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Meine schleichende Ertaubung über mehrere Jahre

Meine schleichende Ertaubung über mehrere Jahre

Von Jeannette W.

Mein Name ist Jeannette (51) und ich bin hörgeschädigt. Der Weg/die Entscheidung zum Cochlea Implantat (CI) war für mich kein einfacher Weg.

Ich wurde normalhörend geboren und im 4. Lebensjahr wurde bei mir die Schwerhörigkeit diagnostiziert. Verschiedene Situationen und Reaktionen veranlassten meine Eltern, eine Ärzteodyssee zu starten. Festgestellt wurde eine Schwerhörigkeit ohne Ursache. Ich wurde einseitig links mit einem Hörgerät versorgt, das rechte Ohr blieb unversorgt.

Aufgrund von Morbus Meniére wurde auch bei mir mein Hörvermögen schleichend schlechter - die tiefen Töne verabschiedeten sich nach und nach und ich hörte nur noch die hohen Töne. Nun war es eine beiderseits an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit. Das Hören wurde schnell immer „leiser“, bis ich eines Tages im Jahre 2005 nach einer Erkältung feststellen musste, dass ich ertaubt bin. Für mich brach eine Welt zusammen - ich fiel in ein schwarzes Loch.

Meine Eltern offenbarten mir, dass diese Prognose vom HNO-Arzt schon gestellt wurde als ich 6 Jahre alt war und mit 32 Jahren war ich dann ertaubt. Wir konnten es alle nicht fassen, wie recht der Arzt mit seiner „These“ hatte. Um mir aber meine Kindheit unbeschwert zu lassen, haben mir meine Eltern dies erst mit meiner Ertaubung mitgeteilt - dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Es folgten sechs Jahre in Taubheit - mir fehlte das Hören sehr, das Musikhören (was ich sehr liebte und immer mehr vermisste), das Sprachverstehen und das Lippenlesen wurde schwieriger. Anstrengend waren auch die Feiern und das Zusammenkommen in größeren Gruppen. Das Gefühl der Ausgrenzung machte sich immer mehr breit – als Folge zog ich mich immer mehr zurück.

Die Entscheidung zum CI habe ich mir nicht leicht gemacht. Einerseits schreckte mich die „Größe“ der Geräte ab, andererseits hatte ich auch Angst vor einer Operation - es gibt immer Risiken, Vor-und Nachteile.

Letztendlich nach sechs Jahren entschied ich mich nun doch für das CI - hilfreich waren für mich die Erfahrungen anderer CI-Träger sowie vor allem auch mein starker Wille, wieder hören zu wollen.

Unterstützt wurde ich auch von meiner Familie in dieser Zeit - denn ich haderte lange mit dem „Ja“ und „Nein“.

Nach vielen Recherchen zum CI und auch zum Ort der OP entschied ich mich. Die Voruntersuchungen liefen alle reibungslos. Es folgte 2011 die OP im Uniklinikum Dresden am immer unversorgten Ohr rechts. 2012 folgte dann die OP links. Nun bin ich beidseitig mit CIs versorgt.

Heute - nach 13 Jahren CI - kann ich abschließend sagen, dass ich es nie bereut habe, diesen Weg gegangen zu sein. Die Entscheidung dafür war von meiner Seite gefühlsmäßig richtig, die Lebensfreude wurde wieder „geboren“ - ich konnte wieder hören, was für ein tolles und unbeschreibliches Gefühl.

Die Musik, die ich so liebte, wurde wieder ein Teil meines Lebens und Sprache zu verstehen erleichtert ungemein. Ich liebe das Vogelzwitschern am Morgen, die Geräusche um mich herum, die Stimmen usw. Es ist so toll, wieder zu hören - und für mich klingt dieses Hören normal.

Man sagt, wer als Kind schon gehört hat, hat vieles im Unterbewußtsein „gespeichert“ und empfindet das Hören dann oft auch als normal. Hier muß ich dem doch zustimmen :-))

Niemals sollte man sich mit anderen CI-Trägern vergleichen, denn jedes Hören ist einmalig. Jeder empfindet Situationen anders, das Hören mit CI ist nicht bei jedem gleich.

Was ich mit auf den Weg geben kann – denkt positiv, macht euch das Leben nicht unnötig schwer, entscheidet euch in Ruhe und ohne Druck von außen. Eine Entscheidung für das CI ist eine Entscheidung für den Rest des Lebens für jeden einzelnen, die das Selbstbewusstsein, die Weiterentwicklung, den Werdegang und den Umgang in Situationen mit beeinflusst.

Jeannette W.

Juni 2024

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Die Tür ist offen – nur durchgehen muss man selber!

Die Tür ist offen – nur durchgehen muss man selber!

Von Andreas Stegmann

Seit meinem zweiten Lebensjahr bin ich (heute 58 Jahre alt) an Taubheit grenzend schwerhörig. Im Kindergartenalter wurde ich einseitig mit einem Hörgerät, ab der Schulzeit beidseitig mit starken Hörgeräten versorgt. In diesem „Zustand“ bin ich durchs Leben gegangen, Schwerhörigenschule an der Marcusallee Bremen, Realschule für Hörgeschädigte in Hamburg, Berufsausbildung in Bremerhaven, Berufsschulblockzeiten in Essen.

Fast 30 Jahre war ich in einer großen Firma als CAD-Konstrukteur im Bereich Elektro-Hardware, später noch zusätzlich im Bereich Hydraulik-, Pneumatik tätig, dann war ich noch IT- und CAD-Betreuer. Nebenbei war ich 4 Jahre Schwerbehindertenvertreter und Betriebsratsmitglied.

Ich wollte wie ein Normalhörender leben, wollte alles erreichen, war verheiratet, habe einen Sohn, habe ein Haus gebaut. Ich musste aber 200 Prozent leisten, um anderen zu ca. 80 Prozent zufrieden zu stellen.

Das Hören wurde immer schlechter, die Kommunikation war sehr anstrengend. Ich habe mehrere Power- Hörgeräte angepasst bekommen, mit kurzen mäßigen Erfolgen. Ich zog mich immer weiter zurück. Es häuften sich bei mir heftige Schwindelanfälle, bis zu Übelkeiten, die oft tagelang anhielten. Später fiel ich öfters, ohne Vorankündigungen, für wenigen Sekunden einfach um. Ich ging zu mehreren HNO-Ärzten, ohne besondere Diagnosen, habe diverse Schwindeltherapien auf eigene Kosten durchgezogen. Bis auf einen HNO-Arzt, der mich zu einer CT- und MRT-Untersuchung schickte, um einen Tumor auszuschließen. Dann fragte er mich: „Haben Sie mal was von einem CI gehört? Sie hören ja fast nix. Lassen Sie sich mal untersuchen, ob Ihre Hörnerven noch funktionieren!“

Nach Untersuchungen, Beratungen und Aufklärungen, war ich ein guter Kandidat für ein Cochlea Implantat (CI) und ich entschloss ich mich für eine OP, erstmal auf der schlechteren rechten Seite.

Ich hatte keine Angst, Sorgen hatte ich auch nicht, ich war einfach neugierig und gespannt, wie das neue Hören sein würde, ich hatte ja nichts zu verlieren. Den ersten Termin musste ich leider verschieben, hatte noch in der Zeit eine Trennungsphase und der Verkauf meines Hauses stand noch im Weg. Ich war in der Zeit sehr angespannt. Aber ich bekam sehr viel Unterstützung und Begleitung von Ulrike Fast, die jetzt meine wundervolle Lebensgefährtin ist ☺.

Am 03.09.2012 war es endlich soweit. Im Diako Bremen sagte mir Dr. Klingmann nach der OP: „Die OP ist erfolgreich verlaufen und alle Elektroden funktionieren“, mir kamen dann die Tränen vor Erleichterung und Freude. Dann wurde ich mit dem Bett zum Aufwachraum geschoben. Mir ging‘s gut!

Am 11.09.2012 wurden die Fäden gezogen.

Da ich immer neugierig bin, habe ich zum Ende der Abheilungsphase, vor der Erstanpassung mein altes HG ans rechte, operierte Ohr gesetzt und eingeschaltet, habe wie erwartet nichts gehört, ausser ein Kribbeln im Gehörgang und am Trommelfell☺.

19.10. 2012 Der Tag X der Aktivierung und Erstanpassung.

Die einzelnen Töne waren klar und sauber zu hören und nicht, wie befürchtet, kratzig und roboterhaft.

Anschließend wurden alle Kanäle aktiviert. Ich nehme nur ein Rumgepiepse wahr. Sprache war nichts zu verstehen, das ist wohl normal so. Ulrike und ich gingen nach draußen. Im Treppenhaus klatschte sie in die Hände, paff, paff mit Piepnachhall, hörte ich. Wir gingen zur Straße, nix zu hören, nur eben das Gepiepse, trotz des regen Auto- und LKW-Verkehrs. Wenigstens die Ampel macht knack, knack, knack (Rotphase), dann auch piep, piep, piep (Grünphase). Hmm, dachte ich, ist das so richtig eingestellt?

Eines Abends gingen wir einmal ins Theater zu dem Stück „Du bist meine Mutter“ mit Martin Leßmann. Ein tolles Stück. Ulli gebärdete mir bei den Stellen, wo der Schauspieler sich umdrehte. Mit dem CI war bei mir das alles noch nicht zu verstehen, aber ich hatte das Hörgerät auf der linken Seite mitbenutzt und so konnte ich zu ca. 8% mit dem Lippenablesen verstehen! Nach dem Theaterstück, auf dem Nachhauseweg, nahm ich tiefere Töne wahr, als wir mit dem Auto über Kopfsteinpflaster fuhren. Es war ja auch sehr laut, es rumpelte, ich konnte später mehrere verschiedene Töne wahrnehmen! Somit auch einige Silben beim Sprechen hören!

In den nächsten Tagen hörte ich Blätter unter und an den Füßen rascheln, die Enten im Teich schnattern, die Vögel piepen. Herrlich! Habe diese Momente genossen! Im Auto hörte ich auch das Radio und spielte mit der CI- Fernbedienung (MedEl FineTuner) rum, z.B. war mit Programm 2 bei höherer Lautstärke Musik schon ordentlich zu hören, Sprache aber weniger.

Abends, als ich wieder zu Hause war, hörte sich dann alles weit weg an, alles war leiser. Mein Hirn und ich arbeiteten wohl auf Hochtouren und waren dann erschöpft. Hörpausen waren angesagt…

Die Anpassungs- und Hörtrainingseinheiten habe ich ambulant gemacht. Es wurde dadurch auch immer besser mit dem Verstehen, vor allem, ich liebe Musik!

Zwei Jahre später, war ich dann bereit für ein zweites CI!

Warum ich auf ein zweites CI angewiesen bin:

  • Mehr Teilhabe an der Gesellschaft
  • Verbessertes Hören und Verstehen im Störschall
  • Raum- und Richtungshören (ist einseitig nicht möglich)
  • eine Verbesserung der Lebensqualität
  • besseres Verstehen beim Telefonieren, beidseitig, über einen zusätzlichen Verstärker und einer Halsinduktionsschlinge, die am Arbeitsplatz vorhanden ist
  • Das Hörgerät „stört“, das CI ist anders, es findet ein Ungleichgewicht beim Hören statt
  • Musikhören in Stereo, mit dem Hörgerät fehlen viele Frequenzen und der Klang ist anders
  • Weniger Missverständnisse in der Kommunikation durch beidseitiges Hören
  • Das Hören mit zwei Ohren bietet die Möglichkeit, Schallwellen besser zu lokalisieren und Sprache in lauter Umgebung ist weniger anstrengend
  • Das Selbstvertrauen wird gestärkt
  • Beidseitiges Hören ist mein Grundbedürfnis
  • Weniger Hörstress
  • Größeres Wohlbefinden im Dunkeln
  • Mehr Sicherheit im Straßenverkehr sowie auch beim Autofahren

Beispiele im Alltagsleben:

  • Schwierigkeiten beim Verstehen mit mehreren Kollegen an einem Tisch z.B. bei Steuerungsgesprächen. Ich muss als Protokollführer Berichte verfassen und habe dabei Probleme, wenn linksseitig ein Kollege mir was sagen möchte.
  • Ich muss häufig in die Montagehalle. Dort ist viel Lärm. Es ist sehr anstrengend sich mit Kollegen dort zu besprechen!
  • Ich muss in der Montagehalle auch aufpassen, von wo die Gabelstapler kommen.
  • Im Büro ist es auch nicht ruhig. Telefone klingeln. Gespräche der Kollegen untereinander. Klappergeräusche der Tastaturen.
  • Ich kann nicht zuordnen, woher was kommt, dadurch werde ich häufig abgelenkt!
  • Ich muss im Straßenverkehr viel beobachten, von wo Radfahrer, Autos, usw. herkommen.

Die zweite CI-Op war am 05.06.2014 und verlief ziemlich problemlos.

Mir ging es soweit gut. Am 06.06.2014, also einen Tag später wurde meine Lebensgefährtin Ulrike Fast auch mit dem zweiten CI operiert. Das Schöne war, wir waren beide in einem Zimmer. Das hatte, auf unseren Wunsch, dann organisatorisch doch geklappt! ☺

Die Anpassungs- und Hörtrainingseinheiten haben wir nach der Abheilungsphase ambulant gemacht. Ich kam schneller mit dem 2. CI zurecht. Das räumliche Hören mit zwei CIs funktionierten bei mir ganz gut. Am wichtigsten ist mir das Musikhören und ich genieße das immer mehr. Ich höre damit mehr Details als früher mit den Hörgeräten. Ich mache nach längerer Zeit wieder mit Genuss selbst elektronische Musik mit einigen DAWs (Digital Audio Workstations) auf dem Computer. Damit kann ich auch sehr gut das Hören trainieren! Das funktioniert ganz gut mit einigen Zubehörteilen, wie mit dem Audiolink und Audiostream, sowie auch mit dem für mich passenden Kopfhörer.

Ich muss sagen, ich bin froh das gemacht zu haben und wie einige andere das auch sagen würden, hätte ich das bloß früher mit den CIs gemacht…

Ich arbeitete auch mit Kollegen, die länger auf der Montage sind. Wenn wir uns dann wieder zu Gesprächen trafen, sagten sie zu mir, dass ich jetzt während der Unterhaltung viel entspannter bin als früher. Meine Persönlichkeit hat sich auch im Laufe der Zeit positiv verändert! Selbst meine Familie freut sich über die tolle Entwicklung und Veränderung mit mir! Ich hatte diese Feedbacks auch sehr genossen! Das brauchte ich! Noch heute genieße ich neue Hörerlebnissen und -Entdeckungen!

Ich bin sehr dankbar, dass es diese Hör-Technologie gibt!

Andreas Stegmann
Juni 2024

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Und plötzlich einseitig taub

Und plötzlich einseitig taub

Von Julia W.

Ich bin 29 Jahre alt und kann mich noch wie heute an den 20. April 2022 erinnern. Es war ein gewöhnlicher, sogar eher ruhiger Arbeitstag, in dem sonst sehr stressigen Job als Produktentwicklerin. Ich hatte den Job erst Anfang März gestartet. Gegen 14 Uhr bekam ich auf meinem rechten Ohr ein Piepsen und das Ohr fuhr herunter. Erst hörte ich wie durch ein altes Grammophon und dann gar nichts mehr. Außerdem hatte ich ein Gefühl von Watte im Ohr. Ich habe dann bei einem HNO-Arzt angerufen, der mittwochs nachmittags noch geöffnet hatte. Leider habe ich erst einen Termin für den nächsten Tag am Nachmittag bekommen. Nach dem Anruf bin ich dann wieder in das Büro gegangen und ich merkte, wie die Wörter meiner Kollegin nur schwer zu mir durchdringen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Zu diesem Zeitpunkt war mein rechtes Ohr dann komplett taub.

Ich beschloss Feierabend zu machen und nach Hause zu fahren, um mich auszuruhen in der Hoffnung, dass es schnell wieder besser werden würde. Auf der Heimfahrt wurde mir allerdings klar, dass dieser Hörsturz anders ist als der, den ich vor ein paar Monaten schon einmal hatte. Ich musste mich stark beim Fahren auf die Straße fokussieren, was mir sehr schwer viel.

Ich entschied mich auf der Fahrt direkt zum ärztlichen Bereitschaftsdienst zu fahren. Doch auf dem Parkplatz angekommen, merkte ich, dass ich nicht mehr allein aus dem Auto aussteigen konnte, weil mir zu schwindelig war. Mein Freund kam dann und hat mich direkt in die Notaufnahme des Klinikums begleitet. Ich kann mich noch daran erinnern, dass die Geräusch- und Stimmwahrnehmung komplett verzerrt war.

Die Ärztin in der Notaufnahme diagnostizierte Lagerungsschwindel, weshalb sie dies mit einem Manöver in den Griff bekommen wollte. Das löst bei mir sehr starken Schwindel, Übelkeit und Erbrechen aus. Ich kam dann in der Nacht auf die HNO-Station. Ich habe auf der HNO-Station sechs Tage lang Cortisoninfusionen bekommen, die aber mein Hörvermögen nicht zurückbrachten. Der Schwindel und die Übelkeit blieben noch einige Tage. Selbst am Tag der Entlassung konnte ich das Krankenhaus nur im Rollstuhl verlassen und auf der Heimfahrt mit dem Auto wurde mir wieder übel. Danach wurde es noch mit einer intratympanalen Kortikoidtherapie versucht. Dabei wird Kortison durch das Trommelfell direkt in das Mittelohr gespritzt. Aber auch das brachte mein Hörvermögen nicht zurück.

Die Wochen nach dem Klinikaufenthalt probierte ich noch andere Therapien, um das Hören wieder zurückzubringen: Akupunktur, Osteopathie und Nahrungsergänzungsmittel. Außerdem trug ich, um mein rechtes Ohr zu schützen, immer einen Ohropax. Irgendwann Mitte Mai kam ein sehr minimales Geräusch an meinem Ohr zurück, wenn ich an meinem Ohr kratzte. Doch ich war immer noch taub, was auch die zahlreichen Hörtests in dieser Zeit bestätigten.

Ich testete mich dann an einem Cross-Hörgerät. Anfangs war es ungewohnt damit zu hören, weil sich alles wie aus einem Lautsprecher anhörte. Ich kam einigermaßen damit klar, aber ich habe schnell gemerkt, dass mein linkes Ohr damit schnell überlastet ist, da es nun alle Höreindrücke verarbeiten musste.

Im August 2022 vereinbarte ich dann mit dem Klinikum Fulda meinen OP-Termin. Die OP fand im Oktober statt. Ich weiß es noch, wie heute, dass ich auf dem Zimmer zur OP abgeholt wurde. Nachdem die OP vorbei war, wurde ich erstmal in ein Einzelzimmer gebracht und dort konnte ich dann auf mein Handy schauen und habe gesehen, dass meine Schwester mir eine Nachricht geschrieben hatte und mir mitteilte, dass sie ihr Baby bekommen hat. Da ging es mir dann direkt besser, obwohl ich noch von der OP benebelt war. Meine Freude musste ich dann erstmal direkt mit der anwesenden Krankenschwester teilen. Der Arzt kam vorbei und teilte mir mit, dass während der OP alles gut verlaufen sei. Dann wurde ich auf ein Zimmer gebracht, wo auch eine Frau in meinem Alter lag, die einen Tag zuvor am Ohr operiert wurde. Ich habe mich so gefreut, dass ich zu ihr ins Zimmer kam, da ich sie schon von den vorstationären Untersuchungen kannte.

Um ehrlich zu sein, kann ich mich gar nicht mehr so viel an die Schmerzen erinnern. Ich glaube aber, dass ich Schmerzen hatte und auch mein Tinnitus auf dem rechten Ohr nochmal so richtig Gas gab. Auch das Schlafen fiel mir schwer, da durch den Druckverband am Kopf die Beweglichkeit etwas eingeschränkt war. Nach drei Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Erstaktivierung meines CIs war gut vier Wochen später nach der OP. Dafür fuhr ich wieder ins Klinikum Fulda und der Mitarbeiter der CI-Firma schaltet das CI bei mir ein. Alle Elektroden funktionierten. Ich weiß noch ganz genau, dass sich die ersten Eindrücke anhörten wie ein Glockenspiel mit 12 Tönen. Das war sehr ungewohnt und viel für mich.

Ab diesem Tag übte ich täglich fleißig mit Apps und dann auch ab Dezember in der Logopädie das neue Hören. Außerdem war ich mir sicher, dass ich noch eine Reha machen wollte, die ich im Dezember beantragte und für die ich dann im Februar 2023 die Zusage bekam. Doch leider sollte es noch bis Juli 2023 dauern, bis ein Platz für mich frei war.

Schließlich ging es für mich Mitte Juli 2023 in die Reha Klinik nach Bad Nauheim. Ich fuhr mit dem Zug hin und am Bahnhof in Bad Nauheim angekommen, wurde ich und ein weiterer Patient in die Klinik gefahren. Er hatte auch ein CI und ab da wusste ich, dass ich nicht allein bin. Die Reha Zeit war eine so schöne und intensive Zeit, in der man sich mit sich selbst beschäftigen konnte. Ich weiß noch, dass ich eine Zeit lang vor der Reha auf Instagram den Spruch von Viola Dingler gelesen und dann auch gepostet hatte: „Neues Hören erfordert Neusortierung und Anpassung der eigenen Identität“. Aber dieser Spruch wurde mir erst so richtig in der Reha bewusst, was genau damit gemeint war. Ich höre jetzt anders und daran wird sich auch nichts mehr ändern.

Die Vorträge, die Gruppen- und Einzelhörtrainings waren sehr hilfreich und am Ende konnte ich mein Hörvermögen in der Reha deutlich verbessern, obwohl ich bereits mit einem guten Niveau in die Reha gekommen war. Besonders geholfen hat mir jedoch die Zeit unter Gleichgesinnten zu verbringen, sich nicht allein zu fühlen und offen über Themen sprechen zu können. Außerdem war es schön, dass wir gelegentlich abends in die Stadt gingen, um gemeinsam etwas zu trinken. Ich blicke heute immer wieder gerne auf diese Zeit zurück.

Durch die Reha bin ich auf die junge Selbsthilfegruppe Deaf Ohr Alive aufmerksam geworden, zu der ich auf jeden Fall mal fahren wollte, um weiterhin Anschluss an junge Menschen mit einer Höreinschränkung zu haben. Das erste Mal war ich im November 2023 beim Stammtisch in Hanau dabei. Ich habe mich direkt wohlgefühlt und die Atmosphäre unter allen genossen, so dass ich auch gesagt habe ich, komme immer wieder gerne vorbei, auch wenn ich eine etwas weitere Anreise habe. Der nächste Termin war dann die Weihnachtsfeier in Friedberg, bei der ich dann auch wieder ein paar bekannte Gesichter aus der Reha und anderen Selbsthilfegruppen getroffen habe.

Heute kann ich sagen, dass meine einseitige Ertaubung mir so viel liebe Menschen in mein Leben gebracht hat, dass ich diese gar nicht mehr missen möchte. Ich habe mein neues Leben mit einseitiger Ertaubung mit CI akzeptiert und freue mich auf weiterhin großartige Begegnungen mit ganz vielen liebenswerten Menschen. Allerdings gibt es auch hin und wieder Momente, gerade wenn ich, wie bei diesem Bericht, in die Vergangenheit blicke, in denen ich mein „normales“ Hören vermisse. Trotzdem schaue ich zuversichtlich in die Zukunft und bin sehr froh, dass ich mich für das CI entschieden habe.

Julia W.
Juni 2024

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Meine Hörreise und mein Weg zur Normalität :-)

Meine Hörreise und mein Weg zur Normalität :-)

Von Bianca

Hallo, mein Name ist Bianca und ich trage rechts ein Cochlea Implantat (CI) und links ein Hörgerät.

Durch meine Grunderkrankung, Morbus Menière beidseits, bin ich rechts komplett ertaubt und links leide ich an einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit. Im Oktober 2023 wurde ich in der Uniklinik Tübingen rechts mit einem Nucleus 8 implantiert.

Die Voruntersuchungen in der Uniklinik Tübingen verliefen alle reibungslos und ich konnte meine Fragen stellen, die mir wichtig waren. Da ich am Ohrkongress teilgenommen habe, operierte mich Professor Dr. Lenarz aus Hannover und die OP wurde live in den Hörsaal übertragen. Die Operation an sich ist sehr gut verlaufen.

Im Laufe des Vormittags wurde ich von der Station in den OP gefahren, gegen Nachmittag war ich wieder zurück auf dem Zimmer mit einem Ohrdruckverband. Alleine aufstehen ging leider noch nicht, da ich sehr unter Schwindel litt. Der Schwindel hielt bei mir knappe zwei Wochen an. Da ich etwas Flüssigkeit unter der Kopfhaut hatte, wurde ich noch für ein paar Tage antibiotisch behandelt und der Druckverband wurde noch mal etwas fester gemacht. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Nach ein paar Tagen wurde ich entlassen, die Wunde wurde hinterm Ohr nur geklebt. Somit mussten auch keine Fäden gezogen werden. Die Nachsorge übernahm mein HNO-Arzt vor Ort.

Die Anpassung des Sprachprozessors erfolgte fünf Wochen nach der OP in der Uniklinik Tübingen. Anfangs nahm ich nur komische Geräusche wahr. Verstehen war leider noch nicht möglich. Nun folgten wöchentliche Anpassungen in der Uniklinik Tübingen, was für mich immer 1,5 Stunden Autofahrt bedeutete. Leider war auch da das Sprachverstehen noch nicht ausreichend. Ich habe mich für eine stationäre Rehabilitation entschieden, statt einer ambulanten, die sich über längere Zeit hinziehen würde.

Im Februar startete dann meine stationäre Rehabilitation in Bad Berleburg. Da ich in dieser Klinik schon einmal war wegen meiner Grunderkrankung Morbus Menière, wusste ich, dass ich dort gut aufgehoben bin.

In der Rehabilitation hatte ich tägliches Höreinzeltraining, mehrere Anpassungen, Psychotherapie, Gleichgewichtstraining, Musiktherapie, Audiotherapie einzeln und in der
Gruppe, Sportprogramm. Alle Therapeuten sind unglaublich engagiert und empathisch. Ich habe mich wirklich sehr wohl gefühlt und auch Erfolge erzählt. Durch das tägliche Training und die immer wiederkehrenden Anpassungen konnte tatsächlich schon ein Sprachverständnis rausgeholt werden. Leider noch nicht so, wie ich es mir wünschen würde aber aller Anfang ist schwer. Und wie heißt es so schön… Üben, üben, üben, üben. ! Ich habe den Therapeuten und den Ärzten dort in der Rehaklinik Bad Berleburg sehr sehr viel zu verdanken und kann es wirklich nur weiterempfehlen.

Momentan bin ich in der Hörgeräte-Anpassung links, da ich dort auch an an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit leide. Nachdem ich jetzt dort ein neues Hörgerät bekomme (Re Sound) und dies kompatibel mit dem Cochlea Implantat ist, bleibt es spannend.

Momentan ist alles noch sehr anstrengend, laut, verzerrt, nach Micky Maus und Roboter klingend. Ich muss mich wohl noch etwas in Geduld üben. Da ich selber in einer Arztpraxis arbeite, ist es manchmal sehr schwierig, stressige Situationen zu bewältigen. Alles was mit vielen Menschen, Lautstärke, telefonieren, und so weiter zu tun hat, ist für mich derzeit nicht möglich. Da gerate ich leider schnell in den Hörstress.

Weitere Einstellungen erfolgen derzeit über meinen Hörakustiker, der Gott sei Dank, Hörgerät und Cochlea Implantat gleichzeitig einstellen kann.

Zurückblickend auf meine Hörreise, bin ich dankbar über das, was mir ermöglicht wurde. Ich würde es jederzeit wieder machen. Nachdem ich weiß, dass die linke Seite irgendwann auch nachziehen wird, ist für mich klar, dass ich mich auch für die linke Seite für Cochlea Implantat entscheiden werde. Alles in allem ist es kein leichter Weg, aber auch wenn ich nur langsam das Ziel erreiche, wird alles gut werden :-).

Bianca
Juni 2024

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