butter den Zucker rübergereicht habe. Die klassischen Verhörer. Diese habe ich auch heute noch und das führt zu dem einen oder anderen Lacher.

In der Kirchengemeinde lernte ich erstmals das sogenannte Zusammengehörigkeitsgefühl kennen. Man wurde so akzeptiert, wie man war und war trotzdem was wert. Sehr gerne arbeitete ich mit meiner Diakonin zusammen. Diese war es auch, welche feststellte, dass mein Hörvermögen sehr schlecht geworden ist. Noch heute erzählt sie gerne die Geschichte von dem zusammenbrechenden Hängeschrank, welchen sie noch retten wollte. Ich sollte natürlich helfen, aber ich stand mit dem Rücken zu ihr und habe ihre panischen Hilferufe nicht gehört, sodass sie am Ende den Schrank aufgeben musste und alles in die Tiefe stürzte. Ich glaube ich habe noch gesagt „Warum hast du mich denn nicht gerufen, ich hätte dir doch geholfen“, nicht wissend, dass sie die ganze Zeit nach mir gerufen hatte.

Nach dem Abitur kam erneut kam die Frage auf, wie es weitergehen soll. Ausbildung oder Studium? Meine Mutter war immer dafür eines nach dem anderen zu machen. So absolvierte ich zunächst eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten. Während der Ausbildung entschied ich mich, auch noch das zweite CI auf der linken Seite zu machen.
Dazu setzte ich nur eine Woche aus. Durch die Erfahrungen mit dem ersten CI wusste ich nun, wie alles abläuft und das Hören lernen auf dem zweiten Ohr ging wesentlich schneller. So konnte ich ohne Probleme meine Ausbildung weitermachen. Diese schloss ich erfolgreich ab.

Nun aber tatsächlich Studium. Schon während der Ausbildung interessierte ich mich für die Dinge, die meine Chefin machte und schrieb. Ich dachte mir „Ach, so eine Klage kannst du auch formulieren“. Ich begleitete meine Chefin auch in den Gerichtssaal und was soll ich sagen? Es hat mich fasziniert und so begann ich mit dem Jura-Studium, ohne mir Gedanken zu machen, wie schwer es werden würde und welche Hürden da noch auf mich zukommen werden.

Ich wechselte den Wohnort. Leipzig sollte es werden, wo ich mich über die zahlreichen Gesetze beugen und diese pauken wollte. Das erste Semester war für mich, auf Grund der Ausbildung, noch recht leicht, aber schon bald wurde es schwerer und schwerer und ich merkte, wie ich Schwierigkeiten hatte, hinterher zu kommen. In den Vorlesungen konnte ich nicht immer alles verstehen, ich ermüdete auch schneller als meine Kommilitonen, sodass ich zu Hause einen erhöhten Vor- und Nachbereitungsaufwand hatte. Zusammen mit einer Freundin, welche auch hörgeschädigt ist, machte ich mich zunächst innerhalb der Juristenfakultät der Universität Leipzig für die Belange Hörgeschädigter stark. Wir sprachen im Professorium über die Belange Hörgeschädigter und informierten die Professoren, wie sie uns helfen und uns das Studium angenehmer machen können. Die meisten Professoren waren da auch echt hilfsbereit und übergaben mir Folien und Lösungen zu Klausuren zum Nachlesen. Später hielten wir für eine andere hörgeschädigte Studentin an der Universität Leipzig einen identischen Vortrag auch noch im Professorium der Mediziner. Dann ging es mit dem Studium weiter und ich begab mich in die Examensvorbereitung. Ich saß vor einem Berg von Dingen, die ich noch lesen und lernen musste. Daneben besuchte ich ein Repetitorium (uniexterner Examensvorbereitungsunterricht). Auf Grund der schieren Stoffmenge war ich gänzlich überfordert. Ich war auch schon über der Regelstudienzeit, sodass ich den sogenannten Freischuss nicht mehr mitnehmen konnte. Unter Freischuss versteht man einen Examensschreibversuch, welcher nicht zählt, sofern man ihn nicht besteht, denn regulär hat man eigentlich nur zwei Versuche. Ich versuchte beim Prüfungsamt zu erreichen, dass ich den Freischuss doch bekommen könnte. Die Antwort war „nein“. Ich gab nicht auf und meldete mich für das erste Examen an. Leider absolvierte ich die erste Prüfung nicht erfolgreich. Mit meinem Mann erstellte ich einen neuen Lernplan.

Gleichzeitig versuchte ich den nicht gewährten Freischuss einzuklagen. In der mündlichen Verhandlung kam es zu einem Vergleich und man gewährte mir den Freischuss. Für mich bedeutete es nun, dass ich noch zwei, statt nur noch einen Versuch hatte. Etwas Ruhe kehrte ein und ich lernte für den zweiten Versuch. Zwei Jahre Karteikarten und Übungsklausuren sollten sich am Ende erfolgreich auszahlen. Ich bestand das erste juristische Staatsexamen. Was soll ich sagen? Ich war mächtig stolz auf mich selber, dass ich den mir selbst ausgesuchten steinigen Weg bis hier geschafft habe. Und ich bin es noch heute. Ich bin die erste in der Familie, die erfolgreich ein Studium abgeschlossen hat.

Während des Studiums begann ich mich auch erstmals mit meiner eigenen Geschichte zu befassen und nahm Kontakt zu hörgeschädigten und gehörlosen Menschen auf. Ich begann die Gebärdensprache zu lernen. Ich lernte neue Freunde und eine neue Sprache kennen. Dies hat mir sehr gefallen und ich treffe mich noch heute gerne mit diesen Freunden.

Direkt nach dem ersten Staatsexamen meldete ich mich für das Rechtsreferendariat an. Weitere zwei Jahre Jura, weitere zwei Jahre lernen. Jedoch durfte ich auch erstmals mein juristisches Wissen auch anwenden. Eine Weile begleitete ich einen Richter am Amtsgericht sowie beim Sozialgericht, war bei der Staatsanwaltschaft und durfte auch selbstständig Sitzungsdienst vornehmen und plädieren. Schließlich begleitete ich einen Rechtsanwalt und durfte endlich meine ersten Klagen schreiben. Was ein tolles Gefühl. Mein Wunsch hat sich erfüllt. Vor kurzem habe ich das zweite juristische Staatsexamen geschrieben und warte nun auf die Ergebnisse.

Ich hoffe, dass ich schon bald meinen Traum umsetzten darf und als Rechtsanwältin Hörgeschädigte und Gehörlose zu ihrem Recht verhelfen kann. Ich glaube, wenn dieser Zeitpunkt eintrifft, dann habe ich alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe.

Danke an alle, die mich auf meinen Weg begleitet, gestärkt und für mich da waren, insbesondere meine Mutter, die immer für mich gekämpft hat wie ein Bär.

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Mareike Drygala
Juli 2019

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Der Weg zum Hören unserer Töchter Melina und Lara

Der Weg zum Hören unserer Töchter Melina und Lara

Von Daniela Schröder

Hallo, ich heiße Daniela und bin 32 Jahre alt. Ich habe zwei Töchter namens Melina (12 Jahre) und Lara (9 Jahre), beide sind gehörlos und mit Cochlea Implantaten versorgt.

Ich bin mit 20 Jahren Mutter von Melina geworden. Im Krankenhaus wurde kein Hörscreening gemacht, weil es damals keine Pflicht war. Melina ist am 27.12.2006 geboren und ab dem 1.1.2007 wurde das Hörscreening dann Pflicht im Krankenhaus.

Die Babyzeit war für uns sehr schön, aber ab dem 9. Monat ging es dann richtig los. Melina hat nur in einer Tonlage „A“ geschrien, den ganzen Tag und vor allem im Einkaufszentrum. Es hat uns als Eltern sehr, sehr viel Nerven gekostet.

Daraufhin sind wir zum Kinderarzt, haben es da erzählt, aber Sie meinten „Nein, alles gut“. Es vergingen wieder ein paar Monate, das Geschrei blieb, dann sind wir zum Ohrenarzt gefahren, die haben einen Hörtest gemacht (für große Kinder 🙈): Nix auffälliges.

Melina hat immer noch nichts gesagt, kein einziges Wort immer nur „A“ geschrien.

Wir sind dann noch mal zum Ohrenarzt, haben einen weiteren Hörtest verlangt. Daraufhin hat uns die Arzthelferin sehr unhöflich zu verstehen gegeben, dass wir abwarten sollen und dass man nicht von jetzt auf gleich nix mehr hören kann.

Wir waren jung mit unseren 20 Jahren und haben natürlich den Ärzten geglaubt. Melina wurde zwei Jahre alt und es war immer noch kein einziges Wort da.

Dann haben wir in der Uniklinik Köln selber einen Termin gemacht und relativ schnell einen bekommen. Ja und dann kam der Tag, an dem wir in der Uniklinik die Diagnose bekamen: „Melina ist an Taubheit grenzend“, deswegen spricht sie nicht.

Für uns als Eltern natürlich ein Riesenschock, wir kannten sowas ja nicht, es war alles neu für uns. Da liefen auch bei mir die einen oder anderen Tränchen.

Danach sind wir direkt zum Hörakustiker gefahren und haben Abdrücke gemacht für die Hörgeräte. Nach paar Wochen waren die Hörgeräte dann abholbereit. Meine Tochter und ich sind dann zum Hörakustiker und sie hat ihre Hörgeräte anbekommen.

Wir sind raus gegangen und es fuhr ein Bus vorbei, Melina zeigte auf den Bus und sagte dann mit einer ganz leisen Stimme „Bus“, das war der schönste und emotionalste Moment für mich, natürlich mit Tränensmile. Dann nahm es alles seinen Lauf mit dem Kindergarten, Logopädie, Frühförderung, Hörtests...

Melina wurde fünf Jahre und ihr linkes Hörvermögen ging steil nach unten, dann kam das Thema Cochlea Implantat in der Uniklinik zur Sprache. Mein Mann und ich waren natürlich geschockt und wussten nicht, was es ist. Wir haben Tag und Nacht geredet, gegrübelt, gelesen, usw. dann haben wir uns für die Operation entschieden.

Mit 5 1/2 Jahren hat Melina ihr erstes CI bekommen. Die Operation dauerte fünf Stunden, obwohl sie für drei Stunden angesetzt war. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, weil uns auch keiner was sagen konnte. Dann nach fünf Stunden kam die Krankenschwester und meinte, wir könnten zu ihr.

Die Operation war super gelaufen, alles ohne Komplikationen, die Wunde verheilte auch super. Nach fünf Tagen Krankenhausaufenthalt durften wir dann nach Hause. Nach sechs Wochen bekam sie dann ihren Sprachprozessor angepasst und es begann die Reha einmal in der Woche.

Melina machte super Fortschritte mit ihrer Sprache und auch mit ihrem Hörvermögen, schon nach der zweiten Woche war ihr CI optimal eingestellt und der Hörtest war schon bei 20-30db.

Wir als Eltern waren überglücklich, dass unser Kind jetzt hören kann und dass alles so super gelaufen ist.

Dann kam Melina in die Hörgeschädigtenschule in Köln in eine lautsprachliche Klasse. Sie hat in der Pause dann gehörlose Kinder kennen gelernt, die nur gebärden und nach einem Schuljahr konnte sie komplett die Gebärdensprache. Sie war sehr glücklich dort auf der Schule, weil da alle Kinder gleich sind, mit oder ohne Hörhilfe.

Dann wurde Melina 11 Jahre alt und ihr rechtes Hörvermögen ging auch steil nach unten. Da in dem gleichen Jahr Melina in die weiterführende Schule kommen soll, haben wir uns direkt entschieden, dass wir sie schnellst möglich operieren lassen für ein zweites CI. Der Termin war dann im März schon. Alles verlief super, genauso wie bei der ersten OP, außer dass die zweite Operation nur zwei Stunden gedauert hat.

Jetzt ist Melina 12 1/2 Jahre und ist super zufrieden mit ihren CI‘s und zieht sie gerne und immer an. Es war ein harter, steiniger Weg, aber wir haben es alle geschafft und sind auch super zufrieden und auch dass wir diese Entscheidung zur Operation getroffen haben.

Ihre Schwester Lara wurde mit 7 und 11 Monaten operiert und es lief auch alles super bzw. läuft bis jetzt alles super.

Bei ihr ist es nur etwas anders, denn sie braucht die Gebärdensprache, um alles zu verstehen. Lara hört alles, nur für ihr Verständnis ist es mit den Gebärden einfacher zu erklären, damit Sie es versteht. Sie ist auch in einer Gebärden-Klasse.

Lara liebt ihre CI‘s weil sie sooo gerne Musik hört und Hip Hop tanztsmile. Sie würde die Prozessoren am liebsten auch zum Schlafen anlassen, wir dürfen sie erst ausziehen, wenn sie eingeschlafen ist.

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick verschaffensmile.

Liebe Grüße
Eure Daniela mit Melina und Lara
Juli 2019

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Meine Erfahrungen rund um mein Hören – Ein Update

Meine Erfahrungen rund um mein Hören – Ein Update

Von Helga Hauschild

Viele hier kennen mich persönlich, trotzdem nochmal ein wirklich kurzer Steckbrief:

Ich wurde 2005 nach jahrelanger progredienter Schwerhörigkeit von Frau Dr. Helbig in der HNO-Uniklinik Frankfurt rechts implantiert. Damals musste man noch sechs Wochen warten bis zur Sprachprozessoranpassung. Mit ambulanter Reha im CIC Friedberg und im Alltag lernte ich rasant schnell Gutes Hören. Und war begeistert davon! Das bin ich heute immer noch.

Vor meiner Berentung entschied ich mich dann 2008 zur zweiten OP links, die ich genauso gelungen fand….ein ganz neues Leben begann für mich.

Noch heute kommt es sehr oft vor, dass ich meinen Angehörigen sage: „Was ist mir früher alles entgangen mit der Schwerhörigkeit!“ Schließlich prägte meine Schwerhörigkeit mein ganzes berufliches und privates Leben. Ebenso meine Persönlichkeit.

Leider musste 2011 das erste Implantat ausgetauscht werden wegen eines Defekts. Niemand konnte mich davon abhalten, denn ich hatte ja nichts zu verlieren. Und: ich hörte sehr schnell wieder genauso gut wie vorher.

Zunächst hatte ich beidseits von Cochlear den Freedom. Erst die nachfolgenden Geräte CP 800 und CP 900 konnten mein starkes Schwitzen am Kopf aushalten, ohne Batterieschwächeln.

Als Technikfreak habe ich in der ganzen Zeit alle anderen Hilfsmittel wie Lichtsignalanlage, Mikrolink, Fernbedienungen, spezielle Rauchmelder etc. etc. ausprobiert und angeschafft. Das Aqua-Set konnte mich persönlich nicht so recht überzeugen. Den Audiotransmitter am Fernsehen habe ich als ständigen Begleiter schätzen gelernt! Unverzichtbar.

Immer interessiert mich der technische Fortschritt der Cochlea Implantate und so bin ich nach Beratung durch die Audiologin beim letzten CI-Check im Mai in Frankfurt, sofort im CIC gewesen, um die neueste Generation CI, also den CP 1000 zu testen.

Direkt nach dem Einschalten war mein Erstaunen groß über den perfekten Sound der Geräte…wow. Vor allem macht es mir große Freude, dass ich nun keine Fernbedienung mehr brauche. Mit der App auf dem iPhone habe ich alles im Griff.

Steuerung der Lautstärke, Programmwahl, Telefon und Audiotransmitter, alles in einem Gerät. Ganz hervorragend ist dabei die Übertragung direkt auf die CIs beim Anruf auf dem Handy. Und noch etwas begeistert mich: ich kann mit einer Radio-App den ganzen Tag Internetradio hören beim Arbeiten, sowie Hörbücher anhören und meine Umgebung hört nicht mit…grandios.

Ich bin unendlich dankbar, dass es Cochlea Implantate gibt, Menschen, die das erfunden haben, Menschen, die die Technik weiterentwickeln und Ärzte und Audiologen, die uns mit ihrem Können zu Gutem Hören verhelfen.

Und nicht zu vergessen: dass es den CIV HRM mit Michael Schwaninger gibt, der immer das Richtige sagt und tut – DANKE Michael und alle anderen von der großen CI-Familie!

Juli 2019

Helga Hauschild

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Die Angst war mein größter Feind

Die Angst war mein größter Feind

Von Stella Müller-Rößler

Als Angstpatientin über viele Jahre kam für mich nie eine CI Operation/Implantation in Frage, ich hätte nicht einmal die Voruntersuchungen überstanden. Ich hatte Todesangst vor dem Blutabnehmen, meine älteste Phobie, und Panik alleine bei dem Gedanken an einen Krankenhausaufenthalt. Der Gedanke an eine Kopfoperation löste Millionen Ängste aus. Zudem machte ich den „Fehler" mir so eine CI-Operation auf Youtube im Internet anzusehen. Naja, zumindest die ersten Minuten. Grauselig, sowas würde ich nie nie nie machen lassen.

Über die Jahre ließ aber wegen meiner Meniere-Erkrankung mein Hörvermögen mehr und mehr nach und ich kam immer mehr in eine soziale Isolation. Meinen Beruf als Psychologin hatte ich aufgegeben. Mit dem Nichthören wuchsen meine Ängste. Zum Schluss konnte ich nicht einmal mehr das Haus verlassen. Generalisierte Angststörung und Agoraphobie.

Es wurde Zeit, mir professionelle Hilfe zu holen. Mit Hilfe einer Psychotherapeutin, die mit kognitiver Verhaltenstherapie arbeitete, lernte ich ganz peu a peu, mich meinen Ängsten zu stellen, statt sie zu vermeiden und mich davor zu verstecken. Es sollte drei Jahre dauern, bis ich wieder ein Café besuchen konnte, überhaupt auch mal etwas alleine tun konnte... und nun wurde es Zeit, mich meinem größten Angstgegner zu stellen... Ich ließ mir Blut abnehmen.... Immer etwas mehr traute ich mir zu... Mein HNO sagte mir zu der Zeit, dass man mit Hörgeräten nicht mehr viel für mich tun könnte.

Auch hatte ich mit den Geräten nur noch „Huddel", Pfeifen, Rückkopplungen, weil sie am „Anschlag" waren, schwere Gehörgangentzündungen und allerhand Probleme mit dem Handling.

Ende Gelände.

Ich beschloss, mir die Unterlagen von Freiburg kommen zu lassen für eine CI-Voruntersuchung. Zwei Tage... Klinik.. Uff.. Freiburg war im Internet empfohlen worden und auch mein HNO Arzt gab grünes Licht.

Der Tag der Untersuchungen rückte näher...für mich eine wirklich schwere Prüfung. Beim Zugang legen fürs MRT bin ich dann auch prompt kollabiert... Mit dem anschließenden Beruhigungsmittel dann, war aber wenigstens der Aufenthalt in der engen Röhre kein Problem mehr für mich. Ich schwebte ein wenig davon und dachte an Palmen und blauen Himmel... Wie auf dem Plakat im MRT Raum. Alle anderen Untersuchungen erschienen mir dagegen wie ein Kinderspiel.

Einige Wochen später dann der Kliniktermin bei 31 Grad im Mai.... Alle Schwestern sehr freundlich, alle nett... heiß, aber mit schönem Ausblick aus dem 7. Stock der Uniklinik Freiburg.

Vor der OP musste ich beim Zugang legen natürlich nochmals kollabieren, was die OP ein wenig verzögerte... Das mit der Sensibilität bei Angstpatientin könnten die Pflegenden vielleicht noch ein wenig verbessern. Mein Mann wartete ungeduldig auf Station, weil ich viel später zurückkam als geplant.

ABER: alles war gut verlaufen...Verband saß...keine Übelkeit oder Schwindel. Nach nur 4 Tagen konnte ich die Klinik verlassen (ich werde in diesem Leben Kliniken nicht wirklich lieben lernen) und auch der Heilungsprozess verlief super. Geschafft!

Die Erstanpassung im ICF (Implant Centrum Freiburg) und das Hören lernen kosteten mich zwar irre viel Kraft (ich musste nach den Übungs- und Testeinheiten immer sehr viel schlafen), aber es ging erstaunlich gut und schnell voran. Für mich war toll, dass bei den ICF Terminen zwischen zwei und fünf Tagen immer eine Begleitperson dabei sein konnte. So konnte mein Mann bei mir sein, mir assistieren und abends haben wir dann die umliegende Gastronomieszene getestet und sind im Schwarzwald spazieren gegangen.

Im April des darauffolgenden Jahres ließ ich mir dann, auch in Freiburg, das zweite CI implantieren. Diesmal zwar mit etwas mehr Komplikationen und auch drei heftigen Schwindeltagen, aber es hat geklappt.

Heute, ein gutes Jahr später bin ich enorm froh, dass ich es geschafft habe, trotz aller schweren Ängste und Widrigkeiten.

Klar, 10 Jahre früher wäre gut gewesen. So lange hatte ich es immer wieder weggeschoben. Aber inzwischen gab es Kanso, also eine "single unit", man hat nur noch den Knopf am Kopf, gar nichts mehr hinterm Ohr. Wie für mich gemacht. Meine zwei Kansos sind mein größter Schatz, und um keinen Preis würde ich sie wieder hergeben.

Die Hörreise ist beschwerlich, die Operation kein Kinderspiel, aber ich würde es doch immer wieder machen lassen.

Das PLUS an Lebensqualität ist enorm! Ich trau mich wieder so viel mehr, versteh so viel mehr... und auch das Vogelgezwitscher ist wieder da... Sogar Musikhören und Telefonieren gehen wieder. Zwar bleibt es sehr anstrengend für mich, aber es geht!

Ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die mir durch die CI eröffnet werden.

Juni 2019
Stella Müller-Rößler

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