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Im Heißluftballon über die Wetterau

Im Heißluftballon über die Wetterau

Von Annette Rausch-Müller

Endlich war es soweit, die lange geplante Ballonfahrt über die Wetterau sollte stattfinden. Würde es heute klappen? Und wie ist solch ein Unterfangen mit Cochlea Implantaten zu bewältigen?

Gemeinsam mit meinem Mann machte ich mich auf den Weg zum Ballonstartplatz. „Das Wetter sehe gut aus“, erfuhren wir, als wir gegen 17 Uhr eintrafen. Kaum noch Thermik, nur leichter Wind, keine Böen – also ideal zum Starten eines Heißluftballons. Die wenigen leichten Böen, die noch vorhanden waren, würden sich innerhalb der Zeit legen, die wir mit dem Aufbau des Ballons zubringen würden.

Ballonfahrt ist ein Sport! Deswegen wird auch erwartet, dass jeder, der in den Korb einsteigen will, beim Aufbau tatkräftig zupackt.

Mit strapazierfähigen Arbeitshandschuhen ausgestattet, konnte es losgehen: Da gilt es, Korb und Hülle aus dem Hänger zu holen, den Brenner einzurichten und die Hülle mit einem starken Ventilator mit Luft zu füllen. Dieser Ventilator hat es in sich! Immerhin müssen ca. 4000 Kubikmeter Luft bewegt werden. Entsprechend laut dröhnt dieses Teil, allein schon durch den starken Benzinmotor, der diesen Ventilator antreibt. Mir war das zu laut, viel zu laut. Deshalb bin ich auf Abstand gegangen und habe mich in dieser Zeit als Fotografin für meine Mitfahrer betätigt. Ich wurde vom Lärm verschont und die Mitfahrer hatten ihre Fotos.

Wenn die Brenner schließlich die Luft angeheizt, der Ballon sich gehoben und der Korb sich aufgestellt hat, gilt es, zügig einzusteigen. Und schon geht es los: Sachte hebt sich der Ballon mit dem Korb vom Startplatz, begleitet vom lauten Zischen der Gasbrenner, die die Luft in der Ballonhülle erhitzen und während der ca. einstündigen Fahrt immer dann, wenn die Temperatur in der Hülle sinkt, etwa 3 – 4 Sekunden lang betätigt werden.

Für diesen Moment wird es nicht nur ordentlich warm, sondern auch ziemlich laut. Wobei ich die Lautstärke erträglich fand. Ich habe die Prozessoren während der gesamten Fahrt anbehalten. Die Brenner befinden sich etwa einen Meter über unseren Köpfen.

Vorab gab es die Empfehlung, während der Ballonfahrt eine Kopfbedeckung zu tragen, was überaus sinnvoll ist. Mein Schlauchschal, den ich trug, hat sich hier sehr bewährt. Mit ihm habe ich nicht nur meine Prozessoren fixiert, sondern auch meinen Kopf gegen die Wärme geschützt.

Ein Heißluftballon fährt mit dem Wind, bei stärkerem Wind schneller, bei schwächerem Wind langsamer. Er kann sich um die Hochachse drehen, ein Fahren gegen den Wind ist aber nicht möglich. Das ist auch der Grund dafür, dass es im Ballonkorb – mal abgesehen vom Zischen der Brenner – keine Störgeräusche gibt. Ich konnte so den interessanten Schilderungen des Kapitäns über die Gebiete der Wetterau wunderbar folgen. Selbstverständlich sprach der Kapitän nur, wenn er die Brenner nicht betätigte.

Da der Ballon ohnehin nur bei geringen Windstärken fahren darf, ist so eine Ballonfahrt etwas sehr Beschauliches. Höhenangst gibt es hier oben im Ballonkorb nicht und da der Ballon ruhig im Wind mitfährt, wackelt nichts und man wird auch nicht seekrank.

Unsere Landung war eine supersanfte Bilderbuchlandung. Da man vorab das Ziel nicht kennt, bleibt der Kapitän per Funk mit dem Verfolgerfahrzeug, das uns später wieder zum Ausgangspunkt bringen würde, in Verbindung.

Gemeinsam wurde der Ballon wieder verpackt und in den Hänger verladen. Krönender Abschluss war unsere Ballontaufe, denn: Seit König Ludwig XVI. sind nur Adlige berechtigt, mit dem Ballon zu fahren. Ihr Spruch: „SIC ITUR AD ASTRA“ -so also geht der Weg zu den Sternen – wie passend! Und ich darf mich nun Gräfin Annette, frohlockende Himmelstochter von der Münzenburg über Äcker und Wiesen nennen. Das ist doch was, oder?

Annette Rausch-Müller
September 2022

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Singen mit Cochlea Implantat? Ja, es ist möglich

Singen mit Cochlea Implantat? Ja, es ist möglich!

Von Ingrid Kratz

Wie kann ich mit einem CI singen, wo doch das Hörimplantat in erster Linie für das Hören und Verstehen von Sprache gedacht ist? Es schien mir kaum vorstellbar und doch habe ich es geschafft! Mit viel Übung und Ausdauer wurde es möglich und war eine sehr aufregende wie auch bereichernde Erfahrung für mich. Ich möchte hierzu auf den nächsten Zeilen einen kurzen Einblick in meine ganz persönliche Geschichte geben.

Die Welt der Musik, hierbei besonders der Gesang, faszinierte mich eigentlich schon immer. Mit sechs Jahren begann ich im Kinderchor des Hessischen Rundfunks zu singen. Es folgte die Mitwirkung im Jugend-und Figuralchor. Die Zeit bis zu meinem 25. Lebensjahr war geprägt von öffentlichen Auftritten und künstlerischen Unternehmungen: Konzerte, Hörfunk-Aufnahmen, Fernsehsendungen und Konzert­reisen. Zu einem späteren Zeitpunkt schloss ich mich einem Kirchenchor an. Meine musikalische Leidenschaft lebte ich so bis zum 37. Lebensjahr in vollen Zügen aus. Dann folgten mehrere Hörstürze, ein ausgeprägter Tinnitus und die Erkenntnis, dass es für mich nicht mehr möglich war selbst mit volldigitalen Hörgeräten dem Gesang im Chor nachzugehen.

Ich entschied mich 2008 für ein Cochlea Implantat (CI) links, 2010 folgte ein Implantat rechts. Nach intensiver Beschäftigung und fleißigem Üben mit den Hörprothesen konnte ich für mich eine neue Lebensqualität erreichen. Zunächst mit einem zunehmend besser werdenden Sprachverstehen, dann gelang mir langsam eine Annäherung an musikalische Klänge. An das Singen, welches mit der eigenen Kontrolle der Stimme einhergeht, traute ich mich erst nach vielen Jahren wieder heran, nachdem ich in vielen Übungseinheiten in die mir von früher bekannten Lieder, Opernarien, Musicals und Popmusik hineingehört hatte.

Anfangs, mit nur einem CI, waren für mich die Melodien kaum zu erkennen und auch der Gesang hörte sich sehr befremdlich an. Einzig die Rhythmik, besonders im Tieftonbereich konnte ich bereits früh deutlich identifizieren. Es waren aber noch keine unterschiedlichen Tonhöhen herauszuhören, alles klang irgendwie einstimmig. Dieses frustrierte mich, ließ mich aber nicht von meinem Weg abbringen mit Ehrgeiz weiter zu üben. Ein Aufgeben oder Resignieren kam für mich nicht in Frage.

Mit der Bereicherung durch das zweite CI und mehreren Anpassungen der Audioprozessoren kam nach vielen Momenten des Zweifelns letztendlich doch der ersehnte Erfolg. Ich konnte Melodien verstehen, Texte und unterschiedliche Tonhöhen heraushören. Sopran-, Mezzosopran-, Alt-, Tenor –und Bassstimme waren wieder klar voneinander zu unterscheiden. Es war für mich wie ein Hauptgewinn, dass ich in der Lage war wieder emotional die Musik zu genießen. Beim Singen eines Wiegenliedes empfand ich Gefühle wie Geborgenheit, Wärme, Beschütztsein, sowie Erinnerungen an meine eigene Kindheit. Ich traute mich wieder an das Choralsingen in der Kirche, da ich jetzt meine eigene Stimme wieder kontrollieren konnte, trotz der Größe des Raumes mit einem stark ausgeprägten Hall, was ein Verstehen deutlich erschwerte.

Das „Singen mit CI“ ist möglich! Es gehört aber viel Leidensfähigkeit und Übung dazu, dieses Ziel mit Hörimplantaten zu erreichen. Heute glaube ich, dass es für mich persönlich sehr hilfreich war, bereits in früher Kindheit gesungen zu haben. Beim A-Cappella-Gesang im Figuralchor lernte ich das genaue Hinhören und einwandfreies, sauberes Singen. Vielleicht wäre das „Singen mit CI“ ohne diese intensive musikalische Ausbildung für mich aber noch sehr viel schwieriger gewesen.

Ingrid Kratz
Oktober 2022

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Mein Leben als Cyborg

Mein Leben als Cyborg

Von Sophie Krüger

Seit Februar 2021 bin ich Cyborg, das heißt einseitig mit Cochlea Implantat (CI) versorgt, nachdem ich mehr als 30 Jahre mit Hörgeräten ausgestattet war.

Im Februar 2021 begann also meine Hörreise, von der ich von Beginn an keinerlei Erwartungen hatte, da keiner mir sagen konnte, wie diese verlaufen würde. Also konzentrierte ich mich auf unermüdliches Hörtraining kombiniert mit einer Menge Selfcare; elektronisches Hören lernen ist Hochleistungssport und eine enorme Leistung, die mit viel Motivation schnell Erfolge zeigt!

Das war so ein bisschen, wie in einen Zug zu steigen, ohne zu wissen, wie oft und wo ich Umsteigen muss, um ans Ziel zu kommen. Was ist überhaupt das Ziel? Gutes hören etwa, oder ein angenehmes Sprachverstehen zu erlangen? Ich habe keine Erinnerung daran, was eigentlich „Normales“ hören sein soll.

Die Fahrt war am Anfang sehr mühsam, ich war oft sehr genervt und ungeduldig, da es zu Verzögerungen kam und die Nebenwirkungen der Operation, wie Schwindel, mir sehr zu schaffen machten. Eigentlich geht’s mir erst nach einer Reha im Sommer 2022 viel besser.

Seitdem fahre ich nicht mehr Zug, sondern Porsche; habe eine klare Vorstellung, wie ich mit dem CI in der audistisch strukturierten Gesellschaft klarkommen kann, ohne die eigenen Grenzen ständig zu überschreiten. Regeneration und viel Zeit zum Auftanken der eigenen Ressourcen sind sehr wichtig.

Oft werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen Hörgerät und CI ist. Darüber musste ich lange nachdenken, um dieses Wahrnehmen greifbar zu formulieren; aktuell ist meine Antwort: „Das Hörgerät ist ein einziges lärmendes Feld, wie ein lahmer Traktor, der unglaublich viel Lärm verursacht. Das CI ist wie Porsche fahren, vorausgesetzt, die Fahrbahn ist glatt und frei. Der Gesamteindruck ist also eine Mischung aus Trekker und Porsche fahren zeitgleich, wobei der Porsche klar den Trekker mitzieht und manchmal von ihm ausgebremst wird.“

Deswegen habe ich mich für ein zweites CI entschieden und bin gespannt, wie sich eine beidseitige Porsche-Versorgung anfühlen wird. Ich hoffe sehr, dass die Implantation noch in diesem Jahr passiert, ich bin doch so ungeduldig!

Sophie Krüger
Oktober 2022

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Sieben Sinne bist Du mir wert!

Sieben Sinne bist Du mir wert!

Von Michaela Holzer  — www.marie-kann-hoeren.de

Es gibt da dieses Kinderlied über die Sinne des Menschen:

„Augen, Ohren, Nase, Zunge und die Haut. Alle meine Sinne, sie sind mir vertraut. Ich kann sehen, sehen, sehen, dazu sind die Augen da. Und ich sehe viele Dinge, dazu sind die Augen da. […] Ich kann hören, hören, hören, dazu sind die Ohren da. Und ich höre, höre, höre alle Töne hell und klar...“

Tja, wenn man als Mutter eines taub geborenen Kindes so ein Lied hört, dann können einem schon mal die Tränen kommen. Da wird einem so richtig der Vorschlaghammer vorgehalten, dass beim eigenen Kind nicht alles in Ordnung ist. Solche Momente gab es am Anfang viele: Die nett gemeinte Geste der Freundin, die zur Geburt eine Spieluhr schenkt. Die CD vom Kinderarzt mit Einschlafliedern. Für eine Familie, für die die Diagnose „angeborene Taubheit aufgrund einer pränatalen cmv-Infektion der Mutter“ gefühlt eine Welt zum Einstürzen brachte, ist das anfangs nicht so leicht, sondern einfach nur traurig, wenn Dein neugeborenes Baby nicht die Stimmen seiner Eltern hören kann. Wenn man ihm nachts nicht vorsingen oder es mit „Schschsch…“ beruhigen kann.

Deshalb mussten wir als hörende Eltern nicht wirklich lange überlegen, als uns unser betreuender HNO-Arzt mit dem Satz „Es gibt für fast alles eine Lösung“ über die Möglichkeiten eines Cochlea Implantats (CI) aufklärte. Dieses technische Wunderwerk kannten wir bis dato überhaupt nicht. Wir recherchierten viel dazu, lasen Erfahrungsberichte, gingen zu Selbsthilfegruppen, informierten uns bei anderen Eltern in sozialen Netzwerkgruppen, besuchten Austauschtreffen des Gehörlosenverbandes… und erfuhren so auch mit etwas Befremden die Vorbehalte gegenüber CIs. Ich las Erfahrungsberichte mit der Überschrift „Es muss nicht immer das CI sein“ und dachte erst, dass es da vielleicht noch eine andere Lösung gab, über die ich bislang nicht informiert worden war. Dass es dabei um eine kulturelle Diskussion ging, war mir damals nicht bewusst. Ich war einfach nur froh, dass es für mein Mädchen eine Möglichkeit gab, ihr die Welt der Hörenden doch noch zu ermöglichen. Ich habe es nie so gesehen, dass da etwas „von Gott gewolltes repariert“ werden sollte, weil sonst meine Tochter nicht „perfekt“ sei. Ich liebe sie so wie sie ist! Doch natürlich will ich meiner wunderbaren Tochter die Welt zeigen – und wie schön kann es sein, ihr eben auch die Welt der Töne und Klänge eröffnen zu können.

Die Hörreise beginnt

Als Marie im Alter von zehn und 13 Monaten implantiert wurde, sich kurz darauf ganz deutlich die ersten Höreindrucke bemerkbar machten und ihre Sprachentwicklung einsetzte, war ich einfach nur glücklich, miterleben zu dürfen, wie meine Tochter aufblühte. Sie hatte sichtbar Spaß daran, ihre Stimme zu entdecken – war sie doch nicht wie andere Babys in die Lallphase gekommen und fast ganz verstummt. Ich habe sie in der Zeit nach der Aktivierung viel gefilmt und schaue mir die Videos oft an. Es ist so schön, wie sie gluckst und ihre Stimme ausprobiert und nach und nach in die Sprache kommt. Denn das war eine Entwicklung, die bei ihrem älteren (hörenden) Bruder ganz selbstverständlich war, und deren Fehlen mir schmerzlich bewusst war.

Tatsächlich verlief Maries „Hörreise“ wie im Lehrbuch eines früh implantierten Kindes. Wahrscheinlich hatten wir einfach Glück, dass Marie ihre CIs sehr schnell akzeptiert hat. Wahrscheinlich hat sie aber auch rasch erkannt, dass sie einen Mehrwert davon hat. Sie fing mit Lallen, Singen und viel Quietschen in allen Tonlagen an.  Bald folgten auf „dadada“ gezielte „Mama“ und „Papa“-Ansprachen. Auch ihren Namen lernte sie schnell. Ihre gleichaltrige, hörende Cousine tat uns sogar den Gefallen, als Late-Talkerin sehr spät mit dem Reden anzufangen, sodass beide Kinder bald ungefähr gleichauf waren. Von alleine ging das freilich nicht. Es gehört die Unterstützung der ganzen Familie dazu!

Wir fuhren alle paar Wochen zur Anpassung in’s CI-Zentrum, bekamen von Anfang an Frühförderung und stundenweise Logopädie, wobei wir letztere bald wieder beendeten, weil sie schlicht nicht nötig war.

Die Prophezeiung unseres implantierenden Arztes bewahrheitete sich, dass Maries zwei Jahre älterer Bruder der beste Lehrmeister sein würde. Er war in allem ihr großes Vorbild, ihm machte und brabbelte sie alles nach.

Das Kind als Ganzes betrachten

Dabei machten wir um das Thema „Hören und Sprechen“ nie allzu großes Aufheben. Ich betrachte mein Kind als ganzen Menschen und nicht nur auf ihre Ohren oder Implantate beschränkt. So ging Marie früh zum Kinderturnen, lernte Laufrad und später Fahrradfahren, Skifahren und lernte durch ihre sehr gute Beobachtungsgabe früh Brust- und Kraulschwimmen im Schwimmverein. Sie springt bei uns im Garten Trampolin, tanzt Ballett, reitet und lernt jetzt, im Alter von sechs Jahren, Flöte.

Natürlich gab und gibt es Unterschiede. Die gibt es ja bei jedem Kind und Menschen. Aber eben auch Unterschiede, die auf das eingeschränkte Hörvermögen zurückzuführen sind. Hören mit CI ist viel Arbeit und nie so wie mit einem gesunden Ohr. So waren für Marie reine Bilderbücher viel länger wichtiger als nur ab und an illustrierte Vorlese-Bücher. Hörspiele hört sie fast kaum, außer ein paar Geschichten, die ihr durch Bücher vertraut sind. Fernsehen tut sie hingegen wiederum sehr gern – da unterstützen die visuellen Bilder die akustischen Lücken (da musste ich als Mama meine pädagogischen Ideale anpassen). Aber irgendwie haben wir es geschafft, dass Marie ihre Hörschädigung (dieses Wort kennt sie gar nicht) oder die Tatsache, dass sie CIs trägt, bislang nie als Nachteil angesehen hat. Im Gegenteil: Sie findet es super, abschalten zu können, wenn ihr etwas zu laut wird oder sie etwas nicht hören will. Das wird in der Pubertät sicher noch lustig werden. Es sei ihr gegönnt! Wir sind viel in der Natur unterwegs, reisen mit dem Camper. Wie viele Nächte haben wir schlaflos bei Dauerregen und Gewitter verbracht, während Marie seelenruhig neben uns geschlafen hat.

Seit diesem Herbst besucht Marie die erste Klasse einer Regelschule. Wir haben uns davor sehr intensiv damit auseinandergesetzt, welche Schulart – die Förderschule wäre nicht so weit – für Marie die richtige ist. Doch eigentlich schlug das Herz seit der Entscheidung für den Regel-Kindergarten schon für die Schule hier am Ort. Marie hat hier bei uns am Ort viele Freunde gefunden, ist super integriert, macht ohne Einschränkungen alle Freizeitaktivitäten wie ihre gleichaltrigen Freundinnen. Die Betreuer vom MSH (Mobile Sozialpädogogische Hilfe), die uns während der Krippen- und Kindergartenzeit betreuten, plädierten anfangs noch für die Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) und Förderschule. Aber da hatte ich immer irgendwie das Gefühl, dass sie durch ihre (wertvolle) Arbeit zu sehr auf das Thema Hören fokussiert waren. Ich habe mein Kind immer als Ganzes betrachtet, und die „Fachleute“ hatten eben immer das Handicap im Fokus. Aber mein Kind braucht einfach gleichgesinnte Kinder um sich herum. Sie ist „normal“ entwickelt, selbstbewusst, steht mit beiden Beinen und Ohren im Leben. Für sie wäre es überhaupt nicht verständlich gewesen, warum sie nicht mit ihren Freundinnen auf die gleiche Schule wie ihr Bruder kann. So hat sie auch zu den – inzwischen weniger gewordenen – Austauschtreffs mit anderen gehörlosen oder CI-implantierten Kindern keine große Lust. „Nur weil die auch CIs haben, heißt das doch nicht, dass ich mit denen spielen muss“, sagt sie. Kindermund tut Wahrheit kund, und wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Natürlich kann (und will) ich nicht in die Zukunft schauen. Es werden sicherlich noch die ein oder anderen Herausforderungen und schwierige Entscheidungen auf uns zukommen. Aber im Hier und Jetzt kann ich sagen, dass sich alles gut anfühlt. Ich habe zwei gesunde, glückliche Kinder, die mit allen Sinnen die Welt begreifen und erobern. Ich habe meiner Tochter eine Tür in eine Welt geöffnet, die ihr ohne CIs verwehrt gewesen wäre. Jeden Tag auf’s Neue sehe ich meine Tochter an, wie sie glücklich ganz selbstverständlich in der Früh ihre CIs anlegt und in den Tag startet – bereit, die Welt zu erobern.

Um anderen Eltern, die vor der Entscheidung einer CI-Implantation stehen, Mut zu machen, teilen wir unsere Erfahrungen auf www.marie-kann-hoeren.de.

Michaela Holzer
Oktober 2022

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