Zum Hauptinhalt springen

Der Weg zur Selbsthilfe- durch den Gendefekt schleichend ertaubt

Der Weg zur Selbsthilfe -
Durch den Gendefekt schleichend ertaubt

Von Sina Täuber

Mein Name ist Sina, ich bin 30 Jahre alt und komme aus dem schönen Oldenburg in Niedersachsen. Ich möchte euch heute von meiner Hörreise erzählen und fange mal von gaaaanz vorne an!

Von Geburt an habe ich einen Gendefekt, der sich im Alter von 12 Jahren als Innenohrschwerhörigkeit geäußert hat. Bei meiner Mutter ist diese erst im Alter von 31 Jahren aufgetreten, weshalb meine Eltern gehofft hatten, dass auch ich erst im Erwachsenenalter damit zu tun habe.

Ich habe eine Regelschule besucht und meinen Realschulabschluss gemacht. Als meine Schwerhörigkeit aufgetreten ist, war ich in der siebten Klasse und wurde dann mit zwei Hörgeräten versorgt. Eine Schule für Hörgeschädigte kam nicht in Frage, da meine Eltern zu dem Zeitpunkt gar nicht wussten, dass es eine dafür geeignete Schule überhaupt gibt. Aufklärung hat zu dem Zeitpunkt nicht stattgefunden. Also kämpfte ich mich ab dem Moment durch den Schulalltag mit gehässigen Mitschülerinnen und Mitschülern, sowie mit rücksichtslosem Schulpersonal.

2011

Schon immer war ich trotz allem gerne mit Menschen zusammen und entschied mich nach dem Abschluss für eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten.

Meine Ausbildung war kein Zuckerschlecken, denn auch da ist mir die Schwerhörigkeit, trotz jährlicher Nachjustierung der Hörgeräte, immer wieder auf die Füße gefallen: Missverständnisse, Nicht-Hören, Falschverstehen und wiederholtes Nachfragen waren meine täglichen Begleiter. Im ersten Jahr meiner Ausbildung bin ich oft schon auf dem Heimweg im Bus eingeschlafen, da ich so angestrengt war. Sowohl meine Eltern als auch ich haben dies nie auf meine Hörschädigung zurückgeführt. Ich arbeitete nach der Ausbildung noch sieben weitere Jahre in meinem Ausbildungsbetrieb. Es machte mir Spaß und ich hatte meinen festen Platz im Praxissystem. Meine Arbeitskolleginnen und Chefs kannten mich mit meiner Schwerhörigkeit und ich konnte mehr oder minder damit umgehen.

2022

Ich wechselte von der Praxis ins Krankenhaus, weil ich mehr lernen wollte, mich intensiver mit dem Beruf auseinandersetzen wollte. Nach einem halben Jahr erlitt ich auf dem rechten Ohr, aufgrund von Hörstress, einen Hörsturz mit anschließendem Tinnitus, einer Hörminderung von 15 dB und einer nervigen Hyperakusis. Die Hörschwelle zwischen "höre ich gerade so eben" und "ist mir zu laut" hatte eine Spanne von 10 dB, nicht sehr viel also. Powerhörgeräte halfen da nicht, da mir alles zu laut war. Die Empfehlung der Ärzteschaft: eine Tinnitus-Reha, in der ich auch, und das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, mit der Akzeptanz der Schwerhörigkeit zu kämpfen hatte.

2023

In der Reha in Bad Nauheim hat mir der Chefarzt Dr. Zeh ein Cochlea Implantat (CI) empfohlen. Ich hatte zwar SO ETWAS schon einmal gesehen, war aber der festen Überzeugung, dass ICH SO ETWAS nicht brauchte. Ich merkte von Tag zu Tag, wie sich meine Verhaltensmuster der letzten Jahre immer wieder auf die Schwerhörigkeit zurückführen ließen. Bis zu dem jetzigen Zeitpunkt hatte ich mich NIE mit meiner Schwerhörigkeit auseinandergesetzt. Ich war bereits 28 Jahre alt und hatte jegliche Selbsthilfe verpasst. Zum Glück ist es dafür nie zu spät.

Zurück in Oldenburg suchte ich vor Ort nach Informationen und Leuten, die mir bei meiner Entscheidung helfen konnten. Ich las online im Forum der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft (www.dcig.de) und auch auf dieser Seite www.ohrenseite.info.

Ich kontaktierte die CI-Hersteller, um technische Beratung einzuholen. Doch der Kontakt zu Gleichgesinnten blieb aus, denn hier in Oldenburg fand ich niemanden, da ich zu oberflächlich gesucht hatte. Nach intensiver Beschäftigung entschied ich mich für das Cochlea Implantat, da ich es früher oder später eh brauchte aufgrund des Gendefekts, der immer weiter fortschritt. Außerdem wollte ich in meinen jungen Jahren keine Zeit verlieren.

Zum Glück haben wir hier in Oldenburg eine HNO-Klinik mit angebundenem CI-Zentrum, in dem ich mich im Sommer vorstellte.  Ich war eine Patientin, bei der die Indikation nicht zu 100% eindeutig war. Ich war motiviert und wollte mich von meiner Entscheidung nicht mehr abbringen lassen. Erst als ich dem Chefarzt ein selbst gezeichnetes Audiogramm mit all meinen Hörtests zeigte, war die Prognose eindeutig. Denn die Hörkurven sind von Jahr zu Jahr immer schlechter geworden. Auch neue Einstellungen und regelmäßige Upgrades brachten mich nicht weiter.

2024

Also wurde ich am 05. Januar implantiert. Alles verlief bestens und ich hatte kaum Nebenwirkungen oder Begleiterscheinungen. Die erste Woche nach der Erstanpassung hörte ich nur monotone Morsezeichen. Tägliches Hörtraining mit einem Programm, welches von der Klinik entwickelt wurde. Zahlen, Wörter, Sätze, Wortpaare. Fünf Wochen nach der OP habe ich die ersten Wörter verstanden. Die Audiogramme wiesen von Woche zu Woche ein immer besseres Sprachverstehen auf: 45%, 55%, 70%, 85%. Acht Wochen nach der OP wollte ich endlich wieder arbeiten, da mir zu Hause allmählich die Decke auf den Kopf gefallen ist. Im März besuchte ich die Selbsthilfegruppe in Oldenburg. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen und Teilnehmern lag bei ca. 65 Jahren. Der Austausch tat gut, nichtsdestotrotz suchte ich nach Leuten, die genau wie ich den Arbeitsalltag bestreiten und täglich im Störschall klarkommen mussten. Eine solche Gruppe gab es also noch nicht. Ich sehnte mich nach Gleichaltrigen.

Ende April durfte ich dann endlich wieder nach Bad Nauheim in die Reha. Der Austausch und die Kommunikation mit anderen Betroffenen und den Therapeutinnen und Therapeuten tat mir sehr gut. Anders als im Vorjahr hatte ich deutlich mehr Therapie, da das CI-Training sehr intensiv ist. Und auch der Altersdurchschnitt lag bei ca. 45 Jahren. Während dieser ganzen Zeit wuchs der Wunsch, in der Heimatstadt auch einen solch regen Austausch mit Gleichgesinnten zu betreiben. Mein Audiotherapeut gab mir Tipps und Kontakte wie ich junge CI-Trägerinnen und CI-Träger in der Heimat finden könnte. Er erzählte mir von Deaf-Ohr-Alive (DOA), die junge Selbsthilfe in Deutschland, die bereits mit sechs Gruppen in Deutschland vertreten sind.

In der Reha hatte ich super Ergebnisse erzielt, obwohl ich ja schon mit bereits 85% Sprachverstehen (man beachte, dass diese Ergebnisse nur auf dem rechten, implantierten Ohr gemessen wurden) dorthin gefahren bin. Im Alltag zurück, musste ich leider feststellen, dass sich die Kombination mit dem Hörgerät nicht bewährt. Das beidseitige Hören und Verstehen im Beruf als auch im Alltag war nicht besser als vor der Implantation, wobei man bedenken muss, dass ich unter sehr erschwerten Bedingungen arbeite: mit Mundschutz in einer hauptsächlich unruhigen Umgebung. Das Richtungshören funktioniert nicht und im Störschall habe ich weiterhin kaum eine Chance, sodass auch der Stresspegel wieder enorm anstieg.

Daher hatte ich im August meine vorstationäre Untersuchung für das linke, noch mit Hörgerät versorgte Ohr. Die Indikation dafür steht und Anfang nächsten Jahres werde ich auch dort implantiert. Ich habe die Hoffnung, dass bald das Richtungshören und das Hören im Störschall wieder einigermaßen möglich ist, sodass ich sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag wieder den Anschluss finde.

Da mir der Weg zur DOA Nord im Kreis Hamburg zu weit ist, habe ich mir nun überlegt eine neue DOA-Gruppe zu gründen. Sie wird Deaf-Ohr-Alive Nordwest heißen und im Weser-Ems Gebiet stattfinden. Gemeinsam mit der DCIG e.V. und der DOA plane ich aktuell die ersten Schritte. Die Gründung nimmt momentan meine volle Zeit in Anspruch und ich bin Feuer und Flamme sie zu eröffnen.

Ich bin sehr dankbar, dass es heutzutage die Möglichkeit gibt das menschliche Ohr zu ersetzen, wenn dieses nicht mehr so funktioniert, wie es soll!

Sina Täuber
September 2024

Weiterlesen: Der Weg zur Selbsthilfe- durch den Gendefekt schleichend ertaubt

  • Erstellt am .

Aufgeben ist keine Option

Aufgeben ist keine Option

Von Sabine Schreyer

Ich stelle mich erst einmal vor: Ich bin 62 Jahre alt und inzwischen erwerbsunfähig. Ich habe drei erwachsene Kinder und auch inzwischen zuckersüße Enkelkinder, die ich glücklicherweise Dank meiner Cochlea Implantate (CI) hören kann! ♥️

Ca. 1998 trat eine Hörminderung rechts auf und ein Jahr später ließ ich mich mit Hörgeräten versorgen. Es folgten ab 2000 Hörstürze und Tinnitus. Erste Drehschwindelattacken traten 2005 auf und 2007 stand das erste Mal die Diagnose Morbus Menière (MM) im Raum. Mein Vater war einseitig betroffen, aber ich habe wieder einmal „hier“ gerufen und Mr. Menière beidseitig abgegriffen.

2009 gab es dann durch mehrere Institutionen die gesicherte Diagnose MM, ab 2010 dann auf beiden Seiten. Eine Kollegin, die meinte, dass ich simuliere, gab mir die Adresse eines befreundeten Spezialisten mit den Worten: „Der wird dir sagen, dass du keinen Menière hast und das Ganze psychosomatisch ist.“ Der Professor war aber begeistert davon, seinen Studenten einen Menière-Patienten präsentieren zu können, bei dem der Nystagmus so wunderbar sichtbar war! Eine Blamage für meine Kollegin…

Mr. Menière schlug unerbittlich zu und teilweise ereilten mich täglich Anfälle; häufig leider auch auf der Arbeitsstelle, einem großen Berliner Krankenhaus. Das war eine furchtbare Zeit, in der es mir körperlich und dann auch psychisch extrem schlecht ging. Mobbing war an der Tagesordnung. Ich wurde als arbeitstechnischer Störfall beschimpft und mir wurde unterstellt, dass ich die Anfälle simulieren würde. Eine Kollegin stieg über mich rüber, als ich am Boden lag mit den Worten: „Hier stinkt’s! Kann mal einer das Fenster aufmachen?“ Hilfe erhielt ich nur von einer lieben Marokkanerin und einem Sudanesen. Wir sind immer noch gut befreundet, auch wenn wir schon länger nicht mehr dort arbeiten.

Ich beantragte einen GdB, ohne die Schwerbehindertenvertretung oder Kollegen davon in Kenntnis zu setzen, denn ich traute niemandem mehr. Ich bekam aufgrund meiner Erkrankungen sofort einen GdB von 50, was eine Kündigung erschwerte und meine Kollegin toben ließ.

Im Nachhinein denke ich, dass ich mir den Menière selbst erarbeitet habe. Vorangegangene Erkrankungen habe ich ignoriert und bin schnell wieder zur Tagesordnung und zu meinem stressigen Leben übergegangen. Der Menière hat mich dann ausgebremst. Er zwang mich zur Ruhe; wenigstens für die Zeit der Anfälle. Eine Ärztin sagte mir, dass ich mein Leben entschleunigen müsse, denn die nächste Erkrankung würde ich dann nicht mehr überleben. Mein Körper war durch Lungenentzündungen, Magengeschwüre und Verletzungen zusätzlich geschwächt.

2013-2016 folgten dann u.a. Bogengangsocclusionen und Saccusexpositionen beidseitig je zweimal. Mein Gleichgewicht war somit unwiederbringlich zerstört. Ich ließ mich im Unfallkrankenhaus Marzahn (UKB) operieren. Eine Kollegin, die mir nicht wohlgesonnen war, recherchierte intern nach meiner Patientenakte, denn sie dachte, dass ich im UKBF (Universitätsklinikum Benjamin Franklin) sei und verbreitete die Meldung, dass ich gar nicht im Krankenhaus und die OP ein Schwindel sei!

Mein lieber sudanesischer Kollege warnte mich und so konnte ich dies schnell bei der Personalabteilung richtig stellen. Nach solchen Eingriffen benötigt der Mensch ja eigentlich Ruhe und Zuspruch und nicht Kollegen, die einem den Arbeitsplatz streitig machen wollen.

Auch meine Familie litt sehr unter meiner Erkrankung, denn ständig war ich außer Gefecht gesetzt und lag schweißgebadet und mich übergebend im Bett. Fast täglich musste mich jemand von der Arbeit abholen. Ich stürzte viel und litt zusätzlich an Tumarkin-Attacken. Das sind plötzliche Stürze durch Sekundenschwindel. Ich fiel unkontrolliert in Supermärkten in die Regale, auf Bahnhöfen oder vielbefahrenen Straßen. Ein Menière Anfall war so schlimm, dass ich einseitige Lähmungen im Gesicht hatte und meine Tochter die Rettung rief aus Angst, dass mich ein Schlaganfall ereilt hat.

Durch die ständigen Anfälle war ich völlig erschöpft und am Boden. Zeitweise ging ich am Rollator in der Hoffnung, Stürze abfangen zu können und nicht als Betrunkene zu gelten. Mein Leben war völlig aus den Fugen geraten und ein täglicher Kampf. Ich lernte, dass Hilfsbereitschaft in einer Großstadt ein Fremdwort ist. Nicht einmal auf Bahnhöfen wurde mir geholfen, weil die Menschen dachten, dass ich betrunken sei und deshalb auf allen Vieren über den Bahnsteig zur nächsten Bank kroch.

Irgendwann stand fest, dass kein Hörgerät mehr ausreichen würde und ich ertauben werde. Für mich war schnell klar, dass ich nicht taub durch’s Leben gehen wollte. Ich wollte die Gitarrenmusik meines Sohnes und meine Tochter am Klavier wieder hören können! Ich wollte am Leben teilhaben, mich mit Freunden treffen und Musik hören!

Ich informierte mich über Cochlea Implantate (CI), entschied mich für Advanced Bionics und mein Leben bekam endlich wieder eine positive Wendung. Die Implantationen erfolgten nacheinander 2016 und es war die beste Entscheidung!

Ich hörte recht schnell und gut und war überglücklich! Der Tinnitus wurde Dank der CI‘s abgeschwächt und es ist für mich jeden Tag auf‘s neue ein Fest, wenn ich morgens meine „Ohren“ anlege und die Vögel zwitschern höre! Das ist der schönste Moment des Tages!

Durch viel Arbeit an mir selbst, Hör- und Gleichgewichtstraining, bin ich zur Ruhe gekommen und kann inzwischen mein Leben so gestalten, wie es meinem Körper gut tut. Das ist ein großes Geschenk. Stress rächt sich immer noch sofort und ich bin um ständigen Ausgleich bemüht.

Mein Körper ist schnell erschöpft und in Dämmerung und vor allem Dunkelheit benötige ich Hilfe. Auch Treppen sind, wenn ich beide Hände voll habe, ein Problem. Aber ich genieße das Leben und bin unsagbar glücklich, dass ich all die Geräusche, das Lachen der Kinder und Enkel und meine Freunde so gut hören kann!

Nach all den anderen OP‘s waren die CI-OP‘s ein Klacks und ich kann jedem Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit nur zu einer Implantation raten.

Sabine Schreyer
September 2024

Weiterlesen: Aufgeben ist keine Option

  • Erstellt am .

Meine CI-Geschichte

Meine CI-Geschichte

Von Jens-Uwe

Als erstes möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Jens-Uwe. Ich bin 63 Jahre alt und arbeite in der JVA-Plötzensee. Am 20. Dezember 2023 saß ich im Büro meines Kollegen, als plötzlich mein linkes Ohr zufiel. Ich hörte nichts mehr. Sofort machte ich ein Telefonat mit meinem HNO. Er sagte mir, ich solle sofort vorbeikommen. Er machte einen Hörtest, schaute sich das Ohr genau an und konnte nichts feststellen.

Der Hörtest selbst war unterirdisch. Ich hörte erst wieder ab 120 dB. Mir wurde Cortison verschrieben. Der Arzt meinte, wenn ich morgen früh immer noch nichts höre, soll ich wiederkommen. Er würde mich dann direkt ins Krankenhaus einweisen. Am nächsten Tag war alles unverändert. Also ging ich wieder zum Arzt, der mir die Einweisung ins Krankenhaus ausstellte.

Ich fuhr auf direktem Wege zum Bundeswehrkrankenhaus Berlin, welches mir der Arzt empfohlen hatte. Nach einer kurzen Aufnahme wurde ich gleich untersucht. Alles wies eigentlich auf einen Hörsturz hin. Zwei Tage danach wurde ich am Mittelohr operiert. Man hatte versucht, die Hör-Schnecke abzudichten, weil man vermutete, dass sie undicht war und die Flüssigkeit dort auslief. Wieder zwei Tage später wurde ich entlassen, aber ich war immer noch so ziemlich taub auf dem Ohr.

Das Krankenhaus verwies mich dann nach ein paar Wochen an das Hörzentrum Berlin. Bei der ersten Untersuchung im Hörzentrum stellte man fest, dass es keinerlei Besserung gab. Also fing man an mich zu beraten, mir ein Cochlea Implantat (CI) einsetzen zu lassen.

Ich hatte ein sehr großes Vertrauen zu den Ärzten, weil ich mich total gut aufgehoben fühlte. Als alle Untersuchungen endlich abgeschlossen waren; MRT, CT und weitere Hörtests, musste ein Antrag bei der Krankenkasse eingereicht werden. Die Krankenkasse kontrollierte die ganzen Ergebnisse des Hörzentrums. Nach sechs Wochen bewilligten sie das Implantat.

Am 13. Mai 2024 war es denn endlich so weit, die Operation stand an. Als man mich in den OP gefahren hat, erzählte mir der erste Arzt; „Herzlich willkommen. Wir setzen Ihnen heute einen Kleinwagen ins Ohr.“ Er sprach natürlich von den Kosten des Implantats, circa 20.000 €. Ob das so stimmt, weiß ich nicht. Ich habe viel gelesen, dass wohl alles zusammen 40.000 € kosten würde, was ja alles die Krankenkasse übernimmt.

Die OP verlief hervorragend. Ich bin am selben Tag noch aufgestanden, konnte ganz normal essen und zwei Tage später wurde ich entlassen. Bei der Entlassung teilte man mir mit, dass ich einen Tumor (gutartig) im Mittelohr hatte, der die kleinen Knöchelchen zerstörte, Ich hatte kein Schwindelgefühl. Mir ging es einfach hervorragend, und ich freute mich auf die erste Anpassung.

Am 13. Juni war es so weit. Ich hatte eine feste Logopädin im CIC Berlin-Brandenburg. Meine Logopädin meinte, ich solle mich noch nicht entscheiden, welchen Sprachprozessor ich möchte.

Als erstes habe ich den Nucleus 8 bekommen. Die ersten Einstellungen wurden gemacht. Leider hat man bei der ersten Messung festgestellt, dass schon zwei Elektroden ausgefallen sind. Die Logopädin meinte, das wäre aber kein Problem.

Auch von den ersten Hörversuchen war ich leider sehr enttäuscht, weil ich überhaupt nichts verstanden habe. Es war nur ein Scheppern, ein blechernes Geräusch, was mich ziemlich nervte.

Natürlich habe ich gleich angefangen mit verschiedenen Apps zu üben, teilweise bis zu zwei Stunden am Tag, nicht hintereinander, aber immer wieder zwischendurch. Leider gab es denn noch andere gesundheitliche Probleme, die mich gezwungen haben, wieder in ein Krankenhaus zu gehen. Eine große OP stand jetzt an. Aber das ist ein anderes Thema.

Nach ungefähr sechs Wochen wurde es immer besser mit dem Verstehen, so dass ich schon angefangen habe, Hörbücher auf meinen Sprach-Prozessor zu streamen. Dann wechselte ich auf den Kanso 2 und war erst mal sehr angetan von dem Tragekomfort. Man hat nichts mehr am Ohr zu hängen, sondern der Prozessor hing einfach an meinem Kopf und war mit einer kleinen Leine an meiner Brille gesichert. Ich fühlte mich großartig, bis ich festgestellt habe, dass, wenn man anfängt zu schwitzen, der Magnet nicht mehr hält.

Ich war dann ständig dabei, den Prozessor wieder zur richtigen Position zu schieben. Da ich sehr wenige Haare auf den Kopf habe, muss ich natürlich im Sommer auch immer wieder eine Mütze tragen, ein Käppi. Da der Prozessor ziemlich dick ist, ist es schwierig, eine Mütze darüber zu bekommen. Der nächste Nachteil besteht darin, dass wenn man die Mütze richtig eingestellt hat und sie über dem Kanso 2 tragen kann, sind die Mikrofone abgedeckt.

Also habe ich mich jetzt doch für den Nucleus 8 entschieden. Mittlerweile haben wir fast Ende August und mein Prozessor wurde jetzt erst bestellt. Zwischendurch hatte ich die ersten Monate jede Woche einen Termin bei meiner Logopädin. Mittlerweile sind wir in einem 14-tägigen Rhythmus. Letzte Woche hatten wir das erste Mal ein Hörtest gemacht. Bei dem Erkennen von Zahlen hatte ich 85 % erreicht, was kein schlechtes Ergebnis ist. Beim nächsten Mal ist ein Lücken-Sprach-Test geplant.

Ab und an waren die neuen Einstellungen auch mal ein richtiger „Griff ins Klo“. Aber sie wurden dann bei der nächsten Sitzung wieder korrigiert.

Heute habe ich noch große Schwierigkeiten in Räumen zu sein, wo sich viele Menschen aufhalten, die durcheinanderreden, oder es ist auch noch Musik zu hören. Ich habe zwar noch ein gesundes Ohr, aber das ist für mich extrem anstrengend, wenn ich noch dazu an einer Diskussion teilnehme. Das halte ich noch nicht lange aus.

Spätestens nach einer Stunde verlasse ich den Raum und habe einen Kopf, der gleich platzen will. Aber ich denke, auch an das werde ich mich noch gewöhnen. Worüber ich sehr froh bin, dass ich durch das CI wieder ein räumliches Hören habe, was vorher, wenn man auf einer Seite taub ist, sehr schwierig war.

Aber ich bin zuversichtlich, dass ich auch immer mehr mit meinem CI verstehen werde. Und freue mich schon darauf, neue Entdeckungen zu machen. Ich kann nur jeden Menschen, der jetzt vor der Entscheidung steht, ob er sich ein CI implantieren lässt, Mut machen und ihm dazu raten. Denn wenn man denkt, ich habe ja noch ein gesundes Ohr, das ist nur ein halbes Leben. Mit einem CI kriegt man wieder sein ganzes Leben zurück.

Liebe Grüße
Jens-Uwe
September 2024

Weiterlesen: Meine CI-Geschichte

  • Erstellt am .

Mit dem Sprachprozessor Kanso in der Luft

Mit dem Sprachprozessor Kanso in der Luft

Von Volker Schläfer

Wegen Schwerhörigkeit auf dem linken Ohr und Taubheit infolge von Tinnitus und Hörsturz auf dem rechten Ohr bin ich seit 2017 bimodal versorgt mit einem Hörgerät und einem Cochlea Implantat (CI). Implantiert wurde ich im Sommer 2017 im Klinikum Ludwigshafen und entschied mich damals, nach Beratung in der Phoniatrie und Pädaudiologie für den Nucleus Soundprozessor Kanso.

Jetzt im August 2024 buchte ich eine Flugreise von Frankfurt nach Helsinki zum Besuch einer dort stattfindenden Familienfeier. Vorweg: ich bin kein „Urlauber“ und so war das nach vielen Jahren wieder die erste Auslandsreise und insbesondere wieder nach langer, langer Zeit, eine Flugreise für mich. Dementsprechend habe ich mich vorweg nach der Buchung sorgfältig und genau auf die notwendigen Schritte für den Hin- und Rückflug sachkundig gemacht; besonders natürlich, was ich als Träger eines Cochlea Implantates beachten muss.

Dafür habe ich einmal bei Michael Schwaninger nachgefragt und auch eine Auskunft vom Kundenservice beim Flughafen Frankfurt eingeholt. Erste „Entwarnung“ kam von beiden Kontaktstellen mit dem Hinweis „wenig zu beachten“.

Um sicher zu gehen, (ich war halt Beamter, ohne Flugpraxis, älterer Herr und schlecht hörend), habe ich dann nach Ankunft am Flughafen die Service-Damen angesprochen, auch bei der Aufgabe des Koffers nachgefragt und mich vor dem Check-in mit der Handgepäck- und Personenkontrolle nochmals vergewissert: Was muss ich beachten, wo und wann muss ich was melden vor der Schleuse?

Und, ich kann sagen, es war dann relativ einfach, so wie von Herrn Schwaninger und der Flughafenauskunft schon angedeutet: Meinen Patientenausweis bereithaltend, deutete ich kurz mit der Hand an den Kopf und an das Kanso hinter dem Ohr; schon nickte der Servicemitarbeiter, öffnete die kleine Sperre neben der Schleuse, ließ mich eintreten, tastete mich kurz ab und ließ mich dann mit einem O.K. weitergehen in den Wartebereich für den Abflug.

In Helsinki, etwas schwieriger mit Finnisch/Englisch, im Prinzip aber wieder das gleiche Prozedere. Vor der Sicherheitsschleuse von mir ein Handzeichen an den Kopf hinter das Ohr und danach sofortiger Einlass neben der Schleuse, dann Personenkontrolle, diesmal aber Schuhe, Gürtel und Handy in einen Korb ablegen, zusammen mit meinem Handgepäck, einem Cochlear-Rucksack.

Nur am Rande vermerkt: einige Mitreisende beobachteten diese „Sonderbehandlung“ interessiert nach dem Motto: Wer ist denn das, ist da was besonderes mit dem?

Hilfreich auch der Vorweghinweis des Airport-Service, dass ich meine Akku-Ladestation und die Ersatzbatterien für das Hörgerät in mein Handgepäck packen soll, für den Fall, dass das Reisegepäck verspätet eintreffen würde.

Auf der Reise habe ich drei CI-Träger gesehen, mit einem kurz gesprochen. Was aber immer wieder interessant ist, das ist aber auch zu Hause, im Alltag, bei Veranstaltungen oder bei offiziellen Anlässen so, wo ich ab und zu auch mal als Redner vor Publikum stehe; dass Menschen kurz zweimal schauen, einige auch sich „trauen“ zu fragen, „Was ist das hinter ihrem Ohr, zum telefonieren, Musik hören, oder für was?“ Einige sagen dann auch: „Habe ich schon gehört, kenne jemanden, der auch implantiert wurde, aber meistens mit der Zuleitung an das Ohr“; der Kanso ist weniger verbreitet und bekannt.

Üblicherweise habe ich keine Safety-line an meinem Kanso befestigt; bei der Flugreise und beim Aufenthalt in Finnland (fremdes Gelände, fremde Menschen) habe ich zu Reisebeginn die (fast unsichtbare) Sicherheitsschnur angebracht und auch während der gesamten Reise verwendet.

Fazit: Flugreise ohne Probleme; einfach früh und offen mit der Hörbehinderung umgehen (gilt übrigens auch sonst im Alltag für uns CI-Träger insgesamt).

August 2024
Volker Schläfer
82 Jahre, Oberamtsrat a.D.
67112 Mutterstadt

Weiterlesen: Mit dem Sprachprozessor Kanso in der Luft

  • Erstellt am .