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Unser Weg zum Hören

Unser Weg zum Hören

Von Anne S.

Ich habe Berichte gelesen, in denen Eltern von Fehldiagnosen erzählen und deren Kinder deswegen erst spät implantiert wurden.

Bei uns waren es keine Fehldiagnosen, die dazu führten, sondern Beruhigungs-Standardsätze, mangelndes Ernstnehmen, zu viel Abwarten und auch ein Stück weit alleingelassen werden, ohne die richtigen Informationen an die Hand zu bekommen.

Als unser Sohn Oskar 2014 geboren wurde (normale Schwangerschaft, normale Geburt, kerngesundes Kind) war das Neugeborenen-Hörscreening „nicht möglich“ (so wurde es immer wieder gesagt). Jeden Tag versuchten sie es neu, es „klappte aber nicht“ weil:

  • zu viel Fruchtwasser im Ohr
  • zu enge Gehörgänge
  • das Gerät laufend spinnt und nicht funktioniert
  • zu viel Geräusche drum herum

Mein Mann und ich machten uns keine Sorgen, weil keine Hörschädigungen in der Familie bekannt sind. Wir fuhren dann mit unserem Baby nach Hause und wurden vier Wochen später wieder zu einem Termin in der Geburtsklinik eingeladen.

Oskar, völlig entspannt und abgefüttert, schlief bei diesem Termin auf meinem Schoß und ließ die 45 Minuten dauernde Prozedur, mit Gel auf dem Köpfchen etc., über sich ergehen. Nichts funktionierte. Es wurden wieder oben genannte Gründe genannt, warum dies nicht funktionieren würde. Zudem knatterte die ganze Zeit ein Hubschrauber ums Haus. Im Nachhinein fragt man sich schon, warum solche Hörtest in nicht isolierten Räumen überhaupt gemacht werden?

Wir wurden wieder vertröstet, da wird schon nichts sein, wir haben ja niemanden in der Familie. Ansonsten müssten wir halt nochmal wieder kommen.

Nun begann eine Zeit des Warten und Beobachtens. Ich beobachtete mein Baby, er reagierte auf laute Geräusche. Ich probierte es immer wieder mit den unterschiedlichsten Dingen aus, mal mit mehr – mal mit weniger Erfolg. Oskar war immer gut drauf, völlig entspannt und weinte so gut wie nie, meine Hebamme meinte: „Es gibt einfach Babys die sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen.“

Ich fragte in einer HNO-Arztpraxis im nahen Bremen nach, die sich auf Kinder spezialisiert hatten. Ich könne jederzeit für einen Test vorbeikommen, dafür müsste er tief und fest schlafen. Oskar schlief tagsüber nicht viel und wenn dann total unregelmäßig, so dass ich nicht planen konnte, wann ich dorthin fahren könnte. Abends wäre gut gewesen, aber da hatte die Praxis natürlich zu.

Alternativ dazu gäbe es nur den Test in Vollnarkose. Das schreckt einen natürlich als Mutter ab, deswegen befasste ich mich erst mal nicht mehr mit diesem Thema.

Nun hatte ich also ein zufriedenes, entspanntes Baby, welches selten bis nie auf Ansprache reagierte und auch so gut wie keinen Augenkontakt pflegte. Also schaute ich mich im Internet um, dort gab es einen Selbsttest, ob das Kind evtl. an Autismus leiden könnte. Nein, allem Anschein nach nicht. Natürlich ersetzt dieser Test keine genaue Diagnostik, aber es beruhigte mich erst mal.

Je älter er wurde, desto mehr merkte man, dass da etwas nicht stimmen konnte (eigentlich wusste ich es sehr früh, aber wenn man unsicher ist, dann glaubt man gerne den Worten der Ärzte, dass schon alles ok sei). Mittlerweile war Oskar acht Monate alt.

Wir fuhren dann in eine HNO-Abteilung in einem Krankenhaus in Bremen für einen Hörtest in Vollnarkose.

Das war eine harte Erfahrung. Ich musste mein Baby wach in viele mit Mundschutz versehene Grünkittelhände abgeben. Sehr erschreckend, nicht nur für mich.

Kurze Zeit später im Aufwachraum, Oskar schrie eine Stunde wie am Spieß, kam der Chefarzt und erzählte mir kurz von der Diagnose: einseitig mit Röhrchen versorgt, Hören ab 80-90db nachweisbar. Ich verstand nicht viel, weil mein Baby mich forderte. Irgendwann kam Oskar im Zimmer zur Ruhe, da kam der Chefarzt nochmal für ein paar Minuten und erzählte mir etwas von „Versuch mit Hörgeräten“ „evtl. nach einem halben Jahr erneutem Test“ „Ci´s“...ich verstand nicht viel.

Auf meine erneute Nachfrage, was ich denn jetzt tun solle, wurde ich zu meinem Ohrenarzt geschickt (ich hatte keinen) und der solle mir eine Hörgeräteverordnung ausstellen. Mehr Infos bekam ich nicht.

Die Diagnose war erschreckend. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so wenig hörte. Für mich war die Vorstellung eines Hörgerätes sehr negativ behaftet, ein Grundschulfreund meines Bruders hatte vor 25 Jahren auch Hörgeräte, und die waren hässlich ockerfarben und piepten oft sehr schrill.

Wir sind dann zu einem Ohrenarzt bei uns im Ort gegangen. Dieser war planlos, weil Oskar noch so klein war, der Hörgerätetechniker, den er anrief und wegen der Verordnung nachfragte, genauso. Irgendwann standen wir mit einer ausgefüllten Hörgeräteverordnung etwas orientierungslos auf der Straße.

Langsam hatte ich das Ganze auch realisiert und kam selber in Bewegung. Ich befragte das Internet und bekam eine tolle Adresse: Ein Kinderhörzentrum, was sich nur um Hörgeräteversorgungen bei Kindern kümmerte. Die gaben uns endlich auch mal Kontaktadressen vom LBZ, Frühförderung,...

Hätte ich diese Adresse nicht gefunden, wäre es sicher noch ein längerer Prozess geworden. Oskar bekam schicke türkisfarbene Hochleistungshörgeräte. Er zeigte bei dem Hörtest vor Ort zwar keine eindeutigen Reaktionen, aber zu Hause ahmte er SOFORT das Miauen der Katze nach.

So ging dann wieder etwas Zeit ins Land, er tolerierte die Hörgeräte super, fing an zu plappern und erste Worte zu sprechen (Mama, Papa, Wauwau, Muh,...) und kannte Bedeutungen wie NEIN, KOMM, Oskar, … Er kannte das Hundebellen, die Türklingel, liebte Musik,... . Nur leider stockte seine Hör- und Sprachentwicklung irgendwann, so dass wir uns doch mit dem Thema „Cochlea Implantat“ auseinandersetzen mussten.

Mittlerweile war ich ungeplant, aber doch gewollt, wieder schwanger. Ich machte mir während der Schwangerschaft nicht viele Gedanken über das Hören dieses Kindes, wo es doch auch ein Mädchen werden sollte...

Emma erblickte genau 15 Monate nach Oskar das Licht der Welt. Und was soll ich sagen, nicht nur, dass der Hörtest „wieder nicht funktionierte“, nein, mir wurden sogar, obwohl ich betonte, dass ich zu Hause schon einen kleinen „Hörenix“ habe, die gleichen Ausreden gebracht, wie „zu viel Fruchtwasser, etc. ...“. Aber mir war klar, bei Emma wird es ähnlich sein.

Da Oskar aber in der Zeit sehr fordernd wurde und wir uns bei ihm ja auch grade im Entscheidungsprozess befanden was wir nun machen, stellten wir Emma erst mal hinten an. Wir bekamen in Hannover einen Termin zur CI Voruntersuchung für Oskar, da war er knapp 1,5 Jahre alt. Emma war zwar mit in der MHH, es ging aber nicht um sie.

Nach der Untersuchung „freuten“ sich alle Fachleute, dass Oskar CI´s bekommen könne, auf den Gängen traf ich Eltern, die nur vom CI ihrer Kinder schwärmten, ich kam mir vor wie auf einer Werbeveranstaltung. Es war ein krasser Gegensatz zu vorher (mir wurde immer Zeit und die Entscheidung gelassen, was denn nun als nächstes passieren könnte), auf einmal zeigten alle Zeiger Richtung CI.

Es dauerte eine Weile, bis ich verstanden habe, dass es durchaus auch Kinder gibt, bei denen eine CI Versorgung aus anatomischen Gründen nicht möglich ist. So sind wir dann mit einem ziemlich kranken Kind (Fieber für 2 Wochen, Wesensveränderung für 4 Wochen) nach Hause gefahren. Diese Nebenwirkungen haben es mir natürlich nicht leichter gemacht, mich für eine erneute OP zu entscheiden.

Oskar wurde dann mit 20 Monaten in der MHH beidseits implantiert. Und damit es nicht langweilig wurde, haben wir Emma am gleichen Tag zur Voruntersuchung in den OP gegeben. Ich war ja nun mittlerweile an das Abgeben meiner Kinder für die Narkose einigermaßen gewöhnt, vor allem, weil die Narkoseärzte der MHH mich eigentlich immer bis zum „Einschlafen“ dabei ließen und es so entspannter für alle Seiten war. Aber beide Kinder gleichzeitig abzugeben, war schon eine andere Hausnummer.

Emma kam um 14:30 Uhr in den Aufwachraum und als sie soweit fit wurde, dass ihr Papa sie mit auf die Station nehmen konnte, wurde gleichzeitig mein zweites Kind in den Aufwachraum geschoben, dieses mit dickem Verband um den Kopf. Das war eine seltsame Situation. An diesem Nachmittag habe ich drei Stunden im Aufwachraum verbracht.

Bei Emma stellte sich sogar eine noch höhere Hörschwelle heraus, bis 100dB gab es keine Antworten. Das haute mich aber nicht mehr um, mittlerweile hatte ich mich mit dem Gedanken abgefunden. Beide haben den Krankenhausaufenthalt gut überstanden, als es nach Hause ging, waren beide fit und guter Dinge.

Oskar hatte nun vier Wochen bis zur Erstanpassung. Das war schon nach kurzer Zeit sehr anstrengend. Er und wir waren ja gewohnt, dass wir, auch wenn nur auf geringen Niveau, kommunizieren konnten. Er wurde sehr laut und sehr schnell frustriert. Verständlich!

Man überlegt sich ja vorher, ob man wenn möglich gleich beide Seiten implantieren lässt oder man dies nacheinander macht. Das muss jede Familie für sich selbst entscheiden und wenn man Zeit und Kapazitäten hat, sprechen auch Gründe dafür, die Seiten nacheinander machen zu lassen. Da uns aber ja bevorstand, dass beide Kinder operiert werden mussten, haben wir uns vor allem für wenige OP´s und somit für wenige Krankenhausaufenthalte entschieden.

Die Erstanpassungswoche verlief für Oskar und die Fachleute im CIC sehr gut, er tolerierte seine Geräte super, zeigte schon erste kleine Reaktionen auf Geräusche.

Ich war etwas genervt – einerseits fielen laufend die Spulen ab und andererseits hatte ich irgendwie erwartet, dass wir sprachlich dort ansetzen konnten, wo wir mit den Hörgeräten aufgehört hatten. Dass die Kinder ganz neu Hören lernen mussten, war mir nicht so bewusst gewesen. Also war dem (natürlich) nicht so, es vergingen noch 3 Monate, bis wir am Ausgangspunkt waren.

Emma bekam nach der Voruntersuchung erst mal Hörgeräte. Zu einem empfehlen sie ja meistens, die Ohren vorab mit Hörgeräten zu versorgen, zum anderen wäre ich auch mit zwei (frisch) implantierten Kindern schlicht überfordert gewesen. Ich wollte mich erst mal auf das eine Abenteuer einlassen um dann gut vorbereitet für das zweite zu sein.

Emma fand die Hörgeräte richtig doof. Ohne Mütze ging da gar nichts, auch im Haus trug sie nun Mützen. Reaktionen konnten wir trotz hoher Einstellung nicht feststellen. Das war zu erwarten gewesen, ich denke, sie nahm die Geräte deswegen immer raus, weil sie ihr einfach nichts brachten.

Nach sechs Monaten waren wir mit Oskars CI´s routiniert, so dass wir Emma dann mit 12 Monaten implantieren ließen. Mittlerweile schon fast Routine für mich, so dass ich mir nicht allzu große Sorgen machte. Und es klappte auch alles prima.

Emmas Erstanpassung verlief (bis auf einen Magen Darm Infekt, der die ganze Familie niederstreckte) auch ganz problemlos. Da Emma bis dahin ja nichts gehört hatte, wurde sie auch nicht so launisch wie Oskar in der Zeit, bis sie anfing mit Sprache etwas anfangen zu können.

Nun ist Oskar mittlerweile 4,5 Jahre alt. Bis auf zwei kleine Vorkommnisse kommen wir super mit den CI´s klar. Er hat sprachlich leider noch einiges aufzuholen, scheinbar hat er zu dem Hörproblem noch eine Sprechapraxie (Störung der Planung von Sprechbewegungen).

Das macht das ganze natürlich langwieriger und zeitaufwendiger, aber trotzdem haben wir nie bereut, ihn implantieren zu lassen. Er kommuniziert viel und gibt nie auf oder ist frustriert, wenn andere nicht verstehen, was er zu ihnen sagt. Verstehen tut er mittlerweile fast alles, was wir ihm sagen, wir können sogar flüstern und alles kommt an.

Emma ist eine kleine Schwatzliese, sie singt und redet den ganzen Tag. Sprachlich hat sie ihren Bruder überholt, sie hat zwar auch noch einige Probleme mit der Aussprache, aber sie ist ja auch erst drei Jahre alt.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass die Entscheidung für das CI genau richtig war. Emma musste zwar schon einmal nach einem bösen Sturz direkt auf das Implantat reimplantiert werden, aber so etwas kann leider dazugehören und es ist alles gut gegangen.

Allerdings gibt es einige Dinge die uns wirklich viel Energie und Zeit geraubt haben und werden.

Ich finde die Geburtskrankenhäuser sollten nicht so lapidar mit diesen Hörscreenings umgehen und den Eltern sofort die richtigen Kontaktadressen geben können. Wenn es sich als Irrtum herausstellt, ist es dann doch auch gut.

Die Klinik, die die erste Diagnose von Oskar gestellt hat, hätte uns diverse Adressen von Beratungsstellen etc. mitgeben müssen. Es ist eigentlich ein Unding, dass man sich das alles selber erarbeiten musste.

Ganz schlimm ist die Krankenkasse gewesen bzw. immer wieder auf´s Neue. Wir sind privatversichert. Wir bekommen im Krankenhaus zwar immer ein Einzelzimmer (das hat die Aufenthalte dort immer sehr erträglich gemacht), aber um alles andere mussten wir mit Händen und Füßen kämpfen. Sei es für die Batterien der Hörgeräte (haben wir nie bezahlt bekommen), für die „Rehatermine“ im CIC, für Ohrpasstücke,...

Aktuelles Thema ist, dass ich mit beiden Kindern gerne in eine vierwöchige Sprachheilreha gehen würde. Es ist nur scheinbar keiner dafür zuständig. Sowohl Krankenkasse als auch Rentenkasse haben abgelehnt. Mir hat die Rehaeinrichtung auch nicht viel weitergeholfen, außer mir anzubieten dass ich den Aufenthalt auch gerne privat zahlen könne. Nur sind knappe 30.000 Euro nicht in meiner Portokasse.

Die Ämter sind auch eine Klasse für sich. Oskars Schwerbehindertenausweis hat ganze sechs Monate gedauert. Für unseren Heimgebärdensprachkurs kämpfen wir alle sechs Monate aufs Neue. Die Bewilligung des Integrationsplatzes im Kindergarten war bei beiden Kindern erst kurz vor Kindergartenjahrbeginn da.

Es schlaucht einfach tierisch wenn man von überall her Baumstämme zwischen die Beine geworfen bekommt. Ich sitze regelmäßig bei uns im Büro und bearbeite nur Akten, Ablage, Anträge, Abrechnungen,...

Trotzdem blicken wir als Familie positiv in die Zukunft. Wir haben durch die „Ohren“ viele neue Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen. Bis jetzt werden die Kinder trotz ihrer „Ohren“ überall akzeptiert und herzlich aufgenommen. Wir haben einen tollen Kindergarten erwischt, die sich sehr viel Mühe geben und durch die beiden gehörlosen, unversorgten Kinder, die ebenfalls dort betreut werden, gebärden sie dort auch. Wir haben erste Kontakte im nahen Gehörlosenverein geknüpft. Es gibt hier in der Nähe eine sehr engagierte Schule für Hörgeschädigte, die wir uns schon angeschaut haben.

Auch wenn es natürlich erst mal eine erschreckende Diagnose ist, wenn die Kinder „gehörlos“ sind, ist es Wahnsinn was die Technik leisten kann und wie gut man damit durch die hörende Welt kommen kann.

Ich sage immer, selbst wenn die Hör- und Sprachentwicklung meiner Kinder auf dem aktuellen Stand bleiben würde (was es ja nicht tun wird), dann haben wir doch so viel dadurch gewonnen.

Februar 2019
Anne S.

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Jedes neue Wort ist ein Wunder- Unser Erfahrungsbericht

Jedes neue Wort ist ein Wunder - Unser Erfahrungsbericht

Von Olga Catanese

Der holprige Weg bis zur Diagnose

Angefangen hat es bei uns, wie bei vielen anderen, mit einem auffälligen Hörscreening unserer Tochter A.. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, da ich von vielen ähnlichen Fällen hörte, die in der Kontrolle dann ein unauffälliges Ergebnis hatten. Schließlich gab es bei uns in der Familie bisher niemanden mit einer Schwerhörigkeit. Auch andere Risikofaktoren gab es bei uns nicht. Nach vier Wochen gingen wir dann zum niedergelassenen HNO-Arzt, der auch ein negatives Ergebnis (OAEs negativ) gemessen hat. Wir wurden vertröstet. Da die Bogengänge noch zu eng sein könnten und das Ergebnis somit falsch negativ sein kann, sollten wir in einem Monat wieder kommen. Unser Kinderarzt hat eine Vorstellung beim Pädaudiologen empfohlen. Rund eine Woche später waren wir bei dem Pädaudiologen Dr. T.. Nach einer nicht einmal fünf Minuten andauernden Messung kam die Entwarnung. OAEs waren da und der Test somit unauffällig. Wir sollten sicherheitshalber in einem Monat zum BERA-Test kommen. Wir waren glücklich und erleichtert.

Trotzdem haben wir angefangen unsere Tochter genauer zu beobachten. Sie zeigte keine Hörreaktionen im Alltag, auch nicht bei sehr lauten Geräuschen (z.B. beim Zusammendrücken einer Plastikflasche neben dem Ohr). Kurz vor der geplanten BERA-Testung platzte ein Luftballon in der Nähe meiner Tochter, was auch keinerlei Reaktionen bei ihr auslöste. Die BERA wurde dann von Dr. T. durchgeführt. Sie war gleichfalls unauffällig. Auf meine Frage, warum sie keine Hörreaktionen zeigt, hieß es, dass sie noch zu klein sei. Während sie schlief, hat er am Ohr mit einer lauten Rassel stimuliert. Die Grimasse, die sie dabei machte, wurde als positive Reaktion gewertet. Wiederum gingen wir glücklich nach Hause. Auch in den nächsten Monaten kamen keine Hörreaktionen. Ich habe mir eingeredet, dass sie nicht so schreckhaft ist. Sonst entwickelte sie sich prächtig, war stets glücklich und sehr aufmerksam. In ihrem achten Lebensmonat ging ich wieder zu Dr. T., weil A. auch nicht auf ihren Namen reagierte. Es fiel uns auch auf, dass wenn sie im Zimmer alleine war und nach uns suchte, krabbelte Sie, nach dem sie gerufen wurde, in eine entgegengesetzte Richtung und nicht zum Rufenden.

Die Vorstellung bei Dr. T. wurde mit der Ironie, dass sie vielleicht nicht auf die Eltern hören wolle, begleitet. Er hat in der Untersuchung von der Seite mit den Glöckchen geklingelt, wobei sie sich umgedreht hatte. Den Hinweis, dass sie das Glöckchen von der Seite gesehen haben könnte, wurde abgewiesen. Es würde kein Sinn machen, einen Hörtest zu machen, da sie viel Ohrschmalz hatte. Wir sollten die Ohren zwei Wochen lang auswaschen und dann wieder kommen. Nach zwei Wochen wurden OAEs gemacht. Sie waren auffällig. Mittels Thympanometrie konnte ein Mittelohrproblem ausgeschlossen werden. Wir sollten nach seinem Urlaub in zwei Wochen wieder kommen. Vielleicht war der Test ja falsch, hieß es. Bei den übrigen Vorstellungen war kein Test mehr möglich, da die Kleine nicht mehr schlafen wollte. Schließlich wurden wir in die Uniklinik zur BERA unter Sedierung eingewiesen. Mit 10,5 Monaten wurden dann erstmals der Verdacht und dann die Diagnose einer Innenohrschwerhörigkeit gestellt. Mit 11,5 Monaten erfolgte eine Hörgeräte-Versorgung, die leider auch keinen Benefit brachte und mit 13,5 Monaten wurde unsere Tochter beidseits mit CIs in der Uniklinik Frankfurt versorgt. Es war ein sehr holpriger Weg bis zur Diagnose. Die ganze Zeit haben wir tatsächlich geglaubt, dass unser Kind hört. Nach der Diagnosestellung suchten wir wieder Dr. T auf. Alle Vorwürfe wurden natürlich abgewiesen. Unsere Bitte, die BERA Kurve zu sehen, wurde leider nicht erfüllt, da Dr. T sie nicht im PC gespeichert habe...

Das erste Hören

Vor einem Jahr am 22.01.2018 war die Erstanpassung. Darauf haben wir sehnsüchtig gewartet. Es war jedoch leider unspektakulär. Unsere Tochter zeigte keine Reaktionen. Auch bei den wöchentlichen Einstellungen vier Wochen danach wurde keine eindeutige Reaktion gesehen. Wir waren verzweifelt, als wir in die ratlosen Augen unserer wirklich kompetenten Audiologin der Uniklinik sahen. Sie hat uns immer wieder gesagt, dass es nicht ungewöhnlich ist, überzeugend klang es jedoch nicht. Auf einmal hatte A. angefangen zu reagieren. Es wurde dann immer mehr. Sie hat eigentlich schon immer lautiert. Auch das Plappern wie „amamam“ oder „bababa“ konnte sie schon vor der Versorgung. Auch das wurde mehr. Circa drei Monate nach der Erstanpassung kam das erste „wau wau“ zum Hund auf der Straße. Kurz darauf das Wort Papa zu ihrem Papa und ab dann ging es aufwärts.

Die Sprachentwicklung

Man sollte noch erwähnen, dass wir keine einfache Familie sind, was die Sprachförderung bei Schwerhörigkeit betrifft. Unsere große Tochter, normalhörend, spricht mit ihren fünf Jahren drei Sprachen (Muttersprache Russisch, Vatersprache Italienisch und Deutsch aus dem Umfeld). Es stand für uns nicht zur Diskussion, dass wir unsere Muttersprachen an unsere Kinder weitergeben wollen, bevor wir ein taubes Kind bekamen. Es war letztlich keine leichte Entscheidung. Aufgrund der emotionalen Sprachkomponente haben wir uns entschieden, dass Russisch als Muttersprache bestehen bleibt. Da der Papa mit der großen Schwester italienisch spricht, fanden wir es unfair ihr gegenüber mit italienisch aufzuhören, da sie es dann natürlich vergessen würde. Die Entscheidung fiel letztendlich, dass wir es so weiter machen wie bisher und die Sprachentwicklung von A. beobachten. Sollten Schwierigkeiten auftreten, würden wir alle auf Deutsch umsteigen. Heute, ein Jahr nach der Erstanpassung, spricht A. Zwei-Wort-Sätze in Russisch, einzelne Wörter in Italienisch und versteht immer mehr. Die Sprachentwicklung in Deutsch geht auch gut voran. Seit bald sechs Monaten geht sie in die Kinderkrippe und hört und lernt dort Deutsch. Insgesamt sind wir sehr glücklich über ihre Entwicklung und die Chance, die CIs mit sich bringen. Noch wissen wir nicht genau wohin die Reise geht, aber wir sind offen für alles. A. trägt ihre CIs sehr gerne, fordert sie morgens ein und rennt zu uns, wenn die Spule abfällt. Jedes neue Wort, das sie sagt, ist ein Wunder. Die Sprache ist noch sehr undeutlich, aber selbst das wird immer besser. Olga CataneseJanuar 2019

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Gedanken einer Mutter mit CI-versorgter Tochter

Gedanken einer Mutter mit CI-versorgter Tochter

Von C. R.

Angenommen, man hätte uns damals nach der Diagnose "an Taubheit grenzend schwerhörig" bei unserer Tochter direkt beide Optionen - CI und Gebärdensprache - gleichrangig offeriert, hätte das an unserer Lage damals und an unserem Weg insgesamt etwas geändert? Über diese Frage habe ich die Tage viel nachgedacht...   Wir waren damals nach der Diagnose sehr verunsichert und Eltern plagt wahrscheinlich in einem solchen Moment immer die Frage „Tun wir das Richtige? Was ist das Richtige?“.   Uns wurde am Tag der Diagnose nahegelegt, über eine CI-Implantation nachzudenken. Über das Nutzen der Gebärdensprache wurde tatsächlich kein Wort verloren.   Wir haben uns damals natürlich auch mit diesem Thema befasst. Wir hatten keine Berührungsängste in Bezug auf die Gebärdensprache, aber sicherlich liegt einem meistens das Vertraute näher und das war für uns die lautsprachliche Kommunikation.   Daher stand für uns dann sehr schnell fest, dass wir uns für die Implantation entscheiden.   Ich muss allerdings dazu sagen, dass uns die Entscheidung wohl leichter gefallen ist, da bei unserer Tochter kein Restgehör festgestellt wurde.   Wir schwankten somit nicht zwischen den Entscheidungen, ob ein CI schon nötig ist, oder ob eine Hörgeräteversorgung noch ausreichend ist.   Unsere Tochter sollte sich erstmal lautsprachlich orientieren und die Gebärdensprache wollte ich ihr später als Fremdsprache anbieten.    

Das Einbinden der Gebärdensprache hatte ich aber stets im Hinterkopf.   Wir haben dann im späteren Kleinkindalter angefangen, ein paar Gebärden (LBG) einzubinden.   Diese haben wir dann z. B. bei Schwimmbadaufenthalten genutzt (Schwimmhüllen gab es damals noch nicht für das CI).   Unsere Tochter beherrscht einen kleinen Grundwortschatz an LBG.   Eigentlich hätte ich mir gewünscht, dass wir noch mehr Gebärden lernen, allerdings ist das gar nicht so leicht.   Gehörlos aufwachsende Kinder erlernen die Gebärdensprache - wenn nicht zu Hause - in Gehörloseneinrichtungen (z. B. Kindergarten, Schule, etc.), daher ist es schwierig, Kurse für Kinder zu finden.   Ich habe damals einen Kurs an der Volkshochschule besucht. Dieser fand abends statt, war also keine Option für unsere Tochter.   Sie hat dann von mir und aus Büchern gelernt. Der Lernerfolg wäre sicher höher gewesen, wenn ein Lernen in einer kleinen Kindergruppe möglich gewesen wäre.   Zusammen lernen macht Spaß und Kinder saugen in diesem Alter ja Alles auf wie ein Schwamm.   Sicher gibt es im Gehörlosen-Umfeld auch Möglichkeiten, von denen wir nichts wissen.   Aber meine Erfahrungen der letzten Jahre zeigten leider, dass es nicht leicht ist, hier Verbindungen aufzubauen.   Ich habe schon erlebt, dass man sich sehr gut unterhalten hat, bis herauskam, dass wir ein Kind mit CIs haben.   Daraufhin hat mein Gegenüber seinen Stuhl erstmal etwas weggerückt und sich einen anderen Gesprächspartner gesucht.   Ich habe aber auch positive Erfahrungen gemacht, über die ich sehr glücklich war.   Gerade im Hinblick auf die Probleme, die wir bereits hatten (Re-Implantationen), haben wir uns auch schon oft gewünscht, die Gebärdensprache besser zu beherrschen.   Es gibt sicher einen Weg, aber der Alltag bietet immer wieder etliche Hürden, die zu meistern sind, da hatte dies leider keine allzu hohe Priorität.   Ich weiß nicht, was der richtige Weg ist, aber dieser war für uns zumindest kein falscher Weg.   Es ist schwierig abzuschätzen, ob wir uns, wenn das Erlernen der Gebärden von Seiten der Einrichtungen (Klinik, Reha, etc.) empfohlen worden wäre, anders entschieden hätten.   Vielleicht hätten wir uns für eine Implantation und gleichzeitiges Erlernen der Gebärdensprache entschieden. Das kann ich jetzt nicht ausschließen.   Für die Implantation hätten wir uns aber auf jeden Fall entschieden und die alleinige Konzentration auf die Lautsprache in den ersten Hörjahren habe ich als sehr positiv empfunden.   Die lautsprachliche Entwicklung ging auch ohne Gebärden sehr schnell voran. Das ist natürlich auch von Kind zu Kind unterschiedlich. Hier muss jeder für sich und sein Kind den richtigen Weg finden.   Prinzipiell bin ich der Meinung, dass einem alle Türen offen stehen sollten.   Hierfür wünsche ich mir mehr gegenseitige Toleranz und das Respektieren der Entscheidungen anderer.   Wir können alle viel bewegen, wenn wir an einem Strang ziehen!   C. R. - Dezember 2018

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Warum sogar die „Pause“ anstrengend für Hörgeschädigte ist

Warum sogar die „Pause“anstrengend für Hörgeschädigte ist

Von Julia Dittmann

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Hallo ihr lieben Leser/innen, in diesem Blog geht es mal um ein etwas anderes Thema. Es geht darum zu beschreiben, dass es im gewöhnlichen Alltag viele verschiedene Situationen gibt, die die Kommunikation und das Verständnis bei hörbeeinträchtigen Menschen sehr einschränken können. Nach Gesprächen mit Freunden, die ebenfalls CI-Träger sind oder Hörgeräte tragen, fällt deutlich auf, dass auch sie häufig diesen Momenten begegnen, in denen das sichere Verstehen erschwert wird: Feierlichkeiten in einer großen Runde, Gruppenarbeiten in der Schule oder im Studium sowie eine ganz normale Uni-Vorlesung. Auch am Bahnhof ist das Verstehen der Durchsagen häufig eingeschränkter oder Gesprächsinhalte in Cafés/Restaurants. Sogar ganz gewöhnliche „Pausen“ können dazugezählt werden. „Pausen“ die eigentlich dazu dienen, eine kurze Auszeit vom (stressigen) Alltag zu bekommen.

In den nächsten Abschnitten möchte ich gerne versuchen, zu beschreiben, wie sich diese Situationen für mich (und bestimmt für viele andere Gleichgesinnte) anfühlen. Denn ich denke, viele Außenstehende (Menschen ohne Hörbeeinträchtigung) sind sich oft nicht bewusst, wie schwierig und anstrengend solche Momente für uns sind. Es gibt sicherlich Normalhörende, die sich denken: „Wie, du verstehst nichts? Du bist doch operiert, dann bist du doch geheilt.“ Diese Frage kann ich hiermit beantworten: NEIN, sind wir nicht! Hörgeräte oder CIs sind technische Hilfsmittel, die aber auch sehr schnell an ihre Grenzen kommen können. Meistens kann nur ein Mix aus Geräuschen wahrgenommen und Stimmen bzw. relevante Informationen nicht herausgefiltert werden. Nun geht’s zurück zur „Pausen“-Situation: Meistens verabredet man sich für diesen kurzen Zeitraum mit Kollegen/Kommilitonen/Mitschülern und geht zusammen beispielsweise in die Cafeteria. Dort sitzt man mit ihnen und weiteren Menschen in einem Raum, wo innerhalb der kurzen Zeit relativ viele Themen angesprochen, Witze erzählt, Termine vereinbart, Informationen ausgetauscht werden und noch vieles mehr. Insgesamt ist die Stimmung heiter, locker und fröhlich: mal wird gelacht, geneckt, geschimpft oder auch diskutiert. Mal reden alle durcheinander oder es redet eine einzelne Person, während die anderen zuhören. Mitten darunter: Ich. Die ganze Zeit über versuche ich angestrengt und konzentriert der Unterhaltung zu folgen, was mir jedoch nicht durchgehend gelingt. Manchmal hängt dies auch von der Tagesverfassung ab: Mal höre und verstehe ich mehr, mal weniger. Insgesamt möchte ich nicht dumm, begriffsstutzig oder unaufmerksam wirken und den Gesprächsfluss ständig stören, sodass ich nicht immer nachfrage, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Obwohl ich mich die ganze Zeit eigentlich total unwohl fühle und gerne etwas zum Gespräch beitragen möchte, versuche ich, zumindest nach außen hin, Selbstbewusstsein auszustrahlen und frage mich ständig, ob es mir überhaupt gelingt. Da ich weiß, dass auch normalhörende Leser/innen diesen Blog lesen, versuche ich die Situation einmal zu erklären: Wie bereits oben erwähnt wurde, vermischt sich das Gesagte mit den Neben-/Hintergrundgeräuschen und es wird häufig nur ein Lärmgemisch wahrgenommen. Hin und wieder versteht man einzelne Wortfetzen bzw. Bruchstücke und die ganze Zeit ist mein Gehirn ständig mit Hören, Lippenabsehen und Kombinieren des Wahrgenommenen beschäftigt. Manchmal gelingt es mir, aus den einzelnen Wortfetzen einen Satz zu formen, der irgendwie Sinn ergibt. Dies ist jedoch sehr anstrengend sowie zeit- und kraftaufwändig, weil nicht jede Information richtig herausgefiltert werden kann. Nicht nur das bruchstückhafte Verstehen erschwert das Verständnis, sondern auch die ständigen Sprecher-/Themenwechsel bei Diskussionen sowie die lauten Neben-/ Hintergrundgeräusche in der Cafeteria (Geschirr-/Tablett- und Tassengeräusche). Hinzu kommt, dass nicht alle Mundbilder eindeutig zu erkennen sind. Manche Sprecher sitzen total ungünstig, sodass ich sie bzw. ihre Mundbilder nicht erkennen kann, andere verdecken ihren Mund beim Sprechen (durch eine abgestützte Hand, eine Tasse, das Pausenbrot) oder wenden mir ihr Profil zu. Es kommt auch vor, dass ich irgendwann während der Unterhaltung ein Thema aufschnappe, dass mir bekannt vorkommt. Zuerst freue ich mich, denn ich könnte ja endlich einmal etwas dazu beitragen. Dennoch überlege ich: Soll ich mich an der Diskussion beteiligen oder (lieber doch) nicht? Soll ich meine Meinung äußern oder ruhig sein? Was ist, wenn ich doch nicht alles akustisch verstanden habe und dieser Kommentar vielleicht sogar schon vorab gesagt worden ist oder ich etwas sage, was gar nicht zum Thema passt? Das wäre total peinlich und noch bevor ich eine Entscheidung getroffen habe, ergreift jemand anderes das Wort und das Thema wird gewechselt. Mist, Chance vertan.... Also höre ich weiter zu. Im Laufe der Unterhaltung lässt meine Konzentration stark nach. Dementsprechend kann ich nicht mehr allen Gesprächsteilnehmern folgen und fühle mich zunehmend unsicherer. Deshalb halte ich mich meistens auch überwiegend aus Gruppendiskussionen heraus. Aber um trotzdem nicht völlig unbeteiligt zu sein, nicke ich manchmal oder schüttele den Kopf und lache mit, wenn die anderen es tun. Dann gibt es auch mal diese Situation, wenn es auf einmal komplett ruhig in der Runde wird. Sofort frage ich mich: „Hat mich irgendjemand angesprochen, ohne dass ich es bemerkt habe?“ Ich schaue unauffällig in die Runde. Doch aus der Mimik der Gesprächsteilnehmer erkenne ich, dass mich niemand etwas gefragt hat. Puh, Glück gehabt! Zu oft habe ich mich schon geschämt, weil ich nicht bemerkt hatte, dass ich angesprochen wurde. Zu oft wurde ich deswegen schon (in der Vergangenheit) ausgelacht. (Hinweis zu meinem ersten Blog: Wie ich durch Gleichgesinnte wieder zu mir selbst fand). Da die Stille anhält, erkenne ich, dass den anderen offenbar die Gesprächsthemen „ausgegangen sind“ und nach einem neuen Thema gesucht wird. Da ich mich bisher noch kaum an der Unterhaltung beteiligt habe, verspüre ich zunehmend den Druck, etwas sagen zu müssen und suche fieberhaft nach einem neuen Thema. Jetzt denke ich nicht nur über ein passendes Thema nach, sondern auch darüber, in welchem Thema ich mich besonders gut auskenne, damit ich bei eventuell auftretenden Fragen gut reagieren und antworten kann. Schlussendlich entscheide ich mich dafür, eine Person (meistens meinen Sitznachbar oder Gegenüber) anzusprechen. Die von mir befragte Person erzählt und erzählt und nach vielen Themenwechseln durch andere Sprecher treten auch hin und wieder Themen auf, zu denen ich theoretisch hätte viel beitragen können, trotzdem bleibe ich still. Ständig verspüre ich den Drang, etwas zu sagen und den anderen zu zeigen, dass ich zu bestimmten Themen auch eine eigene Meinung habe und in der Lage bin, meine Meinung zu vertreten. Gerne möchte ich auch etwas Witziges sagen und zeigen, dass ich nicht „dumm“ und durchaus gesprächig und argumentativ sein kann. Doch die Angst, was nicht zu verstehen und ins „Fettnäpfchen“ zu treten, wie schon viele Male vorher in meinem Leben, ist größer als der Wunsch, sich in der Runde als gesprächig zu beweisen. Aus diesen Gründen bin ich ehrlich gesagt, sehr froh, wenn die Runde sich auflöst und die „Pause“ vorbei ist. Deshalb verbringe ich die „Pausen“ gern manchmal allein oder nur mit ein oder zwei Personen bzw. nur an Orten, an denen nicht viel los ist. Das angestrengte Zuhören hat mich müde gemacht und ich spüre, wie meine Konzentration stark nachgelassen hat. Es gruselt mich, wenn ich an den langen Tag denke, der noch vor mir liegt, aber ich werde es schon irgendwie schaffen, so wie bisher auch. Trotzdem, das gebe ich zu, werde ich vermutlich beim nächsten Mal in der großen Runde erneut dabei sein und erneut versuchen, Teil dieser Runde zu sein und dem Gespräch einigermaßen folgen zu können. Denn ich weiß, dass es wichtig ist, sich mit seinen Kommilitonen auszutauschen, da diese sozialen Kontakte einem irgendwann einmal von großer Bedeutung sein können. Außerdem kann man neue Leute kennenlernen, man erfährt die neusten und wichtigsten Informationen und ist quasi immer „auf dem neusten Stand“. Ich hoffe, mir ist es einigermaßen gelungen, darzustellen, wie anstrengend solch eine „Pause“ für uns Hörgeschädigte sein kann, selbst wenn man es uns nicht unbedingt immer anmerkt. Abschließend möchte ich noch einen kleinen Appell an Gleichgesinnte geben: Eine Hörbeeinträchtigung ist eine unsichtbare Beeinträchtigung und nicht immer direkt von außen erkennbar. Diese Tatsache kann einer von vielen Gründen sein, weshalb einige Normalhörende nicht immer in der Lage sind, Rücksicht auf uns zu nehmen oder unsere Bedürfnisse hin und wieder vergessen oder aber aufgrund dieses Unwissens vielleicht auch nicht immer verständnisvoll reagieren, wenn man ständig nachfragt. Ein anderer Grund ist, sie wissen einfach nicht, dass unser Verstehen – trotz guter Technik – in Situationen wie diesen erschwert werden kann. Aus diesem Grund ist eine Aufklärung unsererseits von großer Bedeutung! Wir müssen in der Lage sein, ihnen immer wieder unsere Situation zu erklären und auf unsere Bedürfnisse aufmerksam machen, damit sie sich in unsere Lage hineinversetzen können und in der Zukunft eventuell besser auf uns Rücksicht nehmen können. Diese Vorgehensweise muss ich selbst noch lernen. Einen großen Schritt habe ich bereits im Studium getan: Vor Beginn eines neuen Semesters weise ich meine Professoren immer auf meine Hörbeeinträchtigung hin, schlage vor, wie diese die Kommunikationssituation im Unialltag verbessern können, aber gebe ihnen auch die Möglichkeit, eigene Ideen/Vorschläge miteinzubringen. Die meisten sind wirklich sehr dankbar, wenn man frühzeitig die Initiative ergreift und ihnen Bescheid gibt. Daraufhin sind einige sehr zuvorkommend und geben sich wirklich Mühe, die Kommunikation zu verbessern, z.B. indem meine Gruppe bei Gruppendiskussionen in deren Büro gehen darf oder ich die Folien zur Vor-/Nachbereitung schon etwas früher bekomme, als meine Kommilitonen. Andere Professoren wiederum muss man immer wieder erinnern, weil sie es hin und wieder vergessen. Ich weiß ja selbst aus eigener Erfahrung, dass dieses „ständige Erklären und darauf hinweisen“ Nerven kostet und man sich eigentlich immer wünscht, dass die anderen nach einer gewissen Zeit von selbst daran denken, aber wie sollen wir in bestimmten Situationen Verständnis seitens der anderen erwarten, wenn wir sie nicht vorher auf unsere Bedürfnisse aufmerksam machen?  Jetzt bin ich auch mal wieder am Schluss angekommen und sage „Tschüss, und (hoffentlich!) bis zum nächsten Blog!“ Eure Julia Dezember 2018

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