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Busse fahren mit Cochlea Implantat (CI)? Ja klar!

Busse fahren mit Cochlea Implantat (CI)? Ja klar!

Von Jasmin Treml

Mein Name ist Jasmin und bin 23 Jahre alt, von Beruf bin ich Busfahrerin.

Man vermutete bei mir, dass ich von Geburt an schon schwerhörig war und ich bekam mit fünf Jahren meine ersten Hörgeräte. Dies hielt sich bis Ende Juni/ Anfang Juli 2024. Damals begann ich plötzlich blechern zu hören. An einem Samstag bekam ich dann noch einen Schwindel hinzu.

Abends fuhren wir in die später implantierende Klinik. Man vermutete dahinter einen Hörsturz. Ich bekam also wie üblich Kortison für den Sonntag. An dem folgenden Montag stellte ich nach dem Aufwachen fest, dass mein linkes Ohr irgendwie komisch ist. Es war taub, als hätte man einen Schalter umgelegt. Ich fuhr also zu meiner HNO-Ärztin, die einen Hörtest machte und feststellte, dass es tatsächlich taub war. Ich sollte eine Infusionstherapie machen, die das Ganze leider nicht verbesserte und ich nach ca. 1,5 Wochen nun endgültig taub war.

Die Uniklinik, bei der ich bereits wegen der Schwerhörigkeit bekannt war, machte weitere Tests. Sie meinten, ich wäre ein Simulant. Ich soll noch drei Monate warten, bis ich die CI-OP machen könnte, wenn es sich nicht erholt.

Ich konnte natürlich meinen Beruf nicht mehr ausüben in dieser Zeit. Anfang September 2024 wurden die Abschlusstests gemacht, da wirklich kein bisschen mehr zurückkam. Ganz im Gegenteil mein Restgehör rechts ab 120 dB war nun endgültig weg.

Ich spiele seit vier Jahren Airsoft. Ich habe es nie aufgegeben und führte dieses Hobby weiterhin fort. Die Kommunikation lief dann übers Handy und keiner beschwerte sich, da man manche Treffer eben nur hört aber nicht spürt. Die Spielleitung wusste immer Bescheid und auch mit den Mitspielern gab es keine Probleme. Eher waren sie fasziniert, dass man auch ohne Ohren spielen kann. Man braucht nicht immer seine Ohren, um am Leben teilhaben zu können.

Am 24. September 2024 wurde ich dann endlich beidseitig versorgt und die OP verlief sehr gut. Kein Schwindel oder ähnliche Symptome. Nach fünf Tagen wurde ich entlassen und auch die Heilung verlief vorbildlich. Mir wurde mitgeteilt, dass ich meinen Beruf erst nach ca. 3-12 Monaten wieder aufnehmen kann. Dies demotivierte natürlich etwas, aber aufgeben ist keine Option gewesen.

Am 24. Oktober 2024 wurde die Erstanpassung vorgenommen und anfangs war ich enttäuscht, weil alles rauschte und nicht wirklich zu identifizieren war. Ca. 30 Minuten nach der Anpassung konnte ich meinen Mann verstehen und erschreckte mich bei jedem Geräusch. Nun hieß es üben, üben, üben.

Zwei Wochen später sagte ich zu meinem Mann, dass ich einen Termin bei einem Betriebsarzt brauche, der mir sagt, ob ich nun endlich wieder arbeiten darf oder noch weiter üben muss.

Klar telefonieren ging nicht und es war auch noch nicht daran zu denken. Er setzte sich mit meiner Firma in Verbindung und sprach anschließend mit dem Arzt. Am nächsten Tag ging also das Schwitzen los. Es wurden Hörtests gemacht und ich habe anschließend mit dem Arzt gesprochen, der mir die ersehnte Freigabe gab. Er meinte, ein besseres Training gibt es nicht, als wieder zu fahren. Juhuuu, ich darf endlich wieder.

Nun hieß es also, sich auf eine völlig unbekannte Situation einstellen. In diesem Unternehmen ist telefonieren das Wichtigste und mir wurde mitgeteilt, dass es nicht ohne geht. Ich fuhr alles so wie vor der Ertaubung und dann passierte das Schlimmste. Ich wurde teils 5mal am Tag angerufen und mein Mann kann ja nicht 24/7 neben mir sein und übernehmen. Schnell wurde klar, dass ich aus dieser Firma raus muss.

Ich fing also bei meinem Mann in der Firma an, da er auch Fahrer ist und der Chef wusste schon vorher Bescheid was kommt. Es läuft alles wie geplant, doch eines Tages rief er mich versehentlich an und vergas es. Ich teilte ihm mit, dass er es mir doch bitte schreiben soll. Dies tat er auch zum Glück und die Kommunikation draußen läuft trotzdem. Nur sieben Wochen nach der Erstanpassung bin ich nun in der Lage wieder kurze Telefonate führen zu können.

Mein Mann hat mich die ganze Zeit mega lieb und tatkräftig unterstützt, so dass ich ihm einiges zu verdanken habe.

Jasmin Treml
Januar 2025

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Und welche Sprache war das jetzt?

Und welche Sprache war das jetzt?!

Von Hannah

Hallo! Ich bin Hannah, 20 Jahre jung und seit meiner frühen Kindheit schwerhörig. Aktuell habe ich ein Cochlea Implantat und ein Hörgerät, die mich täglich durch mein Leben begleiten.

Auf den ersten Blick, wenn man mich kennenlernt, fällt das gar nicht unbedingt auf. Nicht so wie eine Brille, die ja ziemlich offensichtlich auf der Nase sitzt. Dabei sollten Hilfsmittel zum Hören eigentlich mindestens genauso selbstverständlich sein. Schließlich geben sich die meisten Leute ja auch keine Mühe, ihre Brille zu verstecken, denn sie gehört dazu. Nicht anders ist es mit Hörhilfen. Sie gehören halt dazu. Aber so einfach ist es dann doch irgendwie nicht.

Nun zu meiner Geschichte… Bis ich ungefähr fünf Jahre alt war, hatte ich eine sehr behütete Kindheit und bin ganz normal aufgewachsen. Ich ging ganz normal in den Kindergarten und irgendwann dann in die Vorschule. Dazu muss man wissen, dass ich auf einer internationalen Schule und somit in einer englischsprachigen Umgebung war. Ich hatte also tagsüber im Kindergarten oder in der Vorschule Leute um mich herum, die sich auf Englisch mit mir verständigten, und zu Hause wurde Deutsch gesprochen. Erstmal kein Problem.

Schleichend kam es dann vor, dass ich nicht reagierte, wenn man von der Seite oder von hinten mit mir gesprochen hat. Es war auch irgendwann so merkwürdig, dass ich neben meinen Eltern oder anderen Personen stand, und die Frage gestellt hab: “Redet ihr gerade auf Englisch oder auf Deutsch?” Man dachte, ich hätte alles mitbekommen. Dabei hatte ich wohl immer nur Bruchteile mitbekommen, die ich mir durch „Lippenlesen“ zusammenbasteln konnte, aber die Sprache konnte ich demnach nicht zuordnen.

Mit der Zeit wurden die Hörgeräte immer mal wieder neu eingestellt, und zwischenzeitlich wurde dann auch auf leistungsstärkere Geräte umgetauscht. So ging ich also durch die Schullaufbahn, wie man es eben kennt. Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe. Eigentlich hatte ich auch nie wirklich Probleme damit, dass ich Hörgeräte tragen musste. Klar gab es mal blöde Bemerkungen von Klassenkameraden, aber ich glaube, da kommt man leider nicht komplett dran vorbei.

Doch dann kam Corona, und wir waren im Homeschooling. Ja, blöd… Aber alles noch kein Weltuntergang. Per Videokonferenzen kommunizieren ging auch meistens ganz gut, solange jeder seine Kamera anhatte oder deutlich gesprochen hat.

Als es dann zurück in die Schule ging und alle Masken tragen mussten, wurde es schon schwieriger. Durch die verschiedenen Akzente, die manche Lehrer und Schüler hatten, wurde es teilweise noch komplizierter. Mit viel Arbeit und Unterstützung hat am Ende alles irgendwie funktioniert. Froh war ich dennoch, als wir irgendwann wieder „frei“ sein durften.

Im Jahr 2021 hatte ich dann einen vermuteten Hörsturz. Anhand der Hörtests war dieser allerdings nicht zu erkennen, denn diese fielen komischerweise besser aus als einige vorherige. Jedoch ist es ja oft so, dass nicht alles, was auf Papier steht, stimmt. Denn von meiner Wahrnehmung her habe ich schlechter gehört. Damit zusammen kam auch ein Tinnitus, auf beiden Ohren. Ein dauerhaftes Pfeifen auf beiden Ohren, das auch bis heute immer mal wieder „da“ ist.

Nach meinem Schulabschluss entschied ich mich dazu ein Studium anzufangen. Nebenbei beschäftigte ich mich mit dem Thema, wie es denn weitergehen soll, wenn die Hörgeräte nicht mehr ausreichen. Ich habe mich mit Büchern, Videos und Podcasts über das Thema Cochlea Implantat (CI) informiert und gleichzeitig über Instagram Kontakt zu CI-Trägern aufgenommen und mich mit ihnen ausgetauscht.

Ganz so überzeugt war ich am Anfang noch nicht, aber ich habe mich dann auf einen ersten Beratungs- und Untersuchungstermin in der Uniklinik eingelassen. Da ich aber vorhatte, außerhalb meiner Heimat zu studieren, schob ich das Thema Operation und Cochlea Implantat erstmal wieder auf meiner Prioritätenliste weiter runter. Dass es letztendlich doch viel schneller ging, hatte so keiner erwartet.

Das alles lief nicht ganz so wie gewünscht, und so war ich recht schnell wieder in meiner Heimat. Somit habe ich dann auch entschieden, dass ich die CI-Operation machen lasse. Ich bin also zu den weiteren Untersuchungen in die Uni-Klinik, und recht schnell war klar, dass ich für die OP geeignet bin.

Irgendwann war dann nicht die Frage: „Operieren wir?”, sondern eher die Frage: “Welche Seite operieren wir zuerst?”. Ich entschied mich also aus dem Bauch heraus für die linke Seite und wie sich später herausstellte, war das gar nicht mal so dumm, denn so konnte ich weiterhin mein rechtes Hörgerät per Bluetooth mit meinem Handy verbinden.

Im Mai 2024 war es dann soweit und ich hatte meinen OP-Termin. Die OP selbst verlief problemlos, und der Aufenthalt im Krankenhaus war auch sehr kurz. An einem Donnerstag war ich früh morgens direkt dran, und am samstags Vormittag durfte ich bereits wieder gehen. Während des Krankenhausaufenthaltes gab es die ein oder andere Hürde, aber am Ende ging es ja darum, dass ich mit dem CI irgendwann und irgendwie wieder mehr Lebensqualität zurückbekomme.

Anschließend war ich für etwa zwei Wochen zu Hause, bevor es dann in die Reha, beziehungsweise in die Anschlussheilbehandlung (AHB) nach Bad Nauheim ging. In den zwei Wochen erfolgten auch die ersten drei Anpassungstermine in der Uniklinik, welche alle noch nicht ganz passend waren. Die Feinheiten kamen dann später in der Reha dazu. Zwischenzeitlich (also noch zu Hause) hörte sich einiges sehr merkwürdig an.

Wenn ich es beschreiben müsste, dann war es, als würden ganz viele Frösche ein Konzert in meinem Ohr abhalten. Ich wusste auch in diesem Zeitraum nicht so richtig, wie ich denn mein neues Hören schon üben kann. Aber auch das kam dann, sobald ich in der Reha war.

Allerdings hatte ich bereits den ersten Erfolg auf dem Weg zur Anpassung in der Uni-Klinik. Denn ich hörte das Zwitschern der Vögel, die einen sehr hohen Ton haben. Zuerst konnte ich ihn nicht zuordnen, aber auf Nachfrage wusste ich dann, was es war.

In der Reha ging dann alles ziemlich schnell. Es folgten sämtliche Hörtrainings, in der Gruppe und einzeln, und einige Anpassungen der CI-Einstellungen. Nach ungefähr 4,5 Wochen und mit ganz viel Anstrengung und einigen Höhen und Tiefen, ging es wieder zurück in meinen Alltag. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass das auch so schnell geklappt hat, und ich nicht mehrere Monate darauf warten musste, in Reha zu gehen.

Etwas, was mir besonders in Erinnerung bleibt, ist, dass ich durch zwei Mitpatienten den Weg zur DOA-Selbsthilfe (Deaf Ohr Alive) gefunden habe. Auf den Stammtischen habe ich sehr viele großartige Leute kennengelernt und der Austausch mit Gleichgesinnten ist unheimlich wertvoll! Danke an dieser Stelle ;)

Auch nach dem Aufenthalt in Bad Nauheim beschäftigte ich mich weiter mit Hörtraining. Hierfür nutzte ich Möglichkeiten, wie Over-Ear Kopfhörer oder mir von meiner Familie etwas vorlesen zu lassen. Manchmal versuche ich auch unbekannte Musik nur mit dem CI zu hören und zu gucken, wieviel ich davon verstehe.

Heute bin ich sehr zufrieden mit der Entscheidung, dass ich die OP gemacht habe. Es gibt viele Momente, in denen ich merke, dass es nun einfacher für mich ist. Natürlich ist bei weitem nicht alles perfekt, und es gibt noch vieles, wo ich immer weiter üben muss.

Denn bevor ich mich für ein CI entschieden habe, gab es einige Situationen, in denen ich mit meiner Hörsituation nicht mehr so wirklich zurechtgekommen bin. Ich hatte teilweise nicht mehr so viel Spaß an meinen Hobbys, weil ich immer mehr nicht mitbekommen habe. Auch irgendwo in Restaurants essen gehen war eigentlich immer eher anstrengend und weniger bereichernd.

Mittlerweile empfinde ich das nicht mehr so. Ich habe wieder Spaß daran, mich mit meinen Freunden zu verabreden, und stelle mich auch bewusst Situationen, die vielleicht nicht ideal fürs Hören sind. Aber auch das gehört zu meinem Hörtraining dazu, und nur so kann ich mich immer weiter verbessern. Natürlich bekomme ich nicht immer alles zu 100% mit, aber ich glaube, selbst ein gut hörender Mensch kann das nicht.

Wie es nun für mich weitergeht? Dass eine zweite OP gemacht wird, steht fest. Einen Zeitraum gibt es aber noch nicht. Ansonsten geht es immer weiter mit Hörtraining und der Hoffnung, dass ich immer ein Stückchen mehr Hörqualität habe :)

Hannah
Januar 2025

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Wenn man die Welt plötzlich nicht mehr versteht....

Wenn man die Welt plötzlich nicht mehr versteht....

Von Sandra Kaiser

Ich bin Sandra, 35 Jahre alt und bin GPA-Patientin. Bitte was? Ich habe eine Autoimmunerkrankung „Granulomatose mit Polyangiitis“ oder früher auch Morbus Wegener genannt.

Es war der November 2022, als sich alles änderte. Ich saß auf dem Sofa und stellte überrascht fest: Mein Fernseher war plötzlich nur noch ein Bild ohne Ton. Keine Schmerzen, keine Warnzeichen – einfach Stille. Es war, als ob der Klang aus meinem Leben verschwunden wäre.

Doch das war nur der Anfang. Wenige Tage später folgten leichte Schmerzen, und schließlich landete ich beim HNO-Arzt. Die Diagnose: eine Mittelohrentzündung. Antibiotika, doch sie halfen nicht. Die Schmerzen wurden schlimmer, und die Ungewissheit nahm zu. Weihnachten stand vor der Tür, aber der Klang von Festtagsmusik oder das Lachen meiner Familie war mir nicht mehr zugänglich. 

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass diese plötzlich auftretende Schwerhörigkeit Teil einer viel größeren Herausforderung war, die mich ein Leben lang begleiten wird. Was als „ein bisschen Ohrenschmerzen“ begann, entwickelte sich zu einer medizinischen Odyssee, die mich von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik führte.

Monate vergingen, und während ich von einer Behandlung zur nächsten eilte, begann mein Körper sich immer weiter zu verändern. Eine entzündete Nasenscheidewand, eine voranschreitende Sattelnase, starke Gelenkschmerzen und schließlich ein völlig verschlechtertes Gehör auf beiden Ohren – die Diagnose, die mir zu diesem Zeitpunkt immer mehr klar wurde: Morbus Wegener, eine Autoimmunerkrankung, die auch mein Gehör und meine Nase angegriffen hatte.

Es war wie ein langsames Verblassen. Tag für Tag hörte ich weniger, der Tinnitus wurde lauter, und selbst einfachste Geräusche wurden zu einer Herausforderung. Manche Tage fühlten sich an, als würde ich mich selbst verlieren, im Nichts von Geräuschen, die ich nicht mehr einfangen konnte.

Der Schmerz des Hörverlustes war nicht nur physisch – er war auch emotional. Inmitten der medizinischen Kämpfe fühlte ich mich zunehmend isoliert. Der Moment, in dem mein rechtes Ohr vollkommen taub wurde, war ein Schock. Ich saß da, versuchte zu verstehen, was mit mir geschah, und fragte mich, wie es weitergehen würde. Doch auch in diesem Moment wusste ich: Ich musste weiterkämpfen.

Die Entscheidung, ein Cochlea Implantat zu bekommen, war einer der schwersten Schritte meines Lebens. Ich hatte großen Respekt immunsuppressiert diesen Weg der OP zu gehen, doch meine Autoimmunerkankung ist eine kleine tickende Zeitbombe und lies mir nicht allzulange Zeit zu warten. Die Frage welchen Hersteller wähle ich, begleitete mich wochenlang. Was, wenn ich den Klang der Welt nie mehr zurückbekomme?

Im September 2024 war es schließlich an der Uniklinik in Tübingen so weit. Die Operation war alles andere als einfach. Aufgrund meiner Autoimmunerkrankung war mein Schädelknochen entzündet, und ich musste durch eine schmerzhafte und langwierige Prozedur. Als ich schließlich erwachte und erfuhr, dass das Implantat erfolgreich eingesetzt worden war, konnte ich es kaum fassen. „Sie haben ein Cochlea Implantat“, hieß es – und ich, immer noch sehr benommen von der Operation, konnte es kaum glauben.

Die ersten Tage nach der OP waren geprägt von starkem Schwindel und extremem Unbehagen. Ich konnte kaum eigenständig aus dem Bett aufstehen und bald bekam ich im Krankenhaus Physiotherapie gegen den starken Drehschwindel. Nach zwei Wochen kam die Wendung: Die Übelkeit und auch die Achterbahnfahrt wurden allmählich besser. 

Und dann kam der große Moment der Erstanpassung: Anstatt einer überwältigenden Emotion – wie sie in vielen Internetvideos beschrieben wird – war es bei mir eher ein nüchternes „Oh, da ist also wirklich ein Ton, es piepst und rauscht.“ Die ersten Tage waren sehr sehr anstrengend für mich und ich schlief sehr viel.

Heute, nach nur wenigen Wochen, kann ich schon Männer- und Frauenstimmen unterscheiden, und die Erinnerungen an die Klangfarben meiner früheren Welt werden ganz langsam wieder lebendig. Der Weg ist noch ein langer, aber ich feiere jede kleine Verbesserung, jeden Schritt, den ich mache. 

Der Verlust des Hörens war für mich eine Reise, die mich bis an meine Grenzen brachte – körperlich, emotional, seelisch. Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich habe ein neues Kapitel in meinem Leben begonnen, und ich bin dankbar, dass ich es heute mit einer neuen Perspektive und der Möglichkeit, wieder zu hören, fortsetzen kann.

Ein Tipp für Hören Lernende: ich war relativ schnell von den Übungsapps gelangweilt, da die Texte immer dieselben sind. So habe ich mir bekannte deutsche Serien (deutsch wegen dem Mundbild) mit Untertitel über das CI gestreamt und versuche jetzt so zu lernen. Ab Januar beginnt dann meine Intervall-Reha und ich hoffe, dass diese mich noch ein gutes Stück weiterbringt.

Es ist noch alles andere als perfekt, und ich weiß, dass noch viele Herausforderungen auf mich warten. Aber ich lerne wieder zu hören – und das ist für mich ein kleiner, großer Sieg.

Sandra Kaiser
November 2024

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Mein persönlicher Erfahrungsbericht mit dem CI

Mein persönlicher Erfahrungsbericht mit dem CI

Von Anne-Marie Gerdelmann

Hallo, mein Name ist Anne-Marie Gerdelmann. Ich bin 27 Jahre alt, hörgeschädigt und quasi in der „hörenden Welt“ groß geworden. Ich bin von Geburt an auf dem linken Ohr an Taubheit grenzend schwerhörig und auf dem rechten Ohr gehörlos gewesen.

Links trug ich immer ein Hörgerät, dieses habe ich geliebt. Rechts bekam ich im Alter von vier Jahren ein Cochlea Implantat (CI) und habe damit keinen Hörerfolg erzielen können. Trotz zahlreicher Versuche von Techniker:innen und etlicher anderer Maßnahmen gelang es nicht, das CI in meinem Leben erfolgreich zu integrieren.

Aber das störte mich nicht weiter, denn ich hatte ja noch mein geliebtes Hörgerät links. Damit kam ich super zurecht und konnte mit dieser Hilfe erst die Regelschule und anschließend das Studium mit einem Masterabschluss erfolgreich beenden.

Man könnte sagen, ich war eine kleine „CI-Gegnerin“. Zwar habe ich viele Freund:innen, die CIs tragen und super damit zurechtkommen, aber für mich persönlich kam das CI nicht infrage.

Dies änderte sich jedoch im Januar 2023. Dort besuchte ich mit Freund:innen ein Rockkonzert und erlitt einen versehentlich heftigen Schlag von einer mir unbekannten Person auf den Hinterkopf. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Die letzten zwei Jahre hatte ich bereits zwei Hörstürze erlitten und kannte somit das Gefühl. Mir war klar, dass ich jetzt gerade in diesem Moment ertaube und in zwei Stunden nichts mehr hören werde. Es war grausam.

Tränen liefen mir über die Wangen und dann war ich auch schon taub. Anders als bei den letzten Hörstürzen, litt ich am anderen Tag an starkem Drehschwindel und musste mich mehrmals übergeben. Bei den vorherigen Hörstürzen hatte sich mein Ohr nach ca. zwei Wochen erholt. Das trat diesmal nicht ein. Ich blieb taub. Nach dreieinhalb Wochen konnte ich mit dem Hörgerät zwar wieder einige Geräusche wahrnehmen, aber das Sprachverstehen blieb sehr schlecht.

In dieser Zeit war ich gerade dabei nach Hamburg umzuziehen und mein Referendariat anzutreten. Das Referendariat verschob ich und sah schließlich ein, dass mein Restgehör nicht zurückkommen wird. Deshalb gab es für mich nur eine einzige Option: Ich entschied mich für eine CI-Versorgung links mit der Marke Med-El.

Für mich hat sich die Entscheidung ein Stück weit so angefühlt wie Abschied nehmen zu müssen. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass man das Hören mit dem CI nicht mit dem Hörgerät vergleichen kann. Mir war bewusst, dass ich Stimmen und Melodien, die ich so sehr liebte, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr so hören werde wie vorher. Das tat weh. Mit meinem Hörgerät konnte ich vor meinem Hörsturz mühelos Musik und Podcasts hören. Das wollte ich wieder. Allerdings wusste ich auch, dass nicht alle CI-Träger:innen in der Lage sind, Podcasts zu verstehen.

Mir war bewusst, dass das Hören mit dem CI nur erfolgreich gelingen kann, wenn ich mich zu 100 % für das CI entscheide und es akzeptiere. Durch zahlreiche Recherchen und Studien wusste ich, dass ein gutes Hörverstehen vor allem das Hörtraining und den guten Willen ausmacht. Dazu war ich bereit. Ich wollte alles geben, um ein bestmögliches Hörergebnis zu erzielen.

Um eine MRT für die OP machen zu können, wurde mein altes, nicht MRT-taugliches Implantat, rechts ambulant unter örtlicher Betäubung entfernt. Nachdem die Organisation rund um die beiden OPs doch ziemlich holprig verlaufen war, hatte ich den hauptsächlichen Eingriff nach mehrmaligem Verschieben erfolgreich überstanden. Das neue Implantat war links im Kopf. Bereits am zweiten Tag nach der Implantation erhielt ich eine erste Anpassung. Es hörte sich zwar alles noch sehr ungewohnt und verzerrt an, aber ich konnte tatsächlich Töne hören!

Zu mein Erstaunen musste ich feststellen, dass mein Sprachverstehen eine erfreulich schnelle Entwicklung nahm. Nach meiner Ansicht liegt dies zum einen daran, dass ich das Hören und Verstehen auf dem linken Ohr gewohnt war. Zum anderen war ich sehr gewillt, wieder gut hören zu können. Denn ein schlechtes Hörverstehen kam für mich einfach nicht infrage. Ich erinnere mich daran, dass ich am dritten Tag nach meiner OP das CI mit meinem Handy koppelte, um Musik zu hören. Meine Zimmernachbarin kommentierte dies zu ihrem Erstaunen mit: „Was? Du möchtest jetzt schon Musik hören? Ich habe mein CI seit einem Jahr und habe mich noch nicht an Musik herangetraut.“. Natürlich verstand ich die Musik nicht. Ich erkannte die Melodien nicht und erkannte meine Lieblingslieder noch nicht einmal wieder. Aber ich übte und übte. Und mit jeder Höreinstellung des CIs wurde mein Hören besser. Besonders nach der Erstanpassungswoche konnte ich nach zahlreichen Einstellungen und Hörtraining mein Glück kaum fassen: Ich hörte Musik von AnnenMayKantereit. Ich verstand die Texte zwar noch nicht, aber ich erkannte die Lieder!

Zu Hause übte ich weiter, indem ich das CI 24/7 trug. Ich hörte Hörbücher und las zeitgleich das Buch, traf mich mit Freund:innen und fragte nach, wenn ich akustische Signale aus der Umwelt nicht zuordnen konnte.

Heute, dreieinhalb Monate nach meiner Implantation, kann ich wieder Podcasts verstehen, Musik hören und sogar Festivals besuchen. Darüber bin ich sehr dankbar! Sprachmemos verstehe ich nicht mehr so mühelos wie früher, aber ich verstehe sie. Manchmal ärgere ich mich noch, dass mein Hörgerät technisch gesehen smarter war als das CI. In manchen Punkten kommt das CI meiner Meinung nach noch nicht gegen das Hörgerät an. So war es beispielsweise mit dem Hörgerät um einiges einfacher, es mit dem Handy zu koppeln und die Batterien hielten auch um einiges länger. Aber ich bin optimistisch und zuversichtlich, dass die CI-Technologie in den nächsten Jahren noch einige große Fortschritte machen wird.

Rückblickend glaube ich, dass die Entscheidung für das CI die einzig Richtige war. Ja, das Hören mit dem CI ist anders, aber es wird mit jedem Tag besser. Ich bin erleichtert, dass sich das Hören mit dem CI nicht mehr so anhört wie die versuchten Simulationen aus dem Internet.

Vor allem aber bin ich froh, dass ich mich meinen Ängsten gestellt habe und dem CI eine neue Chance gab. Manchmal braucht man im Leben Mut. Mut, neue Entscheidungen zu treffen, Altes hinter sich zu lassen und offen für neue Chancen zu sein.

Anne-Marie Gerdelmann
November 2024

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